26.11.2001

„Organisierte Pleite“

Staatsanwälte ermitteln, ob die Swissair vor dem eigenen Konkurs noch den Partner Sabena ausgenommen hat.
Als der Airbus mit der Flugnummer SN 690 sicher gelandet war, bat der Pilot seine Crew um etwas Ungewöhnliches: Man wolle gemeinsam schweigen und trauern. Es war der 7. November. Und es war der letzte Flug der belgischen Airline Sabena. Sie war pleite.
Wenige Stunden vorher geschah noch weit Merkwürdigeres: Polizisten der Brüsseler "Aufspürungsbrigade 4" drangen in die Privatwohnungen von vier Managern und in das Firmengebäude Sabena House am Flughafen Zaventem ein.
Mittlerweile ermitteln Staatsanwälte. Die Vorwürfe reichen von der Unterschlagung von Bilanz- und Vermögensunterlagen bis zur Abzweigung von Firmenvermögen.
Die Verfahren laufen gegen unbekannt, konzentrieren sich aber ausgerechnet auf die Swissair, die 49,5 Prozent am Sabena-Kapital hielt, von 1995 an bei dem belgischen Partner das Sagen hatte und nun selbst pleite ist. Im Visier der Fahnder sind auch die beiden letzten Sabena-Chefs, Paul Reutlinger und Christoph Müller, die einst von der Swissair entsandt worden waren.
"Die Swissair hat uns ausgeplündert", sagt Phillip van Rossem, Ex-Sabena-Pilot und Sprecher der Belgian Cockpit Association (BCA). Van Rossem spricht von einer "organisierten Pleite". Der Brüsseler Untersuchungsrichter Jean-Claude Van Espen prüft derweil die Hauptvorwürfe anhand von Materialien, die ihm von Sabena-Insidern übergeben wurden:
* Nach einem Aufsichtsratsbeschluss im November 1997 orderte die belgische Fluggesellschaft 34 Airbusse. Da die kleine Airline schon hoch verschuldet war, musste die Gesellschaft die Jets leasen. Seltsamerweise wurde für jedes Flugzeug eine eigene Leasinggesellschaft in Offshore-Zentren errichtet.
* Hatte die Sabena bisher Boeing-Maschinen geleast und für den Jet 35 000 Dollar im Monat bezahlt, musste sie für jeden Airbus plötzlich 300 000 Dollar monatlich überweisen. Das Geld soll an die Offshore-Firmen, zum Teil aber auch an die Swissair-Tochter Flightlease transferiert worden sein, die, so behauptet der Noch-Swissair-Sprecher Peter-Urs Naef, jedoch "nur für das Know-how der Flottenerneuerung zuständig" gewesen sein soll. Leute wie der Belgier van Rossem vermuten, dass bei der Durchleitung der Millionen nicht nur die üblichen Gewinne hängen geblieben sind. "Es könnte jemand auch kräftig die Hand aufgehalten haben."
* Im Januar 2000 gründeten Sabena und Swissair die Gesellschaft Airline Management Partnership (AMP), um Synergien zu nutzen. Doch die Kosten sanken nicht, sondern explodierten: Gab die Sabena 1999 noch 8,8 Millionen Euro für die Verköstigung der Reisenden aus, waren es ein Jahr später fast 50 Millionen - eine Steigerung um 468 Prozent. Selbst der noch amtierende Sabena-Chef Christoph Müller räumt ein: "Durch die Fusion in der Airline Management Partnership haben wir unsere Unabhängigkeit verloren. Wir wurden dazu gedrängt, Dienste zu kaufen, die wir anderswo manchmal billiger bekommen hätten."
Auch in Zürich ermittelt deshalb mittlerweile der Staatsanwalt für Wirtschaftsdelikte. SYLVIA SCHREIBER
Von Sylvia Schreiber

DER SPIEGEL 48/2001
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