12.12.1951

ZOOMORDE

Des Müllers Lust

Die Dompteure und Zooexperten im Tierpark Hagenbeck in Hamburg-Stellingen sagten dem deutschen Film einen "weiblichen Harry Piel" voraus, als sie Irene von Meyendorff bei den Außenaufnahmen zu "Gift im Zoo" beobachteten.

Frau von Meyendorff, die in dem camera-Film ihres Gatten, des Produzenten Joachim Matthes, die weibliche Hauptrolle der Dompteuse Vera Pauly zu spielen hat, lehnte Double und Glasscheiben grundsätzlich ab und begab sich bei den Raubtieren mit soviel Unbefangenheit in Gefahr, daß es Matthes gelegentlich zuviel wurde. Er hatte vor Beginn der Dreharbeiten verkündet, er werde seiner Frau keine Szene zumuten, die er selbst nicht auch spielen würde.

Die Vorgeschichte des Films, der die Dressurtalente der Meyendorff entdeckt, ist gut zwei Jahre alt. Obwohl heute laut Drehbuch im Vorspann betont wird: "Alle Personen und Ereignisse in diesem Film sind erfunden, wo eine Aehnlichkeit mit irgendeinem Geschehnis vorhanden zu sein scheint, ist dieses ein Zufall", hat bisher noch niemand ernsthaft bestritten, daß die Tiermorde im Frankfurter Zoo den Film "Gift im Zoo" inspirierten.

Zwar hatte sich Matthes schon lange vorher mit dem Gedanken an einen Zoofilm getragen, aber es fehlte die filmwirksame Handlung. Die Vorgänge im Frankfurter Zoo ließen eine solche zugkräftige Story vermuten. Trotzdem nahm die Ausarbeitung des Exposés zu "Gift im Zoo" immerhin achtzehn Monate in Anspruch.

Das einzige, was Drehbuchautor Edgar Kahn, der frühere Chefdramaturg der Tobis, aus den Frankfurter Akten übernahm, ist das Gift, mit dem die Tiere umgebracht werden: Natriumfluorid. Während in Frankfurt der Verdacht auf den Zoowärter fiel, dirigierte Kahn das Filmpublikum auf eine andere Fährte:

Tierarzt und Zoodirektor Dr. Martin Rettberg, dem ein Tier nach dem anderen wegstirbt, arbeitet fieberhaft an der Aufdeckung des Verbrechens, wobei er seinen Freund, Kriminalrat Glasbrenner, zu Rate zieht. In systematischer Kleinarbeit kreist Glasbrenner den Täter ein, um ihn am Ende des Films zu entlarven: es ist Zoodirektor Rettberg selbst.

Unter Anwendung aller dramaturgischen und psychologischen Kniffe wollte Drehbuchautor Kahn seinen schizophrenen Doktor (vorgesehen war René Deltgen) die Doppelrolle des Mörders und Verfolgers in einer Person spielen lassen: Rettberg, der an gespaltenem Bewußtsein leidet, findet nachts keine Ruhe, irrt im Zoo umher und wird beim Anblick der friedlich schlafenden Tiere so gereizt, daß er sich schließlich durch Natriumfluorid an ihnen rächt.

Diese Handlung erregte jedoch das Mißfallen des Bonner Bürgschaftsausschusses, dem die camera das Drehbuch im April 1951 einreichte. Mit einer Anspielung auf Hans Albers, der das Thema Bewußtseinsspaltung bereits in "Vom Teufel gejagt" ohne nennenswerten Anklang beim Publikum durchexerziert habe, lehnte Bonn eine Ausfallbürgschaft für "Gift im Zoo" ab.

Das war schlimm, denn die camera hatte sich bereits bei Hagenbeck in Hamburg-Stellingen engagiert. So mußte Autor Edgar Kahn das Drehbuch innerhalb von zwei Monaten grundlegend umschreiben Der neue Zoodirektor Rettberg ist für den Psychiater nicht mehr interessant. Nach Ausmerzung aller schizophrenen Elemente

steht er als durchaus normaler, pflichtbewußter und etwas spröder Tierarzt da (Karl Raddatz). Das Abgründige in seinem Charakter tritt er an den Zooverwalter Beck ab.

Drehbuchautor Kahn hätte den neuen Tiermörder gern etwas pathologischer gezeichnet, aber camera-Chef Matthes gestattete ihm, im Hinblick auf Bonn, für den Tiermörder nur so viel krankhaften Ehrgeiz, als zur Motivierung der Tat unbedingt erforderlich ist. So tötet Beck, ein verkrachter Veterinär, Tiere, um den Verdacht auf Rettberg zu lenken, auf dessen Dompteusen-Freundin und dessen Position als Zoodirektor er es abgesehen hat. Zur Strafe dafür wird er von den Eisbären zerrissen, in deren Gehege er das Gift versteckt hielt.

An dieser Fassung hatte Bonn nichts mehr auszusetzen. Die Ausfallbürgschaft

wurde erteilt. Regisseur Wolfgang Staudte, der sich bei der sowjetzonalen DEFA mit Filmen wie "Die Mörder sind unter uns", "Rotation" und "Der Untertan" (s. Rückseite) hervorgetan hat, sollte Anfang Oktober mit den Außenaufnahmen beginnen.

Mit den bereits verpflichteten Schauspielern war Staudte einverstanden. Nicht aber mit dem Drehbuch. Staudte schrieb es in Berlin um.

Nach Hamburg zurückgekehrt, sah er bedenkliche Gesichter. Die Bundesbürgschaft war der camera-Film plötzlich gesperrt worden. Jochen Matthes machte Staudte ernstliche Vorwürfe: "Was haben Sie bloß gemacht! Wie konnten Sie auch zum 1. Mai eine Rede auf Stalin halten?"

Staudte: "Ich war ja am 1. Mai gar nicht in Berlin!" Joachim Matthes konnte nur rekapitulieren, was man ihm aus Bonn telefonisch mitgeteilt hatte: Daß ein Regisseur, der im Osten politische Hetzreden hält, für eine Bundesbürgschaft wohl nicht geeignet sei.

Das West-Berliner Büro des Amtes für Verfassungsschutz hatte so genau gearbeitet, wie Geheimdienste heutzutage arbeiten. Das Hohe Kommissariat der französischen Republik in Deutschland selbst trat den Gegenbeweis an: "Man kann nur mit Erstaunen von den Vorwürfen Kenntnis nehmen, denen Sie wegen einer angeblichen politischen Rede ausgesetzt sind, die Sie anläßlich des 1. Mai d. J. in Ost-Berlin gehalten haben sollen. Die Anschuldigung, die im übrigen recht verachtenswert ist, erscheint einigermaßen drollig. Mit freundschaftlichen Grüßen - Die Generaldirektion für kulturelle Angelegenheiten der französischen Hochkommission."

An jenem 1. Mai, an dem Staudte nach den Feststellungen der Verfassungsschützer eine Stalin - Hymne angestimmt haben sollte, hatten 250 deutsche, französische, englische, belgische, holländische und Schweizer Teilnehmer eines von der französischen Hohen Kommission veranstalteten Filmtreffens im Hotel Herbrecht in Bacharach Wolfgang Staudte am Tische des Monsieur François-Poncet sitzen sehen.

Wolfgang Staudte glaubte, damit die Sache erledigt zu haben. Weit gefehlt. Für Bonn war der französische Brief kein ausreichender Beweis. Die Bundesbürgschaft blieb verweigert.

Es war, nach Produzent Matthes, ein "apartes Dilemma". Inzwischen schien die Sonne, die Schauspieler saßen herum und kosteten Geld. Im Hamburger Tierpark Hagenbeck waren die Kameras und Scheinwerfer aufgebaut, das technische Personal wartete auf Arbeit und Löhne.

Telefonisch brachte man in Erfahrung:

* Das Innenministerium sei bereit zur Bundesbürgschaft, wenn ein anderer Regisseur den Film übernähme. Der Fall Staudte sei noch nicht ganz geklärt.

Produzent Matthes fuhr zur Klärung nach Bonn.

Seine Aktennotizen vom Freitag, dem 29. September 1951: "Innenministerium, Regierungsdirektor Dr. Lüders, 9.30 Uhr.

"Herr Dr. Lüders hält Herrn Staudte für einen der ganz wenigen Regisseure, den wir auf Grund seiner bisherigen Leistungen und seiner Qualifikationen in jedem Falle an Filmvorhaben in Westdeutschland binden müssen.

"Im Anschluß an das ca. eine Stunde dauernde Gespräch, in dem Herr Dr. Lüders abschließend erklärte, daß die Bearbeitung des 'Falles Staudte' nicht in sein Ressort fällt, sondern von einer Abteilung vorgenommen wird, der Herr Dr. Hagemann vorsteht, gingen wir gemeinsam zu Herrn Dr. Hagemann.

"Nach einem langen Gespräch, das Herr Dr. Lüders und Herr Dr. Hagemann allein hatten, wurde ich zu der Unterhaltung hinzugezogen. Herr Dr. Hagemann eröffnete mir:

* Er kennt den Namen Staudte erst seit wenigen Tagen in Verbindung mit der camera-Film. Vorher hat er niemals etwas über Wolfgang Staudte gehört und auch nicht gewußt, daß er Regisseur ist."

Daß Herr Geheimrat Hagemann dergleichen nicht wußte, war nicht etwa ein Zeichen für Uninformiertheit im Amt. Er ist nämlich der Leiter des Bundeskriminalamtes, und er hat sich zeit seines Lebens mit nichts anderem beschäftigt als mit der Unschädlichmachung von großen und kleinen Verbrechern.

Weiter in der Aktennotiz des Produzenten Matthes: "Um eine klare Situation zu schaffen, wünscht Dr. Hagemann, daß ich Herrn Staudte veranlassen möchte:

* einen deutlichen antikommunistischen Artikel zu publizieren,

* dem Innenministerium gegenüber eine Erklärung abzugeben, daß er - Wolfgang Staudte - in Zukunft nicht mehr bei der DEFA arbeiten wird.

Darüber hinaus würde es Herr Dr. Hagemann begrüßen, wenn Herr Staudte möglichst bald einen antikommunistischen Film inszeniert."

Matthes: "Ich lehnte natürlich ab, Staudte derartige Vorschläge zu unterbreiten."

Auf seinem Gang durch die Bonner Instanzen sprach camera-Chef Matthes bei dem Bundestagsabgeordneten Dr. Vogel vor. Der Vorsitzende des Ausschusses Presse, Funk und Film "hatte nur wenige Minuten Zeit, und die Dinge waren ihm fremd". Seine persönliche Referentin versprach, "mit Dr. Hagemann zu telefonieren".

"Bundeswirtschaftsministerium - Herr Dr. von Mangold ... erklärte mir, daß alles getan werden müsse, um Herrn Staudte ... in Westdeutschland arbeiten zu lassen", vermerkte Produzent Matthes in seiner

Aktennotiz. Von Mangolds Sachbearbeiter Schattenberg schickte Matthes zu Dr. von Cölln, der nach einem längeren Telefongespräch mit einem Herrn von Wendorf erklärte, daß

* Innenminister Lehr für jedes Filmvorhaben in der Bundesrepublik einen eingehenden Vortrag seiner Referenten über den zu behandelnden Stoff und die Art seiner Durchführung wünscht, und "für diesen Vortrag leider bei dem Herrn Innenminister noch keine Gelegenheit war".

Das einzig Positive, das Produzent Matthes aus Bonn mit nach Hamburg brachte, war die Nachricht, daß die Verfassungsschutzakte "Wolfgang Staudte" leer war. Bis auf einen Zettel mit roter Schrift: "Wegen Staudte nachfragen."

Matthes' Ueberlegung, daß also gegen Staudte nichts vorliegen könne, verleitete ihn, Wolfgang Staudte die künstlerische Gesamtleitung der camera-Film für die nächsten fünf Jahre anzubieten.

"Weil die Sonne scheint", beginnt Staudte mit vier Kameras bei Hagenbeck zu arbeiten. Als man bei den Regie-Besprechungen für den nächsten Tag zusammensitzt, kommt ein Telegramm. "Aus Bonn", frohlockt Matthes, "paß auf, das ist die Zusage."

Es ist die Absage: "Entscheidung Staatssekretär Bleek lautet: Zustimmung nur, wenn Staudte unbefristet erklärt, nicht wieder bei DEFA zu drehen. - Innenministerium, Lüders."

Matthes ist betroffen. Staudte tobt. "Das ist Freiheitsberaubung. Habt Ihr hier denn gar keinen Anstand? Ich falle doch der Firma, die mich fünf Jahre lang großartiger behandelte als Bonn die letzten Wochen, nicht in den Rücken und erkläre ihr, ich habe unterschrieben, nie wieder bei Euch zu drehen!"

Staudte: "Genau so brüsk hätte ich mich bei einem gleichen Verlangen der Metro-Goldwyn-Mayer verhalten. Das hieße ja, alles, was vorher geschah, wäre falsch und schlecht gewesen. Es gibt keine Währung, die einem das bezahlen kann. Die Entscheidung für den Westen hätte doch wohl mir allein und meiner im Laufe der Arbeit entstandenen Meinung überlassen bleiben müssen."

Wolfgang Staudte, der den gerade begonnenen "Gift im Zoo"-Film nicht gefährden will, fährt nach Berlin zurück. Gerade rechtzeitig genug, um von Einheitsvater Wilhelm Pieck den ostdeutschen Nationalpreis II. Klasse entgegenzunehmen.

"Fällig war er längst", freute sich der ehrgeizige Künstler Staudte, und dachte nicht an den politischen Strick, der ihm in Westdeutschland wegen "der provokatorischen Annahme einer SED-Auszeichnung" gedreht wurde. Aus der Nazi-Zeit noch hätte den Westdeutschen in Erinnerung sein können, daß Künstler nicht zu halten sind, wenn es einen Preis gibt.

"Ich bekam den Preis ausschließlich für die künstlerische Gestaltung und Regie des 'Untertan'."

Der "Untertan" ist ein Paradebeispiel ostzonaler Filmpolitik: Man läßt einen politischen Kindskopf wie den verwirrten Pazifisten Staudte einen scheinbar unpolitischen Film drehen, der aber geeignet ist, in der westlichen Welt Stimmung gegen Deutschland und damit gegen die Aufrüstung der Bundesrepublik zu machen. Der Film läßt vollständig außer acht, daß es in der ganzen preußischen Geschichte keinen Untertan gegeben hat, der so unfrei gewesen wäre wie die volkseigenen Menschen unter Stalins Gesinnungspolizei es samt und sonders sind. Andererseits enthält Staudtes "Untertan" Szenen, die ein westdeutscher Untertan Kanonen - Lehrs, der

demnächst sogar noch Zeitungen verbieten will, nur mit Ergötzen ansehen kann.

Aus der Liste der unbeschäftigten Regisseure hat sich camera-Chef Joachim Matthes indessen Hans Müller ausgewählt. Müller war bundesbürgschaftswürdig. Trotz seiner im Osten gedrehten Filme "Eins, zwei, drei Corona" und "Bürgermeisterin Anna". Der Sowjetzone allerdings hat Regisseur Müller auch noch nicht öffentlich abgeschworen.

Produzent Matthes war nicht glücklich, ebensowenig wie Regisseur Müller, der in Lüdenscheid/Westfalen eine Drogerie besitzt, weswegen er mancherorts unter dem Spitznamen "Drogen-Müller" bekannt ist. Müller hatte die schwierige Aufgabe, sich in das Drehbuch, das Staudte nach seiner eigenen Konzeption vollkommen durchgearbeitet hatte, einzuarbeiten. Wieder stockten die Dreharbeiten.

Matthes schickte dringende Telegramme nach Berlin. Staudte solle noch einmal kommen, um Müller einzuweisen. Und Staudte kam. Während Hans Müller im Hotel das "Gift im Zoo"-Drehbuch in seinen Müller-Stil umschrieb, drehte Staudte bei Hagenbeck wieder ein paar Szenen im Staudte-Stil. "Und wenn nun die Journalisten kommen und wissen wollen, was sie hier machen?", fragte man Staudte. "Dann sage ich denen: "Ick vafresse hier meinen Nationalpreis."

Am dritten Drehtag Staudtes erschien ein Journalist bei Hans Müller im Hotel: "Sie sind also der Strohmann für Staudte!" Müller, auch nicht ohne künstlerischen Ehrgeiz, platzte

Durch die aufgebrachte Presse - Die Welt: "Ein ostzonaler Würdenträger dreht in Hamburg" - erfuhr Staudte: man könne wegen vertraglicher Verpflichtungen ihn. Staudte. nicht loswerden.

Verärgert reiste Staudte nach Berlin ab, wo er die Brücke nach dem Westen - und damit zu einem eventuellen Biennale-Preis - mit einem Revanche-Interview im sowjetisch lizenzierten "Nacht-Expreß" abbrach: Der westdeutsche Film sei eine einzige unglaubliche Groteske Wenn man in Westdeutschland Filme machen wolle, beginne

das mit einem monatelangen Gespräch mit Ministerialräten, Senatoren, Bankdirektoren und Snobs. (Leider wahr. Aber was wäre, wenn in der Sowjet-Zone jemand auf die Idee verfiele, einen Film zu drehen?)

Regisseur Müller faßte das Drehbuch ganz anders auf als Staudte. Wo Staudte sich mit Andeutungen begnügte und der Phantasie des Zuschauers Spielraum ließ, ging Müller mit der Pedanterie eines Westfalen erklärend ins Detail. Der ewig zigarrenrauchende Regisseur ("Zigarren-Müller") drehte den Film mit so gleichmäßiger Ruhe und Exaktheit, daß Hauptdarsteller Ernst Schröder, den Staudte seinerzeit für die Rolle des Tiermörders Beck aus Berlin geholt hatte, den Satz prägte: "Das Filmen ist des Müllers Lust."

Bis zum letzten Drehtag wurden Texte geändert. Die Änderungen umfaßten schließlich 80 Drehbuchseiten. Zum Teil hatten aber auch die Tiere daran schuld. Sie reagierten häufig anders, als man es laut Drehbuch von ihnen erwartete, obwohl sie in Hagenbecks Freigehegen ein halbes Jahr durch spezielle Fütterung auf ihre Filmarbeit vorbereitet worden waren.

Obwohl der gesamte Tierpark Hagenbecks als Komparserie mitwirkte, waren weder die Menschen noch die Tiere versichert. Produzent Matthes hatte die Schauspieler von vornherein darauf hingewiesen, daß sie die Verantwortung selbst tragen müßten. "Die Versicherungsquote bei wilden Tieren liegt so hoch, daß man allein von diesem Geld einen neuen Film drehen könnte."

Ganz ohne Gefahr war die Dreharbeit nicht, obwohl Tierarzt, Tierwächter und Polizisten mit Wasserschläuchen bereitstanden. Der alte Nikolai Kolin zum Beispiel, der einen Tierpfleger zu spielen hatte und sich den Zoogehegen mit Mißtrauen näherte, wurde mehrfach gebissen: zweimal von einem Affen, einmal von einem Papagei.

Ueber zehnmal ging die 65 Jahre alte Elefantenkuh Kiri auf ein indisches Kommando zu Boden, damit Tierarzt Karl

Raddatz ihr Herz und Lunge abhören konnte. Zweimal entkam er mit knapper Not den Hufen des Kolosses, der sich, des Liegens müde, eigenmächtig wieder auf die Beine stellte.

Allein zwei Stunden dauerte es, bis Raddatz den 40 Zentner schweren Nashornbullen Jonathan in die richtige Position vor die Kamera dirigiert hatte. Erst nach intensiver Fütterung mit Zwiebeln nahm das Tier, durch Menschen und Jupiterlampen irritiert, die Nähe von Wattebausch und Skalpell in Kauf. Es hatte einen Tag gehungert.

Irene von Meyendorff verkündete, es sei alles ganz einfach, man dürfe nur keine Angst haben. Mit englischen Kommandos und kleinen Fischen dressierte sie selbständig eine Seelöwengruppe, als ob sie das von Kind auf gemacht hätte. Hagenbeck-Zooverwalter Kurt Wegener war beeindruckt: "Anscheinend Naturtalent".

Während der ganzen Drehzeit zog die Meyendorff in Begleitung des ständig knurrenden Geparden "Rigo" durchs Ateliergelände. Einschließlich seines Herrn, des Dompteurs Cornee, hatte "Rigo" so ziemlich alle Menschen gebissen, die länger

mit ihm arbeiteten. Unter anderem Harry Piel in Köln bei den Aufnahmen zu "Tiger Akbar".

Joachim Matthes verschlug es manchmal den Atem, etwa, wenn er seine Frau Irene auf einem Walroß reiten oder von dem Stoß eines Elefantenrüssels durch die Luft fliegen sah. Energisch wurde er erst, als Irene sich bei dem Versuch fotografieren ließ, mit ihren Zähnen dem Geparden ein Stück Kalbfleisch aus dem Maul zu reißen. Sie möge daran denken, schritt Matthes ein, daß sie laut Vertrag noch drei Wochen zu drehen habe.


DER SPIEGEL 50/1951
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