22.12.2001

HEXENVolkes Wille

Nicht nur Frauen fielen dem jahrhundertelang in Deutschland grassierenden Hexenwahn zum Opfer, jede vierte Hexe war ein Mann.
"Die Zauberer sollst du nicht leben lassen" (Exodus 22,18)
An einem Morgen des Jahres 1589 dringen in Trier Stadtknechte in das Haus des Schultheißen Dietrich Flade ein und nehmen ihn fest - wegen des Verdachts der Hexerei.
Bauern aus dem Umland haben den reichsten Mann der Stadt angezeigt. Sie werfen ihm vor, er habe ihre Ernten mit dem Herbeizaubern von Schnecken und Unwettern vernichtet, damit er seine eigenen Vorräte teurer verkaufen könne.
Unter Folter gesteht Dietrich Flade: Der Teufel sei ihm in Gestalt eines schönen Weibes erschienen. Seine Frau sei verstorben, und darum habe er sich seiner fleischlichen Lust hingegeben.
Für das Gericht ist klar: Der Mann ist Anführer einer satanischen Sekte, die ihr Unwesen im Trierer Land treibt. Flade wird stranguliert und auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Ihn verschlingt eine Hysterie, die er als Richter selbst geschürt hat: Auch Flade brachte Menschen wegen Hexerei zu Tode, doch seine Opfer waren ausschließlich Frauen.
Nach gängiger Vorstellung sind dem Hexenwahn fast nur Frauen anheim gefallen. In Wahrheit aber war der Trierer Flade kein Einzelfall. Jede vierte von insgesamt 28 000 Hexen, die im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation zu Tode gebracht wurden, war ein Mann. Das hat der Ahrensburger Historiker Rolf Schulte belegt. Schulte revidiert mit seiner Dissertation über "Hexenmeister" ein weit verbreitetes Klischee**.
Lange Zeit kursierten weit höhere Zahlen über die Opfer des Hexenwahns - bis zu zwei Millionen. Die Nazis kolportierten gar bis neun Millionen - eine aus dem 18. Jahrhundert stammende Zahl, die auch gern von Feministinnen verbreitet wurde. Doch die Wissenschaftler haben diese Zahlen inzwischen auf realistische Maße reduziert. Spätestens ab 1430 gab es in Europa 350 Jahre lang "legale" Hexenprozesse. Auf Grund der Akten schätzen Historiker die Opfer insgesamt auf etwa 60 000.
Darüber hinaus gibt es eine Dunkelziffer von nicht erfassten Morden in einzelnen Regionen. So ließ der Reichsgraf von Hohenems in seiner Grafschaft Vaduz im 17. Jahrhundert in zwei mal drei Jahren 300 Hexen "illegal" verbrennen. Er wurde unter Kaiser Leopold I. abgesetzt und lebenslang unter Hausarrest gestellt.
Einer der Hauptgründe der Hexenhatz: Zwischen dem 15. und 17. Jahrhundert, in der Zeit der massivsten Hexenverfolgungen, herrschte in Deutschland höchste wirtschaftliche Not. Die Ursache: eine Klimaverschiebung. Die "Kleine Eiszeit" brachte ungewöhnlich harte Unwetter mit Sturm und tiefem Frost in ganz Mitteleuropa. Sommer fielen aus. Ernten verhagelten. Schuldige wurden gebraucht.
In der Moselregion etwa gab es in 20 Jahren nur zwei fruchtbare. Der Trierer Chronist Johann Linden notiert Ende des 16. Jahrhunderts: "Weil man glaubte, dass der durch die vielen Jahre anhaltende Misswachs durch Hexen und Unholde aus teuflischem Hass verursacht wurde, erhob sich das ganze Land zu ihrer Ausrottung."
Kein Zufall, dass ausgerechnet in armen Regionen wie zwischen Moseltal und Luxemburg oder in Mecklenburg der Hexenwahn am heftigsten wütete.
Treibende Kraft waren in der Regel nicht - wie lange Zeit angenommen - die herrschenden Obrigkeiten. "Der Verfolgungswille kam von unten", sagt die Trierer Hexenforscherin Rita Voltmer. Die Bevölkerung wollte die angeblichen Satansjünger brennen sehen, und da wurde zwischen Mann und Frau nicht unterschieden. Dem Trierer Schultheißen Dietrich Flade folgten zwei Bürgermeister der Stadt auf den Scheiterhaufen, ein dritter nahm sich im Gefängnis das Leben.
In dem Eifeldorf Auw bei Prüm wurde 1630 sogar der katholische Pfarrer Michael Campensis der Hexerei beschuldigt und hingerichtet. Alle Taufen, die der Geistliche nach seinem vermeintlichen Pakt mit dem Teufel gespendet hatte, mussten wiederholt werden.
Während Frauen vor allem Hexerei im häuslichen Bereich, etwa der Kindestod, angelastet wurde, schoben die Ankläger die Schuld für alles Unerklärliche, das sich außerhalb des Hauses ereignete, meist Männern zu. Bevorzugte Zielscheibe neben Leuten mit Einfluss: Außenseiter der Gesellschaft wie Hirten und Vagabunden.
Der Landstreicher Hans aus Veitsberg in Kärnten behauptete, noch bevor er gefoltert worden war, im Frühjahr 1658 vor Gericht, er habe gemeinsam mit sechs anderen Männern und einer Frau das Wetter verändern können. Steine, Sand, Vieh- und Menschenhaar sowie Schafwolle habe man zusammengerührt, zerstoßen, mit einer Kinderleiche in einem Kessel gekocht und aus der Masse Kugeln geformt. In die Wolken geschossen, sollten diese das Wetter beeinflussen.
Als ein Motiv nannte Hans Rache an Bauern, die ihm keine Almosen mehr geben wollten.
Tatsächlich änderte sich damals unter dem Einfluss der Reformation die Spendenpraxis der Wohlhabenden. Es setzte sich, auch unter Katholiken, immer stärker das protestantische Motto durch: "Jeder ist seines eigenen Glückes Schmied." Die Reichen fühlten sich nicht mehr verpflichtet, die Armen mit Resten aus ihren Haushalten zu versorgen. Landstreicher und Bettler ihrerseits drohten mit bösem Zauber, um widerspenstige Spender gefügig zu machen.
War einmal ein Mann in den Teufelskreis der Verfolgung geraten, zog er oft andere mit ins Verderben. Nach gängiger Vorstellung tauchte ein Teufelsbündner selten allein auf. Vielmehr gingen die Richter davon aus, er müsse gemeinsam mit anderen Hexen und Hexenmeistern in einem Zirkel organisiert sein. Auf der Folterbank gab denn auch der Angeklagte in der Regel weitere Namen von angeblichen Gesinnungsgenossen preis. Nannte er seine vermeintlichen Mittäter, konnte er hoffen, nur gehängt statt bei lebendigem Leibe verbrannt zu werden. Ganze Dörfer wurden auf Grund solcher "Geständnisse" nach und nach ausgerottet.
Allerdings erklärt das nicht, warum in manchen Regionen des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation extrem viele Männer als Hexenmeister umgebracht wurden. Im Prozess gegen den Zauberer Jackl im Erzstift Salzburg Anno Domini 1675 bis 1680 etwa waren 80 Prozent der 200 Prozessopfer junge Männer, in ganz Kärnten durchschnittlich 60 Prozent.
In Mecklenburg dagegen, wo nach neuesten Erkenntnissen die meisten Hexen zum Tode verurteilt wurden - insgesamt 2000, ein Prozent der Bevölkerung -, waren unter ihnen nur 15 Prozent Männer. Ähnliche Zahlen recherchierte Schulte für den gesamten protestantischen Norden, in katholischen Gebieten dagegen lag die Quote in der Regel doppelt so hoch.
Zwischen Katholiken und Protestanten bestanden offenbar unterschiedliche Auffassungen über das Geschlecht der Teufelsverschworenen. Katholische Theologen beriefen sich auf die "Vulgata", die aus hebräischen und griechischen Vorlagen entstandene lateinische Bibel. Dort heißt es im Buch Exodus (Kapitel 22, Vers 18): "Maleficos non patieris vivere" - die Zauberer sollst du nicht leben lassen.
Martin Luther indes, der Hebräisch lesen konnte, übersetzte die Stelle aus dem Originaltext: "Die Zauberinnen sollst du nicht leben lassen."
Das war nicht nur korrekter, es entsprach auch anscheinend dem Weltbild des Reformators. In einer Predigt zu Exodus 22,18 wetterte er: "Warum nennt da das Gesetz hier eher Frauen als Männer, obwohl doch auch Männer dagegen verstoßen? Weil Frauen mehr als jene den Superstitionen des Satans unterworfen sind. Wie Eva ... Sie sollen getötet werden." Und weiter: "Es ist ein überaus gerechtes Gesetz, dass die Zauberinnen getötet werden, denn sie richten viel Schaden an."
Nach Luthers Vorstellungen verbreiteten die Zauberinnen mit Beschwörungen und verhexten Getränken Hass, "Verwüstungen im Haus und auf dem Acker". Für ihn war die Hexe das Weib des Satans.
Luther erlebte selbst noch die ersten Hexenverbrennungen in Wittenberg, und er duldete sie schweigend. Ob er die brutalen Massenverfolgungen gebilligt hätte, die erst nach seinem Tod einsetzten, kann man nur mutmaßen. Aber offensichtlich war er einer der Theologen, die ihren Teil dazu beitrugen. Denn Lutheraner waren bibelfest und hielten sich an Luthers Übersetzung - Glück für protestantische Hexenmeister. INGRID BERTRAM
* Holzstich nach einer Zeichnung von Félix Philippoteaux. ** Rolf Schulte: "Hexenmeister". Verlag Peter Lang, Frankfurt a. M.; 380 Seiten; 89 Mark. * Gemälde von Lucas Cranach dem Älteren (1528).
Von Ingrid Bertram

DER SPIEGEL 52/2001
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