10.12.2001

„Niemand wird dich hier oben retten“

Was wirklich geschah beim Angriff auf Amerika
NEW YORK, WORLD TRADE CENTER, SÜDTURM, 8.12 UHR
Steve Miller ist vier Minuten zu spät. Er holt den Sicherheitsausweis aus seiner braunen Ledertasche und zieht ihn durch das Lesegerät der Metallschleuse in der Lobby des Südturms. Die Trader der "Fuji Bank" beginnen ihren Tag um 8.20 Uhr, und Miller muss ihre Computer vorher überprüfen. Fängt ja gut an der Tag. Außerdem drücken seine neuen braunen Schuhe. Seine Frau hat ihn zu diesen Dingern überredet, weil sie findet, er sähe darin mehr wie ein Cowboy aus.
8.20 Uhr, 80. Stock, alle Computer funktionieren, und Miller kann endlich diese verdammten Schuhe ausziehen. Er geht einen Meter zum Fenster und blickt zur Brooklyn Bridge. Die Luft ist so klar heute Morgen, dass er sogar sein Apartment in Brooklyn sehen kann.
Miller hat Religion, Geschichte und Literaturwissenschaften studiert, er hat zwei Jahre lang bei einem Indianerstamm gelebt, er sammelt alte Bücher - und von all dem will hier oben in der Bank niemand etwas wissen. Aber Miller kennt sich mit Computern aus, und deshalb ist er einer der wichtigsten Menschen auf dem Flur. Wenn die Monitore nicht funktionieren, verlieren die Trader der Fuji Bank Millionen im Minutentakt.
Bis zu sechs Bildschirme hat ein guter Trader auf seinem Tisch aufgebaut, um weltweit gesammelte Informationen in Geld zu verwandeln. Aus dem Wissen über den Verfall des Stahlpreises in Indonesien, die Zinssteigerung in Russland und eine drohenden Rezession in Brasilien verdienen sie an einem guten Vormittag einen Jeep Cherokee, den sie abends ihrer Frau als kleine Aufmerksamkeit mitbringen.
Aber Miller ist kein Trader, er ist nur eine Art gut bezahlter Hausmeister. Den ganzen Tag brüllen die Trader in ihre Telefone und lassen ihre Hosenträger schnalzen, aber wenn einer ihrer Monitore abstürzt, dann brüllen sie nur noch: "Smiller". So beginnt Millers Internet-Adresse.
Es scheint wieder so ein Tag zu werden, an dem gar nichts passiert. Ein paar Trader werden vorbeikommen, aus dem Fenster aufs Wasser starren und über Segelboote fachsimpeln, die sie sich zulegen wollen.
AN BORD VON UNITED AIRLINES 175, 8.37 UHR
Die Skyline Manhattans strahlt noch im spätsommerlichen Morgenlicht, als besorgte Fragen der Flugleitzentrale die Cockpits über Neuengland erreichen. Wo ist American Airlines 11? Sieht jemand die Maschine? Der Pilot meldet sich nicht mehr. Noch weiß die Flugleitzentrale nicht, dass die Maschine entführt wurde und seit gut 20 Minuten auf Abwegen fliegt, inzwischen südwärts, Richtung New York City. Es ist der 11. September, 8.37 Uhr, Good morning, America, die Welt glaubt an einen normalen Dienstag, noch acht Minuten lang.
Im Cockpit der United Airlines 175 hören die Piloten die Bitte eines Fluglotsen, nach der verstummten American 11 Ausschau zu halten. Um 8.38 Uhr meldet Flugkapitän Victor Saracini, 51 Jahre alt, ein Navy-Veteran: "Ja, wir haben ihn im Blick ... scheint ungefähr 20 ... äh ... 29 000, 28 000 Fuß hoch zu sein." Seine eigene Boeing kreuzt in diesem Moment das Tal des Hudson in westlicher Richtung, sie schauen nach links, nach Süden, als sie American 11 sehen.
Weiter hinten an Bord von United Airlines 175 freut sich Ruth McCourt, 45, über die Vorfreude ihrer vierjährigen Tochter Juliana. Mit 54 anderen Passagieren fliegen die beiden von Boston nach Los Angeles, ein Ausflug. Dem Mädchen ist ein Besuch in Disneyland versprochen, klein sitzt "Miss J" im großen Flugzeugsitz, nervös vor der Begegnung mit Mickey, Goofy und Uncle "Dagobert" Scrooge.
In Kalifornien wollen sie Paige Farley-Hackel treffen, Ruth McCourts beste Freundin. Sechs Jahre kennen sich die Frauen, sie teilen die Liebe zum Lesen, zum Kochen und Reisen, zum Leben. Paige Farley-Hackel, 46, hat ihren Platz auf American Airlines 11 gebucht, weil sie ihn mit ihren Vielfliegermeilen hat abgelten können. An einem normalen Dienstag hätte diese Entscheidung nichts bedeutet. Aber am 11. September folgt aus ihr, dass Paige Farley-Hackel nun in einem entführten Flugzeug sitzt, dass sie in 8 Minuten ins World Trade Center krachen wird und dass sie 18 Minuten früher als ihre beste Freundin Ruth McCourt sterben wird.
WORLD TRADE CENTER, SÜDTURM, 80. ETAGE, 8.39 UHR
Smiller schaut sich um. Eigentlich ziemlich heruntergekommen, das World Trade Center. Dafür, dass die Trader hier Millionen verdienen, sieht es sogar erbärmlich aus. Es riecht nach Staub, kaltem Kaffee und altem Essen, was daran liegt, dass mittags so gut wie niemand die Etage verlässt - der Fahrstuhl braucht zur Rushhour eine Ewigkeit. Die Millionäre sitzen an ihren Tischen und essen aus Kartons Big Macs und Pommes Frites. Wenn ein Computer kaputt ist, muss sich Smiller durch den Abfall aus alten Plastikgabeln, Pommes und Pappkartons wühlen, bis er die richtigen Kabel findet. Eklig. Und warum entscheidet sich eine der reichsten Banken der Welt ausgerechnet für einen schlammgrünen Teppichboden? Vielleicht, weil man darauf den Dreck nicht sieht. Hier müsste mal einer richtig putzen und nicht nur die Papierkörbe ausleeren, abends.
Smiller lässt sich die Zumutungen seines Jobs gut bezahlen. 120 000 Dollar verdient er im Jahr, und als "Bonus" bekommt er Zeit geschenkt, viel Zeit. Rund 70 Prozent des Tages laufen die Computer wie ein gut geöltes Karussell. Um Smiller kümmert sich niemand. Smiller hat dann Zeit, die Dinge zu tun, die ihn wirklich interessieren: im Internet bei Ebay nach alten Büchern suchen; darüber nachdenken, ob er seiner Frau heute Abend lieber Basilikum und Tomaten oder Paprikagemüse mitbringt; und natürlich, das Wichtigste, an seiner Zeitschrift arbeiten. "Good Bye" heißt Smillers Magazin, und es besteht ausschließlich aus Nachrufen auf die Toten dieser Welt. Ein leerer Sarg ziert die Titelseite. Smiller schreibt über Tote wie den Punk-Rocker Joey Ramone oder diese Kuh aus Thailand, die von einem Kickboxer totgekickt wurde, weil sie nach ihm getreten hatte - und er schreibt auch, dass sich der Kickboxer danach sexuell an dem toten Tier verging und nun für ein Jahr ins Gefängnis muss. Smiller ist das Minus zum Plus der Trader. Er ist so etwas wie ein globalisierter Totengräber.
Alles ganz lustig, aber oft fragt sich Smiller, was sein eigenes Leben wirklich wert ist. Während der Jahre, die er gut bezahlt in diesem schlammgrünen Tollhaus verbracht hat, denkt er manchmal darüber nach, ob es nicht besser sei, Bibliothekar zu werden, irgendwo auf dem Land. Außerdem wäre er gern 30 Kilo leichter.
AN BORD VON UNITED AIRLINES 175, 8.40 UHR
Um 8.40 Uhr gibt der Controller, der in Chicago sitzt, Flugkapitän Saracini die Anweisung: "United 175, ändern Sie Ihren Kurs. 30 Grad rechts. Ich will Sie weghaben aus diesem Verkehr da." Saracini meldet noch, um 8.41 Uhr, man habe verdächtige Funksprüche von American Airlines 11 gehört, gleich nach dem Start in Boston, "als hätte jemand das Mikrofon genommen und gesagt: Alle in den Sitzen bleiben!" Dies sind seine letzten überlieferten Worte. Um 8.43 Uhr reißt auch der Funkkontakt mit United 175 für immer ab.
Die Piloten, die Crew, die Passagiere und auch Ruth McCourt und ihre Tochter sind in den Händen von Entführern. Ein paar Lidschläge zuvor müssen die Terroristen aufgesprungen sein aus ihren Sitzen, vorn, First und Business Class: Marwan al-Shehhi 6C, Hamsa und Ahmed al-Ghamdi 9C und D, Fajis Ahmed und Mohald al-Scheri 2A und B, sie treiben Passagiere und Crew in die hinteren Reihen. Mindestens eine Stewardess bringen sie mit einem Messer um. Mindestens einer der Entführer verschwindet im Cockpit: Marwan al-Shehhi, der Student aus den Vereinigten Arabischen Emiraten, der am Goethe-Institut in Bonn die deutsche Sprache gelernt hat und in Florida das Fliegen.
WORLD TRADE CENTER, SÜDTURM, 80. ETAGE, 8.44 UHR
Smillers Laune bekommt noch mal einen richtigen Schub, als er im Internet einen Artikel liest über reiche Amerikanerinnen, die es sich in den Kopf gesetzt haben, den Mount Everest zu bezwingen. Meistens schaffen sie es trotz der 70 000 Dollar Expeditionskosten nicht und verlieben sich stattdessen in einen der Scherpas, der sie eigentlich nur auf den Gipfel tragen sollte. Manche heiraten den Scherpa, weil er so natürlich und liebenswürdig ist und bringen ihn mit zurück nach Amerika. Dass ihre reichen Freunde zu Hause sie ansehen, als hätten sie den Verstand verloren, können diese Frauen überhaupt nicht verstehen. Es ist 8.45 Uhr. Ein ruhiger Tag. Wenn nicht ein Computer abstürzt, kann Smiller wieder ein paar Tote bestatten.
Auf einmal ist ihm so, als zittere sein Tisch. Gleichzeitig zischt eine Windböe an seinem Fenster vorbei. "Merkwürdig", denkt Smiller, "ein Gewitter an solch einem Tag?" Oder ist es nur die vollautomatische Fensterputzmaschine, die alle drei Monate vorbeikommt?
Smiller geht zum Fenster, gucken, was passiert ist. Er blickt auf Zehntausende Papiere, die durch die Luft segeln. Wie bei einer Parade der New York Yankees, nachdem sie die World Series im Baseball gewonnen haben. Aber woher kommen diese weißen Zettel? Seit wann werfen die Yankees Papierstapel vom Dach des World Trade Center?
Zehn Sekunden später rennt Mr. Keigi, einer der japanischen Chefs der Bank, an Smillers Tisch vorbei. Mr. Keigi ist sehr aufgeregt. Er fuchtelt mit den Armen und ruft: "Macht, dass ihr alle rauskommt, eine Bombe, eine Bombe im Nordturm des World Trade Center."
Waren die Chefs der Bank nicht immer davon ausgegangen, dass beim nächsten Anschlag auf New York eine Atombombe im Hafen hochgehen würde, gestohlen aus russischen Beständen? Na gut, denkt Smiller, zieht sich seine Schuhe an und macht sich auf den Weg. 80 Stockwerke mit diesen schrecklichen, neuen Cowboy-Schuhen.
Er rennt ins Treppenhaus, rast drei Stockwerke hinunter und fängt an, furchtbar zu schwitzen. So geht es nicht. Er blickt sich um. Der Ernst der anderen macht ihm Angst. Diese Ruhe, diese "Jetzt nur keine Panik"-Panik, die fast so schlimm ist wie richtige Panik.
OTIS-MILITÄR-BASIS, CAPE COD, 8.52 UHR
Zwei F-15-Jagdmaschinen der amerikanischen Luftwaffe starten von der Otis-Basis auf Cape Cod und nehmen die Verfolgung der entführten Maschinen auf.
Ihre Maschinen sind 24 Jahre alt, immerhin bestückt mit wärme- und radargeleiteten Raketen. Sie haben das erste entführte Passagierflugzeug verfehlt, sie kommen auch zu spät für das zweite. Amerika hat nicht wirklich damit gerechnet, aus der Luft angegriffen zu werden: Am Tag, als die Zivilflugzeuge wie Kriegswaffen vom Himmel stürzen, sind zur Verteidigung der Vereinigten Staaten, 9,8 Millionen Quadratkilometer groß, nur 14 Kampfjets jederzeit startbereit.
Seit die Terroristen United Airlines 175 in der Gewalt haben, jagt die Boeing mit 500 Meilen pro Stunde über den Südostzipfel des Staates New York, kurvt hinein nach New Jersey, fliegt über Newton, dann in sehr großem Schwung südlich, dann östlich, dann nördlich, sie beschreibt einen weiten Halbkreis auf Manhattan zu, unter ihr New Brunswick, Staten Island und die Bucht von Upper New York.
AN BORD VON UNITED AIRLINES 175, 8.54 UHR
Ruth McCourt kann nicht ahnen, dass in diesen Minuten am Fuße des von American Airlines 11 getroffenen Nordturms ihr Bruder durch die Lobby des Marriott Hotels läuft, ihr Bruder Ron Clifford, ein Geschäftsmann aus New Jersey. Sie weiß nicht, dass eben eine Frau aus dem Nordturm mit schweren Verbrennungen in seine Arme taumelt. Aber Ruth McCourt beginnt wohl zu ahnen, dass sie selbst sterben wird in diesem Flugzeug. Dass ihre Tochter sterben wird. Dass sie alle sterben werden.
Mit ihr, nah am Heck der Boeing, sind drei Deutsche zum Tode verurteilt, die ganze Chefetage der baden-württembergischen Software-Firma BCT. Heinrich Kimming, der Vorstandsvorsitzende, Klaus Bothe, der Entwicklungsleiter, Wolfgang Menzel, der Personalchef.
In ihren Reihen, im milchigen Licht der Kabine, hat Brian Sweeney, ein 38-jähriger Unternehmensberater aus Barnstable, Cape Cod, das Mobiltelefon in der Hand und spricht seiner Frau Julie die letzte Botschaft auf den Anrufbeantworter.
"Hi Jules, ich sitze in einem Flugzeug, das entführt wird, und es sieht nicht gut aus. Ich wollte dir sagen, dass ich dich liebe und dass ich hoffe, dich wiederzusehen." Und ruhig, wie ohne Angst, sagt er noch: "Falls wir uns nicht wiedersehen, bitte, genieße dein Leben und mach aus deinem Leben das Beste."
CHICAGO, EINSATZZENTRALE VON UNITED AIRLINES, 8.56 UHR
In der Einsatzzentrale der Fluggesellschaft, in unmittelbarer Nähe des O''Hare International Airport, sieht der dortige Diensthabende auf CNN, dass das World Trade Center in Flammen steht. Bill Roy, der Chef der Einsatzzentrale, rollt auf seinem Stuhl heran, schaut auf den Fernsehschirm und sagt: "Sieht aus, als wäre es eine kleine Maschine gewesen. Vielleicht ist sie abgekommen von der Flugroute nach La Guardia?"
Als von der Federal Aviation Administration, der US-Flugbehörde FAA, die Information kommt, dass es sich um eine Passagiermaschine der American Airlines gehandelt hat, sagt gleich darauf einer der United-Leute: "Chef, wir haben zu einer unserer Maschinen den Kontakt verloren."
Und aus dem Wartungszentrum von United kommt die Information, ein Mechaniker habe zufällig über Funk die Worte einer Stewardess von United Airlines 175 aufgeschnappt: "O mein Gott, die Cockpit-Besatzung ist getötet worden, eine Stewardess wurde erstochen. Wir sind entführt worden." Dann war die Leitung tot.
Die Männer in der Einsatzzentrale hören die Nachricht von der Entführung eines ihrer Flugzeuge mit ungläubigem Staunen. "Das kann nicht sein", sagt einer. "Wir haben die Information, dass es die entführte Maschine von American Airlines war."
Der Dispatcher, der in der Einsatzzentrale von United den Flug nach Los Angeles betreut, versucht, das Cockpit der United 175 über Funk und über die automatische Datenübermittlung Datalink zu erreichen. Er erhält keine Antwort.
Ungefähr zu diesem Zeitpunkt teilt die FAA der Einsatzzentrale von American Airlines mit, dass eine weitere Maschine der Fluglinie, Flug 77 von Washington-Dulles nach Los Angeles, den Transponder ausgeschaltet und eine Wende geflogen habe. Es ist die Maschine, die später aufs Pentagon stürzen wird.
Vermutlich ist dies der Augenblick, in dem den Männern im Krisenzentrum klar wird, dass sie es an diesem Morgen nicht mit nur einer Entführung und nicht nur mit gewöhnlichen Entführungen zu tun haben.
WORLD TRADE CENTER, SÜDTURM, 8.59 UHR
Kurz vor neun ist United Airlines 175, aus Südosten kommend, im Sinkflug auf Manhattan, in den Sitzreihen Ruth McCourt und ihre Tochter Juliana. Am Steuer mutmaßlich Marwan al-Shehhi, der Araber, der in Deutschland zum Gotteskrieger und in Florida zum Gottesflieger wurde, das Gesichtsfeld aufs Ziel verengt, die Welt wischt vorbei unter dem Bauch der Boeing, die ihre Spitze senkt und aus dem Himmel in den Südturm stürzt.
Gott ist groß.
Mohammed ist sein Prophet.
Engel rufen deinen Namen.
CHICAGO, EINSATZZENTRALE VON UNITED AIRLINES, 9.00 UHR
Die Männer sehen auf dem Fernsehschirm, wie eine große Passagiermaschine auf den Südturm des World Trade Center zurast. Der CNN-Kommentator, der gerade das Loch im Nordturm beschreibt, ruft plötzlich mit sich überschlagender Stimme: "O Gott, mein Gott, was ist das? Da kommt noch ein Flugzeug. Es hält genau auf den zweiten Turm zu."
SÜDTURM, IM TREPPENHAUS, 9.00 UHR
Smiller ist irgendwo in den fünfziger Stockwerken, als er eine Durchsage hört. "Das Feuer", sagt die Lautsprecherstimme, "ist nur im Tower One. Wenn Sie wollen, können Sie an Ihre Plätze zurückkehren und weiterarbeiten." What the fuck, Smiller sucht einen Fahrstuhl und springt hinein. Etwa zehn Leute stehen neben ihm auf dem Weg nach oben. Smiller ist es zu eng. Er schwitzt. What the fuck, er springt heraus, geht zurück zum Treppenhaus. Mr. Keigi und drei andere von Smillers Chefs kehren in den 80. Stock zurück. Der Südturm wird zu ihrem Grab.
Zwei Minuten später verlässt Smiller das Treppenhaus wieder. Ein Stau. Er geht wieder raus, sucht ein Telefon, er will seiner Frau sagen, dass er evakuiert werde, es ihm aber gut gehe. Er hört, dass Leute vom anderen Turm hinunterstürzen. Das ist fucked up, denkt er, das möchte ich mir nicht ansehen. Er senkt den Blick, und es gibt einen lauten Knall.
WORLD TRADE CENTER, SÜDTURM, 9.03 UHR
Die Boeing 767 der United Airlines bohrt sich an der südöstlichen Ecke in den Turm und explodiert an der gegenüberliegenden Seite. Es ist wahrscheinlich, dass die Wucht des Einschlags mindestens vier Stockwerke zerstört, vielleicht sogar sechs; ein riesiger Feuerball schießt an zwei Stellen aus dem Turm hervor.
Auf den Bildern, die ein Amateurfilmer in diesen Sekunden vom Battery Park an der Südspitze Manhattans aus macht, ist zu erkennen, dass das Flugzeug sich in einer starken Kurvenlage befand, als es in den Südturm einschlug. Offenbar hätten die Entführer ihr Ziel um ein Haar verfehlt, sie mussten die Maschine im letzten Augenblick noch herumreißen.
Die Boeing 767 hat zwei Pratt & Whitney JT9D-7R4D-Triebwerke; zum Zeitpunkt des Aufpralls wiegt sie etwa 112 Tonnen. Die Wucht, mit der sich die Boeing in den Turm bohrt, ist gewaltig, doch der Einschlag allein hätte den Turm vermutlich nicht zum Einsturz gebracht. Der Turm ist 63,7 Meter tief; es dauert ungefähr 0,6 Sekunden, bis die Maschine oder das, was von ihr noch übrig ist, zum Stehen kommt. Der mächtige Schlag, so rechnen Experten, hat eine Kraft von 32 600 Kilonewton. Ausgelegt ist das Gebäude für viel mehr: Würde ein Hurrikan gegen die Breitseite tosen, läge die Kraft bei 58 400 Kilonewton.
Die Türme des World Trade Center bestehen, von oben gesehen, aus zwei viereckigen Röhren: einer nahezu quadratischen Außenröhre und einem rechteckigen Kern in der Mitte. Dieser Gebäudekern enthält die acht Fahrstuhlschächte und die drei Treppenhäuser.
Betankt mit etwa 36 000 Liter Kerosin für den Flug von Boston nach Los Angeles, schlägt Flug 175 mit einer Resttreibstoffmenge von wahrscheinlich 31 000 Litern in den Turm ein.
Anders als beim Eindringen in den Nordturm wird die Maschine, die durch den Südturm pflügt, auf ihrem Weg durch das Gebäude nicht vom gesamten rechteckigen Kern des Turms, sondern nur von einer Ecke aufgehalten. Die Boeing 767 zertrümmert viele Stützen oder drückt sie weg, sie zerstört die Trockenbauwände des Gehäuses fast völlig, die für die Stahlstützen als Feuerschutz dienen.
Mindestens ein Treppenhaus im Kern bleibt allerdings intakt - der Grund dafür, dass im Südturm Menschen aus den Stockwerken über der Einschlagstelle überleben.
SÜDTURM, 61. ETAGE, 9.03 UHR
Der Boden wackelt wie bei einem Erdbeben. Smiller, der Computergeist der Fuji Bank, wirft sich auf den Teppich, die Hände schützend über dem Kopf. Steht nach zwei Sekunden wieder auf. What the fuck. Er geht ins Treppenhaus zurück. Die Leute stehen immer noch. Smiller muss aufs Klo. Schön sauber, denkt er und setzt sich.
SÜDTURM, 81. ETAGE, 9.03 UHR
20 Stockwerke höher, da, wo Smiller vor 20 Minuten noch seelenruhig gesessen und an schöne Tote und neue Nachrufe gedacht hatte, musste sich Smillers Kollege Stanley Praimnath unter seinen Schreibtisch werfen, um von der United Airlines 175 nicht erwischt zu werden. Praimnath, der Computerexperte der Kreditabteilung, hatte telefoniert, einen Kollegen aus Chicago beruhigt, nein, der Brand sei im Nachbarturm, sie seien von den Sicherheitskräften wieder in ihre Büros geschickt worden, und hatte dabei aus dem Fenster geschaut, Richtung Hudson-Bucht und Freiheitsstatue, "hier ist alles in Ordnung" - dann sah er nur noch große, rote Buchstaben, ein U, ein A, und einen grauen Flugzeugrumpf, der genau auf ihn zuraste, besser: auf ihn hätte zurasen müssen, wenn sich für Stanley Praimnath die Welt jetzt nicht in Zeitlupe bewegt hätte. Das Gebrüll der Turbinen ist das schrecklichste Geräusch seines Lebens. Er dachte: "O Herr, übernimm du das. Ich schaffe das nicht." Er sah noch, wie sich der rechte Flügel der Maschine kurz vor dem Aufprall ein wenig hob, und warf sich unter den Tisch.
Durch die kurze Drehung vor dem Aufprall ist die Boeing 767 oberhalb von Praimnaths Büro eingeschlagen. Stanley liegt zusammengekauert unter seinem Schreibtisch. In seinen Ohren das Geräusch von zerfetzendem Stahl. Aber er hat keinen Knall gehört. Die Decke ist eingebrochen, ein Teil des Bodens verschwunden, er selbst von Schutt bedeckt, aber unverletzt. Er wartet auf die Explosion. Er weint und betet: "O Herr, ich habe noch so viel zu tun, bitte lass mich meine Familie wiedersehen, bitte, Herr, hilf mir hier raus."
Stanley Praimnath ist sehr gläubig, und am glücklichsten ist er sonntags, wenn er in der "Bethel Assembly of God" in Elmont, Long Island, die Bibelschule halten darf. Jeden Morgen unter der Dusche betet er: "Herr, bedecke mich und meine Lieben mit deinem wertvollen Blut." Seit sein Vater starb, hat der 45-Jährige eine Hotline zu Gott, wie er sagt: "Ich rufe ihn, und er antwortet."
Die Explosion bleibt aus. Als Praimnath sich aus den Trümmern befreien kann und endlich wieder steht, sieht er am Ende des Gangs, in einem Türrahmen, keine zehn Meter entfernt, das Ende eines Flugzeugflügels. Es brennt mit kleiner Flamme. Elektroleitungen hängen herunter, Funken sprühen, es ist dunkel vor Staub, als hätte jemand einen offenen Zementsack in die Luft geworfen, und es stinkt.
Praimnath kriecht auf dem Bauch aus dem Loans-Department dorthin, wo einmal die Lounge war. Dann hinüber zum Kommunikationsraum, in dem auch die Tür zu Treppenaufgang A sein müsste. "O Herr, hilf mir, schick mir Hilfe", betet er. Aber die Ausgänge sind verschüttet. Dann sieht er an einem Deckenrest den Widerschein einer Taschenlampe. Er fängt an, gegen die Wand zu schlagen und brüllt: "Bitte lasst mich nicht sterben, wartet auf mich, ich bin''s, Stan von der Kreditabteilung."
SÜDTURM, 84. ETAGE, 9.04 UHR
Die United Airlines 175, auf dem Weg nach Los Angeles, ist nur zwei, drei Stockwerke unterhalb der Räume von "Eurobrokers" eingeschlagen, aber auf der gegenüberliegenden Seite. Als Brian Clark wieder auf die Beine kommt, ist von seinem Büro nichts mehr übrig. Es ist wie eine trockene Explosion gewesen. Zunächst keine Flammen, kein Rauch, nur völlige Zerstörung der Trennwände, der Deckenverkleidung, der Computerterminals. Und es ist plötzlich dunkel. Clark, der Vizepräsident von Eurobrokers, ist Fire Marshall, Brandschutzbeauftragter seiner Firma. Vor einer Viertelstunde, als das Flugzeug gegenüber in den Nordturm krachte, war der 54-Jährige an seinem Schreibtisch sitzen geblieben. Kein Grund, auch im Südturm in Panik zu geraten. Er hatte das Bild von 1945 vor Augen, als ein B-25-Bomber der Airforce im Nebel gegen das Empire State Building geflogen war.
Clark nimmt seine Taschenlampe und findet, zusammen mit fünf Mitarbeitern, die Tür zum Treppenhaus A. Es ist heiß, staubig und riecht nach Rauch. Sie schaffen es, drei Treppen hinunterzugehen. Durch einen Riss im Treppenhaus sieht Clark den Schein von Flammen im Inneren der Etage. Im 81. Stockwerk kommt ihnen eine dicke Frau entgegen, begleitet von einem hageren Mann. Die Frau keucht. Sie sagt, es sei sicherer, aufs Dach zu steigen und auf einen Hubschrauber zu warten.
Es kommt zu einem lautstarken Streit. Clark hat das Gefühl, es sei besser, sich auf den Weg nach unten zu machen. Dann hört er, wie jemand gegen eine Wand schlägt. Er hört eine Stimme: "Hilfe, Hilfe. Ich bekomme keine Luft mehr." Clark entschließt sich, die Gruppe allein zu lassen und nachzusehen.
Sein Kollege Ron DiFrancesco rennt allein die Treppe hinunter, die anderen lassen sich von der dicken Frau überzeugen und helfen ihr die Treppe hinauf zum Dach. Das Letzte, was Clark jemals von seinen Leuten hört: "Wir schaffen das. Alles wird gut werden."
Er geht den Hilfeschreien nach und sieht zwischen den Trümmern eine relativ unversehrte Gipskartonwand, in die eine Öffnung geschlagen ist. Aus dem Spalt streckt sich eine Hand. Es ist die Hand von Stanley Praimnath, dem Computerexperten der Fuji Bank, dem Laienprediger, dem Mann mit der Hotline zu Gott. "Wer bist du? Glaubst du an Jesus Christus?", sagt die Stimme hinter der Wand. "Wer hat dich geschickt? Du bist mein Schutzengel."
Praimnath wird später nicht mehr wissen, weshalb er diese ganzen Fragen gestellt hat. Er weiß nur noch, dass er überzeugt davon war, jetzt sterben zu müssen.
Dann bricht ein Deckenteil herunter und treibt Praimnath einen Nagel in seine andere Hand. Es bleibt keine Zeit für theologische Erörterungen. Clark antwortet: "Ich heiße Brian. Ich gehe jeden Sonntag in die Kirche. Aber wenn du dich retten willst, versuche bitte, über die Wand zu steigen."
"Lass uns zusammen beten", antwortet Praimnath.
Und so kommt es, dass Stanley Praimnath und Brian Clark sich im 81. Stockwerk des brennenden Südturms auf die Knie hocken und gemeinsam beten, zwischen den Trümmern der Kreditabteilung von Fuji, getrennt durch eine Gipskartonwand.
Anschließend erweitern sie zusammen das Loch in der Wand, und Praimnath schafft es, sich hindurchzuzwängen. Vor Erschöpfung und Angst weint er, sein Oberhemd ist verschwunden, sein T-Shirt sieht aus, als hätte er es aus dem Schredder geholt. Vor ihm steht ein Broker mit elegantem, aber stark verstaubtem Anzug. Sie umarmen sich, Clark sagt: "Wenn wir hier rauskommen, sind wir Brüder fürs Leben."
SÜDTURM, 44. ETAGE
Anthony DeBlase, Trader bei Eurobrokers, hat es nicht so gemacht wie sein Chef Brian Clark. Er ist nicht am Schreibtisch geblieben, als die Boeing 767 um 8.45 Uhr in den Nachbarturm knallte, er hat sich an den Abstieg gemacht. Denn da drüben, da, wo es jetzt brennt, arbeitet sein Bruder Jimmy DeBlase.
Es brennt ziemlich weit oben im Nordturm. Anthony zählt die Stockwerke. Dann ruft er bei "Cantor Fitzgerald" an, wo Jimmy arbeitet. Keine Antwort.
Seit dem Anschlag 1993 ist Anthony DeBlase die Angst nicht mehr losgeworden, der Turm könnte einmal umkippen. Als Kinder hatten er und Jimmy sich einmal ausgerechnet, bis wohin der Turm wohl fallen würde, wenn ihn jemand umhackte. Mindestens bis nach Chinatown, stellten sie sich damals vor.
"Das kann nur ein kleines Flugzeug gewesen sein. Wird schon wieder in Ordnung kommen", sagt Peter Ortale vom Nebentisch. Er hat im Mai erst geheiratet. "Wenn es wieder okay ist, bin ich in 20 Minuten wieder da", sagt DeBlase und geht zum Fahrstuhl. Ortale bleibt, zusammen mit den 60 anderen Kollegen von Eurobrokers. Bis auf zwei, den Vizepräsidenten Brian Clark und Ron DiFrancesco, wird keiner von ihnen den Tag überleben.
Kaum hat Anthony das Büro verlassen, ruft seine Mutter an, Anita DeBlase. Die 61-Jährige sitzt als Helferin in einem Wahlbüro in der Lower East Side; heute sind die Vorwahlen für die Bürgermeisterwahl. Ein Kollege, vermutlich ist es Peter Ortale, nimmt den Hörer auf und sagt, Anthony sei schon gegangen. Anita DeBlase atmet auf.
Sie ist froh, dass ihr jüngster Sohn Richard seinen Job bei Cantor Fitzgerald vor zwei Jahren hingeworfen hat, um ins Modegeschäft einzusteigen. Er hatte sein Büro ganz oben, jenseits des 100. Stockwerks. Sie geht auf die Straße und sieht die Rauchfahne am Turm, zwei Kilometer entfernt. Sie bekreuzigt sich: "Gott, hilf diesen Menschen."
Erst als ihr Mann gegen neun Uhr ins Wahlbüro kommt, eine Pall Mall im Mund, und sagt: "Jimmy-Boy ist da drinnen" - erst da fällt ihr ein, dass ihr ältester Sohn vor kurzem bei Cantor als Wertpapierhändler angefangen hat. Sofort macht sie sich auf den Weg zu den Türmen. Sie war erst 16, als sie Jimmy bekam.
Als Jugendliche hatten sich die drei DeBlase-Brüder geschworen, jeden umzubringen, der einen von ihnen töten würde. Viele der Freunde von damals sitzen im Gefängnis oder haben gute Chancen, es noch dorthin zu schaffen. Die drei DeBlase-Brüder nicht. Sie haben Karriere gemacht, einer breitschultriger als der andere, und weil sie ehrgeiziger sind als ihr Vater, das Einwandererkind aus Italien, der Limousinenfahrer, der immer viel zu müde war am Steuer, als dass er es hätte weit bringen können.
Jimmy, Anthony und Richard, der Jüngste. Von dem ausgebeulten Kopfsteinpflaster und den Lagerhäusern der Lower Westside haben sie sich durchgeschlagen bis ganz nach oben, hinauf auf einen jener Türme, die seit 1971 über ihren Köpfen emporragten. Und jeden Morgen, wenn Anthony DeBlase um 6.45 Uhr aus dem Bett kriecht, ist für ihn der Weg zu seinem Arbeitsplatz bei Eurobrokers - zu Fuß die Greenwich Street hinunter zum Südturm des World Trade Center und dann mit dem Expresslift bis ganz nach oben - die Kurzfassung seines ganzen Lebens.
Anthony DeBlase ist sich immer sicher gewesen, dass Jimmy sie alle überleben würde. Bei Jimmy ist immer alles in Ordnung gewesen. Er ist das genaue Gegenteil seines Vaters, der den Tag rauchend auf der goldenen Velourscouch verbringt und Bücher liest mit Titeln wie "Wie man in 30 Tagen 10 000 Dollar machen kann". Jimmy ist 1,83 Meter groß und 133 Kilo schwer. Footballtrainer. Drei Söhne und ein Haus in Manalapan in New Jersey. Chef der Familie. Er gehörte zu den Leuten, die auf Partys in tomatenroten Dinnerjackets Karaoke singen. Platzend vor Selbstbewusstsein. Nicht immer leicht zu ertragen.
Jetzt treibt Anthony DeBlase die Sorge um seinen Bruder die Treppen hinunter. Im 66. Stockwerk stauen sich die Leute. Anthony DeBlase fängt an, nervös zu werden. Hinter einer Tür findet er einen Lastenaufzug, der bis zum 44. Stock fährt. Anthony hört noch die Ansage: "Alles ist sicher. Sie können wieder zurückgehen." Dann, keine 20 Sekunden, nachdem er zusammen mit zehn anderen den Lift im Südturm verlassen hat, gibt es eine Explosion im Fahrstuhlschacht. Nun hat es auch seinen Turm erwischt, das zweite Flugzeug ist in den Südturm gestürzt.
Im 40. Stock trifft Anthony DeBlase einen neunjährigen Jungen namens Michael, der seine Mutter verloren hat. "Müssen wir sterben?", fragt der Junge. "Klar, aber nicht heute", sagt DeBlase und fängt an, Witze über die dicke Frau vor ihnen zu machen: "Seen her butt?" Er will den Jungen aufheitern. Vor allem aber sich selbst.
Später wird Anthony DeBlase erfahren, dass Jimmy DeBlase zu diesem Zeitpunkt seine Frau Marion angerufen und gesagt hat: "Ein Flugzeug hat den Turm getroffen. Wir müssen alle raus."
NORDTURM, 101. BIS 105. ETAGE
Die Büros der Finanzfirma Cantor Fitzgerald, bei der Jimmy DeBlase arbeitet, liegen im 101. bis 105. Stock des Nachbarturms. Die American Airlines 11 war in die Etagen direkt darunter gerast. An diesem Morgen um 8.45 Uhr saßen 677 der rund 1000 Angestellten an ihren Schreibtischen.
Sie alle sterben.
Weil die Explosion sie in Stücke riss. Weil sie verbrennen. Weil sie ersticken. Oder weil sie aus Verzweiflung aus dem Fenster springen.
Es stirbt Deanna L. Galante, 32, Sekretärin, die in sechs Wochen in Mutterschaftsurlaub gehen wollte.
Es stirbt James J. Kelly, 39, Hypoth ekenhändler, der an manchem Sonntagmorgen früh aufstand, um seinen vier Töchtern Waffeln zu backen und Milkshakes zu servieren.
Es stirbt Laurence Michael Polatsch, 32, Aktienhändler, ein Schwerenöter, einer, der sogar einmal Julia Roberts am Zeitungskiosk ansprach und zu einem Abendessen einlud - und beinahe erhört worden wäre.
Es sterben die Schwestern Lisa und Samantha Egan, 31 und 24, aus der Personalabteilung, die in den Tod gingen, wie sie ihr Leben lebten - gemeinsam.
Es stirbt Ward Haynes, 35, Broker, der am Wochenende zuvor zum ersten Mal seinen neuen Porsche ausprobierte.
Es stirbt Edward Mazzella, 62, Vizepräsident der Abteilung für Aktienverkauf, drei Tage bevor er in Rente hätte gehen sollen.
Es stirbt Jonathan Connors, 55, ebenfalls Vizepräsident, der in einer roten Schachtel Andenken an jenen Tag im Jahr 1993 aufbewahrt hat, als das World Trade Center zum ersten Mal angegriffen wurde: das rußverschmierte Hemd, ein U-Bahn-Ticket und den Kaschmirschal, den er damals als Atemschutz benutzt hatte.
Es stirbt Jacquelyn Sanchez, 23, Sekretärin , die noch ein letztes Mal bei der Mutter anrief, um sich von ihrem elf Monate alten Sohn zu verabschieden.
Es stirbt Joshua Rosenblum, 28, Assistant-Broker, der am 15. September seine Cantor-Kollegin Gina Hawryluk heiraten wollte - sie hat sich heute freigenommen, um den großen Tag vorzubereiten.
Es stirbt Jude Safi, 24, Broker, der alle Songs von Elvis und Sinatra auswendig konnte.
Es stirbt Troy Nilsen, 33, Computerspezialist, dessen autistischer Sohn Scott auch drei Monate nach dem Anschlag immer noch nach Daddy sucht.
Es sterben Kaleen Pezzuti und Matthew Grzymalski, 28 und 34, die sich im 105. Stock des World Trade Center kennen und lieben gelernt hatten.
Es stirbt Zuhtu Ibis, 25, Computerspezialist, geboren in der Türkei, der mit 18 in die USA ging und sich hocharbeitete in den 103. Stock des World Trade Center.
Es stirbt Fred Gabler, 30, Broker, der im Oktober Vater hätte werden sollen.
Es stirbt Jude Moussa, 35, ein Fonds-Händler, der seine Heimat Libanon vor 16 Jahren verließ, weil er genug hatte von den Bomben der Terroristen.
Alle 677 Menschen, die an diesem Morgen in den Büros von Cantor Fitzgerald arbeiteten, sind tot. Auch Jimmy DeBlase.
NORDTURM, 89. ETAGE
Cantor Fitzgerald ist eine der acht wirklich großen Firmen auf den insgesamt 204 Etagen des World Trade Center. In den beiden schillernden, fast arrogant wirkenden Türmen gibt es auch viele kleine Firmen, die man dort nicht vermuten würde.
Wenn es so etwas wie ein typisches Stockwerk gibt im World Trade Center, dann ist es die 89. Etage im Nordturm. Das Downtown-Büro des amerikanischen Versicherungskonzerns "MetLife" ist dort untergebracht, außerdem eine kleinere Versicherung, eine PR-Agentur, eine Speditionsfirma und zwei Anwaltskanzleien, fast ein Viertel der Bürofläche steht leer.
In der kleinen Spedition "Mutual International Forwarding" sitzt an diesem Morgen Rafael Kava. Der 80-Jährige verliert nicht die Nerven, als ein paar Etagen über seinem Kopf die Welt explodiert ist. Das Haus bäumt sich auf, es wirft ihn vom Stuhl, die Fenster ploppen aus ihren Rahmen, und von den Decken fließt Feuer. Kava steht langsam auf, nimmt seinen Hut - so ein kleiner Hut, wie ihn die alten Männer beim Boule tragen - und seine Aktentasche, dann verlässt er ohne Eile das Büro seiner kleinen Speditionsfirma in der 89. Etage des Nordturms.
Es ist schwer, ihn zu überraschen.
Rafael Kava ist 80 Jahre alt, seine Familie musste oft fliehen. Solange er denken kann eigentlich. Kavas Vater war ein Jude aus Wien, der später als italienischer Beamter in Alexandria gearbeitet hat, dort wurde 1921 Rafael Kava geboren. Er blieb bis 1956 in Ägypten, dann lebte er in Frankreich und in Mailand. Er war Drucker in kleinen Betrieben. 1976 ging Kava nach New York, wo sein Neffe Albert Cohen eine internationale Spedition gegründet hatte; Albert war 1968 aus Ägypten in die USA geflohen. Die Spedition ist ein Familienunternehmen, in dem auch Cohens Frau, sein Sohn und dessen Frau arbeiten.
Rafael Kava lebt mit seiner Schwester auf Staten Island. Er kann nicht richtig schlafen, wacht früh auf, weswegen er früher als die anderen rüber nach Manhattan fährt. Er ist immer der Erste im 89. Stock. Um 6.30 Uhr setzt er sich an den kleinen Schreibtisch neben der Eingangstür und beginnt, an seiner elektrischen Schreibmaschine Listen zu tippen. Er will sich nicht mehr an einen Computer gewöhnen, er gewöhnt sich auch nicht mehr an die englische Sprache. Er spricht Italienisch, Arabisch, Spanisch und Französisch fließend, Englisch jedoch kaum. Niemand will ihn dazu zwingen. Kava ist so etwas wie die Seele der Speditionsfirma.
Der Flur ist mit schwarzem Qualm gefüllt. Kava steht erst einmal da, er versucht, sich zu orientieren. Er überlegt, wo er hinlaufen soll, wen er kennt. Seit 20 Jahren ist er auf diesem Flur, aber er kennt eigentlich niemanden, nur den kahlköpfigen Walter von der Versicherungsfirma nebenan, und natürlich Theresa, die nette Sekretärin von "Cosmos-Services", mit der er spanisch sprechen kann. Und dann gibt es noch diese schwarze Dame, die bei den Rechtsanwälten arbeitet, auf der anderen Seite. Er kennt ihren Namen nicht. Kava steht neben der Tür, macht zwei, drei Schritte ins Dunkle, dorthin, wo er Walter und Theresa vermutet, dann geht er wieder zurück. Er versucht die andere Richtung zu den Rechtsanwälten, er sieht nichts, geht wieder zurück. Die Luft wird immer schlechter. Er hört Frauen schreien, gar nicht so weit weg. Er wartet vor der Firma seines Neffen, er will nicht vergessen, wo er ist.
Er ruft nach Hilfe, leise, nicht aufgeregt.
Mutual International Forwarding befindet sich an der Nordseite des Nordturms. Hier schlug das Flugzeug ein, sieben Etagen über dem Büro. Die Spedition hat etwas mehr als 100 Quadratmeter im 89. Stock gemietet, das ist die kleinste gemietete Fläche auf dieser Etage. Aber dafür ist Mutual International Forwarding die Firma, die am längsten hier ist. Die Spedition zog, zwei Jahre bevor das World Trade Center feierlich eröffnet wurde, im Nordturm ein. Damals gab es die 89. Etage noch gar nicht richtig. Sie waren die ersten Mieter im 19. Stock, oben wurde noch gebaut. Seit 1981 sind sie im 89. Stock. Für Albert Cohen und seinen Onkel Kava bedeutet das World Trade Center viel, es war ein Zeichen, angekommen zu sein, nach all der Flucht. Sie waren in New York, und sie saßen im World Trade Center.
Für kleine Firmen ist wichtig, dass "World Trade Center" auf ihrem Briefkopf steht. Das drückt Teilhabe an der Macht aus, Finanzkraft, Internationalität. So glänzte das World Trade Center mehr durch die Verpackung als durch den Inhalt. Die beiden riesigen Türme waren das Wahrzeichen der geballten Macht des Geldes.
Gedacht war das World Trade Center, in dem zuletzt gut 35 000 Menschen arbeiteten, nicht als Finanzplatz, sondern als Zentrum für den Seehandel. Die ersten Mieter, Anfang der siebziger Jahre, waren Speditionen wie die von Cohen und Kava, Schiffsversicherer und Handelsanwälte.
Als Anfang der achtziger Jahre die Immobilienpreise in Downtown stark anzogen, konnten sich viele der maritimen Unternehmen die Mieten nicht mehr leisten. Statt der Spediteure, die in Jeans und ohne Krawatte gearbeitet hatten, strömten nun die Broker mit dunklen Anzügen und Button-down-Hemden ins World Trade Center. Die größten Mieter waren zuletzt Morgan Stanley, Fuji Bank oder Cantor Fitzgerald, die alle Finanzdienstleistungen anbieten. Ganze Etagen hatten auch Versicherungsfirmen gemietet, zum Beispiel "Aon, Marsh & McLennan" oder "Guy Carpenter".
Walter Pilipiaks Firma ist mittelgroß, 14 Leute auf 260 Quadratmetern an der Nordseite des Turms, im 89. Stock. Direkt in der Mitte. Rechts von ihm liegt die Spedition Rafael Kavas, links von ihm eine Werbeagentur. Pilipiak ist 48 Jahre alt, er ist ein bulliger, kahlköpfiger Mann, der früher Eishockey gespielt hat. Er ist in Brooklyn groß geworden, was man hört, und verkauft seit 30 Jahren Versicherungen. Er hat sich auf die Versicherung von Schiffen und Häfen in Japan spezialisiert. Seit drei Jahren ist er Chef von Cosmos, einer Tochter von "Itocha", der drittgrößten Handelsfirma der Welt.
Pilipiak kennt kaum jemanden auf der Etage mit Namen, aber als Versicherungsmann grüßt er jeden, den er trifft. Auch den chinesischen Anwalt Mister Lin, der an diesem Morgen mit ihm im Aufzug von der 77. in die 89. Etage nach oben fährt. Lin ist 31 Jahre alt, er arbeitet zusammen mit einer Sekretärin in seiner Kanzlei auf der Westseite des Gebäudes. Mister Lin grüßt nicht zurück. Nie, sagt Pilipiak. Er sieht wie der junge Chinese in seinem Büro verschwindet, das gleich neben dem Fahrstuhl liegt.
Als Pilipiak die Stahltür zu seinem Büro aufschließt, schlägt American Airlines 11 ein, er wird mit seiner Tür ins Büro geschleudert, in dem seine vier Mitarbeiter Theresa Moya, Okane Ito, Harold Martin und Yoshi Movi sitzen. Der erfahrene Eishockeyspieler Pilipiak dreht sich im Fliegen und schlägt mit der Schulter gegen eine Wand aus Gipskarton. Dann bewegt sich das Haus. Pilipiak hat Angst, weil er nicht weiß, ob das Kippen aufhören wird. Nach einer Ewigkeit stoppt der Schwung, dann schiebt sich der Turm schreiend zurück. Pilipiak hört den Stahl krachen und brechen. Er springt auf, seine Mitarbeiter sehen ihn an, er ist der Chef. Durch die offene Tür sickert schwarzer Qualm in den Raum. Pilipiak rennt hinaus. Der schmale Flur zum Fahrstuhl, von wo er eben kam, ist mit dickem Rauch gefüllt, es riecht nach Benzin. So wie es riecht, wenn man an einem warmen Sommertag seinen Wagen voll tankt, denkt Pilipiak. Nur eben hundertmal stärker. Pilipiak geht ein paar Schritte, er hört Frauen schreien, und dann sieht er Rafael Kava.
Der alte Mann steht mit seiner Tasche und dem Hut im Flur, als würde er auf einen Zug warten. Der Hut erinnert Pilipiak an seinen Schwiegervater, der stammt aus Italien und hat immer solche Hüte getragen. Pilipiaks Wurzeln liegen in Weißrussland.
"Kommen Sie", ruft er Kava zu. Er bringt ihn in sein Büro und schließt die Tür. Die Luft hier drin ist eigentlich ganz gut, vor allem wenn man vom Flur kommt. Kein Fenster ist zerstört, was komisch ist, weil das Flugzeug direkt über ihnen einschlug und nebenan, bei Kava, alle Fenster heraussprangen. Pilipiak setzt Kava auf einen der freien Bürostühle. Die Sekretärin Theresa Moya bringt dem alten Mann etwas Wasser. Sie kennt ihn seit langem. Pilipiak fragt sich, wo all seine anderen Untergebenen heute sind. Normalerweise sollten hier 20 Mann arbeiten. Er stopft sein Jackett in den Schlitz unter der Tür und ruft seine Frau an, die drei Straßen weiter nördlich am Broadway arbeitet. Sie ist nicht da. Er ruft einen ihrer Kollegen an und sagt ihm, dass er ausrichten soll, er sei am Leben.
In dem Moment hämmert jemand von draußen an die Tür. Pilipiak öffnet. Eine blonde, etwa 50-jährige Frau mit rußverschmiertem Gesicht steht da. Sie zeigt den Flur runter nach Osten. Dort wo die Medienfirma ist.
Die Frau heißt Lynn Simpson. Sie ist Direktorin der PR-Agentur "Strategic Communications" an der Nordostseite des Büros. Zu diesem Zeitpunkt gibt es das Büro nicht mehr.
Strategic Communications begleitet den Auftritt großer Finanzunternehmen, Werbung, Prospekte, die Firma richtet Feiern aus und Kongresse. Sie hat etwa 600 Quadratmeter an der Nordostseite des Turms gemietet. An diesem Morgen sind fünf Mitarbeiter des 24-köpfigen Unternehmens im Büro. Die Rezeptionistin Sabrina Tirao sitzt am Empfangstisch und wartet auf Anrufe. Der Grafikdesigner Evan Frosch und die Projektkoordinatorin Frances Ledesma sind in der kleinen Bibliothek des Büros, um Material für die Imagekampagne zu sondieren, die Strategic Communications in dieser Woche für ein großes New Yorker Bankhaus beginnt. Aus diesem Grund diskutiert auch Direktorin Lynn Simpson seit acht Uhr mit ihrem Art-Director Thomas Haddad.
Thomas Haddad sieht keinen Schatten, als das Flugzeug kommt, er hört kein Anfluggeräusch. Alles passiert gleichzeitig in seinem Kopf. Der Anflug und der Aufprall, die Bilder und der Ton. Es ist hell und laut, alles auf einmal. Vielleicht ist es eher lauter als hell, es ist unfassbar laut, und Haddad glaubt, zwei lange Funken zu sehen, zwei Schweife in seinem Rücken. Dann wird er zu Boden geworfen wie alle anderen.
Als sie wieder hochgucken, ist die Hälfte ihres Büros verschwunden. Die Explosion hat die Suite von Strategic Communications in zwei Teile gespalten. Die fünf Leute leben nur, weil sie im rechten, westlichen Teil ihrer Büros standen. Die östliche Hälfte brennt. Die Decke ist geplatzt, die Fenster sind explodiert.
Lynn Simpson liegt in der Mitte des Konferenzraums, sie ist etwa einen Meter geflogen, sie blutet im Gesicht. Sie schaut sich um zu Haddad, der vor dem blanken Himmel steht. Zwei seiner drei Fenster sind rausgefallen. Im Konferenzraum brennt ein kleines Feuer, es tropft von der Decke und sammelt sich als brennende Pfütze auf dem Versammlungstisch. Dahinter war Lynn Simpsons Büro, es ist rausgehackt worden. Sie rennt hinaus auf den Flur. Sie stolpert durch die Dunkelheit, sie hört Schreie, dann geht sie zurück, verläuft sich, plötzlich öffnet sich eine Tür, ein Lichtschein fällt in den Flur, die Tür schließt sich wieder. Es ist der Moment, in dem Walter Pilipiak sein Jackett unter die Tür stopft. Sie geht zur Tür, schlägt dagegen, Pilipiak macht auf, sie kennt den Mann nicht, die Luft wird besser. Sie atmet drei-, viermal und rennt zurück, um ihre Leute hierherzuholen.
Sie trifft sie schon auf dem Flur. Sie halten sich an den Händen fest wie Kinder, das Büro hinter ihnen steht in Flammen. Lynn Simpson sieht, wie der Konferenztisch im Feuer verschwindet.
Dann gehen sie alle in das Büro von Cosmos. Sie sehen die meisten Leute in dem Versicherungsbüro zum ersten Mal. Die PR-Agentur ist seit sechs Jahren hier oben, aber sie haben keinen Kontakt zu den anderen Mietern, sagt die Direktorin Lynn Simpson.
Sie sind jetzt zu elft in dem Versicherungsbüro. Fünf Cosmos-Leute, fünf von Strategic Communications und Rafael Kava, der seinen Hut im Schoß hat. Das Büro scheint der letzte Raum auf der Etage zu sein, in dem man noch atmen kann. Die Cosmos-Suite ist so was wie eine Insel.
Niemand kann sich vorstellen, dass dort draußen auf ihrem Flur noch weitere Menschen überlebt haben. Sie telefonieren. Haddad ruft seine Frau an und sagt, dass er nicht weiß, ob er sie jemals wiedersieht. Frances Ledesma schärft ihrem Freund ein, dass sie eine Lebensversicherung hat, immer wieder. Bis vor fünf Minuten haben sie mit den meisten Menschen im Raum nicht ein Wort gewechselt, nun regeln sie in ihrer Anwesenheit ihr Leben. Nur Kava schweigt.
Pilipiak holt ein Radio aus seinem Büro und stellt es in die Mitte des Großraums. Die Moderatoren reden über ein Flugzeug, das ins World Trade Center geflogen ist. Sie machen Witze über besoffene Piloten, es ist eine dieser aufgeregten witzigen Morgensendungen. Art-Director Thomas Haddad hält es nicht aus, er schaltet auf einen Nachrichtensender um, als United Airlines 175 den anderen, den Südturm trifft. Sie hören einen dumpfen Aufprall. Sie sehen nichts, das Gebäude schwingt noch einmal, aber lange nicht so stark wie beim ersten Mal. Der Moderator klingt verzweifelt. "Wir werden angegriffen", schreit er. Der Himmel vor dem Fenster ist immer noch blau. Sie sehen einen Helikopter der Polizei direkt vor ihnen in der Luft stehen, er scheint in ihre Fenster zu schauen. Dann dreht er ab, so als könne er hier auch nichts tun.
NORDTURM, 86. ETAGE
Drei Etagen tiefer sind James Gartenberg und seine Sekretärin Patricia Puma in den Trümmern ihres Büros eingeschlossen. Er arbeitet für "Julien J. Studley Inc.", eine Immobilienfirma, und sucht Büroflächen für große Unternehmen. Die Firma will die Zweigstelle im November schließen. Gartenberg hätte ins Hauptbüro nach Midtown wechseln können oder in die Zweigstelle New Jersey, aber er hätte sich damit nicht verbessert. Er ist jetzt 36 und hatte schon seit längerem ein Angebot von "Colliers", einer New Yorker Konkurrenzfirma. Der 11. September ist sein letzter Arbeitstag bei Julien J. Studley Inc. und im World Trade Center.
Gartenberg und Puma können die Tür zum Treppenhaus nicht öffnen. Die Sekretärin nimmt das Telefon von ihrem Schreibtisch. Es funktioniert. Sie ruft die Notrufnummer 911 an. Sie bekommt keinen Anschluss. Sie ruft zu Hause an, obwohl sie weiß, dass ihr Mann gerade die Kinder in die Schule bringt. Sie haben drei kleine Kinder, das jüngste ist 16 Monate alt. Es ist niemand da. Gartenberg rennt an ihr vorbei nach draußen. Er wirkt kopflos. Als er zurückkommt, sagt er, er könne die Tür zum Treppenhaus nicht öffnen. Sie sei von Schutt versperrt. Überall sei Feuer. Sie seien eingesperrt.
Patricia Puma versucht es noch mal zu Hause. Ihr Mann ist zurück. Er sitzt mit der einjährigen Tochter neben dem Telefon. Patricia Puma ist erst ruhig, beginnt dann aber im Gespräch hysterisch zu werden, als begreife sie erst jetzt, was passiert ist. Die 33-Jährige weint und schreit. Sie erklärt ihrem Mann, was sie gesehen hat. Sie sagt, dass Feuerbälle aus den Fahrstuhltüren schlugen, dass eine Wand eingestürzt ist.
Als die Maschine in den Turm schoss, kam Puma von der Toilette, die Explosion traf sie auf dem Flur. Ein Feuerball zerstörte die Toiletten im 86. Stock komplett. Dort, wo sie sich eben noch im Spiegel ansah, ist nur noch ein schwarzes Loch. Der Turm schwankte, die Stahlkonstruktion kreischte. Patricia Puma wurde zu Boden geworfen, stand auf, rannte dann weiter zwischen den schwankenden Wänden auf ihr Büro zu. Hinter ihr stürzte etwas zusammen, es sah aus wie eine Wand. Zwei Sekunden langsamer, und sie wäre von dem Geröll begraben worden, sagt sie am Telefon.
"Ich liebe dich. Bleib ruhig. Ich rufe die Polizei an", sagt Kevin Puma.
Sie legt auf, Gartenbergs Telefon klingelt.
Es ist Adam Goldman, ein Studienfreund von Gartenberg. Goldman lebt in Chicago, er hat im Fernsehen gehört, dass ein Flugzeug in den Nordturm geflogen ist.
"Adam, es ist ein Feuer hier auf unserer Etage", schreit Gartenberg. "Ich bin eingeschlossen, ich komm nicht raus."
Goldman erzählt seinem Freund, dass ein Flugzeug eingeschlagen ist.
"Es sieht hier im Fernsehen aus, als würde der Rauch nach oben ziehen", sagt er. "Also geh besser runter."
"Wir kommen nicht raus", sagt Gartenberg.
"Bleib ruhig", sagt Goldman.
"Ich kann nicht ruhig bleiben, verdammt noch mal, Adam. Ich hab Angst. Bitte, hol mich hier raus."
Gartenberg legt auf und ruft in dem New Yorker Hauptquartier seiner Firma in Midtown an. Die Rezeptionistin weiß nichts von dem Unfall, sie hat keine Ahnung, wen sie mit dem aufgeregten Mann verbinden soll. Sie stellt ihn zur Personalchefin durch. Die heißt Margaret Luberda und ist erst seit ein paar Monaten in der Firma. Sie kennt Gartenberg nicht persönlich, aber sie hat gehört, dass er die Firma verlassen will. Sie weiß auch nichts von dem Unglück, sie sitzt in einem fensterlosen Büro im fünften Stock eines Hochhauses in der 52. Straße.
"Margaret, wir sind eingesperrt", ruft Gartenberg.
"Was ist los?", fragt Margaret Luberda ruhig.
Im selben Augenblick reißt eine Kollegin die Tür auf und erzählt Luberda, was passiert ist. Es ist 8.52 Uhr, alle denken an ein kleines Flugzeug oder einen Touristenhubschrauber.
"Wo sind Sie?", fragt Luberda.
"In der Empfangshalle, das Glas ist völlig rausgesprungen. Alles weg." Gartenberg sieht Brooklyn, so schön wie vorhin. Der Himmel ist blau, er sieht Teile herunterfallen, von oben, aber keinen Rauch. Die gläsernen Wände, die die Empfangshalle ihrer Firma von den Maklerbüros trennten, gibt es nicht mehr. Aus der Suite 8617 ist ein Großraumbüro geworden.
"Dann geht zum Notausgang", sagt Luberda am Telefon zu Gartenberg.
"Können wir nicht."
"Warum nicht?"
"Es liegt zu viel Schutt vor der Tür. Ich komm nicht durch."
"Versuchen Sie es noch mal."
"Wir kommen nicht durch. Es ist zu schwer."
Luberda stellt Gartenberg auf die Standleitung und ruft 911 an. Die Polizei stellt sie zur Feuerwehr durch. Sie erzählt einem Mann, dass zwei Beschäftigte ihrer Firma in der Suite 8617 des World Trade Center 1 eingesperrt sind. Der Feuerwehrmann wirkt ruhig, Vertrauen erweckend. Hilfe ist unterwegs, sagt er. Luberda entspannt sich. Sie kehrt zu Gartenbergs Leitung zurück.
"Sie holen euch raus, Jim", sagt sie zu Gartenberg.
Er ist beruhigt, bekommt einen Anruf von einem anderen Freund aus New Jersey, Adam Rosen, auch ein Mitstudent. Gartenberg hat viele Studienfreunde. Er ist der Chef der ehemaligen Studenten der Universität Michigan.
Patricia Puma telefoniert mit ihrem Kollegen George Martin. Sie sagt ihm, dass die Notausgänge versperrt sind. Er beruhigt sie.
James Gartenbergs Ehefrau Jill kommt um 8.55 Uhr in ihrem Büro in der Upper East Side an. Sie läuft etwa zehn Minuten von ihrem Apartment zu ihrem Büro, sie ist im dritten Monat schwanger und Mutter einer zweijährigen Tochter. Sie ist Logopädin für Kinder. Sie hat eine Nachricht auf dem Anrufbeantworter. Sie wurde um 8.46 Uhr aufgesprochen und stammt von ihrem Mann.
"Jill, es ist Feuer auf unserer Etage. Ich liebe dich, Jill. Sag allen, dass ich dich liebe. Ich weiß nicht, ob ich rauskomme, Jill. Ich liebe dich so sehr", ruft er.
Noch nie hat sie ihn so verzweifelt gehört. Es passt alles nicht. Der schöne Spaziergang durch die Upper East Side und diese panische Stimme. Jill Gartenberg steht in ihrem Büro und starrt vor sich hin. Dann klingelt ihr Telefon. Es ist ihr Mann. Er ist jetzt deutlich ruhiger.
Er erzählt ihr, dass Hilfe unterwegs ist. Er bittet sie, zu seiner Mutter zu gehen, die unweit von Jill Gartenbergs Office wohnt. Jill ist verwirrt. Sie weiß nicht, wie ernst das alles ist. Ihre Tochter Nicole ist mit dem Babysitter zu Hause, eigentlich würde sie lieber dorthin zurückgehen. Aber sie verspricht ihrem Mann, zu seiner Mutter zu gehen. Er liebt seine Mutter, er ist ihr Lieblingskind. Als Gartenberg auflegt, schlägt das zweite Flugzeug in den Südturm ein. Jill Gartenberg tritt auf die Straße und sieht den Qualm, der sich am unteren Ende der Insel ausbreitet.
Es ist jetzt 9.05 Uhr. Beide Türme brennen. Sie fängt an zu schreien und zu weinen. Sie glaubt nicht, dass irgendjemand von dort oben fliehen kann. Sie war nur einmal im Büro ihres Mannes, sie weiß, dass es sehr hoch ist. Jim Gartenberg hat keinen Wert auf die Aussicht gelegt, er hat sich oft bei ihr beschwert, wie lange die Fahrt mit den Fahrstühlen dauert. Er hatte keine Zeit zu verschwenden, er hat jeden Tag 14 Stunden gearbeitet, oft auch 16. Nur an den Wochenenden war er zu Hause.
Inzwischen spricht Patricia Puma, Gartenbergs Sekretärin, zum zweiten Mal mit ihrem Mann. Kevin Puma arbeitet bei den New Yorker Verkehrsbetrieben. Er macht Nachtschichten, um seine Kinder an den Tagen, an denen seine Frau arbeitet, zur Schule bringen zu können. Er ist erst an diesem Morgen von seiner Schicht zurückgekehrt. Er hat den Fernseher eingeschaltet und den Ton abgedreht.
Er sieht den Feuerball aus dem zweiten Turm schlagen. Immer wieder. Das Fernsehen wiederholt den Einschlag, Kevin Puma und seine Frau wiederholen das Gespräch, das sie schon zweimal führten. Patricia Puma erzählt ihm noch mal, wie sie auf der Toilette war und alles zusammenstürzte. Er sagt ihr wieder, sie solle fliehen. Sie sagt, dass Gartenberg die Notausgänge kontrolliert habe. Sie seien blockiert. Er fleht sie an, es zu probieren. Er findet nicht gut, dass sie lediglich warten. Die Bilder sehen so gefährlich aus.
In dem Moment sieht Kevin Puma den Namen von James Gartenberg neben den beiden Türmen eingeblendet. Er dreht den Ton lauter. Im Hintergrund hört er seine Frau aus dem Fernsehgerät auf ihn einreden. Sie sind im Fernsehen.
"Ihr seid im Fernsehen", sagt er zu seiner Frau.
Jim Gartenberg gibt ein Live-Telefoninterview für ABC. Die Frau seines Kollegen Robert Goodmann hat beim Fernsehsender ABC angerufen und Gartenbergs Telefonnummer durchgegeben. Sie sagt später, sie wollte möglichst viele Rettungskräfte auf seine Situation aufmerksam machen.
Gartenberg wirkt ruhig, als ihn die Moderatoren befragen. Er beschreibt die Luft und den blockierten Eingang. Er sagt, es gehe ihm gut. Den Umständen entsprechend gut. Zweimal nennt er seine Lage: "Wir sind im 86. Stock, wir sehen auf den East River." Er sagt, dass die Rettungskräfte auf dem Weg zu ihnen seien. Gartenberg scheint sicher zu sein, bald rauszukommen. Am Ende werfen ihn die Moderatoren aus der Leitung, weil sie die Nachricht bringen, dass die Brücken gesperrt sind.
Gartenberg wechselt wieder zu Margaret Luberda, die an der Standleitung in ihrem Midtown-Büro wartet. Kollegen haben ihr erzählt, dass Gartenberg im Fernsehen tapfer wirkte, sehr gefasst. Sie gratuliert ihm zum Fernsehauftritt.
"Ich wollte denen nicht sagen, wie schlimm es wirklich war, Margaret", sagt Gartenberg. "Ich wollte die anderen Familien nicht beunruhigen."
"Wie ist die Luft?", fragt sie.
"Es wird schlimmer. Soll ich einen Stuhl durchs Fenster werfen?"
"Lassen Sie mich das mit dem Fire Department klären", sagt Luberda. Sie beauftragt einen Kollegen damit, bleibt mit Gartenberg im Gespräch.
"Ist der Boden heiß?", fragt sie.
"Nein."
"Kommt Rauch aus dem Fußboden?"
"Nein, nur von draußen aus dem Treppenhaus."
Auf der anderen Leitung ist jetzt die Feuerwehr. Er soll auf keinen Fall die Fenster einwerfen, sagen sie. Luberda gibt ihnen noch mal Gartenbergs genaue Lage an. Nordturm, 86. Stock, Suite 8617. Dann kehrt sie zurück in Gartenbergs Leitung.
"Sie wissen jetzt genau, wo ihr seid."
NORDTURM, 89. ETAGE
Drei Etagen über Gartenberg und seiner Sekretärin Puma bindet sich Pilipiak ein Eishockey-T-Shirt, das als Glücksbringer an seiner Wand hängt, um den Kopf und rennt aus seinem Büro. Die Luft ist besser. Er läuft durch den schmalen Flur auf die Fahrstühle zu. Es riecht nicht mehr nach Benzin, sondern nach Betonstaub. Pilipiak läuft nach rechts, wo die Damentoiletten waren, sie sind zerstört, die Räume dahinter, die Büros von "Broad U. S. A. Inc.", sehen nicht aus, als könnte dort jemand überlebt haben. Aber Broard ist vor einem Monat ausgezogen.
Alles ist schwarz. Er kann die Tür zum Treppenhaus A gar nicht sehen. Er läuft nach links zum Treppenhaus B, das gegenüber der Herrentoilette liegt. Der Flur sieht hier besser aus. Auch diese Tür lässt sich nicht öffnen, irgendwie scheint sie verriegelt. Vielleicht ein Brandschutzmechanismus, oder jemand hat sie abgeschlossen. Pilipiak geht ein paar Schritte in Richtung des Büros, in dem Mister Lin, der Rechtsanwalt, der nie grüßte, heute Morgen verschwunden ist. Es ist ein Geröllberg. Kein Eingang mehr, nichts. Lin muss tot sein, sie haben nie ein Wort miteinander gewechselt. Walter Pilipiak erinnert sich, dass der Mann beim Pinkeln immer die Krawatte über die Schulter warf.
Als Pilipiak zurück zu den anderen gehen will, sieht er einen Mann. Der Mann trägt einen altmodischen Zweireiher, rote Schuhe und kommt von Westen auf ihn zu. Er sagt, dass er Bob Sibirium heißt und bei MetLife arbeitet. Offensichtlich haben auch andere überlebt. Sie sind nicht die einzigen. Pilipiak lacht glücklich. Er hat den Mann noch nie gesehen. Er gibt Sibirium einen kräftigen Eishockeyspieler-Händedruck. Auch Sibirium verkauft seit 30 Jahren Versicherungen.
Sie zerren zusammen an der Tür, aber sie lässt sich nicht öffnen.
MetLife hat etwa 1000 Quadratmeter im Südwesten gemietet. Sie schauen von hier auf den Südturm und den Hudson River. Offenbar hat das Flugzeug im Süden weit mehr Schaden angerichtet als im Norden. Der südöstliche Teil brennt, der Kern mit den Fahrstühlen und Toiletten sieht aus, als wäre er rausgebombt worden. Man kann vom Norden durch die Damentoiletten in den Süden schauen.
An diesem Morgen sind nur 13 der etwa 50 Mitarbeiter aus dem Downtown Office von MetLife im Nordturm. Die anderen sind zu Kunden unterwegs. Sibirium ist einer der Abteilungsleiter. Er ist heute Morgen mit seinem 82er Mercedes Cabrio zur Arbeit gekommen, weil das Wetter so schön ist. Das Auto steht jetzt unten im Kellergeschoss 2, im gelb markierten Bereich, in dem die Abteilungsleiter von MetLife ihre Autos parken. Später wird Sibirium kurz an den Wagen denken, den er liebt wie einen Sohn. Der Parkplatz war leer, das Büro ist eigentlich nur am Montagmorgen richtig voll, Vertreter sind selten im Büro. Sibirium wollte sich heute mit seiner 77-jährigen Assistentin Carmilla über eine bevorstehende Reise zu einem Großkunden nach Spanien beraten. Die alte Frau wurde kurz bewusstlos, als das Flugzeug einschlug, kam aber schnell wieder zu sich. Auch bei ihnen fielen die Deckenfliesen wie Schuppen herab. Sibirium sah draußen vor den Fenstern einen Feuerball aus dem Haus schießen. Dann schwankte das Haus. Ein paar Mauern stürzten ein, das Licht ging aus.
Das MetLife-Büro ist in zwei Räume unterteilt. Im größeren Teil befinden sich elf Leute, im kleineren sind zwei Mitarbeiter von MetLife. Die Luft im Großraumbüro wird schnell schlechter. Die Leute sind ruhig, sie verlassen ihren Raum und gehen zwischen den Fahrstühlen hindurch nach Norden, wo die Kanzlei von Drinker, Biddle & Reath ist. Dort ist das Licht besser und auch die Luft. In der Mitte des Flurs, auf der Höhe der Fahrstühle, brennt ein Feuer, aber man kann ihm bequem ausweichen. Es fällt niemandem auf, dass die beiden Kollegen aus dem anderen MetLife-Büro nicht dabei sind.
Drinker, Biddle & Reath ist eine große Kanzlei, die rund 1000 Quadratmeter gemietet hat. Aber an diesem Morgen ist kein einziger Anwalt hier, nur die Rezeptionistin Diane Davout. Sie wohnt in Bensonhurst, Brooklyn, und arbeitet seit zehn Jahren bei der Kanzlei. Sie ist mit Theresa Moya von Cosmos befreundet und auch mit Rafael Kava, der ja auch immer früh kommt und eigentlich Sekretärinnenarbeit macht. Es sind die einfachen Leute, die jetzt da sind. Diane Davout mag Rafael Kava, die Rechtsanwälte mag sie nicht so. Sie wundert sich nicht, dass noch keiner von den elf Anwälten ihrer Kanzlei hier ist, obwohl das Büro um 8.30 Uhr öffnet. Das müsste ihr mal passieren.
Als das Flugzeug einschlägt, wird auch sie umgeworfen, sie weiß nicht genau, was sie machen soll. Sie zieht ihre hochhackigen Schuhe wieder aus und schlüpft in ihre Sneakers. Sie geht erst einmal durch alle Büros. Sieben Fensterscheiben fehlen. Dann wartet sie.
Nach zehn Minuten kommen Leute mit schwarzen Gesichtern in ihre Empfangshalle gerannt, die Leute von MetLife, angeführt von Sibirium. Diane kennt alle Gesichter auf der Etage. Sie macht ein paar Anrufe. Ihr Freund ist nicht zu Hause, sie ruft ihre Freundin Joanne im Rathaus von Brooklyn an und sagt ihr, sie solle den Fernseher anmachen. Dann wartet sie wieder. Sie überlegt, ob sie nicht besser wegrennen soll. Sie hat ja die Turnschuhe an. Aber weil niemand rennt, bleibt auch sie erst mal sitzen. Sibirium, der Typ mit den roten Schuhen, geht immer mal raus auf den Flur, um nach den Treppen zu sehen, wie er sagt.
Eine halbe Stunde nach dem Einschlag der American Airlines 11 kommt Sibirium mit einem hoch aufgeschossenen Mann zurück, der eine lange Stabtaschenlampe und einen Schutzhelm trägt. Er sagt, dass er von der Port Authority sei. Sie sollen ihm folgen. Diane Davout läuft ihm sofort nach, der Mann sieht aus, als könne man ihm vertrauen, kein Rechtsanwalt, kein Versicherungsvertreter. Er bringt sie zum Treppenhaus B gegenüber der Männertoilette. Dort wartet ein kleiner Mann, auch der trägt Schutzhelm und Lampe. Die beiden Männer sind hochgekommen von der 88. Etage, auf der sie eingesperrt waren. Sie haben die Tür mit einer Axt eingeschlagen. Jetzt ist der Weg frei für die Eingeschlossenen aus dem 89. Stock.
Die elf Mitarbeiter von MetLife und Diane Davout betreten das Treppenhaus, der große Mann mit dem Helm geht weiter durch den Flur, um den Rest zu holen.
Walter Pilipiak und die anderen, Pilipiaks Mitarbeiter, die fünf Überlebenden aus der PR-Agentur und Rafael Kava warten; einige telefonieren, Yoshi Movi surft im Internet, verschickt Mails, als die Tür aufgeht.
"Raus hier! Schnell", ruft der Mann mit dem Helm. Theresa Moya hat den 80-jährigen Rafael Kava im Arm. An der offenen Tür hilft der andere Mann von der Port Authority den letzten der 23 Überlebenden durch die Tür ins Treppenhaus, zum Schluss Pilipiak. Der sieht den beiden Rettern hinterher, sie gehen nach oben, um weiteren Menschen zu helfen, wie sie sagen. Sie haben nur die Axt dabei.
Die 89. Etage ist geräumt. Fast. Im kleinen MetLife-Büro sind zwei Angestellte von Trümmern eingeschlossen. Keiner hört sie, sie telefonieren um ihr Leben, sie reden mit ihren Angehörigen, bis der Südturm einstürzt und die Verbindung abreißt. Von Mr. Lin, dem Rechtsanwalt, der nie grüßte, gibt es kein Lebenszeichen mehr.
NORDTURM, 86. ETAGE
Drei Stockwerke unter der 89. Etage sitzen Gartenberg und seine Sekretärin immer noch fest, auch sie kommen nicht aus ihrem Büro heraus. Gartenbergs Freund Goldman ruft wieder aus Chicago an.
"Der Rauch wird schlimmer, Adam", sagt Gartenberg.
Goldman beschließt, ihm nichts vom zweiten Flugzeug zu erzählen.
Die Gespräche werden kürzer, es ist alles gesagt.
Margaret Luberda will mit Patricia Puma sprechen.
"Wie geht es Ihnen?", fragt Luberda. "Können Sie atmen?"
"Schwer", sagt Puma.
"Haben Sie Wasser?"
"Ja."
"Tauchen Sie Ihre Jacken ins Wasser, und atmen Sie durch", sagt Luberda.
Gartenberg ruft, dass Schutt auf sie runterfalle. Die Decke löse sich auf.
"Suchen Sie irgendwo Schutz", sagt Luberda.
"Wir kriechen unter den Empfangstisch", sagt Gartenberg.
Die beiden kriechen unter den Tisch, sie schleppen die Telefone mit sich.
Gartenberg redet mit seiner Mutter und seiner Frau. Sie sitzen im Haus der Mutter. Sie wissen nicht, was draußen passiert. Jill Gartenberg wollte den Fernseher anschalten, aber ihre Schwiegermutter hat es verboten. Jill Gartenberg findet, dass ihr Mann plötzlich sehr ruhig wirkt. Sie weiß nicht, was sie ihm sagen soll. Die Schwiegermutter sitzt neben ihr. Sie sagt nur: "Bleib am Boden." Er sagt ihr, dass es nicht einfach ist. Sie wollen dem Rauch ausweichen, der unter der Tür ins Büro quillt, aber sie wollen auch den Feuerwehrleuten zurufen, wenn die kommen. Sie müssen ja jetzt jeden Moment da sein.
Patricia Puma telefoniert wieder mit ihrem Mann. Er sagt ihr noch mal, dass sie rausgehen soll, aber das scheint sie gar nicht mehr zu erreichen. Er denkt, dass sie sich zu sehr auf Gartenberg verlässt.
"Versuch es doch wenigstens. Bitte!", ruft er.
Sie sagt, dass er sich gut um die Kinder kümmern soll. Sie hustet. Er sagt, dass er sie liebe. Dass Hilfe komme.
Gartenberg bekommt wieder einen Anruf von Goldman aus Chicago.
"Ich liebe dich", sagt Gartenberg. "du bist mein bester Freund. Ich weiß nicht, ob ich jemals rauskomme. Bitte kümmere dich um meine Familie."
Goldman versucht ihm Mut zu machen, Gartenberg weint.
Er ruft noch mal bei seiner Frau an.
"Ich liebe dich", sagt Gartenberg.
Er geht noch mal auf die Standleitung zu Margaret Luberda.
"Es wird jetzt wirklich sehr stickig", sagt er. Dann bricht die Leitung zusammen.
Es ist 9.45 Uhr. Luberda schaut auf ihr Display, sie waren genau 58 Minuten lang verbunden.
Patricia Puma erreicht ihren Mann noch einmal. Er versucht nicht mehr, sie zu irgendetwas zu überreden. Der letzte Satz, den sie sagt, ist: "Ich leg auf. James Gartenberg sagt, wir müssen Sauerstoff sparen."
Eine Stunde lang haben ihnen die Telefone eingeredet, dass die Situation beherrschbar sei. Das ist vorbei.
Rosen, Goldman und Luberda versuchen immer wieder, in der 86. Etage des Nordturms anzurufen. Sie schaffen es nicht mehr. Jill Gartenberg zieht sich in ein Zimmer im Haus ihrer Schwiegermutter zurück und schließt die Tür. Kevin Puma sieht die qualmenden Türme auf dem stummen Bildschirm in seinem Wohnzimmer.
NORDTURM, IM TREPPENHAUS
Pilipiak geht nach unten, an der Etage von James Gartenberg und Patricia Puma vorbei, den Stimmen hinterher. Er dreht sich ein paar Mal um, aber es ist niemand mehr hinter ihm. Auf dem Weg nach unten begegnet den Flüchtlingen aus dem 89. Stock kaum noch jemand von oben. Pilipiak schließt zu den anderen auf. Lynn Simpson, die Direktorin der PR-Agentur, sagt, dass sich in den Treppenhäusern die Menschen ihre Stockwerke zurufen. Sie hört keine 89 mehr und auch keine Nummer, die höher ist. Bis zur 78. Etage gibt es keine Probleme, sie laufen ruhig die Treppen runter. In der 78. müssen sie das Treppenhaus wechseln, die Etage ist stockdunkel. Pilipiak führt die Leute mit dem Licht aus seinem Handy durch die Dunkelheit. Daran erinnern sich noch alle. Wie der Mann mit dem Eishockeyshirt um den Kopf sie im Licht seines Funktelefons über den Flur führt. In diesem Moment, als sie das Treppenhaus wechseln, sind die Bewohner der 89. Etage sich so nahe wie nie zuvor und nie wieder danach. Die 23 Überlebenden der 89. Etage halten sich aneinander fest. Einige sehen sich in diesen Minuten zum ersten und letzten Mal.
Sie treffen auf zwei Männer, die vor zwei Treppen diskutieren, welche der richtige Weg nach unten ist. Die Überlebenden aus dem 89. Stock trennen sich, es gibt wieder Alternativen. Sie verlieren sich für immer aus den Augen, die 89. Etage ist zerstört, sie haben keinen gemeinsamen Platz mehr, an dem sie sich wiedersehen könnten.
Rafael Kava, der alte Mann, ist so etwas wie ein Symbol dieser kurzen Annäherung, an ihn erinnern sich alle. Auch die Leute von der Südwestseite, die ihn nur ganz kurz gesehen haben, reden später vom alten Mann mit dem Hut. Die meisten glauben sogar, ihm geholfen zu haben. Merkwürdigerweise denken alle, er sei tot. Er kann es nicht geschafft haben.
Rafael Kava aber geht an der Hand von Theresa Moya die Treppen hinunter. Er ist wieder auf der Flucht.
FAA KONTROLLZENTREN CLEVELAND UND CHICAGO, 9.28 UHR
Der Tag eines Fluglotsen kann hart sein. Regen und Schnee, Wetterstürze, der dichte Verkehr über Amerikas Landmasse, die gedrängten Start- und Landepläne verlangen viel. Nie aber war ein Tag wie dieser. Alarmstufe rot in allen 22 Kontrollzentren der Luftfahrtbehörde FAA von Küste zu Küste. Keine einzige Entführung in den USA während des letzten Jahrzehnts und dann, innerhalb von einer Stunde, vier.
Die letzte Entführung des Tages beginnt mit seltsamen Geräuschen, beschlossen vom bellenden Ruf einer aufgeschreckten, akzentfreien Stimme aus dem Cockpit von United Airlines 93, sie sagt: "Hey, raus hier!"
Einen Atemzug früher war aus der Kabine ein kleiner Klingelton zu hören, ein "Pling", ein "Bing", Signal für eine ankommende Textnachricht im Cockpit, eine Art E-Mail, für die Piloten auf einem Display zu sehen, grün auf schwarzem Grund.
Ein Controller in Chicago, er musste eben schon die Entführung der United 175 melden, hat die Nachricht an alle geschickt, sie lautet: "Beware, cockpit intrusion", was so viel heißt wie: "Achtung, Cockpits, Eindringlinge!", Vorsicht, Gefahr! Diese Meldung bestätigt die Cockpit-Crew der United 93 noch. Sie tippt nur ein Wort: "Confirmed", Bestätigt.
Einen Atemzug später ist das Flugzeug entführt.
Ein Lotse in Cleveland hört aus dem Cockpit eine neue, unbekannte Stimme mit starkem Akzent. Sie gehört nicht dem Kapitän und auch nicht dem Ersten Offizier. Sie sagt: "Es ist eine Bombe an Bord. Hier spricht der Kapitän. Bleiben Sie in Ihren Sitzen! Bleiben Sie ruhig! Wir werden ihre Forderungen erfüllen. Wir kehren zum Flughafen zurück."
COCKPIT DER UNITED AIRLINES 93, 9.35 UHR
United Airlines 93, eine Boeing 757-222, gestartet in Newark um 8.42 Uhr, zieht durch den Himmel nahe Cleveland, Ohio. Ziad Jarrah hat das Mikrofon, der Libanese, der in Deutschland zum Fanatiker wurde und in Florida zum Flieger. Jarrah ist der Pilot und Chef, der Cockpit-Voice-Recorder beweist es, 30 Minuten lang nimmt das Gerät auf, seit 9.30 Uhr. Das Band beweist auch, dass Jarrah über weite Strecken nicht allein ist im Cockpit der Boeing. Man kann ihn sprechen hören mit einem Komplizen, auf Arabisch. Man kann sie sagen hören, dass sie das Flugzeug abstürzen lassen, falls die Passagiere ihnen das Kommando entwinden. Man kann sie beten hören, Jarrah und den anderen. Bete für dich und deine muslimischen Brüder um den Sieg am Ende, und fürchte dich nicht, denn du wirst bald Gott treffen. So steht es in der Fibel der Attentäter. Jarrah erfüllt sie Punkt für Punkt. Er betet nach Plan. Der Tod schaut ihn an.
Am Vortag noch hat Jarrah, Rädelsführer Nummer vier neben Atta, Shehhi und Hanjour, seinen Abschiedsbrief an die geliebte Aysel in die Post gegeben, an die Freundin daheim in Deutschland. Am Tag der Tat, am Tatort selbst, im Flugzeug, hat er gegen neun Uhr noch einmal Aysels Nummer in Bochum gewählt. Wirkte er, wie in den Wochen davor, immer noch "völlig normal"?
Über Cleveland, Ohio, zieht Ziad Jarrah die United 93 auf über 40 000 Fuß, lässt sie in eine Linkskurve fallen, südwärts, und vollführt eine Kehre nach Osten, Richtung Washington. Geht es ums Weiße Haus? Ums Kapitol? Steuern die Verschwörer Camp David an? Sucht Jarrah die Maschine des US-Präsidenten, Airforce One?
NORDTURM, IM TREPPENHAUS, 78. ETAGE
Auf den Weg hinunter zur Erde haben sich Mike Hingson und David Frank erst gemacht, nachdem sie den Hauptschalter des P 3000, ihrer Großrechenanlage, gesucht und nicht gefunden hatten. Sie arbeiten bei der Firma "Quantum/ATL" und verkaufen an Unternehmen Datensicherungssysteme für den Katastrophenfall. An diesem Morgen war eine Verkaufspräsentation geplant.
Hingson hat nichts gesehen von der Explosion acht Stockwerke weiter oben, er ist blind, aber den dröhnenden Knall hat er gehört und das Schwingen des Gebäudes gespürt. Dann sank alles nach unten. Ein Meter, schätzte Mike Hingson. Erdbeben? Nein, denkt er, kein Erdbeben. Ich bin aus Kalifornien, ich weiß, was ein Erdbeben ist. Außerdem riecht es hier nach Kerosin. David Frank denkt: Eine Gasleitung ist explodiert. Aber Quatsch, hier oben gibt es keine Gasleitungen. Außerdem war es dafür zu heftig.
Ein Anschlag? Den Gedanken verwirft er sofort wieder. "Es macht keinen Sinn, so weit oben eine Bombe zu legen", denkt er. Es muss eine Benzinexplosion sein.
Mike Hingson hört dauernd "wir müssen hier raus, wir müssen hier raus", und er findet, dass er seinen Freund beruhigen müsse. Er glaubt, dass David sich mehr aufregt als er selbst, weil David sehen kann, was passiert. Er hingegen, Mike, habe es gelernt, sich auf das wirklich Wichtige zu konzentrieren. Und gelernt, mit Gefahren umzugehen. Schließlich ist er jeden Tag in Gefahr, sobald er sich auf die Straße begibt, ohne etwas zu sehen. Außerdem ist da Roselle, seine Blindenhündin, ein Golden Retriever, und wenn Roselle jetzt gut arbeiten soll, darf sie nicht nervös werden. Nervös wird sie, wenn ihr Herr nervös wird. Also: Ruhig, Mike. Ruhig, David. Ruhig, Roselle.
Die Leute, die sie im Treppenhaus treffen, halten Tücher vor den Mund gepresst. 1993, beim ersten Anschlag auf das World Trade Center, hatte sich gezeigt, dass die Treppenhäuser zu dunkel und die Lüftungsanlagen überfordert waren; viele Menschen verbrachten damals Stunden in den Fahrstühlen oder in den überfüllten Treppenhäusern. Wenig später wurde ein neues Alarmsystem installiert. Die Treppenhäuser wurden mit einer batteriegetriebenen Notbeleuchtung versehen und die Wände mit Leuchtfarbe gestrichen. Sicherheitskräfte kontrollierten regelmäßig die Fluchtwege.
Diese Sicherheitsmaßnahmen bieten allerdings nur bei einem Normbrand Schutz. Eine Evakuierung über die Treppenhäuser ist nur dann möglich, wenn das Feuer zwei bis drei Stunden braucht, bis es sich durch die Rigips-Platten der Treppenhäuser gefressen hat.
Frank fällt auf, dass die dunkelgrün verzierte Leiste, die in die Wand neben den Aufzügen eingelassen ist, Beulen und Bruchstellen zeigt. Das Gebäude ist offenbar in seiner Struktur schwer beschädigt. Er denkt, dass hier für sehr lange Zeit wohl niemand mehr hochgelassen wird.
Die ersten 20 Stockwerke gehen einfach. Vor ihnen ist niemand. Frank läuft vorweg, hinter ihm Mike Hingson und Roselle. Roselle arbeitet gut. Aber sie hechelt sehr, das ist der Durst. Ab und zu werden die beiden überholt. Wo die anderen Kollegen sind, wissen sie nicht.
Frank ist Buddhist, er glaubt, dass hinter jedem Geschehen ein verborgener Sinn steckt. Jetzt hat er den Eindruck, "da will uns jemand etwas sagen". Er weiß nicht, was für eine Botschaft das sein könnte. Seine Auseinandersetzung mit dem Buddhismus hat ihn Bescheidenheit gelehrt, er kann sich vorstellen, warum andere Menschen Amerika nicht mögen. Das alles sind nur Gedankenfetzen. Aber wenn das hier eine Botschaft sein soll, denkt er, dann müssen wir zuhören.
Sein blinder Freund Hingson streift im Vorbeigehen jede Tür, an der er vorbeikommt: Ist sie heiß? Lässt sie sich öffnen? Keine fühlt sich warm an. Aber nur etwa jede dritte Tür geht auf.
Etwas unterhalb der 70. Etage wird es voll im Treppenhaus. Ein Stau. Hunderte von Köpfen unter ihnen auf der Treppe. Jemand sieht den Blinden und bittet die Leute, vor ihm Platz zu machen für die beiden und den Hund. Niemand beschwert sich. Alle rücken zur Seite.
Nett von den Leuten, aber Hingson will das eigentlich nicht. Er will ja gerade keine Sonderbehandlung. Er will beweisen, dass auch ein Blinder zurechtkommt im Leben, und im Job sowieso. Er hat einen sprechenden Computer und macht seinen Job als Bereichsleiter für ATL. Aber was soll man machen, man kann ja nicht mit den Leuten streiten in so einer Situation. Auch wenn es Nachteile bringt, dass die Leute ihn links vorbeilassen: Dann kann er Roselle nicht nutzen, sie muss ja immer links von ihm gehen.
Etwa im 40. Stock hören sie Rufe von hinten: "Geht zur Seite! Brandopfer kommen!" Frank macht Platz. Auf der Treppe über ihm kann er sie zum ersten Mal sehen: eine Frau, Ende 20, Anfang 30. Er spürt wieder diese Klarheit im Kopf, nimmt sich vor, ganz genau hinzusehen: Sie läuft wie ein Zombie. Die Augen stur geradeaus, ausdruckslos. Ihre Kleidung ist zur Hälfte weggebrannt. Von ihren Armen, ihrem Nacken und dem Gesicht fällt Haut herab. Das Haar, von dem er vermutet, dass es einmal blond war, erinnert ihn an festgebackenen, grauen Schleim. Die Frau steht unter Schock, aber sie läuft. Frank denkt darüber nach, dass der Schock doch eine ziemlich gute Sache ist.
Bald kommt das nächste Brandopfer, und es ist bizarr: Sie hat etwa das gleiche Alter, die gleiche Größe, das gleiche Haar. Sie ist genauso verbrannt, ausdruckslos und geschockt.
Unterhalb des 40. Stocks wird der Kerosingeruch stärker, das Kerosin kriecht in die Lungen, legt sich auf alle Geschmacksnerven, benebelt den Kopf. Von unten werden kleine Wasserflaschen gereicht, das schafft ein wenig Linderung, auch für Roselle. Erst dreieinhalb Jahre ist sie alt, erst neuneinhalb Monate ist sie bei Hingson im Dienst, aber sie ist gut. Sie nimmt die Kurven so, dass Hingson gut folgen kann und stoppt, wo sie muss. Sie ist verlässlich. Sie kann sich konzentrieren.
NORDTURM, IM TREPPENHAUS, 61. ETAGE
Niemand darf Manu Dhingra berühren. Sonst wird er wahnsinnig vor Schmerz. Ein Kollege geht vor ihm, einer hinter ihm, so steigen sie das Treppenhaus hinunter, schon seit dem 83. Stock. Dort hat Dhingra das Unglück genau in dem Moment erwischt, als er den Aufzug verließ, im 83. Stock des Nordturms, um 8.45 Uhr. Sein Körper ist verschmort. Es war kein Feuer, das ihn verzehrte, sondern ein ungeheurer Hitzestoß, der sein Gesicht getroffen hat, die Arme, den ganzen Rumpf. Hinter ihm verglühte der Aufzug, den er gerade verlassen hatte. Es waren noch Menschen drin.
Lass mich schnell sterben, betet Manu Dhingra, mach, dass es schnell vorbei ist.
Eigentlich hat er ja immer geglaubt, dass er ein Glückspilz sei. An Unfällen schrammte er vorbei, nie hat es ihn erwischt, und er hat es ja auch ziemlich weit gebracht im Leben: Als Kind kam er mit seiner Familie aus Indien. Jetzt ist er 27, hat studiert und handelt mit Optionen für "Andover Brokerage", eine Daytrading- Firma, hat ein Büro im World Trade Center mit netten Kollegen und Tischtennisplatte und Blick auf ganz New York.
Ergib dich, du bist der Schwächere, lass es sein, denkt er jetzt. Einen Moment lang denkt er das, einen sehr friedlichen Moment lang. Aber dann kommt ihm seine Mutter in den Sinn und dass das nicht geht, sie um den Sohn trauern zu lassen, er schleppt sich weiter. "Niemand wird dich retten hier oben", sagt einer der beiden Kollegen. "Du musst gehen. Kannst du?"
Natürlich kann er nicht, aber er muss.
Er will nicht, dass jemand seinetwegen hier oben bleibt. Er will es versuchen. Er rechnet nicht damit, dass er die 83 Stockwerke schaffen wird. Er hofft, dass unterwegs jemand kommt und hilft.
Manu Dhingra sieht nicht viel, die Augen sind fast zu.
"Wie weit ist es noch?"
"Wir sind gleich da."
"Wie weit noch?"
"Nicht mehr weit."
"Wo sind wir?"
"Im 10. Stock."
In Wahrheit sind sie erst im 61., aber die Lügen helfen. Er darf sich nicht setzen, das dulden die Freunde nicht. Ab und zu gibt es Wasser. Dann kriegt er die Augen ein bisschen auf, sieht den Schrecken im Blick fremder Leute. "Wie sehe ich aus?", fragt er. "Prima siehst du aus. In einer Woche bist du wieder okay."
Lauter normal aussehende, gesunde Leute laufen im Treppenhaus, er denkt: Warum ich? Habe ich was falsch gemacht? Werde ich bestraft?
Die Schmerzen kennt er schon, die sein Leben jetzt wochenlang bestimmen werden, aber er weiß noch nicht, wie er aussehen wird, wenn alles vorbei ist. Weiß nicht, dass die Ärzte sagen werden, doch, er habe Glück gehabt, sein Gesicht vor allem sei sauber geschält. Wie nach einem Peeling, wird es heißen, "schauen Sie, Sie haben keine Falten mehr".
Jetzt sieht er nur, wie ihm die Haut in Fetzen vom Körper fällt. Sieht das Entsetzen bei jedem, der ihn anblickt, muss durchhalten, hält durch, bis er den ersten Sanitäter sieht. Dann fällt er in Ohnmacht.
AN BORD DER UNITED AIRLINES 93, ETWA 9.45 UHR
In der Kabine halten abwechselnd die Kämpfer Ahmed al-Hasnawi, Said al-Ghamdi und Ahmed al-Nami die 37 Passagiere und fünf Flugbegleiter, aufgeteilt in zwei Gruppen, in Schach. Vorn, First Class, der Vorhang ist zugezogen, wird ein Dutzend Leute festgehalten, hinten, Economy, fast am Heck, der Rest.
Das Regime der Terroristen ist nicht streng. Sie erlauben ihren Opfern ausdrücklich zu telefonieren, ja, sie fordern sie auf, ihre Angehörigen zu verständigen. Unbeobachtet kocht die Stewardess Sandy Bradshaw, 38, in der Bordküche Wasser auf, um es womöglich als Waffe einzusetzen. Sie erzählt das ihrem Mann am Telefon. Die Opfer, viele, telefonieren.
Viermal telefoniert Thomas ("Tom") Burnett, 38, Manager einer Medizintechnikfirma. Er ist auf dem Weg nach Hause, nach San Ramon, Kalifornien. Beim ersten Anruf um 9.40 Uhr sagt er seiner Frau Deena, die zu Hause in der Küche steht und im Fernsehen die brennenden Türme von New York sieht: "Nein, ich bin nicht okay. Ich sitze in einem entführten Flugzeug. Sie haben einen Mann erstochen und haben eine Bombe. Ruf die Behörden an." Dann hängt er auf.
Beim zweiten Anruf sagt Tom Burnett: Sie sind im Cockpit. Und er fragt seine Frau: Das mit dem World Trade Center, war das eine Passagiermaschine? Und als sie antwortet, sie wisse es nicht, sagt er: okay. Und hängt auf.
Beim dritten Anruf will Tom Burnett wieder nur die Neuigkeiten wissen, er pumpt, so sagt es seine Frau später, die Informationen ab. Sie erzählt vom Pentagon. Burnett hängt auf.
Beim vierten Anruf sagt er: "Okay, wir haben hier eine Gruppe zusammen, und wir werden etwas unternehmen." Seine Frau ruft dazwischen: Nein. Sie lernt an diesem Morgen, was Angst ist, nein, schreit sie, bleib sitzen, tu nichts. Aber er sagt: "Wenn sie diese Maschine zum Absturz bringen, müssen wir etwas tun." Dann hängt er auf. Für immer.
NORDTURM, IM TREPPENHAUS, 40. ETAGE
David Frank sagt die Stockwerke an. Im 40. sind er und sein blinder Freund, als die ersten Feuerwehrleute sich nach oben arbeiten, und Frank wundert sich darüber, welche Mengen an Ausrüstung sie mitschleppen: Äxte, Hacken, Schaufeln, feuerfeste Anzüge, Sauerstoffflaschen. Mehr als 30 Kilogramm, schätzt er. Sie wirken erschöpft. Im Treppenhaus bricht Beifall aus.
Fast jeder Feuerwehrmann schaut auf den Blinden, den Hund und seinen Freund und fragen, ob alles okay sei. Immer die gleiche Unterhaltung:
"Sind Sie in Ordnung?"
Hingson: "Mir geht es gut, danke."
An Frank gerichtet: "Und Sie sind bei ihm?"
Frank: "Ja, ich begleite ihn, wir sind okay, danke."
Etwa um 9.35 Uhr erreichen sie den zweiten Stock. Der Boden ist nass und rutschig, aber das Nasse riecht nicht nach Kerosin. Roselle schlürft gierig, es ist Wasser. Dann gehen sie die letzte Treppe hinab. Frank betrachtet das Chaos: Trümmerteile, Wandstücke, Deckenverkleidung liegt herum. Überall Wasser.
Unten stehen Polizisten und WTC-Angestellte: "Weitergehen, weitergehen." Sie nehmen den Ostausgang, der in ein Einkaufszentrum führt. Noch einmal einige Stufen nach oben, dann wieder herunter, durch einen schmalen, dunklen Gang. Am Ende ein Licht: der Himmel.
AN BORD DER UNITED AIRLINES 93, 9.59 UHR
In der Maschine beten in diesem Moment mindestens drei Männer das Vaterunser. Todd Beamer betet, 32 Jahre, Geschäftsmann aus New Jersey. Seit 9.47 Uhr, er konnte seine Familie nicht mehr erreichen, spricht er mit Lisa Jefferson, einer Vorgesetzten bei der Telefongesellschaft GTE. Er hat der fremden Stimme von seinen Kindern erzählt, von David, drei Jahre alt, von Andrew, ein Jahr. Hat Lisa Jefferson gebeten, seine Frau anzurufen mit letzten Grüßen und einem Liebesschwur.
Beamer hat auch von einem Plan der Passagiere erzählt, gegen die Terroristen aufzustehen. Und dass vorn im Gang Kapitän und Co-Pilot auf dem Boden lägen, mindestens verletzt, vielleicht tot. Und nun, es ist fast 9.58 Uhr, bestellt er sein Haus. "Vater unser im Himmel, geheiligt werde Dein Name ..."
Nach dem Gebet, Lisa Jefferson hat den Text im Chor mit Beamer gesprochen, ist er nicht mehr am Apparat, aber das Telefon noch auf Empfang. Sie hört jemanden sagen: "Seid ihr so weit, Jungs?", und dann: "Let''s roll."
Was in den folgenden sieben Minuten geschieht, ist nicht bekannt. Die Telefone, nicht aufgelegt, übertragen abwechselnd Phasen der Stille, gefolgt von schrillen Schreien, dann Windgeräusche. Dann Stille.
Von 10.01 Uhr an verzeichnet der Voice-Recorder aus dem Cockpit Flüche und Schreie auf Englisch und Arabisch, Geräusche eines Kampfes, Tumult.
Der Pilot Ziad Jarrah ist auf diesen Kampf gut vorbereitet. In einem Fitnesscenter in Miami hat er sich alles beibringen lassen für den Nahkampf.
Er besuchte das Studio das erste Mal am 1. Mai 2001, das letzte Mal am 7. September, vier Tage vor dem Attentat. In diesen vier Monaten trainierte er 96-mal. Sein Trainer ist Bert Rodriguez, Meister in verschiedenen asiatischen Kampfkünsten, Ausbilder der Beamten der US-Drogenpolizei DEA.
Während der ersten Unterrichtsstunde im Ring prüft Rodriguez seinen neuen Schüler. Er hält Jarrah eine Faust vors Gesicht. Die Faust steckt in einem blauen Boxhandschuh. Jarrah weiß nicht so recht, was er mit dem Ding vor seinem Gesicht anfangen soll. Er tänzelt ein Stück zur Seite, hebt die Arme höher und fragt sich, wie er an dem blauen Ballon vorbeikommt. Rodriguez sagt, man soll beim Kämpfen nicht denken, und drückt Jarrah die Faust ins Gesicht. Jarrah hört auf zu denken und lächelt verlegen. Rodriguez sagt, lächeln passt nicht zum Kämpfen. Diesmal drückt er seine Faust nicht in Jarrahs Gesicht. Er schlägt. Jarrah lächelt nicht mehr, er versucht, Rodriguez'' Faust zur Seite zu schlagen. "So ist es richtig", sagt Rodriguez und schlägt Jarrah mit der anderen Faust ins Gesicht. Jarrah verliert die Kontrolle und prallt von Rodriguez'' erhobenen Fäusten ab. Rodriguez schlägt noch einmal zu. Jarrah geht zu Boden. Rodriguez sagt: "Ich liebe es zu kämpfen. Man erfährt so schön schnell, was der andere für ein Mensch ist."
Rodriguez lehrt Jarrah, dass es nur zwei Arten von Schlägen gibt. Gerade und kreisförmige. Es gibt auch nur zwei Arten Tritte. Gerade und kreisförmige. Und mit Fäusten, Ellbogen, Knien und Füßen soll Jarrah immer auf dieselben Punkte am Körper zielen. Auf die Augen, die Nase, den Kehlkopf, die Leber, die Hoden und auf alle Gelenke. Unter anderem.
Rodriguez sagt, dass es Punkte am Körper gebe, die besonders schmerzempfindlich seien. Über dem Ellbogen sei so ein Punkt. Wenn man ihn findet und mit nur einer Fingerkuppe drückt, könne man einen Gegner in die Knie zwingen. Und es sei ökonomisch, mit einem Schlagring, einer Klinge zu versuchen, diesen Ort zu treffen.
Rodriguez erklärt Jarrah, dass es sinnvoll sei, im Kampf ein Messer zur Hand zu haben: "Es ist immer gut, den Gegner bluten zu lassen", sagt Rodriguez mit seiner sanften Stimme. "Versuche ihn so zu schneiden, dass er die Wunde sieht. Wenn du die Wahl hast, schneide in die Innenseite der Arme, sie sind weicher als die Außenseiten, unter der Haut pulst viel Blut."
Wird man von einer Gruppe attackiert, sei es ratsam, den Größten und Furchteinflößendsten niederzumachen, lehrt Rodriguez, das schrecke die anderen ab. Auch in dieser Situation sei es hilfreich, offene Wunden zu schaffen oder Gelenke so zu brechen, dass der Knochen aus dem Fleisch rage. Dann prügeln sich die beiden eine Weile, Jarrah versucht, das Gehörte in Schläge und Tritte zu verwandeln, und Rodriguez schlägt ihn wieder zu Boden.
Im Laufe der Zeit machte Jarrah Fortschritte. Gegen Ende der 20 Unterrichtsstunden schreckte es ihn kaum noch, wenn Rodriguez mit einem Baseballschläger auf ihn zustürzte. Und unentwegt stellte Jarrah Fragen - Rodriguez hatte bisweilen das Gefühl, als müsse Jarrah sein Know-how weitergeben an eigene Schüler.
Seinen letzten Kampf verliert Jarrah. United Airlines 93 stürzt kurz nach zehn Uhr ab. Das Flugzeug sinkt schnell, Augenzeugen sehen es flattern, nach links und rechts, kippen, wackeln, dann fräst es einen langen, zehn Meter tiefen Graben in die Äcker bei Shanksville im Westen Pennsylvanias, und alles, das Flugzeug, die Menschen, zerplatzt in Stücke und Trümmer, keines größer als ein Telefonbuch.
Wird United Airlines 93, als einzige der vier fliegenden Bomben, von Militärjägern abgeschossen? Trifft eine Lenkrakete die Boeing? Es werden Teile gefunden, acht Kilometer vom Ort des Aufschlags entfernt. Ein namenloser Passagier, der aus der Bordtoilette den Notruf 911 wählte, schrie einem Telefondienstler kurz vor dem Ende ins Ohr, er höre eine Explosion, er sehe weißen Rauch. Es ist die einzige Äußerung dieser Art. Die Behörden Amerikas verneinen einen Abschuss.
Und die Bombendrohung der Attentäter, von den Opfern mehrfach erwähnt? Leeres Gefuchtel? Oder zündeten sie doch einen Sprengsatz an Bord? Zündeten sie ihn, als die Passagiere sich aufmachten, diesen Alptraum zu beenden?
Um 10.06 Uhr ist der Himmel über Amerika leer. Der Flugverkehr weitgehend eingestellt. Das Land schockstarr.
NORDTURM, IM TREPPENHAUS, 4. ETAGE
Jan Demczur, der polnische Fensterputzer des World Trade Center, gerät kurz nach zehn Uhr in einen Stau im Treppenhaus. Er ist im vierten Stock des Nordturms, seit über einer Stunde steigt er nach unten. Als das Flugzeug einschlug, war er mit sechs anderen Männern in einem Aufzug. Der Aufzug sackte ab, blieb im 50. Stock stecken. Mit Hilfe von Demczurs Reinigungswerkzeugen kratzten sich die Männer durch die Wand des Fahrstuhlschachts auf den Flur.
Als Demczur im 4. Stockwerk ankommt, fordert ihn eine Polizistin auf, zurückzugehen. "Die Treppe ist hier zu Ende", schreit sie. Die Leute gehen langsam nach oben. Als sie im sechsten Stock sind, ruft dieselbe Polizistin "Ach Scheiß, probieren wir es", und läuft wieder nach unten. Demczur folgt ihr. Die dritte Etage ist schwarz vor Rauch. Die Treppe ist zu Ende. Sie fassen sich an und gehen durch einen Flur. Demczur sieht Umkleideschränke. Irgendwo hier hängt seine Krawatte. Er verliert die Orientierung, sie betreten ein anderes Treppenhaus, es ist halb verschüttet. Sie kriechen und erreichen einen großen Raum, der mit verbogenem Stahl, Schutt gefüllt ist. Demczur denkt, dass sie zu weit sind, irgendwo im Keller. Aber andererseits ist da Tageslicht, und dann erkennt er die Stechuhr. Er sieht die Stechuhr, durch die er heute Morgen seine Karte zog. Sie ist verbeult, sie sieht nicht aus, als würde sie jemals wieder funktionieren.
Jan Demczur begreift hier, erst hier zum ersten Mal, dass sein Plan ernsthaft gefährdet ist. Sein ganzes Leben war bisher ein Plan, der Tag, der Monat, das Jahr; sein Leben war aufgeteilt in Flächen, in Glasflächen, die er reinigen musste. Das war sein Plan.
Jetzt ist er im Erdgeschoss, er verlässt das Haus in Richtung Westen. Es ist 10.20 Uhr. Er setzt sich neben einen Rettungswagen auf dem West Side Highway, jemand gibt ihm Sauerstoff. Er denkt kurz an Cami, den Mann, der die Maschine auf dem Dach bediente. Dann sieht er Teile vom Nordturm fallen. Er legt die Maske weg und verschwindet, ohne dass die Pfleger es bemerken. Es gibt keinen Plan mehr.
PLAZA VOR DEM WORLD TRADE CENTER
Nach einem langwierigen Abstieg erreicht Chuck Allans Gruppe die Plaza des Nordturms. Allan, EDV-Chef bei "Lava Trading", hat eine Gruppe von Kollegen vom 83. Stock das Treppenhaus hinuntergeführt. Er liebt die Plaza, mit der Skulptur, der "Großen Kugelkaryatide" in der Mitte, den Bänken, dem Brunnen. Er geht durch die Glastür, und nichts mehr erinnert ihn an die Plaza von heute Morgen. Der Innenhof ist voll großer Trümmerteile. Und er sieht Menschen. "Schau da nicht hin", sagt er zu Liz Porter, seiner Programmiererin, und hält ihr die Augen zu. "Wohin?", sagt sie und schiebt seine Hand beiseite. Vielleicht 20, 30, 40 Tote. Es ist schwer zu sagen, weil es nur Teile von Menschen sind.
Sie sehen einen Torso mit einem Gurt um die Hüfte, einen zweiten, dritten, vierten. Alle haben denselben breiten, schwarzen Gurt angelegt. Es dauert einen Moment, bis Allan begreift, dass es sich um Passagiere handelt. Hier liegen die Passagiere. Zerstörte Menschen, zerfetzte Körper, die vor kurzem noch auf das Zeichen des Flugkapitäns ihren Gurt ges chlossen hatten. Es ist kein Blut zu sehen. Es liegt noch kein Staub über den Trümmern. Alles ist klar und deutlich zu sehen. Polizisten stehen herum. "Sehen Sie nicht hin", sagen sie. "Gehen Sie weiter zu den Rolltreppen. Machen Sie Ihr Handy aus!" Alle sehen hin. Alle versuchen, ihr Handy zu benutzen.
In der Mall, dem unterirdischen Einkaufszentrum, steht das Wasser knöchelhoch. Die Sprinkler sind an. Die Drehtüren sind verkantet und zerbrochen. Allan geht an "Border''s Bookstore" vorbei, hinaus auf die Church Street. Ein Polizist sagt: "Wir glauben, das war Absicht."
Allan ruft seine Frau Sabah an. Er fragt: "Was ist eigentlich passiert?" Dann geht er Richtung Norden. Irgendwo, schon nahe Midtown, möchte er sich die Telefonnummer eines anderen Überlebenden notieren. Er fragt einen Pakistaner, der neben seinem Obststand wartet, nach einem Stift. Chuck Allan hat lange in islamischen Ländern gelebt. Er ist sich sicher, in fremden Gesichtern lesen zu können. Er ahnt, was jetzt passieren wird. Aber er möchte es wissen: "Ist das nicht entsetzlich?", fragt er den Obstmann. Der Mann dreht den Kopf zur Seite. Er sagt nichts. Allan denkt: Er kann nicht sagen, dass er Sympathien hat für das, was da geschehen ist. Aber er hat sie.
NORDTURM, AUSGANG
Virginia DiChiara, deren Haut zu 30 Prozent verbrannt ist, verlässt das World Trade Center durch den Nordeingang. Sie war im 78. Stock, als das Flugzeug einschlug. Sie stand in einem Aufzug, dessen Tür sich gerade schloss. Brennendes Kerosin verbrannte ihr Gesicht, ihre Arme und Hände, ihren Rücken. Mit Mühe schafft sie es ins Erdgeschoss. Sie wird zur Church Street geführt, wo Krankenwagen aufgereiht sind. Ein paar Leute sitzen auf dem Bordstein, Verletzte. DiChiara sieht eine Menge Blut und weiß, dass sie da unmöglich sitzen kann. Sie kann kein Blut sehen und hat Angst, in Ohnmacht zu fallen. Ein Nothelfer führt sie in einen Krankenwagen. Der Kollege, der sie nach unten begleitet hat, ist noch bei ihr.
Sie verlangt nach Wasser, bekommt aber nur wenig. Sie weiß nicht, warum man sie nicht in ein Krankenhaus bringt. Langsam fühlt sie den Schmerz. Sie guckt auf ihre Hände: rot, keine Haut. Sie wartet und wartet. Ihr Kollege ruft DiChiaras Eltern an und sagt ihnen, ihre Tochter sei okay.
Nach einer halben Stunde wird sie ins St. Vincent''s Krankenhaus im Greenwich Village gefahren. Im Krankenhaus ist alles vorbereitet für einen Ansturm von Verletzten. Auf dem Hof warten Dutzende Ärzte und Pfleger. Lange Reihen von Tragen stehen bereit. Aber außer Virginia DiChiara kommt kaum jemand.
SÜDTURM, LOBBY
Irgendwann ist Steve Miller, von seinen Fuji-Kollegen "Smiller" ge ru fe n, wenn ihr Computer nicht funktionierte, am Ende der Stufen. Die neuen Cowboystiefel quälen seine Füße. Eine Armee von Angestellten strömt aus den Türen ins Freie. Erst draußen sieht er die Verwüstung, die Metallstücke, das Glas, das verkohlte Fleisch. Er läuft nach Hause, Richtung Brooklyn. Als er zurückschaut, nach oben, sieht er, dass dort, wo sein Büro war, nur noch schwarzer Rauch ist. Das Flugzeug hat genau auf seiner Etage eingeschlagen.
Als Smiller über die Brücke nach Brooklyn geht, versucht er, nicht an seine Schuhe zu denken, und auch den anderen Horror will er vergessen. Smiller beschließt, sein Leben zu ändern. Er will Bibliothekar werden, auf dem Land. Smiller muss an ein altes chinesisches Sprichwort denken. "Mögest du in aufregenden Zeiten leben", heißt es. Das wünschen Chinesen den Leuten, die sie hassen.
SÜDTURM, PLAZA
Um 9.50 Uhr erreichen Brian Clark, der Broker, und Stanley Praimnath, der Laienprediger, den Plaza-Level des World Trade Center. Eine Mondlandschaft. Nur noch Feuerwehrleute, Sanitäter und Polizisten laufen herum. "Besser, wenn ihr jetzt rennt", schreit einer und sagt, sie sollten nicht nach oben schauen. Von oben fallen jetzt immer häufiger Gebäudeteile herunter. "Let''s go", sagt Clark, die beiden Männer rennen Hand in Hand über den brennenden Freiplatz auf die Church Street.
"War zone", denkt Clark. Nach zwei Blöcken sind sie am Gitter des Friedhofs von Trinity-Church. Ein Geistlicher sagt, die Kirche sei geöffnet, sie sollten hereinkommen. Völlig außer Atem hält sich Praimnath am Zaun fest. Er hat Angst, der ganze Turm könnte zusammenstürzen. "No way. Das ist eine Stahlstruktur", sagt Clark, er sei Ingenieur.
SÜDTURM, PLAZA
Als Anthony DeBlase endlich unten auf der Plaza ankommt, sieht er die Körper. Er sieht einen Mann, dem der Kopf von einem fallenden Körperteil abgeschlagen wird. Er sieht einen Kopf, der aufplatzt wie eine Melone. Er sieht ein brennendes Bein. Er sieht Dinge, von denen er gehofft hatte, dass es sie in seiner Welt nicht geben würde.
Er muss heulen. Er rennt nach Westen, mit den anderen. Eine Frau kommt dem Strom entgegen, sie läuft auf ihn zu und umarmt ihn. Anita, seine Mutter. "Jimmy", sagt sie, "wir müssen Jimmy finden." Anthony schaut nach oben, wo der Himmel voll Staub und Rauch ist, und sagt: "Gott, gib mir meinen Bruder zurück. Was sollst du mit ihm? Er wird an dir herummäkeln und dich zurechtweisen. Er wird dich um den Verstand bringen." Jimmy ist so. Jimmy war so.
Ist er erschlagen worden? Ist er gesprungen? Ist er erstickt? Hat er sich in Luft aufgelöst?
Einige Wochen später werden die ersten acht der gefundenen Leichenteile mit Hilfe des DNA-Tests identifiziert. Unter den Namen ist auch James DeBlase, genannt Jimmy, 45 Jahre und aufgewachsen in Soho, im Schatten der Zwillingstürme.
UWE BUSE, FIONA EHLERS, ULLRICH FICHTNER, HAUKE GOOS, LOTHAR GORRIS, RALF HOPPE, THOMAS HÜETLIN, ANSBERT KNEIP, DIRK KURBJUWEIT, ALEXANDER OSANG, CORDT SCHNIBBEN, ALEXANDER SMOLTCZYK, BARBARA SUPP
Büroangestellte auf der Flucht aus dem Nordturm (Fotografiert von dem Überlebenden John Labriola) Im nächsten Heft: DER WETTLAUF MIT DEM TOD Der Kampf der Feuerwehrleute in den Türmen - Wie das World Trade Center einstürzte - Der Angriff auf das Pentagon - Warum Präsident George W. Bush durch die USA irrte - Die Jagd auf die Täter beginnt
Von Uwe Buse, Fiona Ehlers, Ullrich Fichtner, Hauke Goos, Lothar Gorris, Ralf Hoppe, Thomas Hüetlin, Ansbert Kneip, Dirk Kurbjuweit, Alexander Osang, Cordt Schnibben, Alexander Smoltczyk und Barbara Supp

DER SPIEGEL 50/2001
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