19.11.2001

„Echte Söhne Afghanistans“

SPIEGEL-Redakteur Uwe Klußmann gehörte zu den ersten ausländischen Journalisten, die das befreite Kabul erreichten. Sein Tagebuch beschreibt die Freude der Bewohner über das Ende der Terrorherrschaft und die Rückkehr zur Normalität.
SONNTAG, 11. NOVEMBER
Vier Wochen sind Fotograf Thomas Grabka und ich schon bei den Kämpfern der Nordallianz in Afghanistan, ohne dass sich die erstarrte Front allen vollmundigen Ankündigungen zum Trotz auch nur einen Meter Richtung Kabul bewegt hätte. Mit zehn weiteren Journalisten aus verschiedenen Ländern sind wir in Jabal Saraj, 60 Kilometer vor Kabul, in einem Gästehaus des nordafghanischen Außenministeriums untergebracht.
Ein Blechofen sorgt gelegentlich für warmes Wasser, ein Generator beschert uns abends stundenweise sogar Strom, auf dem Gemeinschaftsklo unserer Journalisten-WG ersetzt ein Loch im Lehmboden das WC - für afghanische Verhältnisse ein ganz passables Quartier. Auf dem viertägigen Weg im Jeep über den Hindukusch haben wir schon sehr viel primitiver übernachtet.
Die Frühstücksdebatten mit den Kollegen bei Fladenbrot und grünem Tee spiegeln die Machtverhältnisse der Anti-Terror-Allianz wider: Das große Wort führen die Amerikaner, sekundiert von den Briten. Lohnt es sich eigentlich noch, hier weiter auszuharren? Warum sollte die Nordallianz plötzlich auf Kabul vorrücken?
Unser Russisch sprechender Dolmetscher Shamir, der 1996 vor den Taliban aus der afghanischen Hauptstadt geflohen ist und mit dem ich arbeite, seit ich von Moskau hierher gekommen bin, ist fest überzeugt, "dass wir in ein paar Tagen in Kabul sind". Heute hat er von Freunden beim Militär erfahren: Morgen früh soll es losgehen. Endlich, meint er.
Am Abend besucht der Außenminister der Nordallianz, Abdullah Abdullah, unser Gästehaus. Mit verhaltener Wut spricht er über die Warnung der Amerikaner an seine Truppen, die afghanische Hauptstadt nicht einzunehmen: "Niemand sollte denken, dass die Bevölkerung Kabuls uns nicht haben will." Afghanisch doppelbödig orakelt der Diplomat: "Sich in Richtung Kabul zu bewegen bedeutet nicht, Kabul einzunehmen." Dann wird er deutlich: "Vor dem Beginn des muslimischen Fastenmonats Ramadan wird etwas Wesentliches passieren." Den Taliban empfiehlt er, "ernsthaft über einen Abzug aus Kabul nachzudenken".
MONTAG, 12. NOVEMBER
Auf einmal beginnt die Taliban-Front zu bröckeln. Am frühen Vormittag präsentieren Nordallianz-Soldaten in einer nahen Kaserne 30 von angeblich 120 Überläufern. Es sind die Ersten, die wir seit Wochen zu sehen bekommen, arme Teufel in zerlatschten Turnschuhen, junge Kerle aus der Provinz, die vor einem Jahr gewaltsam in die Taliban-Armee gepresst wurden, wie ihr Kommandeur beteuert. Die Nordallianz hat die Überläufer, schiitische Hazara, durch ethnische Affinität geworben: Hazara-Offiziere hatten konspirativ Kontakt aufgenommen.
Divisionsgeneral Mohammed Sharif gesteht erstmals unverhohlen, dass es seinen Leuten um die Macht in der Hauptstadt geht: "Wir haben eine legitime Regierung, die in der Welt anerkannt ist. Und wir haben das Recht, nach Kabul zu gehen."
Beim Flugplatz Bagram, 30 Kilometer vor Kabul, ziehen jetzt amerikanische B-52-Flugzeuge hoch am Himmel ihre Bahnen und bombardieren die Taliban-Stellungen auf dem Berg Koh-i Sofi. Nahezu pausenlos dröhnt auch das Feuer der Nordallianz-Artillerie.
Wir dagegen sitzen bei sonnigem, spätsommerlich warmem Wetter auf dem Dach eines Lehmhauses, etwa drei Kilometer von den Taliban-Positionen entfernt. Siegesgewisse Mudschahidin-Kämpfer servieren Tee. Vom Hang des Berges fliehen Taliban-Kämpfer in ihren Jeeps.
Ein paar hundert Meter weiter feuern Nordallianz-Soldaten mit russischer Artillerie und einem Granatwerfer auf Stellungen der Taliban an der Südseite des Bagramer Flughafens. Schaulustige, vor allem Kinder und Jugendliche, versammeln sich rund um die Geschütze. Die Artilleristen sind ungeübt. Sie korrigieren die Schussbahn so weit nach unten, dass ein Geschoss die Äste eines nahen Baumes streift. Funken sprühen, Kinder schreien, ein Junge ist verletzt worden. Innerhalb weniger Minuten braust ein Jeep heran und bringt ihn in eine nahe gelegene Notfallstation der italienischen Stiftung "Emergency".
Abends in Jabal Saraj zieht Außenminister Abdullah eine Zwischenbilanz des ersten Tages der Offensive. Truppen der Nordallianz seien mit mehr als 6000 Mann vorgerückt und stünden bereits fünf Kilometer vor Kabul. Bei den Taliban herrsche Panik, ihre Flucht aus der Hauptstadt sei ein "denkbares Szenario".
Abdullah beteuert, die Nordallianz werde "nicht nach Kabul hineingehen", ganz wie der große Verbündete das wünsche. Wer nun die Macht in der afghanischen Metropole übernehmen soll, bleibt unklar. Die Stationierung von amerikanischen Bodentruppen in Kabul lehnt er entschieden ab: "Politische Kräfte innerhalb Afghanistans müssen die Probleme des Landes lösen." Von einem deutschen Afghanistan-Korps ist nicht die Rede.
DIENSTAG, 13. NOVEMBER
Am Vormittag fahren wir in unserem Jeep in Richtung Kabul, das die Taliban im Morgengrauen in aller Eile verlassen haben. Südlich von Charikar, wo gestern noch die Frontlinie war, ist der Weg frei. Die Fahrt geht kilometerweit durch eine von Bombenkratern übersäte Mondlandschaft.
Von der Weinbauernsiedlung Karabagh, 40 Kilometer vor Kabul, sind nur noch Ruinen geblieben. Die früheren Einwohner hatten wir in den vergangenen Wochen in Flüchtlingslagern getroffen. Zwei Kilometer vor der Hauptstadt liegt, die Arme wie hilflos ausgebreitet, ein erschossener Taliban-Kommandeur am Straßenrand - Symbol für das komplette Fiasko seines Fanatiker-Regimes. Auf der Straße am Stadtrand von Kabul stauen sich Lkw mit bewaffneten Mudschahidin. Ein Panzer rasselt vorüber.
Um elf Uhr vormittags sperren Nordallianz-Soldaten alle Straßen, die in die afghanische Hauptstadt führen. Offiziere verbieten den Journalisten die Weiterfahrt, selbst das Weitergehen zu Fuß. Im allgemeinen Durcheinander schließe ich mich einem Treck afghanischer Zivilisten an, die in Richtung der Hauptstadt strömen. Thomas und Shamir, die zunächst aufgehalten wurden, können bald aufschließen.
Schon nach wenigen hundert Metern bietet ein Kabuler Taxifahrer seine Dienste an - zum Tagessatz von 100 Dollar. Shamir zögert: Zum ersten Mal seit fünf Jahren hat er die Chance, wieder nach Hause zu seiner Familie zurückzukehren. Doch noch trüben Zweifel seine Freude: Sind wirklich keine Taliban mehr in der Stadt? Gibt es Probleme mit bewaffneten Banditen?
Es bleibt ruhig. Marktstände am Stadtrand bieten Hammelfleisch und Gemüse an. Zunächst sind nirgendwo Bewaffnete zu sehen. Die Polizei der Nordallianz, die für Ordnung sorgen soll, ist noch nicht eingetroffen.
Kabul ist eine offene Stadt: Die Taliban sind abgezogen, nur noch Schilder vor den leeren Ministerien erinnern an das "Islamische Emirat Afghanistan", den Gottesstaat, der heute Nacht wenigstens hier zusammengebrochen ist. Vorsichtig nähern wir uns am Rand des Stadtparks im Zentrum von Kabul einer lärmenden Menschenmenge.
Jugendliche umringen die Leichen zweier vom Mob gelynchter und übel zugerichteter Taliban-Kämpfer. Noch gestern Abend hatte Außenminister Abdullah faire Prozesse gegen Taliban-Funktionäre angekündigt, doch solche Übergriffe kann offenbar niemand verhindern. Zum Glück sehen wir nicht allzu viele Beispiele blutiger Selbstjustiz.
Vor allem junge Männer sind heute in Kabul unterwegs, um den Sieg über die Taliban zu feiern. Frauen dagegen trauen sich nur vereinzelt und noch immer völlig verschleiert auf die Straße. Die meisten Geschäfte sind geschlossen, am frühen Morgen, so heißt es, habe es Plünderungen gegeben.
Die ersten Lkw mit bewaffneten Nordallianz-Soldaten treffen am frühen Nachmittag im Stadtzentrum ein, von Jugendlichen mit freudigem Gejohle, von Älteren meist mit spürbarer Erleichterung begrüßt. Immerhin, die ohnehin in weiten Teilen zerstörte afghanische Metropole, Brücke zwischen Asien und dem Nahen Osten, ist diesmal nicht zum Schlachtfeld geworden.
Auch der SPIEGEL-Korrespondent, der "Jornalist alman", wird überall freundlich, oft mit Handschlag, empfangen. Nur Gespräche auf Russisch mit unserem Dolmetscher sorgen manchmal für skeptische Blicke. Ist der Besucher womöglich ein "Schurawi", ein Mann der Ex-Besatzer aus dem einstigen Sowjetland?
Dass wir am Tag des Umsturzes in Kabul keinerlei Ärger mit bewaffneten Banditen bekommen, ist wohl vornehmlich ein Verdienst des untergegangenen Regimes. Mit Hilfe von Prügel- und Todesstrafe hat es die Einwohner der Hauptstadt vollständig entwaffnet. Gleichwohl, nur wenige Privat-Pkw trauen sich heute auf die Straße, die meisten Einwohner von Kabul sind zu Fuß oder mit dem Fahrrad unterwegs.
Wir passieren die "Amani-Oberreal-Schule", so steht es auf Deutsch neben dem Eingang. Die Metallpforte vor dem Schulgelände ist seit längerem mit einer Stahlkette und einem Vorhängeschloss gesichert. Fast alle Fensterscheiben sind eingeworfen, das vierstöckige Schulgebäude ist leer, doch es hat die Luftangriffe unbeschädigt überstanden.
Beim Schlagbaum am Fuße des Berges Barbala legt ein bärtiger Portier die Hand an die Schirmmütze. Das Hotel Inter Continental Kabul, eröffnet 1969, empfängt nach der hektischen morgendlichen Abreise von Taliban-Funktionären neue Gäste. In meinem Zimmer im dritten Stock gibt es weder Strom noch Wasser, Einschusslöcher zieren den Balkon, und die Klosettbrille ist zerbrochen. Geheizt wird nicht, auch Bettwäsche fehlt, ich vertraue auf meinen Schlafsack, den ich mir vorher allerdings erst noch aus Jabal Saraj holen muss.
Auf dem Rückweg ins Gästehaus begegnet uns ein Strom heimkehrender Flüchtlinge. Viele von ihnen hocken, ihre Habseligkeiten in Decken und Teppichen zusammengeschnürt, auf den Dächern heillos überladener Busse. Im Radio ertönt ein Sender aus Kabul. Es sind Signale der neuen Zeit: Kampflieder der Mudschahidin. Dazwischen Meldungen, unter anderem die Ankündigung einer Amnestie für einfache Taliban-Kämpfer. Auch eine Frau verliest Nachrichten - nach fünf Jahren Taliban-Herrschaft eine kleine Sensation. Das rigorose Arbeitsverbot für Frauen scheint aufgehoben.
MITTWOCH, 14. NOVEMBER
Früh um 6.30 Uhr fahren wir nach Kabul zurück. Der Weg in die afghanische Hauptstadt ist frei, niemand hält uns auf, keiner kontrolliert uns. Die Leichen der Gelynchten sind von den Straßen verschwunden. Viele Geschäfte haben bereits geöffnet, vor den Marktständen an der Blauen Moschee herrscht dichtes Gedränge.
Das Angebot reicht von Rosinen über Sommerschuhe und Jogginghosen bis zu Stoffen in allen Farben und Qualitäten. Eine Frau steht mit unverschleiertem Gesicht auf der Straße, doch sie darf auf Fragen nicht antworten - ihr Mann verbietet es ihr.
Forsche Valutahändler ("Hello, my brother") tragen ziegeldicke Bündel der Landeswährung Afghani herum. Die Wechsler in ihren Büros unweit der Moschee erholen sich langsam vom Schock des vorherigen Tags. Bei ihrer Flucht aus der Stadt waren Taliban plötzlich mit Panzern vorgefahren, hatten die Wechselstuben aufgebrochen und rund eineinhalb Millionen Dollar mitgenommen. Ein Nachtwächter, der plötzlich die Wahl hatte, seine Aufgabe zu erfüllen oder sein Leben zu retten, war gemeinsam mit den Räubern im Morgengrauen verschwunden.
Fünf Jahre lang haben die Taliban die Hauptstadt Afghanistans mit ihren mehr als eine Million Einwohnern beherrscht. Doch schon einen Tag nach dem Zusammenbruch des Regimes ist es in Kabul unmöglich, auch nur einen einzigen Anhänger der Gotteskrieger zu finden. Im Außenministerium sind 330 Beamte, die noch vorgestern den Befehlen des Taliban-Ministers Wakil Ahmed Muttawakil gehorchten, pünktlich zum Dienst erschienen. Einer von ihnen, der seinen Namen nicht nennen mag, hat eine Formel gefunden, die ihm und seinen Kollegen Amtssessel und Besoldung sichern soll: "Unsere Beamten haben aus Patriotismus und mit der Hilfe Allahs alles bewahrt, nichts ist gestohlen worden."
Nur rund 40 führende Mitarbeiter des alten Ministers seien mit ihm geflüchtet, berichten die wendigen Beamten. Was wird sich in der Außenpolitik Kabuls nun ändern? Mit einem verächtlichen Blick wendet sich der einst treue Taliban-Diener ab: "Der Minister wird eine Pressekonferenz abhalten, dann wird alles deutlich."
Der Mudschahidin Rolan Akbar, 24, bewacht mit geschulterter Kalaschnikow den leeren Präsidentenpalast im Stadtzentrum: "Ich weiß nicht, wer dort sitzen wird. Wen das Volk wählt, dem werden wir folgen." Der junge Soldat aus der Provinz Kapisa, nördlich der Hauptstadt, kann immer noch nicht fassen, "wie uns die Leute auf der Straße gefeiert haben". Ein richtiger Triumphzug war das, sie riefen: "Ihr seid echte Söhne Afghanistans."
An der Maiwand-Straße, die der einstige CIA-Kostgänger und Muslim-Extremist Gulbuddin Hekmatjar Mitte der neunziger Jahre von seiner Artillerie in Trümmer hatte schießen lassen, streicht sich Mohammed Sarwar, 50, entspannt über sein glattes Kinn. Er hat heute einen Barbier gebeten, seinen Bart abzunehmen - zum ersten Mal seit fünf Jahren und für 5000 Afghani, etwa 30 Pfennige. Zu Zeiten der Taliban hatte er sich, aus Angst vor der Religionspolizei, einen Vollbart bis zum Brustbein wachsen lassen. Sarwar handelt auf dem Markt mit Metallbohrern und Beilen, das Geschäft geht nicht besonders gut.
Auf der gegenüberliegenden Straßenseite lassen junge Leute in der fahlgelben Abendsonne bunte Papierdrachen über die Trümmerhäuser steigen. Der harmlose Zeitvertreib galt unter dem Regime der Hardliner als schwere Sünde und wurde mit Prügel geahndet. Esa Tula, 29, hat sich heute Vormittag einen neuen Drachen gebastelt, den er jetzt fliegen lässt. Ein Jahr lang hat er auf sein Hobby verzichten müssen, nachdem zwei bewaffnete Religionswächter ihn mit einem Kabel grün und blau geschlagen hatten.
Nach zweimaligem Anklopfen öffnet sich die Holztür zum "Deutschen Verein". Hausmeister Imamudin Warzidah, 52, bewahrt gemeinsam mit zwei weiteren unbewaffneten Wächtern die Einrichtung des Treffpunkts der Deutschen vor Plünderung und Zerstörung. Geld dafür hat Warzidah schon seit drei Monaten nicht bekommen, doch die Freundschaft mit den Deutschen ist dem Absolventen der Hotelfachschule Bad Reichenhall eine Herzenssache.
Allerdings: Er konnte ebenso wenig wie Club-Geschäftsführer Mohammed Aref verhindern, dass das 1976 gebaute Vereinshaus immer weiter verfiel. Am 8. Juli musste er das Gebäude auf Druck der Taliban schließen, nach dem 11. September sind auch die letzten 20 Deutschen, die sich hier regelmäßig trafen, aus Kabul abgereist.
Im leeren Schwimmbad liegt Laub, die Terrassenstühle und die Kinderschaukel könnten einen neuen Anstrich vertragen. Doch die Kegelbahn funktioniert noch, und das Restaurant ist ebenfalls einigermaßen in Schuss. Der gelernte Ober Warzidah hofft, den Gästen bald erneut Wiener Schnitzel und Pfeffersteak servieren zu können: "In zwei, drei Tagen machen wir wieder auf", sagt er.
DONNERSTAG, 15. NOVEMBER
Vor dem Gebäude der gefürchteten Religionspolizei sind mehrere Mudschahidin als Wache aufgezogen, denen Passanten Rosen in die Gewehrläufe gesteckt haben. Das Gebäude sieht verlassen aus, doch der Eindruck trügt. Zwar sind die meisten Polizisten unter Mitnahme des Fuhrparks am Dienstag früh verschwunden. Doch 70 Religionswächter erscheinen weiterhin morgens pünktlich zum Dienst. In ihren Büros stehen Schreibmaschinen Marke Optima aus der DDR.
Glaubenspolizist Merabudin Heydar sagt, er wolle seine Arbeit als Aufseher Allahs in Afghanistan unbedingt fortsetzen. Der gestrenge Muslim war bislang für eine Zeitschrift mit dem Titel "Führung" verantwortlich. "Wir arbeiten weiter", versichert er seinen zustimmend nickenden Kollegen.
Die rasch gewendeten Wächter würden, so Heydar, künftig weder Bartlosigkeit beanstanden noch Frauen schlagen. Doch auf die Vorschriften der Scharia, des islamischen Rechts, wollen sie weiter achten. Christliche Missionare, die sich wie im Falle der Hilfsorganisation "Shelter Now" erwischen ließen, würden auch künftig verfolgt. "Wer Muslime für das Christentum werben will, muss mit uns rechnen", verspricht der energische Glaubenswächter.
Wird wirklich alles anders nach der Flucht der Taliban? Wir treffen Abdullah Tauhidi, einen Geheimdienstgeneral und Vizeminister für Staatssicherheit in seinem neuen Amtssitz. Vor einigen Wochen residierte Tauhidi noch in seinem bescheidenen Stabsquartier, einem Lehmbau in der Nähe von Jabal Saraj. Er ist ein kluger Analytiker, ein aufmerksamer Gesprächspartner und einer der eher maßvollen politischen Strategen der Mudschahidin.
Noch vor zwei Wochen fürchtete er, der die Schwächen seiner eigenen Truppe genau kannte, eine baldige Offensive der Taliban. Der rasche Sieg hat auch ihn überrumpelt: "Gott hat uns geholfen", sagt er.
Tauhidi sitzt auf einem abgewetzten Sofa unter einer mehrere Quadratmeter großen Generalstabskarte von Afghanistan und gibt rasch noch einem Mitarbeiter Aufträge. "Der Mann war fünf Jahre im Staatssicherheitsdienst der Taliban", sagt der Geheimdienstler nachsichtig. "Wir wollen keine Säuberung, die Mehrheit der Staatssicherheitsmitarbeiter waren keine Taliban." Die "kriminellen Machthaber" seien alle geflohen, wer hier geblieben ist, sei auch bereit zur Zusammenarbeit.
Das Spitzelnetz der alten Staatssicherheit bleibt also halbwegs intakt; kein Bürgerkomitee fordert die Auflösung des Taliban-Dienstes, die Afghanen werden wohl nicht erfahren, wer sie bespitzelte, ihre Akten werden sie kaum in die Hand bekommen. Bei den Agenten verläuft der Übergang vom "Islamischen Emirat Afghanistan" der Taliban zum "Islamischen Staat Afghanistan" der Nordallianz fließend.
Weil sie bei den neuen Führern deutlich unterrepräsentiert sind, umgibt sich Tauhidi demonstrativ mit Mitarbeitern aus der Gruppe der Paschtunen. Er will ethnische Konflikte gern von Anfang an entschärfen.
In der Paschtunen-Siedlung Poltscherchi am östlichen Stadtrand Kabuls sind eher skeptische und ängstliche Gesichter zu sehen. Die Menschen zögern, über ihre Sorgen zu sprechen. Hier ist nichts vom Siegesenthusiasmus der Tadschiken im Stadtzentrum zu spüren. "Wir haben die Nordallianz ohne besondere Begeisterung empfangen", sagt einer, der seinen Namen nicht sagen mag. Ein anderer verrät vorsichtshalber auf Russisch: "Ich habe Angst vor den Kommandeuren der Nordallianz. Sie klopfen an die Türen und fordern Autos."
Etwas beunruhigt fahre ich aus dem armen Paschtunen-Viertel ab. Ich will das Gefängnis sehen, das rund einen Kilometer weiter liegt und ab Dienstag früh von der Bevölkerung gestürmt wurde. Das sechs Meter hohe stählerne Eingangstor steht weit offen.
Beherzte Anwohner haben am Dienstag früh das Vorhängeschloss der Pforte mit schweren Hämmern geknackt. So seien auf einen Schlag 12 000 Gefangene freigekommen, versichert ein Mudschahid - keineswegs nur politische Gegner der Taliban, sondern auch Kriminelle aller Kaliber.
Die Zellen, in denen die politischen Gefangenen einsaßen, sind fensterlos und von erbärmlicher Enge - 1,5 mal 2,5 Meter. Die Zeichnungen an den Zellenwänden zeugen vom Lebenswillen der Inhaftierten. Einer hat eine Blume und ein weinendes Auge gezeichnet. Ein anderer malte Schiffe und Flugzeuge, ein dritter Südsee-Motive. Daneben kleben noch die Propaganda-Zeitungen der Taliban an den Wänden. Die "Heimat" und die "Tägliche Scharia" protzen mit Parolen wie "Letzte Position des Feindes in der Provinz Takhar vernichtet".
Wie schnell der Spuk der Taliban vorbei ist, lässt sich auf dem Lessa-Mariawa-Basar im Norden Kabuls beobachten. Dort umlagern Jugendliche einen Kiosk, an dem Musikkassetten verkauft werden. Die Tugendwächter der Taliban, die fünf Jahre lang Afghanistan in ein Absurdistan verwandelten, erlaubten nur den Verkauf von Kassetten "mit religiösen Liedern, in denen die Taliban-Kämpfer gerühmt wurden", erzählt der Händler Abdul Gafar. Bis vorgestern waren auch in den Regalen seines Kiosks nur solche Musikkassetten zu sehen. "Die hat aber keiner gewollt", sagt er.
Wie er dann vom seinem Geschäft leben konnte? "Die anderen Kassetten habe ich heimlich verkauft", verrät der Händler. Hätte die Religionspolizei den Musikfreund erwischt, wäre es ihm schlecht ergangen.
Nun liegt die eben noch verbotene Bückware frei in seinen Regalen. Es sind nicht die Hits der internationalen Charts, nach denen das Publikum hier verlangt. Gewünscht werden melancholische Liebes- und die Freiheitslieder des verstorbenen afghanischen Sängers Ahmed Zahir. Gefragt sind auch Lieder der nach Pakistan geflohenen Sängerin Farishta Nasir. Sie singt über das Flüchtlingsschicksal von Millionen Afghanen.
Ich bin zum Mittagessen eingeladen bei Shamirs Schwiegervater und seinem Schwager. Wir sitzen im Schneidersitz auf länglichen, bequemen Kissen, vor uns Köstlichkeiten: Nudeln in mild gewürzter Soße, Reis mit Rosinen, Tomaten und Radieschen, zum Nachtisch gibt es Granatäpfel und Bananen. Eines ist noch genau so wie zu Taliban-Zeiten: Frauen sind noch immer nicht zugegen.
Dabei sind die Gastgeber, einst Offiziere in der Moskau-freundlichen "Demokratischen Republik Afghanistan", durchaus moderate Muslime, die versuchen, sich dem Milieu der Mudschahidin anzupassen und trotzdem ihre Weltoffenheit nicht zu verlieren. Im Gegensatz zu den Taliban plädieren sie für die Ausbildung der Frauen, und einen Beruf sollen sie auch ausüben dürfen. Doch an der häuslichen Tafel, wo der Gast bewirtet wird, dürfen sich die Frauen der Familie immer noch nicht niederlassen, obwohl sie stundenlang das Essen zubereitet haben. "Das entspräche nicht unseren Traditionen", sagt Shamir.
FREITAG, 16. NOVEMBER
Die Terrorzentrale als Selbstbedienungsladen: Die Villa Dar al-Ansar liegt im vornehmen Viertel Wazir Akbar Khan an der 15. Straße von Kabul. Dort existierte bis Dienstag früh ein politisches Schulungszentrum der Terrororganisation al-Qaida. Nun wühlen Journalisten im Erdgeschoss des Hauses in Papierbergen wie nervöse Kunden auf einem Grabbeltisch im Sommerschlussverkauf. Die Ausbeute ist mager, arabische Sprachlehrbücher liegen neben unzähligen islamistischen Propagandabroschüren.
Doch hier fand bis vor wenigen Tagen noch mehr statt als nur politische Erwachsenenbildung. Im Keller des geräumigen dreigeschossigen Hauses finden sich drei Stahlhelme neben einem Dutzend Eierhandgranaten. In den Schränken liegt Lebensrettendes neben Lebensbedrohlichem, Antibiotika-Tabletten neben scharfer Gewehrmunition. Die Kollegen sind elektrisiert von einem Schreiben, das womöglich einen Hinweis auf die Terroranschläge von New York enthält. Doch der Verdacht ist nicht von der Hand zu weisen, dass Nachrichtendienste dem Besuch der Journalisten im Gästehaus von al-Qaida bereits zuvorgekommen sind.
Wo genau sich derzeit Bin Laden befindet, ist Mohammed Es, 40, dagegen ziemlich gleichgültig. Der arbeitslose Kabuler, der fünf Kinder und eine Frau zu ernähren hat, sucht einen Job. Denn der gelegentliche Verkauf von Obst und Gemüse auf dem Markt "bringt nicht viel", sagt er in passablem Deutsch. Von 1982 bis 1984 hat er die Offiziershochschule "Otto Winzer" der Nationalen Volksarmee auf Rügen besucht, als einer von 30 jungen Offizieren aus der Demokratischen Republik Afghanistan.
Mit Deutschland verbindet Mohammed Es weit mehr als schöne Erinnerungen an Besuche im Dresdner Zwinger oder auf dem Berliner Fernsehturm. Mohammed hat einen Sohn in Deutschland, Mustafa, Jahrgang 1984. Seit 17 Jahren hat er ihn nicht mehr gesehen. Seine afghanische Frau weiß nichts von dem Sohn in Deutschland.
Zehntausende Kabuler, die Taliban-Terror und Bombenkrieg überlebt haben, strömen ins Ghazi-Stadion, um einem Fußballspiel zuzuschauen. Jetzt dürfen sie den Torschützen applaudieren, ohne die Taliban zu fürchten, denen schon das Händeklatschen als schlimmer Frevel galt. Als Alternative zum Fußball boten die Fanatiker im Stadion der Bevölkerung an Freitagen gelegentlich ein anderes Schauspiel, das dem blutrünstigen Regime angemessener erschien: öffentliche Erschießungen. Bei der letzten, vor zwei Monaten, wurde der Delinquent im Tor erschossen, während Männer, Frauen und selbst Kinder auf den Tribünen zuschauten.
Zurück im Hotelzimmer des Inter Continental, ist es wieder empfindlich kalt. Doch in einem Geschäft in der Innenstadt gab es heute einen elektrischen Heizofen zu kaufen, fabrikneu verpackt, aber mindestens elf Jahre alt und, wie manches in Afghanistan, noch ein Produkt der DDR. Da es inzwischen auch wieder Strom gibt, steigt die Aussicht, dass mir der Fastenmonat Ramadan, der jetzt beginnt, nicht allzu kalt wird.
Von Uwe Klußmann

DER SPIEGEL 47/2001
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