DER SPIEGEL



GELDANLAGE

Irgendwas geht immer

Von Pauly, Christoph

Zum Jahresende boomt wieder die Steuersparbranche. Viele Milliarden verschwinden in den Taschen der Vertreiber von Windmühlen, Schiffen oder Filmfonds. Der Erfolg für die Anleger ist dagegen alles andere als gewiss: Nicht alle Investitionen rechnen sich - trotz Steuerersparnis.

Der erfolgreiche Unternehmer Mario Ohoven hat seine Strategie in dem Buch "Die Magie des Power-Selling" freimütig beschrieben: "Der Power-Seller, so tugendsam und mildtätig er sich auch gibt, ist gleichzeitig auch ein überaus cleverer und schlauer Fuchs: Er dreht es immer so, dass er die Gans niemals zu stehlen braucht. Die Gans kommt stets freiwillig mit!"

Ohoven, der schlaue Fuchs, tourte vor kurzem mit dem Weltpolitikexperten Peter Scholl-Latour durch die Lande. Die beiden sprachen bei den von Ohoven veranstalteten "Zeitgesprächen" meist in ausverkauften Hallen. Während der Buchautor Scholl-Latour über die Höhlen des Hindukusch räsonierte, klagte Ohoven, Präsident des Bundesverbandes mittelständische Wirtschaft, über die hohen Steuern.

Ein Lieblingsspruch bei seinen Veranstaltungen lautet: "Banken und Konzerne schreiben enorme Gewinne, tragen aber nur acht Prozent der Steuerlast. Den Rest zahlen wir." Dann jubeln die geladenen Gäste, meist gut verdienende Ärzte, Steuerberater oder Unternehmer.

Veranstaltungen wie diese haben den Düsseldorfer Unternehmer Ohoven zu einem der erfolgreichsten Verkäufer für Steuersparprodukte aller Art gemacht. Die der Familie Ohoven gehörende Investor- und Treuhand- Beratungsgesellschaft mbH nutzt das positive Image, um Immobilien- und Filmfonds an betuchte Mittelständler zu verkaufen.

Die Provisionseinnahmen haben Ohoven zu einem sehr reichen Mann gemacht, und auch die Anleger, beteuert er, hätten in über 450 Fällen gut verdient. Zweimal aber ging die Sache schief: Zwei Immobilienfonds der D. D. C. AG, die von der Ohoven-Firma vertrieben wurden, meldeten Insolvenz an. Insgesamt hatten die Anleger dort 46 Millionen Mark investiert.

Ohoven weist jede Mitverantwortung von sich. Seine Gesellschaft sei weder Initiator, Bauträger, Fondsverwalter oder Treuhänder dieser Fonds gewesen. Mehrere Gerichtsurteile bestätigen ihm, dass

die Investor Treuhand "allein für den Vertrieb der Kommanditbeteiligungen zuständig" war. Ausdrücklich verwies das Gericht auf das "unternehmerische Risiko der Anleger".

Doch das wird gern verdrängt, wenn kurz vor Jahresende in Deutschland der Steuersparwahn ausbricht. Die Branche lockt zum Teil mit "100 Prozent Verlustzuweisung" - aber die größte Steuerersparnis nützt nichts, wenn das Projekt am Ende keine Gewinne abwirft.

Per Anweisung hat das Bundesfinanzministerium die Branche dazu gezwungen, mit den Steuerspareffekten nicht mehr plakativ zu werben. Genutzt hat das wenig. Mit der Aussicht, dem Fiskus zu entkommen, lässt sich immer noch alles verkaufen.

"Gier frisst Hirn", überschrieb der SPIEGEL 1994 eine Titelgeschichte, in der vor einer Spekulationsblase auf dem Immobilienmarkt in den neuen Bundesländern gewarnt wurde. Mit großzügigen Sonderabschreibungen wollte die Bundesregierung damals den Aufschwung Ost ankurbeln. Die Folge: In Ostdeutschland entstanden Einkaufszentren, die keiner brauchte, und ganze Häuserblocks, die heute unvermietbar sind.

Die unsinnigen Sonderabschreibungen wurden zusammengestrichen, die Gier blieb. Sie überlebte auch den Reformeifer der rot-grünen Regierung, die 1998 mit dem Versprechen antrat, die Steuerschlupflöcher zu stopfen. Die Anleger schmerzte besonders der neu eingeführte Paragraf 2 b des Einkommensteuergesetzes. Seitdem ist es Besserverdienern nicht mehr so leicht möglich, ihre Steuern - im Extremfall auf null - zu drücken.

Doch die Branche zeigte sich flexibel. Sie fand neue Löcher im Dickicht der Steuergesetzgebung, und sie verstand es meisterhaft, ihre Angebote den neuen gesetzlichen Bestimmungen anzupassen.

Mittlerweile ist klar: Die rot-grüne Koalition hat - wie alle Regierungen zuvor - den Kampf gegen die Steuersparmodelle verloren. Auch heute werden mit zweifelhaften Produkten Gelder am Fiskus vorbeigeleitet - und allzu oft in volkswirtschaftlich unsinnigen Projekten versenkt. Schon entsteht eine neue Spekulationsblase, und am Ende werden wieder viele Anleger die Dummen sein.

Im Laufe der Jahre hat beispielsweise der Fondsanbieter GHF aus dem ostfriesischen Leer mit Hilfe von Anlegern 3,7 Milliarden Mark in Schiffe, Immobilien und seit 1997 in Windkraftanlagen investiert. "Irgendwas geht immer", sagt Helmer Stecker, Geschäftsführer der GHF Windpark GmbH.

Dabei ist die Leistungsbilanz der GHF oftmals miserabel. Bei vielen Schiffen, die die Ostfriesen mit deutschen Steuerspargeldern in Werften überall auf der Welt bauen ließen, kassieren die Anleger schon seit Jahren keine Ausschüttung. Das Küstenmotorschiff MS "Ingrid" brachte zwar 1989/90 in der Bauphase steuerlich anrechenbare Verluste von über 120 Prozent, doch die jährliche Ausschüttung lag ausweislich des GHF-Geschäftsberichts seit 1992 konstant bei 0,0 Prozent.

Zurzeit verkauft die GHF sehr erfolgreich Windräder, die Sachsens Ministerpräsident Kurt Biedenkopf despektierlich "ökologisch sinnlose Gelddruckmaschinen" genannt hat. Der Markt boomt: In den ersten neun Monaten dieses Jahres gingen 1115 neue Windturbinen ans Netz, 40 Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum.

Fünf Milliarden Mark wollen die Fondsbetreiber dieses Jahr mobilisieren. Selbst den Anbietern wird der Boom langsam unheimlich. Allenfalls zwei Jahre werde er noch anhalten, meint Stecker: "Dann wollen die Bürger keine Windparks mehr sehen."

Bis dahin wird die Landschaft von der Nordseeküste bis ins sächsische Sitten mit Windrädern zugestellt. Dank einer gesetzlich garantierten Einspeisungsvergütung von anfangs 17,8 Pfennig je Kilowattstunde dominieren längst nicht mehr die grün angehauchten Anleger, die mit reinem Gewissen investieren wollen. "Die Yuppies haben den Markt entdeckt", weiß Stecker. Die interessiert vor allem eins: In den ersten Jahren sind Verlustzuweisungen von insgesamt 60 bis 90 Prozent möglich.

Doch es gibt Fondsanbieter, die Renditeberechnungen anstellen, die viel zu optimistisch sind. Längst werden die windreichen Standorte im Inland knapp. Deshalb werden zuweilen die Instandhaltungskosten viel zu niedrig angesetzt.

In den brandenburgischen Windpark Bliesdorf-Ketzin beispielsweise hat ein GHF-Fonds 90 Millionen Mark investiert. Bis zum Jahr 2021 sind laut Prospekt gerade mal Instandhaltungskosten von 13,6 Millionen Mark einkalkuliert worden. Selbst im Jahr 2021 sollen es nur neun Prozent des Erlöses aus der Stromeinspeisung sein, die für Ersatzinvestitionen benötigt werden.

Der Bundesverband WindEnergie kalkuliert mit ganz anderen Zahlen. Umfragen des Deutschen Windenergie-Instituts haben ergeben, dass die Generatoren und Rotorblätter reparaturanfällig sind. Deshalb empfiehlt der Bundesverband in seiner Broschüre "Mit einer grünen Anlage schwarze Zahlen schreiben", 15 bis 20 Prozent des Nettoertrags für Reparaturen einzukalkulieren.

Von solchen Kostenrechnungen hält Stecker wenig. "Wir kommen mit deutlich weniger Reparaturen aus", sagt der GHF-Windpark-Geschäftsführer. Das muss er wohl verkünden. Wenn die Durchschnittszahlen des Bundesverbands nur halbwegs stimmen, würde sich die Rendite des Windparks erheblich mindern.

Noch populärer sind zurzeit die Filmfonds, deren Volumen sich innerhalb von drei Jahren schätzungsweise vervierfacht hat. Nur Filme als so genannte immaterielle Wirtschaftsgüter können derzeit noch auf einen Schlag mit 100 Prozent abgeschrieben werden. Die Anbieter rechnen dem Steuersparer vor, dass bei einer hohen Steuerbelastung von 50 Prozent der Fiskus die Hälfte der Investitionssumme zurückerstattet.

Insgesamt wollen die Filmfonds bis Ende des Jahres sieben Milliarden Mark einsammeln. Die Steuerausfälle von möglicherweise bis zu dreieinhalb Milliarden Mark entsprechen etwa dem, was Bundesfinanzminister Hans Eichel durch die Erhöhung der Tabak- und Versicherungsteuer jährlich kassieren will. Mit dem Geld aus Deutschland werden vor allem Hollywood-Filme produziert.

"Wir waren in den vergangenen zwei Jahren einer der größten Produzenten in Hollywood", freut sich Michael Ohoven, 29. Der Sohn von Power-Verkäufer Ohoven und dessen Frau Ute, die als Unesco-Botschafterin auf glamourösen Veranstaltungen Geld für wohltätige Zwecke eintreibt, vertritt als Unternehmensberater und Geschäftsführer der Infinity Entertainment mit Büros in Vancouver und Hollywood die Interessen der Fondsgesellschaft Cinerenta. Über 800 Millionen Mark deutsche Anlegergelder hat die Cinerenta seit 1997 eingesammelt und ist damit nach eigenen Angaben der Marktführer unter den so genannten unternehmerischen Filmfonds in Deutschland.

Ob die Anleger mit ihren Cinerenta-Fonds jemals eine ordentliche Rendite erzielen, ist ungewiss. "Leider können wir unsere Prognosen für den zweiten Fonds nicht einhalten, die Ausschüttungen verschieben sich nach hinten", sagt Mitgründer Eberhard Kayser.

Cinerenta musste nach Angaben von Kayser den Filmstart von vier Hollywood-Filmen ins nächste Jahr verschieben. Die rührende Liebesgeschichte "Nancy & Frank - Manhattan Love Story", die zu 80 Prozent in dem durch die Terroranschläge zerstörten World Trade Center spielt und eigentlich im Oktober in die Kinos kommen sollte, wird möglicherweise für immer in den Filmarchiven schlummern. Bei mehreren Filmprojekten, die wenig erfolgreich waren, will die Cinerenta nun Versicherungen in Anspruch nehmen.

Während die Gewinne für die Anleger unsicher sind, haben Ohoven und die Cinerenta schon ordentlich verdient. Ohovens Vertriebstruppe Investor Treuhand, über die ein wichtiger Teil des Verkaufs läuft, kassiert eine ordentliche Vertriebsprovision. Nach Abzug sämtlicher Kosten fließen insgesamt nur rund 75 Prozent des eingesammelten Geldes tatsächlich in die Filmproduktion.

Auch hinter der CP Medien AG, deren Film "The Score" mit Robert De Niro und Marlon Brando in den Hauptrollen gerade in den Kinos lief, stecken alte Bekannte aus der Immobilienszene. Die Aktiengesellschaft aus dem schwäbischen Ludwigsburg gehört über mehrere miteinander verschachtelte Unternehmen zu 60 Prozent Walter Fink, der mit einem so genannten Dreiländerfonds in der Steuersparszene berühmtberüchtigt ist.

Mit diesem über eine Milliarde Mark schweren Fonds finanzierte Fink unter anderem Musical-Theater seines Kompagnons Rolf Deyhle. Als dessen Stella AG zahlungsunfähig wurde, verlor der Dreiländerfonds 94/17 seinen Hauptmieter.

Auch in der Filmwirtschaft arbeiteten der ehemalige Musical-König Deyhle und Fink zusammen. Deyhle gab mit seiner Filmproduktionsfirma Capella mit Firmensitz am Beverly Boulevard in Los Angeles mit vollen Händen Geld aus, das Fink bei deutschen Steuersparern eingesammelt hatte.

Als Deyhles Stella-Imperium einbrach, übernahm die KC Medien AG zusammen mit der Hamburgischen Landesbank dessen Produktionsfirma in Hollywood. Die Filmfondsgesellschaft wurde später in CP Medien AG umbenannt.

Ein Großprojekt, der Film "Servicing Sara" mit Liz Hurley und Matthew Perry in den Hauptrollen, wurde vor kurzem mit mehrmonatiger Verspätung zu Ende gedreht - Perry hatte ein Drogenproblem. Und das Filmprojekt "Der Mann, der Don Quichotte tötete", in das die CP Medien nach eigenen Angaben bereits zehn Millionen Mark investiert hatte, musste wegen Erkrankung des Hauptdarstellers gestoppt werden. Jetzt soll im nächsten Jahr ein neuer Anlauf gewagt werden.

Für Fink & Co. ist das Geschäft ohne Risiko: Insgesamt werden über 15 Prozent des Einsatzes, den der Steuersparer investiert, abgezweigt - für allerlei Gebühren, Nebenkosten und natürlich eine Erfolgsbeteiligung.

Solange es genügend Gänse gibt, hat der Fuchs kein Problem. CHRISTOPH PAULY

* "Nancy & Frank - Manhattan Love Story" mit Gottfried John und Hardy Krüger junior.

DER SPIEGEL 51/2001
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