SEXUALITÄT
Kleben gegen Leben
In den USA ist ein neues Mittel zur Empfängnisverhütung zugelassen worden: das Antibaby-Pflaster. Es wirkt wie die Pille - nur besser.
Eigentlich haben die Ägypter die Pille erfunden, vor 4000 Jahren schon: Sie zerstießen Granatapfelkerne, um sie mit Wachs zu Scheidenzäpfchen zusammenzurollen. Wie schlau das war, können Forscher erst heute ermessen: Der Granatapfel enthält ein natürliches Östrogen, das den Eisprung verhindern kann.
Ein vergleichbares Hormon steckt auch in der modernen Antibaby-Pille. Aber trotz heutiger Perfektion - die Pille schützt theoretisch fast zu hundert Prozent - gilt Verhütung immer noch als unsicheres Geschäft. Denn ob Pille, Kondom oder Knaus-Ogino - fast alle Methoden können immer nur so gut sein wie der Mensch, der sich ihrer bedient: Die Pille täglich zu schlucken wird schnell mal vergessen; das Kondom, an sich hundertprozentig sicher, kann zum falschen Zeitpunkt herunterrutschen. Heimlicher, starker Kinderwunsch soll auch schon zu Sabotage durch Perforation des Gummis geführt haben.
Deswegen schwängern jedes Jahr Männer wieder weltweit 8 bis 30 Millionen Frauen trotz Verhütungsmittel. Insgesamt sind 75 Millionen Schwangerschaften ungewollt; 50 Millionen Frauen brechen sie ab. In den USA werden 3 Prozent der Pillennutzerinnen und eine von hundert Spiralenträgerinnen schwanger - und zwar schon im ersten Jahr, in dem sie verhüten. Gleiches gilt bei 12 von 100 Frauen, deren Partner sich Kondome überstülpten.
Endlich diese Unsicherheit beenden soll eine neue Verhütungsmethode, die vorige Woche von der amerikanischen Arzneimittelbehörde FDA zugelassen worden ist. Familienplanungsspezialisten rufen bereits eine neue Ära aus. Der Gegenstand ihres Entzückens: ein Pflaster.
Eher unattraktiv hautfarben, quadratisch, aber mit feminin abgerundeten Ecken und groß wie ein Streichholzbriefchen, soll das Klebzeugs den Eisprung verhindern - kleben gegen Leben.
Einmal aufgepappt auf Bauch oder Po, funktioniert "Ortho-Evra" nach dem Prinzip eines Nikotinpflasters: Molekül für Molekül sickern die Wirkstoffe Östrogen und Progesteron durch die Haut in den Blutkreislauf der Frau. Der Hormonvorrat reicht für eine Woche, dann kommt ein neues Pflaster auf die Haut. Nach drei Wochen folgen pflasterfreie, aber dafür blutigere Tage: Da darf die Frau menstruieren, wie gewohnt bei der Pille, im Rhythmus der Hormone.
Überhaupt, erklärt Dena Hixon von der FDA, sei das Produkt der Firma Ortho-McNeil, einer Tochter des Pharmakonzerns Johnson & Johnson, "der Pille sehr, sehr, sehr ähnlich". Die Gynäkologin Patricia Stephenson, die an den klinischen Studien zur Markteinführung mitgearbeitet hat, hält es "auch in seiner Wirksamkeit für vergleichbar mit der Pille".
In drei klinischen Studien weltweit setzten sich 3319 von fast 4600 Frauen den hormongetränkten Aufkleber auf den Körper, die anderen schluckten die klassische Antibaby-Pille. Nur 15 der Ortho-Evra-Nutzerinnen wurden schwanger - 5 von ihnen wogen mehr als 90 Kilogramm, was nahe legt, dass Schwergewichtlerinnen andere Verhütungsmethoden erwägen sollten.
Frauen, die das Pflaster benutzen, leiden auch unter den gleichen Nebenwirkungen wie Pillenschluckerinnen: Übelkeit und Brustspannen, erhöhtes Risiko für Thrombose, Herzinfarkt und Schlaganfall. Und schließlich soll der Antibaby-Pad sogar genauso viel kosten wie die altgewohnte Hormontablette. Die Pille zum Kleben also - was soll daran so viel besser sein?
Schon psychologisch fällt es einigen Frauen wahrscheinlich leichter, sich ein Pflaster auf den Arm zu pappen - der Prozess ähnelt eher dem Anlegen von Accessoires als dem Einnehmen eines Medikaments für chronisch Kranke. Der eigentliche Clou aber, so die Idee der Hersteller, liege darin, dass die Frauen oder ihre Sexpartner sich nur dreimal im Monat der lästigen Verhütung entsinnen müssen. Bei der Pille dagegen besteht 21-mal im Monat die Gefahr des Vergessens - häufig genug, um Vergesslichkeit zum häufigsten Grund fürs Versagen der eigentlich so sicheren Verhütungsmethode zu machen.
So hat eine Studie vom Mai dieses Jahres ergeben, dass die Frauen es gerade mal hinkriegen, in weniger als 80 Prozent der Monatszyklen die Pille korrekt einzunehmen, während Evra-Nutzerinnen in fast 90 Prozent der Zyklen ordentlich ans Pflasterkleben denken.
Ein weiterer Vorteil: Dass sie die Pille vergessen hat, merkt eine Frau vielleicht gar nicht; aber es lässt sich nur schwer übersehen, dass sich das Pflaster löst, was es tatsächlich manchmal tut. An 5 von 100 Frauen mag der Verhüter nicht hängen bleiben. Wenn er abfällt und der Körper einen Tag lang kein Hormon aufsaugt, muss die Frau einen neuen vierwöchigen Zyklus beginnen. Ansonsten soll der Hormonleim dafür geschaffen sein, auch Duschstrahl und Meerbad auszuhalten.
Ortho-Evra soll im kommenden Jahr auch in Europa in den Handel kommen. Das Pflaster ist Teil einer ganzen Reihe neuartiger Verhütungsmittel, die sämtlich darauf angelegt sind, die Fehlerquote durch menschliches Vergessen zu verringern.
Langzeitwirkung ist angesagt: Die Produktpalette reicht von ein- bis dreimonatlichen Antibaby-Spritzen über einen flexiblen Ring, der in der Scheide drei Wochen lang Hormone produziert, bis zu einer Spirale, die das Gleiche bis zu fünf Jahre lang in der Gebärmutter tut. Und schließlich können Frauen sich, ähnlich wie Nutzvieh, ein Hormonreservoir unter die Haut implantieren lassen. RAFAELA VON BREDOW
DER SPIEGEL 48/2001
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