05.12.1951

PO-KATASTROPHEVa bene, va bene

Nach einer Mondnacht auf einem stehengebliebenen Deich im Katastrophengebiet zwischen Po und Etsch in der letzten Woche sagte ein Reporter: "Italien im Jahr Null." Ueber die 75 Kilometer lange, 25 Kilometer breite Wasseröde spukt nachts das Heulen verlassener Hunde, das letzte jämmerliche Muhen verhungernder Kühe.
Unmerklich langsam sinkt das Wasser. Schlammbänke kommen zum Vorschein, auf denen Tierkadaver und vereinzelte Menschenleichen stinkend verrotten.
Bauern, die sich während der Ueberflutung - nachdem sie ihre Familien fortgeschickt hatten - mit Flinten in der Faust gegen die Evakuierung ihrer überschwemmten Höfe gesträubt hatten (ein Rettungsmann wurde erschossen), riefen letzte Woche mit Rauchzeichen nach Rettung. Sie hatten gemerkt, daß sie, im Schlamm-Meer isoliert, umkommen müßten. Kein Boot und kein Fahrzeug würde sich dann bewegen können, auch nicht die Boote der Plünderer.
Wenn die 3 - Milliarden - Kubikmeter-Flut abgelaufen ist, müssen 1700 Quadratkilometer Land vollkommen neu kultiviert, Dörfer wiederaufgebaut werden, eine Arbeit für viele Jahre, immer vorausgesetzt, daß der Po-Fluß von nun an für mindestens ein Jahr nur eine normale Wassermenge führt, bis die zerstörten Dämme repariert sind.
Auf freiem Feld, in kümmerlichen Sträucher-Hütten, in Nässe und Gestank kampierend, warten am Rand des Ueberschwemmungsgebietes noch 25 000 durch Erschöpfung und Hoffnungslosigkeit abgestumpfte Opfer der schlimmsten Naturkatastrophe des Landes auf Abtransport. Ihre geretteten, hungrigen Tiere müssen sie schlachten oder an Schwarzhändler für Spottpreise verkaufen.
Die letzten der 450 000 Obdachlosen ziehen über die von alliierten Truppen gebauten Ponton-Brücken in Schulgebäude, Krankenhäuser und Flüchtlingslager, wo sie mit einem Kommißbrot pro Tag und für vier Personen auskommen müssen.
Der Staat wird sie zur Wiederaufbau-Arbeit einsetzen, aber er sieht sich - laut Landwirtschaftsminister Fanfani - nicht in der Lage, Schadenersatz für den verlorengegangenen Privatbesitz zu zahlen.
Vorsichtig versuchte die Regierung in Rom, erste Schätzungen über den Schaden anzustellen: eine unbekannte Anzahl Menschen sind umgekommen, 50 000 Stück Rindvieh, Sachwerte von über 400 Milliarden Lire (3 Mrd. DM) gingen verloren.
38 Milliarden Lire will die Regierung sofort aufbringen: davon wäre kaum der Unterhalt der Opfer, die Importe zur Deckung des Nahrungsmittelausfalls (350 000 Doppelzentner Zucker und 150 000 Doppelzentner Reis gingen allein im Polesine-Gebiet am Po-Delta verloren) und die dringendsten Reparaturen an den Po-Deichen zu finanzieren. Dann soll eine Staatsanleihe weiterhelfen.
Das ist gefährlich wenig: im Land der krassesten sozialen Unterschiede von Westeuropa, das vor der Katastrophe schon zwei Millionen Arbeitslose hatte, verwandeln sich die Nachwirkungen der Ueberschwemmungskatastrophe am Po unweigerlich in eine politische Zeitbombe.
In der mit Flüchtlingen überfüllten Stadt Padua wird schon demonstriert. Die anfängliche, kreatürliche Kapitulation vorm Toben der unsichtbaren höheren Gewalt verkehrt sich in die erbitterte Suche nach sichtbaren Verantwortlichen für das kaum zu lindernde Elend.
An einem Nachmittag der letzten Woche rottete sich in Padua eine Menge um einen kommunistischen Redner. Gerüchte liefen um, wonach die Atombomben-Experimente der Amerikaner in Nevada an der Katastrophe schuld sein sollten. Die Explosionen hätten den Golfstrom aus seiner Bahn gebracht, wodurch die kalte Luft entstanden sei, die den Regen erzeugt hat. Der Redner bestätigte das Gerücht als "wissenschaftlich bewiesen".
"Die Regierung de Gasperi", lärmte er weiter, "hat unser Elend, das Leben Hunderter unserer Mitmenschen und die Früchte unserer unermüdlichen, harten Arbeit auf dem Gewissen. Warum sind die Dämme gebrochen? Weil sie unzulänglich und schwach waren! Warum waren sie unzulänglich und schwach? Weil die Regierung kein Geld für Ausbesserungen hat. Warum hat sie kein Geld? Weil sie Milliarden für die Rüstung zu einem neuen Krieg ausgibt!" Die Menge wurde unruhig. Beifall, Verwünschungen der Regierung.
Da tauchte eine Carabinieri-Streife auf, zerstreute die Leute und verhaftete den Kommunisten. Im Ueberschwemmungsgebiet, das zur militärischen Zone erklärt wurde, und in den Auffanglagern schlägt die Regierung gegen alle Agitationsversuche energisch zu. Ueber vierzig Kommunisten waren am letzten Wochenende in Haft.
In Rom leitartikelte das Regierungsblatt "Il Messagero" empört gegen alle Italiener, "die mit sadistischem Eifer nach den angeblich Schuldigen der Tragödie" suchen. Niemand könne Katastrophen durch höhere Gewalt voraussehen und niemand könne dafür verantwortlich gemacht werden, wenn die Deiche dem außergewöhnlichen Wasserdruck nicht widerständen.
Aber Verhaftungen und Argumente genügen nicht, um der Regierung de Gasperi eine durchs ganze Land widerhallende fatale Debatte über die Gründe der Katastrophe zu ersparen.
Niemand außer kommunistischen Agitatoren kann einen Sterblichen für den Ursprung des Po-Desásters, die Regengüsse in der Lombardei verantwortlich machen: Anfang November entstand über der europäischen Wetterecke, der Biskaya, ein besonders starkes Tief*), das sich bis in die Stratosphäre (über 15 000 Meter hoch) erstreckte. Das zentrale Biskaya-Tief zog weitere Tiefs über dem Atlantik und Nordeuropa an sich und drehte sie, durch die Erddrehung in Bewegung gesetzt, im umgekehrten Uhrzeigersinn an seiner Peripherie um sich herum. So wurden enorme Kaltluftmengen in den Mittelmeer-Raum befördert.
Ueber dem Tyrrhenischen Meer stieß die Kaltluft auf mit Feuchtigkeit gesättigte Warmluftmassen, die von Süden heranströmten. Die abgekühlte Wasserluft regnete sich über Oberitalien ab, zog weiter nach Norden und stieß gegen die Alpenwand. Hier bildeten sich mächtige Stauwolken, die sich in starken, anhaltenden Regengüssen entluden.
Schlagartig schwollen die aus den Alpen und dem Apennin kommenden Nebenflüsse des Po an, traten reißend über die Ufer und verwüsteten Gebirgsdörfer, verursachten Erdrutsche und unterbrachen Verkehrsverbindungen, an sich keine ungewöhnlichen Vorfälle. Doch weiter flußabwärts führten die Nebenflüsse bereits so viel Wasser, um in den ersten Städten der norditalienischen Ebene Ueberschwemmungen anzurichten, in Pavia, Vercelli, Trient, Alessandria und Mantua. Es gab Zerstörungen und dreizehn Tote, aber der Minister für Oeffentliche Dienste und Verantwortliche für die Katastrophenbekämpfung, Aldisio, war wenig beeindruckt.
In Rom erklärte er, die Regierung werde alle Mittel erschöpfen, um die Schäden zu beheben, aber er sprach für die Sizilier und Kalabrier, die im Oktober ein schweres Unwetter über sich ergehen lassen mußten, über einhundert Tote und 35 Milliarden Lire an Sachwerten verloren. Während das Wasser in den Nebenflüssen auf den Hauptlauf des Po zustürzte, wurden noch Truppeneinheiten von Oberitalien (Turin) aus nach Süditalien in Marsch gesetzt.
Die Provinzsekretäre Aldisios beschwerten sich: Das Ministerium Aldisio ebenso wie das Verteidigungsministerium hätten sich noch nicht um eine Koordination ihrer Bemühungen gekümmert.
Daraufhin wurden in Rom hastig Kabinettssitzungen einberufen. Sondereinsätze wurden beschlossen und ein Notgesetz für die betroffenen Gebiete zur schnellstmöglichen Verabschiedung vorbereitet. Inzwischen ging das Wasser in den überschwemmten Nebenfluß-Städten schon schnell wieder zurück. "Vielleicht ist der gefährliche Feind jetzt satt?", seufzte die Mailänder Zeitung "Corriere della Sera" hoffnungsvoll. Die allgemeine Stimmung: Die wilden Wasser werden sich in den breiten gemächlichen Po ergießen und zwischen den hohen, starken Deichen ihre Gewalt verlieren, wie das in ähnlichen Fällen der Vergangenheit geschehen war.
Es kostete viel Arbeit, ehe der Po kultiviert worden war. Sein Tal war sumpfig, an den Rändern wuchs dichter Wald. Noch um 1540 widmete sich Benvenuto Cellini im Forst von Ferrara dem Waidwerk. Dann drängten die Lombarden rodend und regulierend am Po entlang vor. Im 18. Jahrhundert gehörte die "edle Kulturlandschaft" ("Goethe-in-Italien"-Maler Tischbein) zu den Hauptanziehungspunkten für sehnsuchtsvolle deutsche Genien.
Aber erst nach Garibaldis italienischer Reichsgründung wurde das sumpfige Fieber-Delta des Po trockengelegt, wurden Obstplantagen, Zuckerrüben- und Reisfelder rationell gleich neben ihren Verarbeitungsstätten angelegt. Durch vier große Ueberschwemmungen im 19. Jahrhundert war man gewarnt und überholte und verstärkte das Damm-System des Flusses und
der künstlich angelegten Be- und Entwässerungskanäle gründlich.
Diese Arbeiten wurden im großen und ganzen noch im vorigen Jahrhundert abgeschlossen. Seitdem wurde an den Po-Dämmen nichts mehr getan, abgesehen von einigen Kraftwerks- und Verbesserungsprojekten zur Zeit Mussolinis.
Während des zweiten Weltkriegs bohrten anti-deutsche Partisanen bei Cremona, Casale, Ostiglia und nördlich von Ferrara Sprenglöcher in die Deiche, vermutlich aus der etwas abwegigen Ueberlegung heraus, den Rückzug der deutschen Truppen abschneiden zu können. Bei den Kämpfen um Po wurden die Dämme vielfach durch Artilleriefeuer und Bombenabwürfe auf feste Brücken und Ponton-Uebergänge beschädigt. Nach dem Krieg wurden die Löcher notdürftig zugeworfen, aber niemand, am wenigsten die Regierung, schien Geld und Lust zu haben, die Dämme zu reparieren.
Als am 12. November 1951 an der Adda-Einmündung das meiste Wasser aus den Nebenflüssen in den Po gerauscht war, bildete sich eine Flutwelle, die pro Stunde um 12 Zentimeter stieg, bis mit 4,30 bis 5,40 m über Normalstand ihr Kamm erreicht war.
Entlang der Po-Dämme wurden die Deichwächter alarmiert, freiwillige, ortsansässige Arbeiter und Bauern mit Spezialausbildung, die mit der Ueberwachung des Stromes bei Hochflut beauftragt sind. Mit Fackeln bewaffnet, rannten sie auf den Deichkronen hin und her, kontrollierten Wasserstand und Verfassung der Deiche.
Als der Wasserspiegel bis auf etwa 20 Zentimeter an die Deichkrone herangekommen war, begannen die Deichwächter zu laufen, wie Italiens Flußregulierungschef Giuseppe Mariani selbst zugeben mußte. Statt ihre Beobachtungen an die Provinzialverwaltung weiterzugeben (schwierig, weil das Warnsystem im Krieg zerstört, aber nicht wiederaufgebaut wurde) und zu versuchen, die Deiche "am Oberlauf zu sprengen, um die Flutwelle noch in der Entstehung zu schwächen, begaben sie sich", wie Mariani erklärte, "auf dem kürzesten Weg nach Hause, sei es aus Angst um ihr eigenes Leben, sei es, um ihr persönliches Hab und Gut in Sicherheit zu bringen." Ehe Heereseinheiten alarmiert werden konnten, war es - entlang der ganzen Po-Wasserfront - schon zu spät.
Ohne die Deichkrone überschritten zu haben, riß der Po eine achtzig Meter breite Lücke in die Dämme bei Cremona, drückte sich mühelos durch die sekundären Notdeiche und strömte in das kaum bewohnte Land, nicht weit östlich von Cremona.
Die eigentliche Katastrophe begann, als der Po kurz vor dem Höchststand der Flutwelle zweimal auf 130 und 200 Meter Breite durch den nördlichen Deich bei Occhiobello preschte. Durch das Versagen des Ueberwachungsdienstes wurde die Bevölkerung mehrerer in der Nähe liegender Ortschaften überrascht. Es gab eine Panik und hohe Menschenverluste. Kaum ein Stück Vieh konnte in dieser Gegend gerettet werden.
Bewohner von Occhiobello entfernt liegender Ortschaften strömten nach Rovigo, der größten Stadt zwischen Po und Etsch. Dort begann inzwischen, was - laut italienischer Presse - einmal als "Drama von Rovigo" in die Geschichte Italiens eingehen wird.
Am 16. November mittags traf Premier Alcide de Gasperi in Rovigo ein, einer Stätte heilloser Verwirrung. Ausgepumpte Flüchtlinge drängten in die Straßen der Stadt. Die aus Kommunisten und Linkssozialisten bestehende Provinzialverwaltung Rovigo hatte ein Notkomitee gebildet, das die Leitung der Rettungsarbeiten übernehmen wollte.
Das Komitee forderte das Kommando über die eintreffenden Truppen (ein Artillerie-Regiment
und drei Jägerbataillone), um sie zusammen mit zivilen Wasserbau-Leuten zur Verstärkung und Abdichtung der Po-Dämme bei Creviso einzusetzen. In der vorhergegangenen Nacht war bereits von den örtlichen Kräften fieberhaft an der Abstützung der abbröckelnden Dämme gearbeitet worden.
Doch in der Einschätzung des Provinz-Präfekten Dr. Mondi, eines standfesten Christ-Demokraten, schien der zwischen Po und Rovigo fließende Canale Bianco, ein künstlicher Nebenarm des Po, bedrohlicher gewirkt zu haben als der Strom selbst. Am 15. November abends näherte sich das verhältnismäßig gewaltlos übergelaufene Wasser des Canale dem Stadtrand Rovigos.
Dr. Mondi befahl die Truppen und Hilfskräfte an den Canale Bianco, wo sie mit Sandsäcken versuchten, das auf breiter Front langsam vorwärtsrollende Wasser abzudämmen. Das Notkomitee der Provinzialverwaltung meuterte. Es schickte Lautsprecherwagen durch die aufgeregte Stadt, die verkündeten, daß die Rettung der Stadt vor der Flutwelle des Po durch die Aktion der Präfekten gefährdet würde und daß nur Kommunisten und Linksradikale die Situation meistern könnten.
Dr. Mondi entgegnete in einer Bekanntmachung, daß das Notkomitee lediglich vorhabe, die "Solidarität in der Not" zu zerstören und die "wohlüberlegten Rettungsversuche" der Regierung zu sabotieren.
Kurz nach seiner Ankunft ermächtigte de Gasperi den Provinz-Präfekten Dr. Mondi, das linksradikale Notkomitee durch Dekret aufzulösen. Die Abdämmungsarbeiten am Canale Bianco wurden auf Befehl de Gasperis fortgesetzt. Zwei aus Wiesbaden entsandte US-Bomber versuchten vergeblich, die Deiche des Canale durch Bombenabwürfe zu zerstören, um den Wasserdruck zu vermindern, der im Canale wie auch von der Etsch her gegen Abend ziemlich anstieg.
Aber man glaubte, der Wasserdrohung Herr geworden zu sein. Am Abend des 16. November gab Innenminister Scelba in Rom bekannt, daß der kritische Punkt überwunden sei. Alle Kommunisten, die sich den Maßnahmen der Regierung widersetzten, fuhr Scelba fort, seien dem Magistrat zu melden.
Regierungs-Lautsprecherwagen schlängelten sich durch Rovigo und riefen: "Va bene! Va bene! Alle Bürger können beruhigt schlafen!" Erleichterte Menschen versammelten sich im Stadt-Theater zur Spätvorstellung von "Schweigende Lippen". Nur die Ränge waren besetzt. Als die Schauspieler fragten wieso, riefen die Zuschauer: "Wenn das Wasser kommt, sitzen wir im Trockenen." Gewaltiges Gelächter.
Das Wasser kam. Um halb ein Uhr heulten Sirenen, lärmten Glocken. Radio-Lautsprecher brüllten: "Höchste Gefahr! Rettet Euch, gleich wie!"
Der Po hatte die für sicher gehaltenen Dämme oberhalb der Stadt an drei Stellen breit aufgerissen. Fünfhundert Millionen Kubikmeter Wasser umschlossen die Stadt. In den niedrig liegenden Stadtteilen drang das Wasser in das erste Stockwerk der Häuser ein. Der größte Teil der 40 000 Menschen der Stadt hastete über die trocken gebliebene Straße in Richtung Padua. In der Stadt Adria wurden 20 000 Menschen völlig eingeschlossen.
Der Po erzwang sich seinen alten Lauf an Rovigo vorbei in die Etsch. Jetzt schließlich, entschied der Katastrophen-Schutz unter de Gasperi, konnte es nicht mehr schlimmer kommen. Der Premier begab sich nach Rom zurück. Die Bevölkerung Rovigos kehrte in überfüllten Zügen aus Padua, zu Fuß und per Bus von den Deichresten in die Stadt zurück, wo es kein
Gas, keine Elektrizität, nur durch aufgeschwemmte Kloaken verseuchtes Wasser gab. Der Genio Civile (zivile Bautruppe) verkündete: "Die Situation bessert sich."
Mittlerweile war die Po-Flutwelle im Delta angekommen. Dort traf sie auf eine Hochflut des adriatischen Meeres, das, von Stürmen aus Süd gepeitscht, seine normale Wasserspiegelhöhe vor dem Delta um einen Meter gesteigert hatte. Eben war dazu eine Springflut aufgelaufen. Die Po-Flutwelle wurde gestoppt und landeinwärts zurückgeworfen. Der Canale Ceresolo bei Rovigo begann, mit Macht rückwärts zu fließen. Wieder Alarm, wieder mußten die erschöpften, niedergeschlagenen Einwohner von Rovigo ihre Stadt fluchtartig räumen.
Adria wurde weiterhin mit Booten evakuiert. Private Bootsleute verlangten riesige Summen für Rettungsfahrten. Einige Schwarzhändler fuhren mit Brot in die hungernde Stadt Adria. Ein junger Mann schrie: "Meine Frau und mein Kind haben drei Tage nichts zu essen gehabt", sprang aus dem dritten Stock eines Hauses auf ein Brot-Boot und brachte es zum Kentern. Der junge Mann und zwei Insassen ertranken. Schnelle Plündererboote lieferten der Polizei in der Nähe freistehender, reicher Villen insgesamt drei blutige Feuergefechte. Verluste: Dreizehn Plünderer, acht Polizisten.
Präfekt Dr. Mondi telegrafierte nach Rom: er bat um Entscheidung, ob neun Dörfer durch eine Deichsprengung am Canale Ceresolo geräumt und überflutet werden sollten, denn das sei die einzige Möglichkeit, die alte Stadt Rovigo zu retten. Rom stimmte zu.
Die Bürgermeister der betroffenen Dörfer, vor allem die fünf Kommunisten unter ihnen, sträubten sich verzweifelt. Dr. Mondi mußte ein Ultimatum stellen: evakuieren oder überflutet werden. Die Bauern retteten sich in Richtung Padua (eine bisher nicht genau zu ermittelnde Zahl ertrank).
Der Ceresolo-Deich wurde von Pionieren an zwei Stellen in die Luft gejagt. Das Wasser strömte schräg hinüber zur schnellfließenden Etsch, die an ihrem Nordufer daraufhin heftig überlief und die bis dahin mäßige Ueberschwemmung der Stadt Carvazere erheblich steigerte.
Die Evakuierung des Ueberschwemmungsgebietes mußte fortgesetzt werden, zumal erneute Regenfälle in der Lombardei eine neue Flutwelle erzeugt hatten. Weitere Dämme und Querdeiche wurden gesprengt. Die neue Welle konnte am vorletzten Wochenende breit über das Gebiet zwischen Po und Etsch strömen. Die Flut war vorbei.
Während sich auch die widerspenstigsten Bauern in der letzten Woche aus Furcht vor dem Schlamm aus dem Ueberschwemmungsgebiet zurückzogen, machte sich die Regierung daran, leichter entfernbaren Katastrophenschmutz zu beseitigen. Der stellvertretende Bürgermeister und der lokale Verwalter der Marshall - Katastrophenhilfe der Stadt Corbola wurden wegen "falscher Verteilung" der Hilfsfonds festgenommen.
In hektischer Atmosphäre werden in Rom Pläne für den Wiederaufbau der zerfetzten Dämme gemacht. Aber die italienische Regierung hatte keine Antwort auf die Probleme, die sie nicht verschuldet hat, für deren Lösung sie jedoch verantwortlich ist. Als Linkssozialist Nenni fragte: "Was gedenkt die Regierung gegen die Schneeschmelze im nächsten Frühjahr zu tun?", antwortete Minister Aldisio: "Unser Haushalt ist k.o. Es wird Jahre dauern, bis am Unterlauf des Po wieder gesät werden kann."
*) Ein Tief entsteht, wenn sich Luftmassen über warmem Land oder warmem Wasser erwärmen und in die Höhe steigen.

DER SPIEGEL 49/1951
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