03.12.2001

ROHSTOFFERussisches Roulette

Moskau fordert die Vormachtstellung der Opec heraus. Kommt es zum Preiskrieg, dürfte das Ölkartell den längeren Atem haben.
Als der Ölpreis im Februar 1999 auf zehn Dollar pro Barrel (159 Liter) abgesackt war, sah der saudi-arabische Ölminister Ali al-Naimi nur noch eine Chance, die Opec vor dem Kollaps zu bewahren: Das Kartell musste sich mit seinen Gegenspielern verbünden, Nicht-Opec-Staaten wie Mexiko, Norwegen oder Russland. Nur wenn sie gemeinsam die Förderung massiv drosselten, so das Kalkül, würde der Preisverfall gestoppt.
Die konzertierte Aktion gelang und brachte den gewünschten Effekt: Der Preis für das Fass Rohöl zog wieder an und stieg auf über 35 Dollar - doch der Höhenflug währte nicht lange. Inzwischen ist die Nachfrage nach dem Rohstoff wieder drastisch zurückgegangen, die rezessionsgeschwächte Welt ertrinkt förmlich in Öl.
Seit dem 11. September ist der Preis um gut 30 Prozent auf rund 18 Dollar gefallen - höchste Zeit also für den saudischen Minister, ein neues Bündnis für Rohöl zu schmieden. Mexiko, Norwegen und Oman hatte der Petro-Diplomat schnell auf die gemeinsame Linie einschwören können - doch die Russen stellen sich diesmal quer, mehr noch: Seit zwei Wochen führen sie die Opec regelrecht vor.
Mal verbitten sie sich barsch jede Einmischung in ihre Förderstrategie. Mal deuten sie freundlich an, eventuell auf Kartellkurs einzuschwenken. Dann wieder lehnen sie einen substanziellen Förderstopp kategorisch ab, aus technischen Gründen: Im harten Winter könnten ja Pumpen und Ventile zerbersten - knallhart wird so um jedes Promille Weltmarktanteil gefeilscht. Russisches Roulette, denn solange keine Einigung da ist, fällt der Ölpreis tiefer, und das trifft beide Seiten.
Ölminister al-Naimi war extra nach Moskau geflogen, um über den russischen Beitrag zu verhandeln. Er forderte eine Kürzung von 200 000 bis 300 000 Barrel pro Tag, am Ende wurden ihm 50 000 Barrel in Aussicht gestellt - eine lächerliche Menge für ein Land, das täglich rund 6,8 Millionen Barrel fördert und damit drittgrößter Produzent der Welt ist. "Ich sehe einfach nicht die Logik in dem Vorschlag", empörte sich der brüskierte Ölminister.
Schließlich hatte die Opec, um dem globalen Abschwung zu begegnen, in diesem Jahr bereits dreimal die Förderung gesenkt und dabei hingenommen, dass ihr Marktanteil auf weniger als 40 Prozent gefallen ist. Die Russen dagegen haben die Gunst der Stunde genutzt. Sie haben hemmungslos weiter gepumpt und allein in diesem Jahr 500 000 Barrel täglich mehr aus dem Boden geholt als im Vorjahr.
Die Produktion müsse steigen, proklamiert selbstbewusst Michail Chodorkowski, Chef von Russlands zweitgrößtem Ölkonzern Jukos. Russland habe mit ausländischer Hilfe viele Milliarden in neue Pipelines und moderne Anlagen gesteckt, nun wolle man wieder so viel fördern wie damals, als die UdSSR zerfiel. "Wir schleichen uns nicht auf einen fremden Markt", sagt Chodorkowski zornig, "wir wollen nur unseren Markt zurückerobern."
Dabei kommt den Ölbaronen die politische Großwetterlage zupass. Die Welt ist instabil, das Saudi-Regime angeschlagen. Russland aber empfiehlt sich, so versichert Präsident Wladimir Putin, als "zuverlässiger Partner und Lieferant von Rohöl".
Gleichwohl treibt Putin ein gefährliches Spiel, wenn er das Öl weiter fließen lässt, um den schnellen Dollar zu kassieren. Mehr als die Hälfte seines Etats finanziert er aus Öl- und Gas-Erlösen, sämtliche Staatsausgaben sind jedoch auf der Basis eines Ölpreises von im Schnitt 23,50 Dollar kalkuliert. Wenn sich Ural-Öl am Weltmarkt um einen Dollar verbilligt, sinken die Staatseinnahmen gleich um eine Milliarde Dollar. "Fallen die Ölpreise weiter", ahnt ein Kreml-Wirtschaftsexperte, "gerät unser Budget in eine gefährliche Schieflage."
Auch die Opec-Länder kommen in die Bredouille, falls der Streit mit Russland einen Preiskrieg entfacht - allerdings dürften sie den längeren Atem haben. In der Golf-Region, wo die meisten Staaten des Kartells beheimatet sind, kostet die Förderung von einem Barrel Öl etwa drei Dollar, in Russland liegen die Kosten drei- bis viermal höher.
Auf lange Sicht kann Russland mit der Opec ohnehin nicht Schritt halten. 78 Prozent der bekannten Erdölreserven lagern in den elf Ländern des Kartells. Es ist also nur eine Frage der Zeit, bis die Opec ihren Marktanteil wieder steigern wird. "Wir haben uns da auf einen Krieg eingelassen", gab ein Energie-Bürokrat der Tageszeitung "Iswestija" zu Protokoll, "für dessen Führung uns die Ressourcen fehlen."
Diese Meinung scheint inzwischen auch in der obersten Führung um sich zu greifen. Noch im Dezember soll mit der Opec über "weitergehende Exportbeschränkungen" verhandelt werden. "Wir werden", orakelt ein Regierungsberater, "wahrscheinlich sehr nahe bei der Quote landen, die von der Opec gefordert wird."
ALEXANDER JUNG, JÖRG R. METTKE
Von Alexander Jung und Jörg R. Mettke

DER SPIEGEL 49/2001
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