26.11.2001

BERLIN„Bis es quietscht“

Berlins Regierender Bürgermeister Wowereit brilliert als Party-König - die Sanierung der Hauptstadt und die Koalitionsbildung kommen nur mühsam voran.
Ein Fehler? Ein Fauxpas? Eine Peinlichkeit? Nein, Klaus Wowereit, Berlins Regierender Bürgermeister, lässt sich die gute Laune nicht verderben. "Hätt ich", gluckst er wie immer quietschvergnügt, "igitt, igitt sagen und den Schuh fallen lassen sollen?"
Es ging auf zwei Uhr morgens zu, die Bambis waren verteilt und Kylie Minogue längst auf dem Heimweg. Da hielt eine leicht bekleidete Dame von Tisch acht dem Charmeur aus Reihe eins der Politik ihren roten Stöckelschuh hin und hauchte "Wowi" ins Ohr: "Tun Sie mal was für Ihr Image." Brav befolgte Wowereit den nächtlichen Rat der Schauspielerin Birgit Stojanov, nahm den Stiletto Marke Luxor di Padovan, Größe 38, in die linke, eine Flasche Schampus in die rechte Hand und griente in die Kameras, wie es bei solchen Anlässen einst Harald Juhnke tat. Danach gab's Küsschen für die Klein-Künstlerin (etwa als dekorative Badewannenleiche bei "Adelheid und ihre Mörder") und Hummer und gefüllte Wachteln für die anderen Gäste.
Viele bedeutende Begebenheiten am vorvergangenen Donnerstag im Hotel Estrel blieben den Bürgern der Hauptstadt verborgen, nur die eine natürlich nicht - jener geistvolle Dialog zwischen Kultur und Politik, der dem Polit-Aufsteiger des Jahres in den Lokalblättern einen neuen Titel einbrachte: "Regierender Partymeister" von Berlin.
Teils entsetzt, teils schadenfroh schoben sich die Ministerialen im Roten Rathaus, dem eigentlichen Arbeitsplatz des Stadtoberhaupts, die Partybilder zu. Und inmitten der Koalitionsverhandlungen von SPD, FDP und Grünen kamen in den vergangenen zwei Wochen fast täglich neue hinzu. Von der Aids-Gala bis zum Bundespresseball, von der Publishers Night über den Lucky Strike Designer Award bis zum Empfang in der Schweizer Botschaft - keine Fete ließ der Chef aus.
Klaus Wowereit genießt die Macht, seit er zum Regierenden Bürgermeister der deutschen Hauptstadt gewählt worden ist. "Stolz wie Bolle" ("Berliner Morgenpost") posiert Berlins ranghöchste Stimmungskanone seitdem mit Thomas Gottschalk ("Na, Wowi"), der Erotiksängerin Kim Fisher (Songbeispiel: "Wenn die Lust mich überfällt ...") oder der Schweizer Botschaftergattin Shawne Borer-Fielding ("I love you") - ganz nach Art seines Förderers Gerhard Schröder.
Was für den Niedersachsen in den ersten Monaten nach der gewonnenen Bundestagswahl 1998 der Brioni-Anzug war, ist für den Berliner der Smoking. Seht her, ist seine Botschaft, auch ein SPD-Bildungsstadtrat aus dem biederen Tempelhof kann es zu etwas bringen, er muss weder nach Amtsstube noch nach dem Schweiß der Arbeiterklasse riechen. Doch ähnlich wie Schröder, der sich lange "Spaßkanzler" schimpfen lassen musste, läuft nun sein Berliner Zögling Gefahr, Kredit bei den Wählern zu verspielen.
Niemand würde Wowereit seine Erfolge auf der Tanzfläche ankreiden, käme er auf dem politischen Parkett ebenso leichtfüßig voran. Doch da ist der Bürgermeister, der Wert darauf legt, dass in seiner Berufsbezeichnung das Wort "Regierender" nicht vergessen wird, eher schwergängig.
Ein Sanierungskonzept für die mit mehr als 70 Milliarden Mark heillos überschuldete Stadt hat er im Wahlkampf nicht etwa geheim gehalten - er hat einfach keins.
Auch die Regierungsbildung der Ampelkoalition macht nur mühsam Fortschritte. Wowereit, der die Große Koalition im Juni aufgekündigt hatte, weil er die CDU für Filz und Stillstand verantwortlich machte, wird nun daran gemessen, wie er mit der größten Krise der Stadt seit der Wiedervereinigung umgeht. Doch die erste Sanierung, die er nach seiner Wahl im Oktober persönlich auf den Weg brachte, ist die seines Amtszimmers, in dem er gern "für zehn Jahre" bleiben will. Diepgens Mobiliar wird jetzt großzügig gewöhnlichen Beamten angeboten.
Während der Regierende feiert, erreichen die Regierten fast täglich neue Horrornachrichten. Um die Stadt steht es viel schlimmer, als die SPD und ihr hoch gelobter Haushaltsexperte Wowereit noch im Sommer dachten. Im Etat fehlen nicht - wie lange angenommen - sechs, sondern mindestens zehn Milliarden Mark.
Bis zu 30 000 Stellen, forderte als Konsequenz in den vergangenen Woche die FDP, müssten im Öffentlichen Dienst abgebaut werden. Selbst vor dem letzten Tabu der Sparkommissare, dem Bildungsbereich, macht die SPD nicht mehr Halt. Die Zahl der Lehrer, schlug Innensenator Ehrhart Körting (SPD) vor, solle ebenfalls reduziert werden.
Instinktsicher setzt die CDU-Opposition schon mal auf die proletarischen Reflexe des Berliners. Es passe eben nicht zusammen, stichelt der scheidende CDU-Generalsekretär Joachim Zeller, wenn Wowereit "bis früh um fünf Uhr auf der Party bleibt, um am nächsten Morgen darüber zu diskutieren, wie viele Lehrer entlassen werden sollen". Das "neue Berlin der Clubs und Sektempfänge", glaubt Zeller, "spiegelt nicht die Probleme der restlichen 3,4 Millionen Berliner wider".
Auch zwischen den SPD-Senatoren brechen Konflikte bereits offen auf. In interner Runde drohte Schulsenator Klaus Böger sogar mit dem Rücktritt: Für Kürzungen bei der Bildung stehe er "nicht zur Verfügung".
Nur Wowereit selbst äußert sich öffentlich kaum noch politisch - nicht einmal zu dem Chaos in den eigenen Reihen. In den Koalitionsverhandlungen sorgt er für zusätzliche Verwirrung, schlägt schon mal vor, den Staatsdienern das 13. Monatsgehalt zu streichen und Lehrern bei der Einstellung das Gehalt zu kürzen - um dann in der vergangenen Woche nicht einmal an den heiklen Verhandlungen mit den Gewerkschaften teilzunehmen. Seine bemerkenswerteste programmatische Grundsatzerklärung hätte auch aus dem Mund von Verona Feldbusch stammen können: Berlin müsse "sparen, bis es quietscht".
Einen "Mentalitätswechsel" für die Subventionshochburg Berlin hatte Wowereit im Juni beim Sturz seines Vorgängers Eberhard Diepgen (CDU) angekündigt. Seine Partypräsenz hält er für einen Teil dieses Wechsels. Wowereit ("Ich war auch beim Jubiläum der Caritas") ist fest davon überzeugt, dass in einer bettelarmen Stadt wie Berlin nur das Werben um Sympathie hilft - und es macht ihm auch noch Spaß. Jeder Ball sei für ihn "eine erweiterte Sprechstunde", wehrt er Vorwürfe ab. "Das sind alles Kontaktbörsen für mich."
Kleinen Begegnungen wie der Episode mit dem roten Schuh misst er große Bedeutung zu. Die Schauspielerin Stojanov beispielsweise hat er schon für Berlin gewonnen. Ihr Lebensgefährte ist Chef des Musiklabels Polydor, dessen Umzug von Hamburg an die Spree Wowereit im Sommer besiegelt hatte. "Schön zu sehen, dass Berlin einen so tollen Bürgermeister hat", schwärmt Stojanov. "Wie souverän der ist!"
So bemüht sich Wowereit persönlich um einzelne Steuerzahler. Auch Sabine Christiansen, Wowereits Tischdame beim Presseball, lobt, der neue Bürgermeister tue "viel für die Stadt". Seine unvoreingenommene, kommunikative Art entspreche eben "dem neuen Bild der Stadt".
Selbst Feministin Alice Schwarzer, nicht gerade Symbol der Sinnlichkeit, berichtet begeistert, ihr Zusammentreffen mit Wowereit beim Presseball sei "ein Glücksfall" gewesen. Wowereit mache einen so "offenen vitalen Eindruck" - der Hedonist hatte Schwarzer einfach beherzt auf die Tanzfläche geführt und "irgendwas zwischen Rock und Fox" (Schwarzer) vorgeführt.
Radikaler hätte der Bruch an der Spitze Berlins in der Tat nicht sein können. Der bekennende Preußen-Fan Diepgen war stets auf Konsens mit Arbeitern und Angestellten bedacht. Bis spät in den Abend umgab sich Diepgen am liebsten mit Akten und allenfalls mit lokalen Kulturgrößen wie Günter Pfitzmann.
Wowereit dagegen gehört auf den Empfängen der "Hauptstadt des Entertainments" (Bambi-Verleiher Hubert Burda) mittlerweile zum Establishment wie Ariane Sommer oder Wolfgang Joop. Zeigte sich der Christdemokrat in seiner Freizeit gern mit Ehefrau vor seinem Ferienhaus in der Lüneburger Heide, führte der Sozialdemokrat ("Ich bin schwul, und das ist auch gut so") vor zwei Wochen souverän und selbstverständlich seinen Lebensgefährten Jörn Kubicki in die Berliner Gesellschaft ein.
"Berlin ist und bleibt gewissermaßen auffällig, um nicht zu sagen exzentrisch", bekennt Wowereit und fügt hinzu: "Exzentriker werden, wie Sie wissen, geliebt oder verabscheut."
Doch der erhoffte Imagewechsel der Hauptstadt kann nur gelingen, wenn sein Regierungsbündnis bald zu Stande kommt. Auch wenn Wowereit beteuert, die Koalitionsverhandlungen lägen "super in der Zeit", ist fünf Wochen nach der Wahl kaum einer der entscheidenden Punkte geklärt. Bei den wichtigsten Themen - der Sanierung der maroden Bankgesellschaft Berlin sowie dem Bau des Großflughafens - sieht die Lage schlechter aus als erwartet.
Im Roten Rathaus gilt es als offenes Geheimnis, dass die defizitäre Bankgesellschaft Berlin beim erhofften Verkauf kaum noch etwas einbringen wird. Und beim geplanten Großflughafen erwarten die Senatsexperten an diesem Freitag ein kaum annehmbares Angebot des privaten Konsortiums, das den Airport bauen soll. Wowereit müsste sich dann entscheiden, ob die öffentliche Hand den Flughafen selbst finanziert - oder die Pläne komplett zurückzieht.
Selbst der schon vor der Wahl forsch angekündigte Berlin-Pakt, eine umfangreiche Bittliste der Hauptstädter an ihren Kanzler, ist noch nicht verhandelt. Nüchtern vermerkt das Protokoll der letzten Koalitionsgespräche: "Nicht besprochen".
Wowereit scheint auch bei diesem Vorhaben ganz auf den politischen Nahkampf zu setzen, auf seinen guten Draht zum Kanzler. Auf dem SPD-Parteitag in Nürnberg wurde Berlins Regierender mehrfach an der Seite des Kanzlers gesichtet, was Wowereits Getreue als Indiz dafür deuten, dass der Bund Berlin schon helfen werde.
Nur eine launige Bemerkung Schröders nach einem Treffen mit Kindern irritierte manchen Berliner Genossen. Befragt nach ihrem Berufsbild vom Bundeskanzler hatte einer der Grundschüler gemutmaßt, der mächtigste Mann im Staate könne den ganzen Tag "saufen". "Darin", versicherte Schröder dem neunjährigen Stefan treuherzig, "erschöpft sich meine Tätigkeit wirklich nicht. Das können sich nur Ministerpräsidenten leisten."
Ob er da an seinen neuen Freund "Wowi" dachte? WOLFGANG BAYER,
STEFAN BERG, HOLGER STARK
Von Wolfgang Bayer, Stefan Berg und Holger Stark

DER SPIEGEL 48/2001
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