19.12.1951

WIR FANDEN HALACZ

Von Oberregierungs- und Kriminalrat Dr. Walter Zirpins
Leiter der Sonderkommission "S" der Landeskriminalämter Bremen und Niedersachsen
Acht Tage lang, vom 6. bis 14. Dezember, war ich Leiter der Sonderkommission "S". Während dieser Zeit schlief ich oft in einem alten, eisernen Feldbett neben dem Telefon. In vier Tagen habe ich nur achteinhalb Stunden geschlafen. Meinen Mitarbeitern ging es nicht anders.
Mit der Leitung der Sonderkommission wurde ich bereits am 5. Dezember beauftragt. Am 6. Dezember begann meine Arbeit. Daß zur Aufklärung der beiden Sprengstoff-Attentate in Eystrup und Bremen überhaupt eine Sonderkommission gebildet werden mußte, war deswegen nötig, weil das Attentat in Eystrup in den Zuständigkeitsbereich der Kriminalpolizei des Landes Niedersachsen fiel, das Attentat in Bremen aber in den Bereich des Landes Bremen. Da aus verschiedenen Umständen geschlossen werden mußte, daß die Attentate in Eystrup und Bremen zusammenhingen, kam es darauf an, die kriminalpolizeiliche Aufklärungsarbeit in beiden Ländern zu koordinieren.
Das Neue an der Sonderkommission "S" war, daß zum erstenmal nach dem Krieg Beamte aus zwei Landeskriminalämtern zu einer Art Arbeitsgemeinschaft zusammengeschlossen wurden und sich gleichzeitig eine Exekutive schafften. Die Landeskriminalämter selbst haben keine Exekutive und sind nur Nachrichtensammelstellen. Auch das Bundeskriminalamt hat keine. Die kriminalistische Arbeit wird örtlich geleistet. Die Verbrecher halten sich aber nicht an Orts- oder Ländergrenzen. Ohne zentral gelenkte Exekutive sind deshalb Verbrechen nur schwer aufzuklären.
Die Sonderkommission "S" bildete drei Unterkommissionen: in Bremen, Verden und Eystrup. Sie war 60 Mann stark. Zum engeren Stab gehörten 16 Mann. Leiter der Kommission war zunächst Kriminalrat Kurlenski aus Bremen und, als Vertreter Niedersachsens, Kriminalrat Wilke. Die Unterkommissionen in Verden und Eystrup wurden später nach Verden zusammengelegt, so daß nur noch zwei Unterkommissionen bestanden. Nach Verden bestanden eigene Telefonverbindungen und ein ständiger Kurierdienst.
Als die Sonderkommission zu arbeiten anfing, waren bereits zahlreiche Veröffentlichungen in der Presse erschienen. Diese Meldungen mit ihren Kommentaren, die den oder die Täter hätten warnen können, gefährdeten die Arbeit der Kommission. Es
wurde deshalb an das Bundesinnenministerium die Bitte gerichtet, zu veranlassen, daß ab sofort nur die Sonderkommission für Presseinformationen zuständig sei. Auf Anordnung Bonns wurde dann auch allen Polizei- und Justizdienststellen im gesamten Bundesgebiet verboten, Informationen über Sprengstoffattentate an die Presse zu geben.
Inzwischen konnte bereits die Personenbeschreibung eines vermuteten Täters fixiert werden. Nach diesem Täter wurde am 4. Dezember die Großfahndung im ganzen Bundesgebiet, einschließlich Berlins, angekündigt und am 5. Dezember um 17 Uhr durch ein Blitzfernschreiben ausgelöst.
Es entstand das Gerücht, die Attentate hätten politische Hintergründe. Die Rechte beschuldigte die Linke und die Linke die Rechte. Außerdem gab es gewisse Kompetenzschwierigkeiten zwischen den Staatsanwaltschaften in Bremen und Verden. Dadurch konnte die Arbeit der Sonderkommission behindert werden. Es erschien nötig, zu erreichen, daß die Kommission von den beiderseitigen Länderzuständigkeiten unabhängig geleitet würde. Aus diesem Grund wurde ich zum Leiter der Sonderkommission "S" ernannt.
Jede Spur, die wir hatten, wurde ziffernmäßig und alphabetisch erfaßt. Dadurch erhielten wir bald eine umfangreiche Kartei der Namen von Leuten, die Anzeigen gemacht, und derer, die angezeigt worden waren. Die Kartei erfaßte aber auch Tatorte und Tatmotive. Als die Arbeit der Kommission später beendet war, hatten wir insgesamt 700 Spuren karteimäßig festgehalten. 400 davon brauchten nicht mehr bearbeitet zu werden. Ueber jede gefundene Spur wurden die beiden Unterkommissionen genau unterrichtet.
Die Ermittlungstätigkeit wurde dadurch gestört, daß auf einmal alle Welt glaubte, Bombenpakete erhalten zu haben. Zum Teil waren das "Scherzpakete". Hinzu kam, daß durch die Attentate eine Angstpsychose ausgelöst worden war. Viele Leute, die irgendein Paket erhalten hatten, schickten uns dieses Paket mit der Bitte um Untersuchung ein. Wir erhielten sogar Weihnachtspakete, die wir untersuchen sollten. Alles das störte uns in unserer Arbeit. Sprengstoffsachverständiger Dr. Leczynski war mit seinem Sprengmeister ständig dabei, derartige Scherz- und Angstpakete zu öffnen. Er tat es schließlich ganz unbesorgt. In unserer Gegenwart
öffnete er die Pakete so, wie man üblicherweise Pakete öffnet.
Gute Ratschläge hat die Kommission genug bekommen. Sie trafen meist anonym ein, enthielten häufig falsche Hinweise und irritierten uns. Immer wieder wurden Hinweise auf mögliche politische Tatmotive gegeben. Es wurde uns vorgehalten, daß wir nicht intensiv genug bei den rechts- oder linksradikalen Gruppen nach dem Täter suchten. Die Zahl dieser Zuschriften und Hinweise war so groß, daß wir sie in insgesamt 40 Aktenordnern abheften mußten.
Als wir unsere Arbeit erfolgreich beendet hatten, gratulierte uns eine Hellseherin. Sie schrieb, daß wir erstaunlicherweise zu dem gleichen Ergebnis gekommen seien wie sie. Wir fragten uns nur, warum sie uns nicht schon zu einem Zeitpunkt, zu dem wir den Täter noch nicht hatten, das Ergebnis ihrer Gesichte hatte zukommen lassen.
Zahlreiche der uns angezeigten Spuren haben wir verfolgt, da jede, auch die geringste, die Hauptspur sein konnte. In Bremen zeigte ein Vater seinen eigenen Sohn an. Dieser Sohn, ein Schizophrener, war Mitglied der "Gesellschaft für deutsch-sowjetische Freundschaft". Ein gewisser Verdacht fiel deshalb auf ihn, weil, wie glaubhaft bezeugt wurde, nach der Explosion im Haus der "Bremer Nachrichten" zwei Männer gesehen worden sein sollten, die flüchteten und sich dabei zuriefen: "Es hat gebumst, nichts wie weg. Um 6 Uhr Kantstraße!" In der Kantstraße Nr. 46 ist das Büro der "Gesellschaft für deutsch-sowjetische Freundschaft". Die Durchsuchung des Büros war jedoch ohne Ergebnis.
In Münster wurde ein unbekannter Mann bewußtlos aus einem Zug herausgeholt. Er hatte anscheinend einen Selbstmordversuch unternommen. Der Zug kam aus Bremen. Der Mann gab auch Bremen als seinen Heimatort an. Es wurde daraufhin in Bremen nachgeforscht. Dabei stellte sich jedoch heraus, daß der Verdächtige ein aus einer Irrenanstalt entflohener Geisteskranker war.
Ein zweiter Irrer wurde in Göttingen festgenommen. Dieser Mann gab an, Journalist zu sein und renommierte damit, er kenne den, der die Bomben geworfen habe. Außerdem habe er an den Chefredakteur der "Hannoverschen Presse" einen Drohbrief gerichtet. Der Mann war jedoch bekannt dafür, daß er bei jedem größeren Verbrechen auf ähnliche Weise in Erscheinung tritt.
Eine vielversprechende Spur war die Spur 137. Es handelte sich um zwei Männer, die in der Gegend von Hannover Vorträge über Atomphysik gehalten haben sollten. Außerdem hätten sie eine "Arbeitsgemeinschaft für Atomforschung" gegründet. Einer von ihnen habe sich mit Sprengstoffwissenschaft befaßt. Dabei war ihm angeblich sein Laboratorium hochgegangen. Der andere war im Felde Pionier gewesen, beide hatten sich angeblich von einem Dritten Papprollen geben lassen. Einer wohnte in Kassel, der andere in Berlin. Wir schickten daraufhin zwei Beamte in diese beiden Städte. Dort wurden jedoch einwandfreie Alibis festgestellt.
Da wir es nicht unterließen, jeder Spur nachzugehen, mußten wir auch einen Beamten zu einem Bauern schicken, der, wie er sagte, gesehen hatte, wie ein Verdächtiger in einem Gebüsch in der Nähe seines Ackers verschwand. Der Bauer gab an, er habe den Eindruck gehabt, der Mann wolle fliehen. Der beauftragte Beamte stellte jedoch bald fest, daß der Verdächtige ein harmloser Wanderer war, der in den Busch mußte. Solche unnützen Ermittlungen raubten uns viel Zeit.
Eine Anzahl Ratschläge und Hinweise kam von der Presse. Von dieser Seite wurde uns beispielsweise vorgeworfen, daß wir keine Telepathen einsetzten. Ich muß gestehen, ich habe keine Antenne für Telepathie.
Gestehen muß ich auch, daß die Presse unsere Nerven sehr strapazierte. Obwohl sie in täglichen Pressebesprechungen, soweit es anging, über den Stand der Ermittlungen unterrichtet wurde, reichten die fünf Sonderleitungen der Kommission nicht aus, um wißbegierige Anfragen zu beantworten.
Ich selbst befand mich sozusagen ständig auf der Flucht vor Reportern. Zu diesem Zweck wechselte ich täglich mein Hotel. Trotzdem passierte es mir, daß einmal, als ich morgens um 5 Uhr nach anstrengender Nachtarbeit in mein Hotelzimmer zurückkehrte, um 8 Uhr bereits ein Reporter erschien, der mich sprechen wollte. Einmal wurde ich um 3 Uhr morgens photographiert.
Neben der Kritik an unserer Arbeit stellte die Presse Ermittlungen auf eigene Faust an. Als Dr. Wolfard beerdigt wurde, befand sich unter den Trauergästen ein Presseberichterstatter, der sich wie der mutmaßliche Täter kostümiert hatte. Er wollte feststellen, ob wir aufpaßten. Wir haben aufgepaßt.
Mein persönlicher Wunsch war es, selbst nach außen hin als Leiter der Sonderkommission "S" nicht in Erscheinung zu treten. Die Presse hätte vermutlich an mein Vorhandensein Mutmaßungen geknüpft, die ich gerne vermeiden wollte. Erst am letzten Tag des Bestehens der Sonderkommission wurde ich von dem
Bremer Polizeipräsidenten, ohne es zu ahnen, zu einer Pressekonferenz geschleppt. Kaum hatte ich den Raum betreten, blitzten von allen Seiten Blitzlichter auf. So kam mein Bild in die Zeitung.
Dabei wurde auch erwähnt, daß ich schon an der Aufklärung des Reichstagsbrandes mitgewirkt hätte. Das ist richtig. Daran jedoch den Schluß zu knüpfen, ich würde speziell da verwandt, wo politische Hintergründe aufzuhellen sind, ist falsch. Mich interessiert allein der Täter vom kriminalistischen Standpunkt aus. Ich kann bei dieser Gelegenheit verbindlich erklären, daß Reichstagsbrandstifter van der Lubbe ebenso ein Einzeltäter war wie von Halacz.
Zu den Leuten, die uns in der Arbeit behinderten, gehörten auch eine Anzahl "Auch-dabeis". Sie kreuzten auf und verschwanden wieder enttäuscht, wenn wir nichts Neues hatten. Wenn wir aber eine erfolgversprechende Spur verfolgten, hatten sie es schon vorher gewußt. Heute sagen sie "Ihr habt Glück gehabt". Ich meine: Nur wer arbeitet, hat auch Glück. Zu meinem persönlichen Verdienst möchte ich sagen: Ich war nur der Uhrmacher - die Rädchen waren schon da.
Auf Erich von Halacz in Drakenburg bei Nienburg deuteten einige Spuren unter anderen Spuren. Bei der Durchsuchung der Wohnung fanden wir ein Manuskript mit der Ueberschrift "Bremer Torfköppe". Halacz gab zu, daß das Manuskript von ihm stamme. Es hatte dasselbe fehlerhafte "r", wie wir es bereits in der Schreibmaschinenschrift auf den Paketadressen festgestellt hatten. Es konnte jedoch sein, daß Halacz nur die Maschine des Täters benutzt hatte, aber nicht selbst der Täter war.

DER SPIEGEL 51/1951
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