19.11.2001

Jenseits der roten Linie

Anatomie einer Schicksalswoche
SAMSTAG, 10. NOVEMBER
Um 17 Uhr landet die Kanzlermaschine aus Hannover auf dem Berliner Flughafen Tegel. Schröder empfängt am Abend rund 30 Schriftsteller und Künstler zu einem "offenen Meinungsaustausch" im Kanzleramt, darunter Günter Grass, Stefan Heym, Martin Walser und Christa Wolf. Viereinhalb Stunden lang diskutiert er mit den Dinosauriern des deutschen Kulturbetriebs, von denen kaum einer jünger als 60 Jahre ist.
Der Lyriker Volker Braun, 62, trägt der Runde, an der auch Innenminister Otto Schily, 69, teilnimmt, ein Gedicht mit dem Titel "Gestaltungseinfluss" vor: "Der Erdkreis/ Wird wieder wissen, wie man sich bewegt/ Ohne Wenn, und aberwitzig, eine Gangart/ Die sich Generationen einschleift." Die greisen Denker sind sich weitgehend einig: Der Krieg in Afghanistan ist falsch.
Entspannt setzt sich der Bundeskanzler mit seinen Kritikern auseinander. Er hat genug davon in den eigenen Reihen. Sollen sie doch kritisieren, Hauptsache, die Mehrheit steht - notfalls mit den Stimmen der Opposition.
Erst am Freitag hatte er SPD-Fraktionschef Peter Struck vorgeschickt: Das Fehlen der eigenen Mehrheit bedeute für die Koalition "keine Katastrophe". Einige Tage vorher hatte der Kanzler verbreiten lassen, die "rote Linie" sei für ihn erst überschritten, wenn eine der beiden Koalitionsfraktionen "mit Mehrheit" seiner Politik die Gefolgschaft verweigere.
Tief in der Nacht fliegt Schröder zurück nach Hannover.
SONNTAG, 11. NOVEMBER
In einem "Positionspapier" legen sich acht Bundestagsabgeordnete der Grünen auf ein Nein gegen den Einsatz der Bundeswehr fest: "Der Krieg gegen Afghanistan ist politisch falsch, dient nicht der zielgerichteten Bekämpfung des Terrorismus, ist humanitär verantwortungslos und schafft neue politische Probleme."
Schröder sitzt zu Hause in Hannover und telefoniert. Grünen-Fraktionschef Rezzo Schlauch ruft an, er meldet 15 Abweichler. Mehr als sieben Nein-Stimmen, und Rot-Grün ist ohne Mehrheit. Auch Struck schlägt Alarm. Nach dem Outing der acht Grünen wollen auch zwei SPD-Abgeordnete mit Nein stimmen. Andere überlegen, ihr Mandat niederzulegen. Schröder wird klar, dass seine Strategie nicht aufgeht.
US-Kampfflugzeuge fliegen Angriffe auf Frontstellungen der Taliban, die Nordallianz erobert mehrere Provinzen.
MONTAG, 12. NOVEMBER
In der Morgenlage analysieren Schröder und seine Mitarbeiter die düsteren Prognosen von Struck und Schlauch. Das Presseecho ist verheerend. Die "FAZ" wirft Schröder eine "Schmierenkomödie" vor, die "Süddeutsche Zeitung" spottet: "Trägt die SPD-Fraktion maßgeblich zur Schlappe bei, müsste der Kanzler eigentlich Konsequenzen ziehen. Aber dazu regiert Gerhard Schröder wahrscheinlich einfach zu gern." Die "Bild"-Zeitung reduziert die Krise auf ein Wort: "Neuwahlen?"
Der Medienkanzler ist alarmiert. Frank-Walter Steinmeier, Chef des Kanzleramts, soll die verfassungsrechtlichen Voraussetzungen für eine Vertrauensabstimmung nach Artikel 68 Grundgesetz klären; vor allem die Frage, ob das erforderliche Quorum ("Kanzlermehrheit") sinkt, wenn Koalitionsabgeordnete ihr Mandat niederlegen. Ob er dieses Instrument wirklich einsetzen will, lässt der Kanzler offen. Noch.
9.30 Uhr. Im Willy-Brandt-Haus treffen sich die Spitzenfunktionäre der SPD zu einer außerordentlichen Präsidiumssitzung. Schröder erklärt, die Koalition sei am Ende, sollte sie bei der Abstimmung eine Niederlage erleiden. "Dann muss das ein anderer machen."
Alle Präsiden sollen sich im Anschluss der für Donnerstag geplanten Abstimmung zu einer Sondersitzung bereithalten.
10 Uhr. Im sehr viel größeren Parteivorstand wiederholt Schröder seine Drohung. Eine größere Zahl von Gegenstimmen sei für ihn "nicht akzeptabel".
Regierungssprecher Uwe-Karsten Heye, der in beiden Parteisitzungen anwesend war, verkündet vor der Bundespressekonferenz das Gegenteil. Der Kanzler habe "derzeit" nicht die Absicht, die Abstimmung über den Militäreinsatz mit der Vertrauensfrage zu verbinden. Ob sich das noch ändern könne? Heye weicht aus.
11 Uhr. Der Parteirat der Grünen verabschiedet mit zehn gegen zwei Stimmen einen Beschluss, der den Abgeordneten die Zustimmung zum Regierungsantrag empfiehlt. Der Einsatz solle sich "ausschließlich gegen al-Qaida und deren Unterstützer" richten, die 100 Mann Spezialkräfte nur "quasi polizeilich-militärische Aufgaben übernehmen".
Anschließend deuten die grünen Parteichefs Claudia Roth (siehe Seite 98) und Fritz Kuhn an, dass die "Klarstellungen und Präzisierungen" mit der Bundesregierung abgestimmt waren. Ach ja, und noch etwas. Wenn Rot-Grün keine eigene Mehrheit bekomme, sei das zwar "schade", aber die Koalitionsfrage stelle sich nicht, weil in jedem Fall "eine ausreichende Basis im Bundestag" gesichert sei.
12.15 Uhr. FDP-Chef Guido Westerwelle unterbricht eine Pressekonferenz nach nur 15 Minuten und eilt ins Kanzleramt. Vier-Augen-Gespräch mit Schröder. Der ermuntert seinen Gast, sich anschließend öffentlich über die Unterredung zu äußern.
Die Privataudienz hat den gewünschten Effekt: Die Spekulationen sind im Umlauf. Plant Schröder, den Koalitionspartner in einer Blitzaktion zu wechseln? Die FDP hofft. Die Union bangt um ihren einzigen möglichen Koalitionspartner.
Anschließend trifft sich Schröder mit einigen SPD-Spitzen. Generalsekretär Franz Müntefering drängt den Kanzler, Klarheit zu schaffen. Das Schicksal Schröders hänge von der Frage ab: Hat der Kanzler den Rücken frei, Führung und Verantwortung zu zeigen? Zweifel dürften Schröder und die SPD sich nicht erlauben. Der Kanzler bittet Erhard Eppler um Hilfe. Der hatte mit seiner Parteitagsrede bereits 1999 Zweifler in der SPD vom umstrittenen Kosovo-Einsatz überzeugt. Eppler setzt sich an seine alte Schreibmaschine und tippt mit verrutschten Buchstaben einen zweiseitigen Brief an SPD und Grüne.
16.55 Uhr. An der amerikanischen Ostküste ist der Tag noch jung. Joschka Fischer verlässt sein Hotelzimmer im 23. Stock des New Yorker Hotels Beekman Tower. Im Fernsehen laufen die Bilder des Flugzeugabsturzes in Queens. In der deutschen Delegation ist man sich sicher: Der Absturz war ein Anschlag.
17 Uhr. Schlauch und Kuhn treffen im Kanzleramt ein. Schröder ist noch nicht entschieden, deutet aber die Vertrauensfrage an. Kuhn und Schlauch protestieren.
19 Uhr. Die SPD-Abgeordnete Renate Rennebach wird von ihrem Fraktionschef bearbeitet. Sanft noch. Von der Vertrauensfrage ist nicht die Rede. Warum sie gegen den Regierungsantrag sei, will Struck wissen. Nach zehn Minuten ist das Gespräch beendet. Rennebach resümiert: "Er hat keinen Druck gemacht. Er hat einfach die Situation dargestellt."
20 Uhr. Schröder empfängt 74 Vertreter der Parlamentarischen Linken der SPD zum Abendessen im Kanzleramt. Er entwirft verschiedene Szenarien und macht klar, dass er das "Heft des Handelns in der Hand" behalten will. Viele Abgeordnete haben den Eindruck, dass Schröder die Vertrauensfrage stellen und verlieren will, um die Grünen loszuwerden. Wenn die Koalition bricht, sind 56 Prozent der Deutschen für Neuwahlen, zitiert der Kanzler Umfragen. Diese würden "mit Sicherheit zu einer Stärkung der SPD führen".
Die Linken begreifen sofort, dass Neuwahlen wohl die von ihnen gehasste sozialliberale Koalition bringen würden.
Am Abend schlagen linke SPD-Abgeordnete ihren grünen Kollegen vor, die Krise doch im Losverfahren zu bereinigen: Fünf sollen ihr Gewissen beruhigen und den Antrag ablehnen dürfen. So habe die SPD "schon häufiger ähnliche Krisen bewältigt", meinen die Genossen. Die Grünen lehnen empört ab.
22 Uhr. Schröder bespricht sich mit Struck. Beide sind sich einig: Das Desaster für die Regierung kann nur noch mit Hilfe der Vertrauensfrage verhindert werden. Struck plädiert für Neuwahlen, sollte die Abstimmung verloren gehen.
Gegen 22.30 Uhr. Grünen-Fraktionschef Schlauch ruft nacheinander mehrere seiner Abgeordneten an. Der Kanzler habe ihn gerade informiert, dass er im Parlament die Vertrauensfrage stellen wolle.
DIENSTAG, 13. NOVEMBER
9.20 Uhr. Die Abweichler werden bearbeitet. Struck lädt den bayerischen SPD-Mann Klaus Barthel vor. Was ist dran an den Gerüchten, er wolle zur PDS wechseln? Nichts, ein absurder Gedanke. Ein Wahlkreis in Bayern und Mitglied in der PDS? Unvorstellbar. Aber, fleht Barthel, es müsse doch erlaubt sein, Fragen zu stellen.
9.30 Uhr. Vor der Essener Saalbau-Halle warten etwa 40 Bergarbeiter mit Transparenten: "Kanzler, wir setzen auf Dich." Eine halbe Stunde später werden die Plakate zusammengefaltet. Schröder hat abgesagt.
Außenminister Fischer hat die Uno-Vollversammlung in New York vorzeitig verlassen. Erst beim Anflug auf Berlin erfährt er, dass Schröder die Vertrauensfrage stellen will.
11.05 Uhr. Eine schwarze Mercedes-Limousine fährt beim Kanzleramt vor. Schröder hat Helmut Schmidt um Rat gebeten. Der Altkanzler hatte 1982 erfolgreich die Vertrauensfrage gestellt - sieben Monate später war seine Koalition dann allerdings trotzdem am Ende. Auch von Ex-Parteichef Hans-Jochen Vogel will Schröder später wissen, ob die Vertrauensfrage der richtige Weg ist, Rot-Grün zusammenzuhalten. Beide raten ihm zu.
Die Nachrichtenagenturen melden: Die Nordallianz hat die afghanische Hauptstadt Kabul erobert.
14.20 Uhr. Angestrengt lächelnd, empfängt der Kanzler in der Skylobby des Kanzleramts acht Kindergartenkinder aus Rostock. Ein letzter Rest an Normalität soll auch in der Krise aufrechterhalten werden.
15 Uhr. Vor dem Fraktionssaal der SPD im Reichstag drängeln sich die Journalisten. Vergeblich. Der Kanzler nimmt den Hintereingang. Vor wenigen Minuten hat er dem Bundespräsidenten mitgeteilt, dass er die Vertrauensfrage stellen will.
Die Stimmung in der Fraktion ist ernst. Schröder erinnert an die Regierungsbildung 1998. Er sei "skeptisch gewesen", was die Grünen anging. Heute sei er "überzeugt, die Grünen sind der richtige Partner". Er wolle daher die "erfolgreiche Arbeit fortsetzen". Schröder zählt die rot-grünen Erfolge auf: Steuerreform, Homosexuellen-Ehe, Atomausstieg, Rentenreform. "Es macht Sinn, so weiterzumachen."
Dann ist sie plötzlich da, die V-Frage. Er werde die Vertrauensfrage mit der Abstimmung über die Bundeswehr verbinden. "Jeder muss wissen, was er macht", sagt der Kanzler in die Stille. Struck verspricht eifrig "null Gegenstimmen". Wer mit Nein stimmen wolle, solle doch sein Mandat niederlegen.
Viele sind zornig auf die Kriegsskeptiker in der eigenen Fraktion. Kopfschüttelnd verlässt der Abgeordnete Hans-Peter Bartels aus Kiel den Saal: "Am Ende sind wir als rot-grüne Koalition schneller weg als die Taliban." Sein Kollege Christian Lange schimpft: "Eine unglaubliche Dummheit. Die beenden das rot-grüne Projekt und ebnen Rot-Gelb den Weg."
16.40 Uhr. Mit vorgeschobenem Kinn eilt Schröder wortlos die 50 Meter zum Fraktionssaal der Grünen, setzt sich zwischen die beiden Fraktionschefs Kerstin Müller und Rezzo Schlauch. Die Anspannung ist ihm anzusehen.
Rot-Grün, sagt er, sei "erfolgreicher, als ich je gedacht" habe. Doch jetzt sei sein "Lieblingsprojekt" leider bedroht. "Jetzt muss ich Handlungsfähigkeit beweisen, und ich bitte euch, das zu respektieren."
Altfundi Hans-Christian Ströbele meldet sich zu Wort. Ob es eine "Schmerzgrenze" für den Kriegseinsatz gebe? Schröder: "Die Schmerzgrenze ist doch längst definiert. Es wird keine Bodentruppen geben und keine Bomben."
18 Uhr. Während der Kanzler die FDP-Fraktion über den geplanten Einsatz informiert, trifft sich die Landesgruppe der nordrhein-westfälischen SPD im Reichstag. Mehrere Abgeordnete fordern, Abweichler sollten sich bekennen. Doch Landesgruppenchef Hans-Peter Kemper wiegelt ab. Er will kein "Tribunal". Drei Wackelkandidaten haben ihm zugesichert, sie würden Schröder unterstützen.
Zwei Stunden lang redet Erhard Eppler am Telefon auf die Abgeordnete Christa Lörcher aus Baden-Württemberg ein. Vergeblich. Die Krankenschwester aus Villingen-Schwenningen bleibt hart.
20 Uhr. Schröder, Kanzleramtschef Steinmeier und dessen Vorgänger Bodo Hombach sitzen im Restaurant "Witzmann" zum Abendessen. Noch einmal werden alle Optionen durchgespielt. Bekommt er seine Mehrheit, ist Schröder der strahlende Sieger. Verliert er, könnte er eine fulminante Wiederwahl anstreben.
Der SPD-Abgeordnete Rüdiger Veit telefoniert an diesem Abend mit seinem Heimatwahlkreis Gießen. Die dortige stellvertretende Unterbezirksvorsitzende erwägt ihren Austritt aus der Partei. Auch Veit überlegt, sein Mandat niederzulegen. Seine Parteifreundin rät ihm ab: "Wenn du aufgibst, reißt du auch andere mit."
Bei Bundestagspräsident Wolfgang Thierse liegt inzwischen ein Brief des Kanzlers. Schröder beantragt, die Vertrauensfrage mit der Abstimmung über den Bundeswehreinsatz zu verknüpfen. Um die Fristen einzuhalten, muss die Abstimmung auf Freitag verlegt werden.
22 Uhr. Im Kanzleramt tagt das Sicherheitskabinett: Fischer, Schily, Scharping, Steinmeier, Schröder einigen sich auf eine Protokollerklärung, die den Grünen Abweichlern das Ja erleichtern soll. Kurz vor Mitternacht trifft sich Scharping mit Generalinspekteur Harald Kujat in der Berliner Julius-Leber-Kaserne, wo beide wohnen, beim Rotwein zur Lagebesprechung.
MITTWOCH, 14. NOVEMBER
Die SPD-Frau Lörcher erklärt, die Vertrauensfrage habe ihr die Entscheidung "viel schwieriger" gemacht. "Wenn es nicht möglich sein sollte, innerhalb der Fraktion Nein zu sagen, kann ich dieser Fraktion nicht mehr angehören", sagt sie der "Badischen Zeitung".
9.30 Uhr. Kabinettssitzung. Schröder bittet Staatsminister Christoph Zöpel um einen kurzen Lagevortrag zu Afghanistan. Nicht dramatisch, aber auch kein Grund zur Entwarnung, lautet die Einschätzung des Mannes aus dem Außenamt.
Es wäre gut, wenn die Minister Joschka Fischer und Heidi Wieczorek-Zeul die humanitäre Lage in dem umkämpften Land auch mal nach außen vermitteln würden, fordert Schröder: "Sonst schlagen wir die Schlachten von gestern." In Afghanistan werde über Streubomben schon gar nicht mehr geredet, nur in Deutschland.
Der Kanzler ist bester Laune. Er fühlt sich wieder als Herr des Verfahrens. Die Schicksalsentscheidung ist im Kabinett kein Thema mehr, dafür aber das Fußballspiel Deutschland gegen die Ukraine am Abend. Schröder tippt 3:1 für Deutschland.
Nach der Sitzung veröffentlicht die Regierung die Protokollerklärung, die den deutschen Militäreinsatz präzisiert und eine regelmäßige Unterrichtung des Bundestags verspricht.
11.22 Uhr. Beruhigende Nachrichten aus Murg. Dpa meldet, dass die "Kanzlertanne" in diesem Jahr aus dem kleinen Ort in Baden-Württemberg kommt. Jetzt fehlt nur noch die "Kanzlermehrheit".
11.30 Uhr. Im Reichstag fragt die badenwürttembergische SPD-Chefin Ute Vogt den Kriegsskeptiker Harald Friese aus Heilbronn: "Hast du dich entschieden?" "Ja" "Und wie?" "Sag ich nicht." "Ich glaube, ich habe als Landesvorsitzende einen Anspruch, das zu erfahren." Friese bockt: "Ich bin noch nicht ganz entschieden."
11.40 Uhr: Der Eppler-Brief trifft bei den SPD-Abgeordneten ein. Der Altsozi empfiehlt trotz aller Kritik Zustimmung, um nicht "die Chancen einer linken Reformpolitik" zu verspielen.
12 Uhr. Schröder telefoniert mit Tony Blair, der britische Premier gratuliert ihm zum deutschen Beitrag im Kampf gegen den Terror. Sein Land werde sich an einer Schutztruppe für Kabul beteiligen.
13 Uhr. Im Ehrenhof des Kanzleramts wartet Schröder auf den libanesischen Premierminister. Die Sonne scheint, der Kanzler trägt zum blauen Himmel eine grasgrüne Krawatte. "Guten Tag, Soldaten", ruft er gut gelaunt zur Ehrenformation. "Guten Tag, Herr Bundeskanzler", antworten die Uniformierten. Die Anspannung der vergangenen Tage scheint von Schröder abgefallen. Ein Händedruck mit dem Premier, ein Lächeln für die Kameras. "Habt ihr alles?", fragt Schröder und geht mit seinem Gast Mittag essen.
14.50 Uhr. Christa Lörcher überreicht Struck eine persönliche Erklärung. Sie wird Schröder nicht das Vertrauen aussprechen.
15 Uhr. SPD-Mann Veit ist zum vierten Mal innerhalb weniger Tage bei seinem Fraktionschef. Er hat eingelenkt. Veit wird sein Mandat nicht abgeben, dem Antrag zustimmen und eine Protokollerklärung unterschreiben.
16 Uhr. Vor 80 Schülerzeitungsredakteuren begründet Schröder, warum er es für zulässig hält, Druck auf Abweichler auszuüben. Einige seien der Meinung, das Parlament sei kein Instrument der Regierung und müsse unabhängig sein. Nach seinem Parlamentsverständnis habe doch eher die Opposition die Aufgabe, die Regierung zu kontrollieren.
18 Uhr. Lörcher wird noch einmal in die Zange genommen. Diskrete Sondersitzung des geschäftsführenden SPD-Fraktionsvorstands, zwei Stunden lang. "Es war keine Inquisition - und doch Druck pur", empfindet ein Teilnehmer die Sitzung.
Im Bundeskanzleramt werden die aktuellen Meldungen über die Abweichler entgegengenommen. Schlauch meldet fünf bis sechs, Struck drei bis vier. Zu viele. Die Arbeit geht weiter.
DONNERSTAG, 15. NOVEMBER
"Jungs, wir knutschen euch!", jubelt "Bild". Deutschland hat am Abend mit 4:1 gegen die Ukraine gesiegt. CNN meldet: Die von den Taliban gefangenen Shelter-Now-Mitarbeiter sind frei. Gute Nachrichten für den Kanzler.
8 Uhr. Sondersitzung der SPD-Landesgruppe Baden-Württemberg. Ein letztes Mal versuchen Staatsminister Hans Martin Bury und Landeschefin Vogt, Lörcher auf Linie zu zwingen. Doch die lässt sich nicht beirren: "Ich fühle mich der Friedensbewegung mehr verpflichtet als der SPD." Vogt fordert sie auf, das Mandat niederzulegen.
13 Uhr. Im "Bistro" des Reichstages stoßen rote und grüne Umweltpolitiker auf den mit Mühe novellierten Entwurf zum Bundesnaturschutzgesetz an. Die Umweltschützer fordern die Abgeordneten auf, die Koalition zu retten, damit die Naturschutznovelle nicht das letzte "grüne" Reformwerk bleibt.
Die Potsdamer Grüne Sylvia Voß schluchzt heimlich. Sie zählt zu den acht Abweichlern, die sich am Sonntag erklärt haben. Am Abend revidiert sie ihre Entscheidung.
14.56 Uhr. Am Nebeneingang des Auswärtigen Amtes schließt Hans-Christian Ströbele sein Fahrrad ans Absperrgitter, holt eine Einliterpackung Vollmilch aus der Aktentasche und klemmt sie auf den Gepäckträger. Mit der Aktentasche, aber ohne Milch, marschiert er zu seinem Termin mit dem Außenminister.
Ströbele bietet seinem Parteifreund einen heiklen Deal an: Wir geben dir genug Stimmen, wenn du dich im Bundestag zumindest dezent von der US-Strategie distanzierst. Fischer lehnt ab.
15.10 Uhr. Christa Lörcher zieht die Konsequenz - anders als erwartet. In einem Fax an Struck erklärt sie ihren Austritt aus der Fraktion.
18.35 Uhr. Schröder empfängt im Kanzleramt die Präsidenten der wichtigsten Wirtschaftsverbände. Es gibt badischen Rotwein, die Herren plaudern über den Erfolg der Nationalmannschaft.
Ob er Zweifel an der morgigen Abstimmung habe? Nein, nein, wehrt der Kanzler ab, "sechs Gegenstimmen werden es wohl nicht, eher fünf".
20.20 Uhr. Sitzung der SPD-Fraktion. Die Stimmung ist gelöst. Struck verkündet, die Fraktion stehe geschlossen zum Kanzler. Schröder hat Ehefrau Doris mitgebracht. "Peter", bedankt er sich bei Struck, "ich bin dir persönlich sehr verbunden." Dann erzählt er von seinem Gespräch mit dem Altkanzler: "Da sitze ich also mit Helmut Schmidt und erzähle ihm Dinge, die er mir vor 20 Jahren auch erzählt hat." Daraufhin Schmidt: "Du hast ja Recht. Aber ich hatte vor 20 Jahren auch Recht."
FREITAG, 16. NOVEMBER
8.00 Uhr. Der Reichstag ist weiträumig abgesperrt. Vor den Gittern rufen Demonstranten: "Nein zum Krieg." Die Fraktionen tagen ein letztes Mal vor der Abstimmung. Die Probeabstimmung in der SPD ergibt: ein einstimmiges Ja.
Bei den Grünen verspricht Fischer, der Bombenkrieg der USA werde in den nächsten Tagen aufhören. Die Abgeordneten werden alphabetisch aufgerufen, Ströbele, Annelie Buntenbach, Winfried Hermann und Christian Simmert stimmen mit Nein.
9.00 Uhr. Die Besucher- und Pressetribünen im Plenarsaal sind voll, unter den Zuschauern sitzt Kanzlerfrau Doris.
In Afghanistan gehen die Kämpfe weiter: elf Tote bei Bombenangriffen auf Kandahar. Die ersten Hilfslieferungen für Kabul sind eingetroffen.
9.04 Uhr. Der Kanzler beschwört die "ermutigenden Erfolge" in Afghanistan. Dank der militärischen Maßnahmen sei nun der "Weg frei für die humanitäre Versorgung der Not leidenden Bevölkerung".
Aber: "Der Kampf gegen den Terror wird uns noch einen langen Atem abverlangen. Er steht erst am Anfang."
Dann erklärt Schröder, was ihn bewogen habe, die Abstimmung mit der Vertrauensfrage zu verbinden: "Es geht, kurz gesagt, um die Verlässlichkeit der deutschen Politik. Der Bundeskanzler kann seinem Amt und seiner Verantwortung nur entsprechen, wenn seine Person und sein Programm die Zustimmung der ihn tragenden Mitglieder des Hauses finden."
9.21 Uhr. Fast zwei Minuten lang applaudieren die Abgeordneten der Koalitionsfraktionen - kräftig die Sozialdemokarten, verhalten die Grünen. Schröder nimmt einen tiefen Schluck Wasser. Jetzt muss er abwarten.
9.26 Uhr. Oppositionsführer Friedrich Merz attackiert Schröder - und trifft. "Jetzt, wo es so weit ist, zu Ihrem Wort zu stehen, steht die Regierung am Abgrund. Jetzt, wo sie handeln müsste, stürzt Ihre Regierung in eine tiefe Krise." Der Kanzler liest betont uninteressiert in seinen Unterlagen. "Sie haben den Mund zu voll genommen, Sie haben die Lage falsch eingeschätzt", hält ihm Merz entgegen, während der Kanzler sauer auf seinem Brillenbügel herumkaut.
9.54 Uhr. Will Fraktionschef Peter Struck die gewendeten Abweichler doch noch vergrätzen? Wer am 19. September im Bundestag dem Krieg gegen den Terror zugestimmt habe und jetzt nein sage, "der hat ein Glaubwürdigkeitsproblem", schimpft Struck. Der Kanzler starrt den Fraktionsvorturner an, als sei der von allen guten Geistern verlassen.
10.30 Uhr. Die grüne Fraktionschefin Kerstin Müller redet über den "langen, schwierigen Weg" der Grünen zur Regierungspartei. Der Kanzler langweilt sich. Wie lange dauert es noch?
11.10 Uhr. "Wem man das Rückgrat bricht, von dem kann man nicht erwarten, dass er einen morgen stützt", ätzt CSU-Landesgruppenchef Michael Glos. "Ihre Zeit ist um."
11.23 Uhr. Endlich ein bisschen Lob. Mit Wohlgefallen lauscht Schröder seinem Außenminister, der der CDU vorwirft, sie habe in Wahrheit "Stoßgebete" losgeschickt, damit es keine Neuwahlen gebe. 13 Minuten kalauert Fischer über das Versagen der Regierung Kohl und lobt die Leistungen der rot-grünen Regierung. Über den Militäreinsatz in Afghanistan oder außenpolitische Ziele verliert der Außenminister kaum ein Wort.
11.27 Uhr. "Eine klasse Parteitagsrede" habe Fischer da gehalten, spottet FDP-Chef Guido Westerwelle triefend vor Ironie. Der Kanzler schaut auf die Uhr, reibt sich nervös die Hände.
11.42 Uhr. Die SPD-Linke Andrea Nahles lobt die gezähmten Abweichler für eine "pazifistische Position, die ihre Politikfähigkeit beibehält." Die Union feixt, Schröder gähnt.
12.07 Uhr. Steffi Lemke von den Grünen darf begründen, warum die Neinsager vom Wochenende nun doch ja sagen. Sie meint voller Ernst, man habe keine Losentscheidung, sondern eine strategische Wahl getroffen: "Wir haben eine zahlenmäßige Halbierung vorgenommen." Die Grünen haben das Gewissen quotiert, um an der Regierung zu bleiben. Da muss auch der Kanzler grinsen.
12.26 Uhr. Die Abstimmung. Bundeskanzler Schröder wirft als Erster sein Kärtchen aus Plastik ein - blau für Ja.
12.46 Uhr. Bundestagspräsident Thierse gibt das Ergebnis bekannt: 336 Ja-Stimmen - zwei Stimmen mehr, als Schröder für die absolute Mehrheit gebraucht hätte. In Minutenschnelle ist der Vorgang für ihn abgehakt. Er freue sich, die Koalition fortsetzen zu können, diktiert Schröder in die Mikrofone und eilt aus dem Reichstag: "An die Arbeit."
20.30 Uhr. Das Ehepaar Schröder betritt den Festsaal des Berliner Bundespresseballs. Es gibt Champagner und Bier, Hummer und auch die vom Kanzler so geliebte Currywurst.

DER SPIEGEL 47/2001
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