03.12.2001

NACHRUFGeorge Harrison

Der tollste Erfolg seiner Karriere sei es, sagte George Harrison schon 1974, dass er immer noch da sei und dazu noch fast ohne Schaden an Leib und Seele. Der Wahnwitz, ein Beatle zu sein, schien den Mann immer mindestens so erschreckt wie amüsiert zu haben.
Die Rollen bei den fabelhaften Vier waren klar verteilt: John Lennon war der Rocker, Paul McCartney der kreative Schmuser, Ringo Starr der Kasper - und George Harrison der Stille in der Ecke. So sahen auch die meisten Live-Auftritte der Beatles aus: Da machten die anderen drei die Show, flirteten, grimassierten und ulkten, und Harrison spielte scheinbar gedankenverloren und sehr lässig, aber hochkonzentriert Gitarre dazu. Er fühle sich als Musiker, nicht als Star, hat er sein Leben lang beteuert. Glamour, Gekreisch und Hysterie der Beatlemania empfand der stille George als grauenhaft: "Wir waren eingesperrt", bekannte er. "Wie Affen im Zoo."
Sicher half ihm sein Humor, das zehn Jahre währende Beatles-Abenteuer heil zu überstehen. Aus der Frühzeit der Band ist die Szene überliefert, als der Plattenproduzent George Martin die jungen Musiker zum ersten Vorspielen lud - und sie bat, sich sofort zu melden, wenn ihnen etwas nicht passte. Darauf Harrison: "Nun, zuallererst - ich kann Ihre Krawatte nicht ausstehen."
Geboren wurde Harrison 1943 in Liverpool, wo er als Sohn eines Busfahrers aufwuchs. Mit 14 bekam er eine Gitarre. Dank eines Stipendiums schaffte er es ans Liverpool Institute, eine weiterführende Schule, wo er Paul McCartney kennen lernte. Bald stieg er bei den Quarry Men ein, der Band von John Lennon, in der McCartney bereits spielte.
Als aus den Quarry Men die Beatles geworden waren, schmiss er eine Lehre als Elektriker, um mit der Band auf Tournee zu gehen. Die Engagements in Hamburg endeten allerdings abrupt: Er war gerade siebzehn und hatte keine Arbeitserlaubnis.
So sehr Lennon und McCartney gerade die Beatles der frühen Jahre dominierten: Es war Harrisons Lead-Gitarre, die den Sound der Band maßgeblich prägte. Und er war es auch, der Mitte der Sechziger transzendentale Meditation und indische Mystik für sich entdeckte und damit die Wandlung der Band vorantrieb: Aus den lustigen Teenager-Helden wurden ernste, oft wirr-vergrübelte Künstlermenschen.
Die Entfremdung zwischen Lennon und McCartney sorgte mit dafür, dass Harrison eigene Songs durchsetzen konnte: So entstanden Beatles-Klassiker wie "Taxman", "While My Guitar Gently Weeps" und "Something", das Frank Sinatra in sein Repertoire übernahm; er nannte es das "schönste Liebeslied der letzten 50 Jahre".
Nach dem Zerbrechen der Band präsentierte Harrison 1970 "All Things Must Pass", ein drei Platten umfassendes Solowerk, das nicht nur ihm selbst als Befreiungsschlag erschien. Für den Hit "My Sweet Lord" wurde er allerdings von den Machern des Chiffons-Songs "He's So Fine" erfolgreich wegen Plagiats verklagt. 1971 organisierte Harrison das legendäre "Concert for Bangla Desh" im New Yorker Madison Square Garden, bei dem unter anderem Bob Dylan und Eric Clapton auftraten. Es gilt als Modell für Benefizspektakel wie die "Live Aid"-Konzerte zu Gunsten Hungernder in Afrika.
Später führte Harrison das Leben eines Landedelmannes, der auf einem schlossähnlichen Anwesen unweit von London residierte, sich für Gartenbau, Formel-1-Rennen und weiterhin für die Kultur Indiens begeisterte und sein Vermögen klug anlegte. Seine damalige Firma HandMade Films produzierte Klassiker des britischen Kinos wie den Monty-Python-Film "Das Leben des Brian", aber auch Reinfälle wie den Madonna-Flop "Shanghai Surprise".
Ende der Siebziger heiratete Harrison zum zweiten Mal, nachdem Gattin Nummer eins, Patti Boyd, mit seinem guten Freund Eric Clapton durchgebrannt war. Aus der Ehe mit Olivia Arias ging Sohn Dhani, 23, hervor.
Ende der Achtziger gründete er mit Bob Dylan und Roy Orbison die Allstar-Band Traveling Wilburys und feierte ein feines Comeback. Alle Anfragen bezüglich einer Wiedervereinigung der Beatles aber hatte Harrison schon vor John Lennons Tod im Jahr 1980 kategorisch zurückgewiesen: "Ich könnte jederzeit wieder in einer Band mit John spielen", sagte er, "aber nie wieder mit Paul McCartney." Zur endgültigen Aussöhnung mit McCartney kam es wohl erst, als der Widersacher von einst ihn wenige Tage vor seinem Tod am Krankenbett besuchte.
Der Lungen- und Kehlkopfkrebs, an dem Harrison schon seit einigen Jahren litt, raubte ihm offenbar nicht den Humor. Als 1999 ein geistig Verwirrter in sein Haus eindrang und ihn schwer verletzte, sagte er: "Ich schätze, der war nicht gekommen, um sich bei den Traveling Wilburys zu bewerben." Am Donnerstag vergangener Woche erlag George Harrison in Los Angeles seinem Krebsleiden.

DER SPIEGEL 49/2001
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