19.11.2001

WETTERKampf der Wolkenschieber

Wer sagt Sonne, Sturm und Regen am besten voraus? Mit genauen Prognosen für die Region setzen private Meteorologiefirmen den staatlichen Deutschen Wetterdienst zunehmend unter Druck. Die amtlichen Meteorologen, so kritisieren Experten, glauben inzwischen zu sehr an die Allmacht ihrer Supercomputer.
Das Unwetter wütete bereits drei Tage und Nächte. Entwurzelte Fichten blockierten die Schwarzwaldhochstraße. Dann erreichte der Sturm seinen Höhepunkt.
In den frühen Morgenstunden wurde das Jugendhotel Hundseck bei Bühl wie von einer Riesenfaust durchgeschüttelt. Geschäftsführer Volker Erdmann: "Das Gebäude schwankte wie bei einem Erdbeben."
Was in der Nacht zum 5. Januar wirklich geschah, rekonstruierte erst ein Baustatiker: Eine Windböe hatte den Dachstuhl aus seiner Verankerung gerissen und emporgehoben. Dann krachte das Dach wieder herab. Tragende Balken wurden beschädigt. Erdmann: "Hier darf niemand mehr rein, Einsturzgefahr."
Seit dem Winterunwetter im Nordschwarzwald steht das hundert Jahre alte Fachwerkhaus leer. Denn die Gebäudeversicherung weigert sich, für die Sturmschäden zu zahlen. Begründung: Das vom staatlichen Deutschen Wetterdienst (DWD) erstellte "amtliche Windgutachten" beweise leider nicht, dass am Unglücksort wirklich Sturm geherrscht habe.
Das Gutachten der hoheitlichen Meteorologen hat in der Tat einen gravierenden Schönheitsfehler: Der DWD betreibt in der Gegend gar keine eigene Messstation.
Die nächste DWD-Station befindet sich erst im knapp 30 Kilometer entfernten, windgeschützt gelegenen Freudenstadt. Also schätzten die Gutachter einfach anhand der Freudenstädter Messdaten, wie das Wetter am Unglücksort wohl gewesen sein könnte.
Beim Schadensersatzprozess am Landgericht Mannheim brachte dieses freihändige Taxieren dem Wetterdienst jetzt eine peinliche Schlappe ein: Die Richter fanden das DWD-Gutachten so lückenhaft, dass sie es gleich in den Papierkorb beförderten.
Wie gut für den Hotelbetreiber, dass er beim Prozessauftakt vergangene Woche noch ein weiteres Windgutachten präsentieren konnte. Denn nur dreieinhalb Kilometer vom Hotel Hundseck entfernt betreibt der TV-Moderator Jörg Kachelmann, Gründer des privaten Wetterdienstes "meteomedia", eine unabhängige Messstation: "In jener Nacht war mächtig was los. Im Unterschied zum DWD haben wir direkt vor Ort Orkanböen von bis zu 143 km/h gemessen."
Die Staatsmeteorologen sind häufiger mal durch den Wind. Zunehmend werden sie von einigen wenigen privaten Wetterdiensten vorgeführt, die in den letzten Jahren gegründet wurden.
Der 2700 Mann starke Deutsche Wetterdienst, sagen Kritiker, sei mittlerweile schlechter als sein Ruf. "Gerade im regionalen Bereich", konstatiert der Meteorologe Michael Sachweh von der Uni München, "zeigt der DWD Schwächen."
Experten führen die Misere besonders darauf zurück, dass die verbeamteten Wetterpropheten zu sehr an die Allmacht ihrer Supercomputer glauben. Jahr für Jahr mit rund 600 Steuermillionen subventioniert, gibt der DWD viel Geld für immer neue Prognoserechner und Simulationsprogramme aus - im Gegenzug werden die Wetterstationen im Lande und auf hoher See personell ausgedünnt oder ganz abgebaut. "Es besteht die Gefahr", warnt Sachweh, "dass diese Entwicklung zu schlechteren Wettervorhersagen führt."
Keine Frage, superschnelle Computer haben die Vorhersage von Regen, Wind und Sonnenschein in den vergangenen 20 Jahren revolutioniert. Die Cray-Maschine in Offenbach arbeitet nach demselben Prinzip wie die Supercomputer beim britischen oder amerikanischen Wetterdienst: Mit ungeheurer Geschwindigkeit frisst sich der DWD-Rechner durch die Datenmassen, die aus aller Welt einlaufen, geliefert von Wetterstationen, Satelliten, Bojen und Ballonen. Von diesen Daten aus rechnet das elektronische Superhirn Schritt für Schritt in die Zukunft.
Dazu wird ein fiktives Gitter, das aus Hunderttausenden Punkten besteht, über die gesamte Erde gelegt. Für jeden Gitterpunkt wird dann die voraussichtliche Änderung von Luftdruck, Temperatur oder Feuchtigkeit errechnet. So spucken die Prognosemaschinen des deutschen, des britischen und des amerikanischen Wetterdienstes alle zwölf Stunden eine neue Vorhersage für das Wetter auf der ganzen Welt aus (siehe Grafik). Je engmaschiger die Gitter geknüpft sind, desto kleinräumigere Vorhersagen werden möglich. Beim DWD-Modell sind die Gitterpunkte nur noch sieben Kilometer voneinander entfernt.
Es sei jedoch ein Irrglaube, warnt Sachweh, dass engmaschigere Computermodelle automatisch auch genauere Vorhersagen ausspucken: "Jedes Modell ist nur so gut wie die Daten, mit denen es von den Stationen vor Ort gefüttert wird." Selbst ein weitmaschiges Modell liefert gute Ergebnisse, wenn es mit lokalen Beobachtungsdaten kombiniert wird. Sind die Ausgangsdaten jedoch ungenau oder lückenhaft, nützen auch noch so schnelle Computer nichts.
Wohin es führt, wenn die Computerprognosen zu wenig mit lokalen Beobachtungen veredelt werden, zeigt sich öfter an der Küste: Regelmäßig irrt sich der DWD mit seinen Vorhersagen für die Nord- und Ostseeinseln - zum Verdruss vieler Kurdirektoren. Denn das DWD-Programm geht bei schönem Sommerwetter stur davon aus, dass das Meerwasser die Luft auf den Inseln stärker abkühlt als auf dem Festland. Diese Faustregel stimmt aber nur, wenn der Wind vom Meer her bläst - kommt die Luft hingegen vom Binnenland, ist der über dem Wasser zurückgelegte Weg zu kurz, um bis zu den Inseln merklich abzukühlen. In diesem Fall gibt es kaum Unterschiede zwischen Husum und Westerland.
"Nicht ganz so heiß auf den Inseln, bei 25 Grad", prophezeite der vom DWD erstellte "Tagesschau"-Wetterbericht für den 15. August. Tatsächlich schwitzten die Urlauber auf Sylt und Amrum bei 32 Grad im Schatten - die Vorhersage lag um glatte sieben Grad daneben.
Ähnliche Patzer gibt es auch im Winter: Laut "Tagesschau"-Wetterbericht sollte es an der Ostseeküste in der Nacht zum vergangenen Donnerstag frostfrei bleiben. In Wirklichkeit wurde es in Rostock minus drei Grad und auf Rügen sogar minus sieben Grad kalt.
"Beim Fernseh-Wetterbericht haben wir leider zu wenig Zeit, um auf all diese Feinheiten einzugehen", entschuldigt DWD-Sprecher Uwe Wesp, 59, die Pannen. Und der TV-Moderator mit der Fliege, der Dino der Wetterfrösche, fügt hinzu: "Deutschland ist nun einmal ein schwieriges Vorhersagegebiet."
Die private Konkurrenz scheint diese Feinheiten besser in den Griff zu kriegen. Für beide Tage (15. August und 15. November) sagte Kachelmann, 43, der seine täglichen Prognosen in einer gesonderten Wetter-Sendung vor der "Tagesschau" abgibt ("Das Wetter im Ersten"), die Küstentemperaturen auf ein Grad genau vorher. Auch DWD-Meteorologen bescheinigen dem jungen Wilden der Wetterfrösche und seinen rund 60 Mitarbeitern hohe Trefferquoten. Im Frühjahr gewannen seine Meteorologen zum wiederholten Mal einen Vorhersage-Wettbewerb der FU Berlin.
"Man darf nur nicht so doof sein, sich allein auf die Computer zu verlassen", erklärt Kachelmann. "Gerade das Wetter auf den Nord- und Ostseeinseln kann man wunderbar vorhersagen, wenn man dort wie wir eigene Wetterstationen betreibt."
Zielstrebig stößt der quirlige TV-Wettermann in die Lücke vor, die ihm die amtlichen Meteorologen in den vergangenen Jahren überlassen haben. Kachelmann glaubt, dass kleinräumige Vorhersagen nur durch ein dichtes Stationsnetz möglich sind. Von Buxtehude bei Hamburg bis Neuenrade im Sauerland weiht er deshalb, mit Unterstützung örtlicher Sponsoren, jede Woche bis zu drei neue Messstationen (Stückpreis: 23 000 Mark) ein. Über 300 eigene Stationen - unscheinbare Messapparate auf dem örtlichen Friedhof oder nahe der Kläranlage - ließ der Wolkenschieber in den vergangenen Jahren errichten. Mittlerweile hat Kachelmann schon weit mehr unbemannte Wetterstationen als der hoheitliche DWD.
Mit Hilfe der Stationen vor Ort registrieren seine Meteorologen kuriose Wetterphänomene, die vorerst kein Computer voraussehen kann - etwa urplötzlich auftretende Föhnstürme, die mit ungeheurer Wucht über die Alpenseen hinwegfegen. "Auch in diesem Sommer sind wieder Bootsfahrer auf bayerischen Seen ertrunken", so Kachelmann, "und niemand hat sie rechtzeitig gewarnt."
Für den Deutschen Wetterdienst wäre das auch nur schwer möglich: Am gesamten Alpenrand hat der DWD nur zwei Wetterstationen (Garmisch-Partenkirchen und Oberstdorf) - ausgerechnet an Standorten, wo aus topografischen Gründen keine Föhnstürme auftreten.
Wie löchrig das staatliche Stationsnetz mittlerweile ist, wird auch bei einem Blick auf Internet-Dienste deutlich, die mit DWD-Daten gespeist werden. Im Kleingedruckten erfahren die Nutzer, woher die aktuellen Wetterdaten für die jeweiligen Orte wirklich stammen: Die Werte für große Teile der Lüneburger Heide zum Beispiel werden auf dem Hamburger Flughafen gemessen. Und die Koblenzer können auf die angegebene Temperatur getrost fünf Grad Celsius draufschlagen - die ihrer Stadt zugeordnete Messstation befindet sich im 450 Meter hohen Bad Marienberg.
Nach Ansicht von Kritikern sind noch nicht einmal die teuren Prognosemaschinen des DWD wirklich ihre Steuermillionen wert. Auch die privaten Wetterdienste greifen zwar auf die DWD-Computervorhersagen zurück; sie verfeinern diese aber nicht nur mit eigenen Stationsdaten, sondern vergleichen sie auch laufend mit den Prognosen der ausländischen Wetterdienste - und da sehen die Ergebnisse aus Offenbach oft mager aus.
Für Anfang November etwa prophezeiten weltweit alle Supercomputer zunächst einen lang anhaltenden Wintereinbruch in Deutschland; in den folgenden Rechendurchgängen wurde jedoch rasch klar, dass es nur zu einem kurzen "Vorstoß kalter Polarluft" kommen werde. "Als noch alle anderen von einem Wintereinbruch träumten, kippte das Modell des britischen Wetterdienstes bereits um", gestand DWD-Meteorologe Günther Hamm vom Wetteramt Essen in einem Fachforum im Internet. "Dann schwenkten die Modelle des US-Wetterdienstes und das gemeinsame europäische Modell um - Schlusslicht war, mit zwölf Stunden Verspätung, wie so oft das Modell des Deutschen Wetterdienstes."
Umso mehr ärgern sich die Privaten darüber, dass sie ausgerechnet für die DWD-Computerprognosen viel Geld ausgeben müssen - zumal der Staatsdienst andererseits seine fertig ausformulierten Wetterberichte zu Dumpingpreisen an TV- und Radiostationen sowie an Tageszeitungen verkauft.
"Das ist sicher kein fairer Wettbewerb", konstatiert auch Meteorologieprofessor Sachweh. "Die Privaten werden an die Wand gedrückt."
Weil der DWD fast ausschließlich von Steuergeldern lebt, muss er sich kaum Mühe geben, seine Wetterberichte kostendeckend zu produzieren. Nur zwölf Mark verlangt er beispielsweise vom Ostdeutschen Rundfunk Brandenburg dafür, dass ein Meteorologe im Hörfunkinterview den Wetterbericht vorträgt - annähernd den gleichen Betrag müssen die privaten Konkurrenten schon für die Übermittlung der Rohdaten hinblättern. DWD-Sprecher Wesp gibt sich dazu wortkarg: "Über unsere internen Kalkulationen kann ich leider nichts sagen."
Ausführlicher hat sich gerade der Bundesrechnungshof geäußert: "Ein wesentlicher Mangel besteht darin", kritisieren die Prüfer in ihrem neuesten Bericht, "dass die Führungsebene des Wetterdienstes die Einführung von Kosten- und Leistungsrechnung bislang nicht ausreichend fördert."
In ihrer Not begnügen sich die privaten Wetterdienste vorerst damit, Nischen zu besetzen. Zum Marktführer im Internet wurde das Unternehmen "Wetteronline" beispielsweise mit einem viertelstündlich aktualisierten Regenradar: Aus den Rohdaten der bundesweit 17 DWD-Radartürme produzieren die Bonner Meteorologen einen Trickfilm, der laufend zeigt, wie Schauerwolken übers Land ziehen - ein Service, der besonders bei Radfahrern und Wanderern beliebt ist.
Für ihre Vorhersagen indes verwenden die "Wetteronline"-Macher ausschließlich die Computerprognosen des US-Wetterdienstes. "Die Amerikaner verlangen dafür keinen Pfennig", sagt "Wetteronline"-Geschäftsführer Joachim Klaßen. "Anders als der DWD stellt der amerikanische Wetterdienst alle meteorologischen Daten kostenlos zur Verfügung."
Dieses offene amerikanische Informationsprinzip fordern die privaten Wetterfirmen auch für Deutschland. Die Freigabe aller meteorologischen Rohdaten hat in den USA dazu geführt, dass die Wetterkunde zu einem umsatzstarken Geschäftszweig wurde. Hunderte kleiner Wetterdienste buhlen um die Gunst der Kunden. Der "Weather Channel" ist eines der meistgesehenen Programme. Der staatliche Wetterdienst konzentriert sich derweil ganz auf die Warnung vor Unwettern. "Für Wetterdienste in Deutschland fehlt eine Regulierungsbehörde, wie es sie im Telekom-Bereich gibt", sagt Sachweh.
Auch den DWD-Oberen dämmert, dass ihr träger Beamtenapparat nicht mehr so recht in die Zeit passen könnte. Kurzerhand ließen sie deshalb jetzt für über 100 000 Mark einen Imagefilm produzieren, der beweisen soll, wie modern die Staats-Meteorologen wirklich sind. Doch mit seinem kitschigen Werbefilm dürfte der DWD eher vom Regen in die Traufe kommen. Während eines schweren Gewitters ruft die Astronautentochter verängstigt ihren Vater im Orbit an: "Papi, bringst du mir die Sonne mit?" Sein Funkspruch aus dem All: "Das geht nicht, mein Kleines. Dazu ist sie viel zu groß und viel zu heiß. Aber ich frage mal, wann sie wieder scheint."
Sofort kriegt der Raumfahrer eine hübsche DWD-Hostess an die Strippe, und die hat dann auch gleich eine frohe Botschaft für ihn: "Von Westen erreicht uns ein Hoch, die Schauerwolken lösen sich auf." OLAF STAMPF
Von Stampf, Olaf

DER SPIEGEL 47/2001
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.