26.11.2001

LITERATURVersunkene Welt

Hier war das Gehirn der Welt: Alexandria, Stadt am Mittelmeer und Herberge der berühmtesten Bibliothek aller Zeiten. Als General Ibn al-As die Stadt im Jahre 642 eroberte, meldete er dem Zweiten Kalifen Omar die Einnahme einer Metropole "von 4000 Palästen, 4000 Bädern, 12 000 Ölhändlern, 12 000 Gärtnern, 40 000 Tribut zahlenden Juden und 400 Theatern". Griechen und Römer, Christen, Juden sowie Freigeister aller Art lebten in diesem alten Zentrum der westlichen Hemisphäre, gegründet 332 vor Christus vom unermüdlichen Alexander. Sie wandelten des Tages friedlich am trägen Meer unter Palmen einher, nachts wurde ihr Schlaf flackernd beschienen vom Leuchtturm des Ptolemaios II., einem der sieben Wunder der antiken Welt. Zu Zeiten von Caesar und Kleopatra lebten hier 600 000 Menschen in multikultureller Eintracht; in der Bibliothek schrieb Euklid seine berühmten "Elemente", und der Astronom Aristarchus ermittelte, fast 800 Jahre vor Kopernikus, dass sich die Erde um die Sonne dreht.
Und nur das hat sich nicht geändert für die Bewohner der Stadt. Wieder und wieder wurde sie zerstört, die Bibliothek verbrannte unter rätselhaften Umständen, und nur eine einzige Säule aus antiker Zeit ist heute noch zu bewundern. Als Napoleon kam, so der Herausgeber Joachim Sartorius, "war Alexandria nur noch ein sinistres, verdrecktes Kaff auf einer flachen Nehrung am Mittelmeer, das knapp 8000 Seelen zählte". Noch einmal war dem Kaff der Aufschwung vergönnt, als die Paschas des Osmanischen Reiches Ägypten zur maritimen Großmacht ausbauten - im frühen 20. Jahrhundert war Alexandria ein urbanes Juwel des Jugendstils. Der politische Umbruch in den fünfziger Jahren bedeutete das Ende. "Alles ist schon so zerbrechlich und dünn wie eine Eierschale", hatte wenige Jahre zuvor der britische Konsularbedienstete Lawrence Durrell an seinen Freund Henry Miller geschrieben. "Sechshundert Schmerbauchmillionäre schwitzen im Tarbusch und warten auf die nächste Portion Haschisch."
Ein Lesebuch von dezenter Aktualität, eine literarische Preziose mit Texten von Kallimachos bis Grünbein.
Joachim Sartorius (Hg.): "Alexandria. Fata Morgana". Deutsche Verlags-Anstalt, München; 320 Seiten, 68 Mark.

DER SPIEGEL 48/2001
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