DER SPIEGEL



JOURNALISTEN

Der wirkliche Krieg

Von Rosenbach, Marcel; Schulz, Thomas; Smoltczyk, Alexander

In Afghanistan sind bisher mehr Reporter ums Leben gekommen als Soldaten der westlichen Militärallianz. Die Arbeit der Medien im einstigen Reich der Taliban ist chaotischer als in jedem anderen Krieg zuvor.

Es ist ein Stellungskrieg gewesen. Verschanzt in den Luxushotels von Peschawar und Islamabad, haben die Kriegsreporter gewartet, unrasiert und so frustriert, dass sie zuletzt schon anfingen, sich gegenseitig zu beschreiben. Eingegraben in die immergleichen Storys über Flüchtlinge und bärtige Männer, die Puppen verbrannten, überdrüssig des ewigen Kriechens im Staub vor dubiosen Kommandeuren.

Nichts ist tödlicher als dieses Warten. Dieses Fiebern, dass irgendetwas losgeht. Etwas Richtiges. Egal, was. Nur weg von den Pools, runter von den Hoteldächern, raus aus Hodscha Bahauddin, dem elendigen Notaufnahmelager für Kriegsreporter ohne Krieg.

Jetzt hat die Offensive begonnen. Nach 33 Tagen des Wartens sind rund tausend Journalisten ins sturmreif geschossene Reich der Taliban einmarschiert, und mancher erreichte Kabul noch vor den Truppen der Nordallianz.

John Simpson, ein Kriegsveteran der BBC, beschrieb zum Erstaunen seiner bereits anwesenden Kollegen, wie es ist, als Journalist Kabul einzunehmen: "Was für ein belebendes Gefühl, diese Stadt zu befreien. Es waren die BBC-Mitarbeiter, die diese Stadt befreiten."

Aber der wirkliche Krieg, das kalte und dreckige Sterben weit weg von Redaktionen, Familien, Sinnhaftigkeit ließ nicht auf sich warten.

Gleich am dritten Tag der Offensive starben der freie "Stern"-Reporter Volker Handloik und die französischen Reporter Johanne Sutton und Pierre Billaud. Sie hatten einen angeblich aufgegebenen Schützengraben der Taliban besichtigen wollen und standen unter dem angeblichen Schutz eines Panzerfahrzeugs der Nordallianz.

Gerade eine Woche später fuhr ein Journalistenkonvoi auf der Straße von Jalalabad in Richtung Kabul. 150 Kilometer Geröllpiste, von russischen Panzern verwüstet und befahrbar nur mit zehn Stundenkilometern. An einer Stelle muss ein ausgetrocknetes Flussbett durchquert werden. Hier fand ein Busfahrer am vergangenen Montag die Leichen von vier Journalisten am Straßenrand. Überall Patronenhülsen und Blut. Die Klettverschlusstaschen ihrer Jacken waren nach außen gekehrt.

Unter den Toten waren Maria Cutuli vom Mailänder "Corriere della Sera" und Julio Fuentes von der spanischen "El Mundo". Beide hatten erst am Tag zuvor einen Scoop gelandet. In dem aufgegebenen Ausbildungslager der al-Qaida in Farm Hada, 20 Kilometer südlich Jalalabads, entdeckten sie zwischen Granaten, Minen und Raketen 20 Glasampullen, auf denen in kyrillischer Schrift "Sarin" stand, das tödliche Nervengift.

Maria Cutuli hatte gehofft, ihre Geschichten würden ihre Redaktion davon abhalten, sie wie geplant zurück nach Mailand zu beordern. Sie wollte mit ihren Berichten in den Rang der Sonderkorrespondenten aufgenommen werden. Ihr Fahrer sagte, die Journalistin sei zuerst gesteinigt und dann aus nächster Nähe erschossen worden.

Mit Cutuli und Fuentes starben der australische Kameramann Harry Burton und der Fotograf Azizullah Haidari, beide von der Nachrichtenagentur Reuters, beide erfahrene und umsichtige Kriegsreporter. Alle Nichtjournalisten in den Fahrzeugen wurden laufen gelassen.

Afghanistan zeigt sich den Journalisten so, wie sie es aus der Ferne immer beschrieben haben. Unberechenbar. Gefährlicher als Saigon während der Tet-Offensive. In diesem Krieg ist die Zahl der getöteten Journalisten größer als die der toten Soldaten auf Seiten der westlichen Militärallianz.

In den 21 Jahren des Vietnam-Kriegs sind 63 Journalisten ums Leben gekommen. In Afghanistan sind in den ersten zwei Wochen der Befreiungsoffensive schon sieben Reporter erschossen worden, keiner von ihnen war ein Draufgänger.

Womöglich sind es sogar zehn Opfer. Am Donnerstag meldete das iranische Fernsehen, dass auf der gleichen Geröllpiste von Jalalabad nach Kabul drei andere Reporter getötet worden seien. Die Meldung wurde von der Nordallianz bestätigt, von der afghanischen Polizei jedoch dementiert. Es spricht für das Chaos in Kabul, dass auch nach zwei Tagen niemand widerlegen konnte, dass drei Journalisten einfach abhanden gekommen sind. Wahrscheinlich waren es Freelancer, keine Redaktion meldete Vermisste. Zurzeit ist alles denkbar.

Ein NBC-Team fand im Hinterzimmer seiner frisch gemieteten Wohnung in Kabul eine scharfe 225-Kilo-Bombe. "Ich habe schon vieles erlebt, aber so etwas noch nicht", sagt Jürgen Osterhage. Der ARD-Korrespondent haust mit vier anderen Kollegen im Müllraum eines heruntergekommenen Hotels. "In Kabul ist das Risiko überschaubar, aber außerhalb der Stadtgrenzen herrscht Anarchie. Viel zu viele Stammesfürsten."

Antonia Rados von RTL wird die "Todesstrecke" nicht mehr benutzen: "Es besteht die Möglichkeit, mit der Uno über den Flughafen Bagram, 16 Kilometer außerhalb, auszufliegen. Es kostet allerdings 2500 Dollar, womit es den vielen freien Kollegen besonders schwierig wird, Kabul auf dem sicheren Luftweg zu verlassen."

Am schlimmsten seien die freien Journalisten dran, sagt Osterhage. "Die müssen ihre Geschichten unbedingt finden, um zu ihrem Geld zu kommen." Mit dem schär-

feren Wettbewerb auf dem Medienmarkt hat sich die Zahl der journalistischen Freischärler besonders unter den Fotografen und Kameraleuten drastisch erhöht. Sie sind bereit, jedes Risiko in Kauf zu nehmen, um möglichst eigene, ungesehene und damit gut verkäufliche Bilder zu bekommen.

Aber es ist bezeichnend für die Lage im neuen Afghanistan, dass es gerade nicht dieser Typus des Kriegsreporters war, der ums Leben gekommen ist.

Jeder ist in Gefahr. "In diesem Konflikt kann niemand mehr auf journalistische Immunität pochen. Die Journalisten werden klar einer Kriegspartei zugeordnet", sagt RTL-Chefredakteur Hans Mahr, der selbst unter anderem vom Jom-Kippur-Krieg berichtet hat. Und: "In den letzten Tagen gab es sicher einen gewissen Druck aus den Heimatredaktionen: Jetzt seid ihr schon so lange in Pakistan und im Norden gewesen, jetzt liefert mal Bilder aus dem ehemaligen Taliban-Reich." Gute Korrespondenten, so Mahr, wüssten damit aber umzugehen: "Sicherheitsdenken ist wichtiger als jedes Sicherheitstraining."

Das Nachrichtengeschäft ist rauer, die Kombattanten sind skrupelloser, die Fronten kaum noch auszumachen. Der Krieg des Guten gegen das Böse, von dem George W. Bush in seinen Reden erzählt, zerfällt bei näherem Hinsehen in jede Menge Klein- und Kleinstkriege, in Stämme, Clans, tschetschenische Söldner, arabische Soldateska, Korankommissare aus Kairo und lokale Straßenräuber. Und alle sind schon viel zu lange bei der Sache, um sich beim Erschießen eines Wehrlosen Gewissensfragen zu stellen - auch wenn der mit dem Presseausweis droht.

Ernest Hemingway konnte seine Depeschen aus dem spanischen Bürgerkrieg noch gemütlich im Imperfekt schreiben: "Vor uns kreisten fünfzehn leichte Heinkel-Bomber, begleitet von Messerschmitt-Jägern, und sie kreisten und kreisten wie Geier über einem Tier, die darauf warten, dass es stirbt."

Damals gab es noch keine Satellitentelefone, keinen Chef, der an die Deadline erinnert, keine tausend Kollegen, die ebenfalls nach den Bombern Ausschau gehalten haben. In Zeiten der 24-Stunden-Nachrichtensender wächst der Druck auf jeden Journalisten, schneller und mehr und Besseres zu liefern.

Der Typ des modernen Kriegsreporters ist in Vietnam entstanden. "In Saigon haben wir auf der Terrasse des Continental Palace gefrühstückt und sind dann mit dem Taxi zur Front gefahren. Abends schweißgebadet zurück, heiß geduscht und bereit zur Party", sagt Klaus Liedtke, Chefredakteur von "National Geographic Deutschland", der 1975 bei der verdeckten Recherche hinter den Linien als vermeintlicher amerikanischer Spion von den Vietcong verhaftet wurde.

Aber er fügt hinzu: "Es ist barbarischer geworden. In Vietnam waren die Gegner zivilisierter, haben einen nicht gleich an die Wand gestellt."

Vietnam war die Ausnahme. Nie wieder würden Reporter derart unbehindert durchs Militär aus dem Krieg berichten können. Der Golfkrieg wurde von Generälen wie Colin Powell geführt, die in Vietnam gewesen waren und erlebt hatten, wie schnell eine zu realistische Beschreibung einen Krieg unpopulär machen kann - zu Hause vor den Bildschirmen.

Im Golfkrieg wurden die Reporter deshalb in "Pools" verpackt und in Begleitung von Presseoffizieren an der Front vorbeigelotst. Unter diesen Beobachtern gab es keine Toten. Es gab auch keine große Reportage, noch weiß man bis heute genau, was wirklich so alles passiert ist. Saddam Hussein mag noch an der Macht sein - aber den Medienkrieg am Golf haben die Pressemanager des Pentagon gewonnen.

In Bosnien erwachten die Kriegsreporter endgültig aus dem Hemingway-Traum. Die Front lauerte an jeder Straßenecke, und es soll Abschussprämien für jeden Journalisten gegeben haben.

Afghanistan, das ist jetzt Bosnien ohne Uno-Truppen. Aber mit zigmal so vielen Bürgerkriegsparteien. Und niemand versteht Englisch.

Robert Ménard, Generalsekretär von "Reporter ohne Grenzen", befürchtet, dass ausländische Journalisten als "Ersatzziele" herhalten müssen - solange US-Soldaten nicht zu erreichen sind.

BBC, Reuters, AP und CNN haben seit dem Krieg in Sierra Leone die Sicherheitsrichtlinien der Internationalen Journalistenvereinigung (IFJ) übernommen: Ohne Spezialausbildung, Kugelschutzweste, Lebensversicherung und psychologische Nachbetreuung darf niemand in Kriegsgebiete geschickt werden.

Das ZDF will sich jetzt anschließen. Diese Woche wollen auch die ARD-Intendanten auf ihrem Treffen in Potsdam über einen entsprechenden Verhaltenscodex beraten. Der Vorsitzende der ARD, Fritz Pleitgen, möchte in Zukunft nur noch "erfahrene und nach Möglichkeiten trainierte Journalisten in Krisengebiete" schicken. Man solle sich überlegen, "Journalisten mit einem international anerkannten Sonderstatus auszustatten, vergleichbar mit dem Roten Kreuz".

Es ist zweifelhaft, ob die Kennzeichnung wirklich Schutz bietet. David Kaplan, Fernsehreporter für ABC-News, wurde 1992 in Sarajewo in seinem Auto erschossen. Die Kugel schlug genau zwischen die Buchstaben T und V ein, die er auf seine Wagentür geklebt hatte.

"Wer sich für eine unabhängige Berichterstattung einsetzt, muss damit rechnen, dass Journalisten zu Tode kommen", sagt Winfried Scharlau, ehemals Kriegsreporter in Vietnam und Kambodscha. "Das ist leider eine unausweichliche Folge."

Aber vielleicht sind die Zeiten ohnehin vorbei, in denen Augenschein das wichtigste Mittel der Aufklärung ist.

Die spannendsten Berichte über den Afghanistan-Krieg entstanden bislang jedenfalls einige tausend Meilen von der Front entfernt. Von seinem Schreibtisch in Washington aus recherchierte Seymour Hersh für den "New Yorker", wie die Spezialeinheiten der USA knapp an einem Desaster vorbeikamen. Und Bob Woodward, der Aufdecker des "Watergate"-Skandals, hat über die geheimen Operationen der CIA in Afghanistan so detailliert geschrieben, als hätte er sie befehligt.

In Afghanistan selbst hält sich die Wahrheit nicht weniger verborgen als Osama Bin Laden. MARCEL ROSENBACH,

THOMAS SCHULZ, ALEXANDER SMOLTCZYK

* Mit Taliban-Botschafter Abdul Saif (2. v. r.) in Pakistan. * Bei Unruhen in Südafrika 1995.

DER SPIEGEL 48/2001
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://corporate.spiegel.de finden Sie Angebote für die Nutzung von SPIEGEL-Content zur Informationsversorgung von Firmen, Organisationen, Bibliotheken und Journalisten.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.

DER SPIEGEL 48/2001

Titelbild

Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!


Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Bei Spodats erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF

Artikel als PDF ansehen

JOURNALISTEN:
Der wirkliche Krieg

TOP



TOP