19.11.2001

SCHWARZGELD

Schrille Reserven

Von Balzli, Beat und Bott, Hermann

Mit dem Euro kommt für viele Besserverdiener auch die Panik: Wohin mit den sorgsam am Fiskus vorbei bugsierten Mark-Bündeln? Die einen entdecken die Schönheit von Immobilien auf Mallorca. Die anderen kaufen noch schnell eine Yacht. Schlupflöcher gibt es genug.

Auf der internationalen Bootsausstellung "Interboot" in Friedrichshafen verdüsterte sich die Stimmung unter den Yachtanbietern so plötzlich wie vor einer Schlechtwetterfront. Eine "ziemliche Unruhe" bemerkte Messechef Rolf Mohne, als am Morgen des 28. September 14 Beamte des Finanzamts Ulm durch die Ausstellungshallen am Bodensee marschierten - ohne Sturmwarnung.

Die Fahnder besuchten "stichprobenweise mehrere Aussteller von hochpreisigen Yachten", erklärt der stellvertretende Ulmer Amtsleiter Elmar Reichle die Razzia. "Dabei verlangten wir die Herausgabe von Verkaufsverträgen und Offerten." Viele Käufer werden bald ein Problem mit ihrem Finanzamt haben.

Beim Kauf einer Yacht, das weiß auch das Finanzamt, fließt oft Schwarzgeld. Beweisen lässt sich das fast nie, vor allem wenn der Bootsbauer im Ausland sitzt. So filzten die Ulmer "auch ausländische Aussteller, auf die wir sonst keinen Zugriff haben", sagt Reichle. Einem Yachthändler aus Liechtenstein zogen die Finanzbeamten zehn Kundenadressen aus dem Computer.

Derzeit sammeln auch die deutschen Bootswerften reichlich Aufträge. Die Anzahlungen sind oft ungewohnt hoch, nicht selten wird der Kaufpreis vorab gezahlt - mit gebündeltem Baren.

Der Euro naht, und die Mark-Scheine werden bald ungültig. Deshalb müssen viele Besserverdiener in diesen Wochen und Monaten viele Milliarden Mark möglichst unauffällig in den Wirtschaftskreislauf zurückpumpen. "Die Einführung des Euro wird die größte Schwarzgeldvernichtung seit der Währungsreform von 1948", fürchtet der Informationsdienst "steuertip", ein Ratgeber für steuerunwillige Mittelständler.

Nach Schätzungen der Bundesbank hatten die Deutschen im vergangenen Jahr rund 100 Milliarden Mark zu Hause gehortet. Kleine Ersparnisse für den Notfall sind darunter, zum größten Teil aber sechs- bis siebenstellige Beträge, die mittelständische Unternehmer gebunkert haben: Geld, das sie an der Einkommen-, Umsatz- und Gewerbesteuer vorbei kassierten und das sie nun bis Ende Februar ausgeben oder in Euro, Dollar oder Pfund umtauschen müssen.

Den Großteil ihrer Reserven haben sie schon bei ausländischen Banken in Sicherheit gebracht, aber immer noch liegt viel Geld in Kühlschränken und Tiefkühltruhen, dem beliebtesten Versteck, in Schreibtischschubladen, Wandtresoren oder auch unter Matratzen.

Steuerberater und Anwälte berichten von immensen Schwarzgeldbeständen. Wer keine Rechnung schreiben muss, kassiert einen guten Teil brutto für netto. Bäcker beispielsweise, sagt der Dortmunder Rechtsanwalt Ingo Flore, "machen brutal Schwarzgeld. Denen rieselt neben dem Mehlstaub das Geld runter."

"Jeder zweite Handwerksmeister hat jede Menge Schwarzgeld", meint der Düsseldorfer Anwalt Hans Manteuffel. Stimmt nicht, sagt Flore, Spezialgebiet Steuerstrafrecht: "Jeder Handwerker hat Schwarzgeld."

Nicht nur die üblichen Verdächtigen aus den so genannten "BMW-Berufen" - Bäcker, Metzger, Wirte - kommen leicht an Schwarzgeld. Nahezu alle Dienstleister - Tierärzte wie Taxifahrer, Architekten wie Autohändler - schieben einen Teil ihrer Einnahmen am Finanzamt vorbei.

"Angstsparer" nennt ein Münchner Banker die vielen Deutschen, die aus Furcht vor der Steuer und vor Armut im Alter, aus Misstrauen gegenüber Banken und unliebsamen Erben Geldscheinbündel zu Hause anhäufen. "Vollidioten oder Psychopathen", kommentiert der Berliner Steueranwalt Thomas Kaligin. Der Düsseldorfer Anwalt Manteuffel kennt einen Rheinländer, der in seiner Wohnung einen zweistelligen Millionenbetrag aufbewahrt.

Viele haben ihr Geld nicht bar zu Hause, sondern in Form von so genannten Tafelpapieren. Das sind fest verzinsliche Anleihen, deren Zinscoupons jährlich abgeschnitten und am Bankschalter gegen Bargeld eingelöst werden. So verbergen Steuersünder sowohl Vermögen als auch Zinseinnahmen. Dafür allerdings müssen ihnen die Kreditinstitute 35 statt der üblichen 30 Prozent Zinsabschlagsteuer abnehmen und direkt dem Fiskus überweisen.

Seit Einführung der Zinsabschlagsteuer haben deutsche Steuersparer schätzungsweise 600 bis 800 Milliarden Mark ins Ausland geschoben. Die Besitzer von Schwarzgeldkonten in Luxemburg, Österreich oder der Schweiz können in aller Ruhe auf den Euro warten. Ihre in Deutschmark geführten Depots werden automatisch auf Euro umgestellt.

Aber bei denen, die Bargeld gehortet haben, "ist jetzt offenbar Panik ausgebrochen", freut sich Dieter Ondracek, Vorsitzender der Deutschen Steuergewerkschaft, über das Problem mit den plötzlich schrillen statt stillen Reserven.

Ein beliebtes Schwarzgelddorado ist Mallorca. Der notariell angegebene Kaufpreis einer Immobilie liegt in der Regel 20 bis 30 Prozent unter dem tatsächlichen Preis. Traditionell werden spanische Fincas und Ferienwohnungen mit Schwarzgeld bezahlt.

"Das Bargeld muss jetzt in den regulären Wirtschaftskreislauf gepumpt werden", sagt Sven Odia, der die Mallorca-Niederlassung des Hamburger Maklers Engel & Völkers leitet. "Aber wir merken hier nichts davon." Tatsächlich fliegt kaum jemand mit hohen Beträgen im Gepäck auf die Insel. Der Deal läuft anders, erklärt der Mallorquiner Anwalt Klaus-Peter Beyer: "Im notariellen Kaufvertrag steht dann der Satz: Der Kaufpreis wurde bereits im Ausland entrichtet."

Auch so wechselt Schwarzgeld den Besitzer. Nun muss allerdings der Hausverkäufer die Scheine bis Ende Februar loswerden. Ob Juweliere, Bootsbauer auf der Düsseldorfer Messe, Antiquitätenhändler oder Mercedes-Niederlassungen, sie alle nehmen ihm die Last gern ab.

Der Hifi-Discounter Saturn lockt gar mit ganzseitigen Anzeigen für Hightech-Geräte und andere (Geld-)Waschmaschinen: "Oh du fröhliche Schwarzgeldzeit". Die eleganteste Lösung ist allerdings, seinen unversteuerten Reichtum über eine Lebensversicherung weiß waschen zu lassen - ein Trick, der erst dieses Jahr so richtig in Mode gekommen ist (siehe Kasten).

Nur die alten Angstsparer trauen sich, jetzt noch ihr Bargeld bei einer deutschen Bank einzuzahlen. Wer Beträge ab 30 000 Mark oder kleinere Summen in mehreren Tranchen zur Bank bringt, geht ein Risiko ein: Kreditinstitute müssen nach dem Geldwäschegesetz verdächtige Transaktionen melden.

Tatsächlich soll das Gesetz Drogenhandel und organisierte Kriminalität bekämpfen. Zahlt aber ein biederer Klempnermeister, der bei seiner Volksbank seit Jahren bekannt ist, 100 000 Mark ein, muss er nicht als dubioser Kunde der Staatsanwaltschaft gemeldet werden.

Das Risiko scheint vielen ohnehin noch immer kalkulierbarer als der Weg über die Grenze. Allzu abschreckend wirkten Zeitungsberichte und TV-Reportagen über scharfe Grenzkontrollen: Jeder muss auf Anfrage angeben, ob er mehr als 30 000 Mark in bar, Wertpapieren oder Gold bei sich führt. Die Besitzer großer Beträge werden notiert. Eine Kontrollmitteilung geht an das zuständige Finanzamt. Entdeckt ein Zöllner verstecktes Geld, ist ein hohes Bußgeld fällig, im Extremfall kann der gesamte Betrag beschlagnahmt werden, und darüber hinaus wird ein Strafverfahren eingeleitet.

Die Zöllner, die Bundesfinanzminister Hans Eichel unterstehen, geben sich besonders eifrig, wenn ein Fernsehteam dabei ist. Medien sind derzeit willkommen bei den Grenzbeamten. Und gern erzählt Eichel, wie er den "Fahndungsdruck" an den Grenzen erhöht hat, wie erfolgreich die "mobilen Kontrollgruppen" der Hauptzollämter arbeiten und dass an den Grenzen "sehr streng und intensiv" nach Cash gestöbert werde.

In Wirklichkeit sind die Kontrollen eher ein geschickt inszenierter PR-Coup des Finanzministers. Mehr als ein paar Stichproben schafft die kleine Zöllnertruppe nicht, aufgespürt wird nur ein verschwindend kleiner Teil des über die Grenze geschmuggelten Geldes - nur "Zufallsfunde", sagt Dieter Ondracek, Anführer der gewerkschaftlich organisierten Finanzbeamten.

Im ICE München-Zürich, der bei Insidern als "Schwarzgeldexpress" firmiert, haben schon so viele Fernsehteams die Arbeit der Zöllner gefilmt, dass kaum einer noch Geld per Zug transportiert. Mittlerweile "beklagen sich die Beamten über die dauernden Fernsehtermine", sagt Jürgen Wamser von der Oberfinanzdirektion Nürnberg, seine Leute seien "bekannt wie bunte Hunde".

Für Trubel an der Grenze sorgten vor allem die Medien. Die Geschichte von der Frau, die mit Tausend-Mark-Scheinen im BH erwischt wurde, ging durch fast alle Zeitungen. "Zwar schön für die Presse", so Wamser, "aber nur ein Einzelfall." Erst zu Weihnachten rechnet er mit dem großen Ansturm.

Schlupflöcher gibt es ohnehin genug. "Die Fähre über den Bodensee nehmen", empfiehlt der ehemalige Münchner Bankkaufmann Hans-Lothar Merten, Autor einschlägiger Ratgeber wie "Steueroasen, Handbuch für flexible Steuerzahler". Und wer Angst vor der Kontrollstation Wasserbillig an der Luxemburger Grenze hat, nimmt einen kleinen Umweg über Frankreich oder Belgien gern in Kauf.

Zudem arbeiten Banken mit freiberuflichen Kurieren zusammen. Gerät ein Geldtransporteur mit einigen Millionen Mark in der Tasche in eine so genannte Verdachtskontrolle, legt er eine Bestätigung der Bank vor, dass er im Auftrag des Kreditinstituts Bargeld zu einer Auslandsbank bringt.

Die erwischten Kuriere könnten "eine wichtige Erkenntnisquelle" sein, sagt Michael Thelen, Chef der Hamburger Steuerfahndung. Hat ein Profi aber keine Kundenlisten dabei, "laufen die Ermittlungen ins Leere", weiß Ondracek, "und wer zehnmal 29 000 Mark über die Grenze bringt, kommt auch davon".

Mit der Kreativität der Steuerflüchtlinge wächst auch der Einfallsreichtum der Fahnder. Wenn es etwa um Yacht-Käufe geht, besorgen sich die Ermittler inzwischen bei den Bootsversicherern die Policen. Denn wie bei den Ferienhäusern auf Mallorca ist auch bei den Yachten der tatsächlich gezahlte Preis meist deutlich höher als der offiziell ausgewiesene. Aus der Differenz zwischen Versicherungswert und angegebenem Kaufpreis errechnet sich das Schwarzgeld.

Als besonders erfolgreich gelten die Beamten am Stuttgarter Flughafen. "Täglich", so Zollamtsvorsteher Harry Siegmund, greifen seine Leute Passagiere ab, die Geldbeträge von über 30 000 Mark verschweigen: "Die meisten Fälle betreffen türkische Gastarbeiter, die mit ihrem Ersparten in die Heimat zurückfliegen."

Ob die Gelder, in der Regel zwischen 100 000 und 400 000 Mark, mühsam angespart oder hinterzogen wurden, weiß Siegmund allerdings nicht: "Die entsprechenden Abklärungen sind Sache der zuständigen Länderfinanzbehörden."

Türken, die in ihrer Heimat derzeit unter einer Inflation von 60 Prozent leiden, gehören zu den Gruppen, die traditionell gern ihr Geld in der Wohnung aufbewahren - wie Polen, Tschechen, Serben, Kroaten und Jugoslawen. In Osteuropa gilt die Mark noch immer als stabile Spar-Währung. Besonders beliebt: Der in Deutschland seltene Tausender.

Die Bundesbank schätzte die im Ausland gebunkerten Bestände bereits vor Jahren auf 90 Milliarden Mark. Manche Experten wie Hans-Werner Sinn, Chef des Münchner ifo-Instituts, glauben gar, dass die Auslandsgelder zu der anhaltenden Euro-Schwäche beitragen. Grund: Seit gut einem Jahr werden die Tausend-Mark-Scheine wegen der Euro-Einführung in den Wechselstuben von Lodz bis Istanbul in Dollar getauscht.

Auch in Deutschland ist der Wechsel ziemlich problemlos. Mittelständler tauschen einfach bei fremden Banken jeweils 25 000 Mark in Dollar oder Schweizer Franken, weiß Anwalt Flore: "Immer bar, niemals auf ein Konto einzahlen."

Wem das alles zu riskant ist, kann sich auch selbst beim Finanzamt anzeigen. Er bleibt ohne Strafe und muss nur für maximal zehn Jahre die hinterzogene Steuer nachzahlen sowie auf die illegale Ersparnis sechs Prozent Zinsen. Im vergangenen Jahr offenbarten sich über 27 000 Steuersünder freiwillig, fast dreimal so viel wie 1998.

In diesem Jahr wird die Zahl der Selbstanzeigen auf eine neue Rekordmarke steigen. BEAT BALZLI, HERMANN BOTT


DER SPIEGEL 47/2001
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