02.01.1952

ETHEL RESCHKEUnd dann kocht sie nur

(s. Titel)
Während der Dreharbeiten zum Zwei-Millionen-DM-Farbfilm "Der bunte Traum" merkte Ethel Reschke, 35, daß Regisseur Geza von Cziffra sie in ihrer Rolle als illegitime Freundin des Operettenschurken Oskar Sima ein wenig akzentuierter haben wollte. "Er wollte mich ordinärer sehen", sagte die Reschke, "und das sollte er haben." Von da ab gab sie sich wieder mit erprobtem Ero-Tick, den sie immerhin so echt bringt, daß sie damit zu einem Stückchen Original des sonst nicht sehr originellen deutschen Films wurde. In die große Klasse der mehr oder minder "Schöngesichtigen", die sich nur in die Kamera glubschend zu produzieren vermögen, gehört sie nicht.
Im allgemeinen darf Ethel Reschke beim Film ihren gekonnt erotischen Stich nur in homöopathischen Dosen einsetzen, wie als rotziges Gaunerliebchen mit herziger Wedding-Schnauze in dem nervenkitzelnden Nachkriegsschieber-Film "Null Uhr 15 Zimmer 9". Nur einmal, im Sing-Sang-Lustspiel "Königin einer Nacht", durfte sie als männervernaschende Operetten-Ungarin ihr talentiertes Temperament so laut austoben, daß Regisseur Kurt Hoffmann für Schalldämpfung sorgen mußte.
Auf der Bühne kann sich Ethel Reschke öfter in Hauptrollen und vollblütigen Chansons verschwenden. Nach Kriegsende war sie durch die Aufführung des Hans-Albers-Films "Große Freiheit Nr. 7", in dem sie sehr routiniert ein sehr leichtes Mädchen von der Reeperbahn spielte, wieder hochgetrieben worden.
Auf Brettern und Brettln konnte sie auf den überkomprimierten Siphon ihres Temperamentes drücken, eine Zeitlang als Chanson-Interpretin für Rudolf Nelson, den aus der Emigration zurückgekehrten Kabarett-Altmeister.
Als sie in der Rudolf Nelson/Günther Neumann-Revue "Berlin-W-Weh" im Mai 1949 den Brunstschrei "Mir ist heut so nach Hennecke" hinreißend stöhnte, tobte in der Berliner "Komödie" ein Beifall, um den sie ihre Kollegen noch heute beneiden. Der Hennecke-Song über die Sehnsucht nach dem Uebersoll an Manneskraft wurde zu einem Glanzstück in Ethel Reschkes Repertoire:
Mir ist heut' so nach Hennecke,
Nach Hennecke zu Mut.
Der Schüler selbst von Hennecke,
Von Hennecke wär' gut!
Mich reizt schon lange so ein Akt-Ja
so ein Akt-ivist,
Der mich mit kräft'gen Armen packt
Und "Liebling" sagt und küßt.
Mir ist heut' so nach Hennecke,
Nach Hennecke zu Mut.
Der Opa selbst von Hennecke,
Von Hennecke wär' gut!
Könnt' ich den einmal bei mir seh'n,
Dann ließ ich jeden andern steh'n.
Ach Mensch, geh'n Sie weg,
Es hat ja nur Zweck
Mit dem Hennecke.
Die freche, anzügliche Deutlichkeit, mit der sich Ethel Reschke (ganz gern) in der Oeffentlichkeit Luft macht, ist ohnehin nur eine Korsage für ihre Komplexe. Bevor sie das Publikum anspringt, bereitet ihr das Lampenfieber eine geradezu körperliche Uebelkeit. Auch von dem geschäftlichen und psychologischen Raffinement, mit dem ihre Kollegen sich und ihre Namen verkaufen, hat sie keine Ahnung. So robust und zäh sie auch ist, so leicht
läßt sie sich durch jede kollegiale Gehässigkeit zerreiben.
Deshalb lebt sie ziemlich abgeschlossen in ihrem hinter einem Vorgarten versteckten Häuschen in Berlin-Zehlendorf. Zu Gesellschaften wird sie selten eingeladen. "Die habe ich zu oft enttäuscht, wenn ich nicht den Clown markierte." Am liebsten setzt sie sich ganz allein in eine Bar oder eine Eckkneipe, um ein paar Schlummer-Schnäpse zu konsumieren.
Trinkfest ist sie schon seit frühester Jugend, seit ihr Vater sie nach Kinderaufführungen (sie spielte den Engel in "Hänsel und Gretel") bis zum Frühschoppen mit in die Weinstube nahm.
Ihren Geburtsort Lauenburg in Hinterpommern mußte die junge Margarethe Reschke, vom Bruder stets "Ethel" gerufen, verlassen, als ihre Eltern nach Kolberg umsiedelten. Ihre Mutter gab Gesangsunterricht, ihr Vater war Schulrat. Zu Beginn des Nazi-Regimes wurde er durch eine Zeitungsschlagzeile ("Der Juden-Schulrat") wegen seiner freimütigen Einstellung vertrieben und ging nach Berlin, wo er nach vorübergehender Arbeitslosigkeit Lehrer an einer Idioten-Schule wurde.
Auch Ethel war nach Berlin geschickt worden. um sich dort als Kindergärtnerin ausbilden zu lassen. Aber in Berlin ging sie gleich zur Schauspiellehrerin Leontine Sagan. bei der sie gerade ganze vier Stunden klassischen Schliff erhalten hatte, als ihr schon angeboten wurde, in Carl Froelichs "Mädchen in Uniform" ein untergeordnetes lesbisches Mädchen zu spielen, dessen Naivität sich noch keine verderbten Gedanken macht, warum es permanent in Wäsche wühlen muß.
Ihr für die Filmpremiere gepinseltes Riesen-Pappkonterfei an der Kinofassade ließ der in seine Tochter verliebte Vater später abmontieren und in einem Packwagen nach Kolberg schaffen. Dort stand es dann wie ein überdimensionaler Gartenzwerg vor dem Haus der Reschkes und wurde bis zu seiner völligen Aufweichung von der Bevölkerung bestaunt.
Im "Intimen Theater" in Nürnberg durfte Ethel Reschke gleich die Hauptrolle der Manuela in dem gleichnamigen Stück übernehmen. Ihre allabendlichen Träneneruptionen, die ihre Lider unvorteilhaft aufquellen ließen, sicherten ihr zwar bei der Kritik das überschwengliche Lob: "Ein junges blutvolles Talent, das durch seine tiefe Innerlichkeit erschüttert." Doch Direktor Hans Schindler tobte über seinen von verunschönendem Kummer überrieselten Star: "Die Dorsch weint auch - aber äußerlich!"
Bei ihren ernstgemeinten Bemühungen, sich in das seriöse Fach zu verbeißen, erlitt Ethel Reschke immer spöttische Abfuhr. Als sie zum erstenmal das für Anfänger unvermeidliche Gretchen vorsprach, das sich in Kerker, Staub und Wahnsinn windet, kommentierte Direktor Heldt von der Reinhardt-Schule: "Das ist die beste Gretchen-Parodie, die ich jemals gesehen habe." Ernst Legal, dem sie später Shakespeares "Was ihr wollt" rezitierte, reagierte noch krasser: "Das ist eine Viola aus der Ackerstraße."
Ihre künstlerische Entjungferung erlebte sie eigentlich als jüngste Hure in der "Dreigroschenoper". Als sie während einer Szene die Hand ihres Partners im Brustausschnitt fühlte, zuckte sie zurück und strampelte ihren Schreck in überspielt grotesker Lasterhaftigkeit frei. Seit diesem Augenblick weiß sie, wie das Publikum sie haben will: mit erotischem Stich.
Ohne Pikiertheit gab sie es auf, ihre unverkrustete Seele an das Theater zu bringen. "Dann werde ich eben eine Komikerin mit Herz." Seitdem gibt sie sich radikal grotesk, mit der Vehemenz einer
Komödiantin, die sich aus Hemmungen in die Hemmungslosigkeit flüchtet.
120 Mark Gage tröpfelten damals in ihre Hand. Deshalb imponierten ihr die Banknoten, die Ludwig Manfred Lommel ("vom Reichssender Runxendorf") bei einem gemeinsamen Bummelabend in ungekannt mondäne Bezirke aufblätterte. Von da ab ging sie sechs Jahre lang als Lommel-Partnerin auf Tournee. Nebenbei zog sie den Vorhang, packte die Koffer, gab das Stichwort, lernte die Präzision des Kabaretts und die Allüren der Prominenz kennen.
Als Ethel Reschke Jahre später auf einer Wohltätigkeitsveranstaltung in Trier den obligaten bunten Prominenten-Beitrag liefern mußte, kramte sie ein altes Akkordeon, ein Geschenk von Lommel, hervor und brachte sich in acht sehr lauten Tagen und Nächten das Standard-Lied von der schwarzen Marie auf der Reeperbahn bei. Bei dieser anstrengenden Tätigkeit entdeckte sie ihre Stimme.
Dieses Organ (über das sich selbst Peter Anders erstaunte: "Mensch, wie hältst Du das aus?") besteht eigentlich aus zwei verschiedenen Stimmen, die als akustische Kontraste übereinanderlagern: Zirpend süße Kinderkoloraturen und barbarisch rauhe Baßtöne. Eine Mittellage gibt es nicht. Sie selbst ist über dieses Naturwunder, das sie mit karikaturhaften Gebärden unterstreicht, so wenig orientiert wie Fachleute. "Keine Ahnung, wie das vor sich geht."
Mit ihrem alarmierenden Akkordeon wurde sie auf Fronttournee geschickt. Selbst Dr. Joseph Goebbels wollte sich von ihr in privatem Kreise einen deftigen Seemanns-Song vorsingen lassen. Ethel Reschke schnitt sich für diese einmalige und nie wiederholte Einladung mit eigenhändiger Ungeschicklichkeit ihr bestes Abendkleid kürzer, um das verlangte "Cocktail-Kleid" bieten zu können, und begrüßte den Reichsminister für Volksaufklärung und Propaganda schnoddrig: "Ich bin bloß gekommen, weil ich nicht Ihr Typ bin." Sie war es auch nicht.
Privat seufzt sie: "Die Männer erwarten in mir den großen Vamp - und dann koche ich nur für sie." Doch auch für diese Misere hat sie den Panzer der Selbstironie: "Ich bin immer unglücklich verliebt. Das steht mir gut."
Ihre letzte Rolle in Geza von Cziffras Super-Farbfilm "Der bunte Traum" bekam sie nur - wie Cziffra ihr erklärte - , "weil Fita Benkhoff diese Rolle zu schlecht ist". Resigniert Ethel Reschke: "Da war sie wohl für mich gerade gut genug. Doch das ist mein Stolz: Ich habe noch nie eine Filmaufgabe aus privaten Gründen gekriegt!"

DER SPIEGEL 1/1952
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