19.11.2001

Abenteurer und Strategen

Gerade mal zwei Stimmen über den Durst. Und doch: Riskant war es wohl kaum, dass Gerhard Schröder im Parlament die Vertrauensfrage gestellt hat. Er wusste, was er tat, und hat für die Stimmen in seiner Koalition bis zuletzt redlich gerackert. Wer weiß - vielleicht wäre ihm eine Niederlage bei der Abstimmung im Bundestag noch lieber gewesen. Die anschließende Wahl hätte er haushoch gewonnen und sich einen Koalitionspartner aussuchen können.
Schröders Manöver: kühle Strategie, kein Abenteuer. Ein Abenteuer dagegen sind die Pläne der USA in Sachen "Terrorismusbekämpfung". Der Kanzler hat Washington uneingeschränkte Solidarität versprochen, ohne genau zu wissen, was George W. Bush wirklich plant. Später versuchte Schröder zwar einzuschränken, er mache "Abenteuer" nicht mit, aber da war es schon zu spät.
Die Amerikaner haben ein armes, hungerndes Land in Grund und Boden gebombt und dabei jede Verhältnismäßigkeit missen lassen. Man täusche sich nicht: Die militärischen Erfolge der Nordallianz sind für den Westen Pyrrhussiege. In Kabul herrschen jetzt wieder die Stammesführer, die Afghanistan schon einmal in den Abgrund getrieben haben. Nicht gerade Bundesgenossen, die man sich wünscht.
Vieles spricht dafür, dass Osama Bin Laden als Einziger in diesem Krieg gewinnen wird. Entweder die Amerikaner können ihn nicht fassen, oder aber er stirbt mit der Gloriole eines Märtyrers im Bombenhagel. Seinen Kopf werden die US-Militärstrategen wohl nie in Händen halten.
Die Taliban sind ohne Zweifel widerwärtige, fanatische Gotteskrieger. Doch sie sind auch hervorragende Guerrillakämpfer. Sie hatten schon vor ihrer Flucht vorsichtshalber angekündigt, wenn man sie aus den Städten vertriebe, würden sie sich in ihre bergigen Verstecke zurückziehen. Einen solchen Guerrillakampf hat die riesige Sowjetmacht schmählich verloren. Man darf gespannt sein, mit welch hochgezüchteten neuen Waffen die Amerikaner versuchen, diesen Krieg zu gewinnen. Und man darf skeptisch sein, ob ihnen das gelingt.
Deutschland muss seine Beziehungen zu den Vereinigten Staaten überdenken, solange der US-Präsident Bush an seiner arroganten Parole festhält: "Wer nicht für uns ist, ist gegen uns." Diesmal haben sich Schröder und sein Außenminister, mehr willig als unwillig, überrollen lassen. Aber es drängt sich dann doch die Frage auf, warum wir im vorauseilenden Gehorsam Pläne der US-Regierung mittragen sollen, die wir nicht kennen und auf die wir keinen Einfluss nehmen dürfen. Es geht dabei wohlgemerkt nicht um die freundschaftlichen Beziehungen zwischen Deutschland und Amerika, die über lange Jahre gewachsen sind und ganz unabhängig von der großen Politik gedeihen.
Der 11. September war eine Zäsur, allerdings ganz anders, als es Amerika wahrhaben will. Man hatte verdrängt, dass auch Amerikaner durch den Terror verwundbar sind und nicht nur durch einen Atomkrieg. Diese Erkenntnis beginnt sich erst jetzt in der Bevölkerung durchzusetzen, und der Schock wird das Land lange lähmen. Washingtons Art, den Terror weltweit und weitgehend ohne Berücksichtigung seiner Wurzeln zu bekämpfen, wird zu noch mehr Terror führen. Die Nato ist weder dazu da noch in der Lage, Terroristen auf den Philippinen oder irgendwo im Nahen Osten aufzuspüren.
Im Golfkrieg waren die Interessen der Amerikaner so unmittelbar und tief berührt, dass sie mit oder ohne Bundesgenossen eingreifen mussten. Es ging ums Erdöl. Womöglich geht es auch bei dem jetzigen Krieg um strategische Interessen, um neue Pipelines durch Afghanistan.
Dass Usbekistan und Tadschikistan, die neuen US-Verbündeten, Menschenrechte massiv verletzen, kümmert in Washington keinen. So wenig wie die Leiden der irakischen Zivilbevölkerung. Die Amerikaner haben den Diktator Saddam Hussein, den sie früher gegen Teheran aufrüsteten, ja absichtlich als geschwächten Politiker weiter an der Macht gelassen.
In Washington wird jetzt hinter den Kulissen heftig gerungen: Eine Fraktion um den Vize-Verteidigungsminister Paul Wolfowitz möchte am liebsten gegen Bagdad losschlagen. Aber selbst Wolfowitz weiß nicht, ob es nach einem möglichen Sturz Saddams nicht noch schlimmer kommen würde. Auch in Kabul ist keinesfalls sicher, dass durch den Sieg der Nordallianz eine langfristige Verbesserung für die Lebensumstände der leidenden Bevölkerung erreicht wird. Zwischen den triumphierenden Stammeskriegern und marodierenden Räuberbanden ist der Unterschied nicht allzu groß.
Das Völkerrecht wird schon seit langem hin- und hergebogen, nach Gutdünken und eigenen Machtinteressen vor allem von den USA. Der britische Schriftsteller John le Carré hat kürzlich gesagt: "Dank Bin Laden und seinen Helfern sind unsere Politiker jetzt über Nacht weise Staatsmänner geworden, die in fernen Flughäfen ihre Stimmen erheben und Visionen entwerfen und doch nur an ihre Klientel denken."
Von Rudolf Augstein

DER SPIEGEL 47/2001
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