22.12.2001

Die unverschleierte Würde des Westens

Von Mohr, Reinhard; Saltzwedel, Johannes; Schmitter, Elke; Schreiber, Mathias

Der New Yorker Terrorangriff der islamischen Fundamentalisten zielte auch auf das liberale Credo des Abendlands. Doch Europäer und Amerikaner wollten sich von den "Gotteskriegern" nicht einreden lassen, sie hätten bloß Wohlstand zu bieten: Ihre geistige Tradition ist es wert, verteidigt zu werden - auch gegen den Islam.

Endlich ins Kino: Über fünf Jahre mussten die Einwohner Kabuls warten, bis sie wieder einen Film ansehen durften, bewegte Bilder. Mit Gewehrkolben hielten Soldaten die übergroße, sehnsüchtig drängende Menge im Zaum. Auch Fernsehen gab es, zumindest stundenweise, wieder in der Hauptstadt Afghanistans, nachdem die Taliban vertrieben waren, die während ihrer Herrschaft Bilder selbst noch auf Zahnpastatuben überkleben ließen.

Die Händler holten ihre Ware aus den Kellern, Frauen warfen die Burka ab und schminkten sich. Kinder spielten auf der Straße, Radios lärmten, und die Männer gingen, frisch rasiert, zum Fußballspiel ins Stadion. Hat also der Satan Amerika gesiegt, die verderbte, imperialistische Konsumkultur des Westens? Oder handelte es sich vielleicht eher um die Befreiung von einer brutalen Diktatur, die es den Menschen verbot, einigermaßen normal zu leben und glücklich zu sein?

Gott. Immer wieder Gott. Der Gott, der bei den Muslimen Allah heißt. Im Februar 1998, als Bill Clinton noch US-Präsident und der Konservative Benjamin Netanjahu israelischer Premierminister war, veröffentlichte die in London erscheinende arabische Tageszeitung "al-Kuds al-Arabi" einen Osama Bin Laden zugeschriebenen Aufruf, in dem es hieß: "Wir rufen - mit Gottes Hilfe - jeden Muslim, der an Gott glaubt und von ihm für die Ausführung seiner Befehle belohnt werden will, dazu auf, die Amerikaner zu töten und auszuplündern, wo immer und wann immer er sie auch finden mag."

Ein Jahr später sagte Bin Laden dem amerikanischen Nachrichtenmagazin "Time": "Gott weiß, dass wir uns über die Tötung amerikanischer Soldaten gefreut haben. Die Feindseligkeit gegenüber Amerika ist eine religiöse Pflicht."

Auch nach den Terrorattacken auf das World Trade Center und das Pentagon wurde Gott zum Paten des Massenmords erhoben: "Die Amerikaner sollten wissen, dass der Sturm der Flugzeugangriffe sich nicht legen wird, so Gott will."

Bin Laden, der kurz zuvor noch jede Tatbeteiligung abgestritten hatte, ließ die Absolution in gläubiger Selbstgewissheit verkünden: "Die jungen Männer, die die Vereinigten Staaten zerstört und einen Sturm der Flugzeuge gegen sie entfacht haben, vollbrachten eine gute Tat."

Kein Wunder, denn der Allmächtige selbst saß im Cockpit. "Da ist Amerika, von Gott getroffen an einer seiner empfindlichsten Stellen", jubelte Bin Laden. "Seine größten Gebäude wurden zerstört, Gott sei Dank dafür. Da ist Amerika, voll Angst."

Nun hat das "von Gott getroffene" Amerika sich massiv und erfolgreich gewehrt, geistig bewehrt mit einem anderen Gott, dem christlichen. Erste Konsequenz: Das terroristische Taliban-Regime ist unter den Luftschlägen der US-Streitkräfte zusammengebrochen.

Doch das ficht einen wahren Gotteskrieger nicht an. Nach wie vor gehe es darum, die USA "auszurotten", sagte Taliban-Führer Mullah Mohammed Omar noch nach dem Fall von Kabul. Und: "Der Plan geht voran und wird, so Gott will, umgesetzt werden." Er werde lieber sterben als sich an einer multi-ethnischen Regierung beteiligen.

Es scheint, dass sich religiös Fanatisierte von militärischen Niederlagen kaum beeindrucken lassen - statt der Wirklichkeit ins Auge zu blicken, erleben sie ihre Gottesnähe umso inniger in einem rauschhaften Realitätsverlust, der auch dann ans Suizidäre grenzt, wenn der jeweils Berauschte sich noch keine Bombe um den Bauch gebunden hat.

Nach den dramatischen Ereignissen vom 11. September, nach den Einblicken in die archaische Brutalität der Taliban-Diktatur, nach den wiederholten Selbstmordattentaten junger Palästinenser in Israel kann es sich der Westen immer weniger leisten, bloß mit staunender Ratlosigkeit auf dieses makabre Gottesgnadentum des Orients zu blicken.

Der militante Islamismus taugt schlecht zum Objekt multikultureller Toleranz - er will nicht zuletzt eben diese Toleranz und die Gesellschaftsform, die sie als Norm anerkennt, auslöschen.

Keine Frage: Gegen den militanten Islamismus muss sich der Westen, müssen sich Europäer und Amerikaner gemeinsam wehren - gewiss mit Waffen, vor allem aber

auch mit einer Politik, die an ihre eigenen, anderen Werte glaubt und nur dann glaubwürdig sein kann. Aber was sind das eigentlich für Werte?

Darüber hätte es im vergangenen Herbst jede Menge heißer Debatten geben können - geben müssen. Sie fanden nur sporadisch statt. Was es stattdessen gab: gut gemeinte Warnungen westlicher Intellektueller, nun bloß nicht den "Islamismus" zum "neuen Feindbild" werden zu lassen, wie der Paderborner Theologe Eugen Drewermann schon am Abend des 11. September kundtat - oder gar Präsident Bush zu folgen, wenn er vom Kampf der "Guten" gegen die "Bösen" sprach. Drewermann aktualisierte eine Befürchtung, die seit 1993 - damals erschien Jochen Hipplers und Andrea Luegs polemische Studie "Feindbild Islam" - gebetsmühlenartig wiederholt wird, ohne dadurch an Beweiskraft zu gewinnen.

Solche Warner übersehen: In der praktischen Politik der westlichen Länder spielen "Feindbilder" kaum eine Rolle, gilt doch die unkomfortable Fixierung auf "Feinde" irgendwelcher Art als schlicht unpopulär. Viel lieber sucht man Kompromiss und Konsens. Doch gibt es nicht Situationen, in denen die Politik die Unterscheidung von Freund und Feind geradezu erzwingt? Der alliierte Krieg gegen Hitler ist so ein Fall, der die Abgrenzung zwischen Freund und Feind notwendig machte; der Kampf gegen die Nazis konnte nicht

allzu viel Rücksicht auf Zwischentöne und - in friedlicheren Situationen selbstverständliche - Differenzierungen nehmen.

Heute aber, zu Beginn des 21. Jahrhunderts, holt das schlechte Gewissen der alten Kolonialmächte des Westens die intellektuellen Eliten ein. Es lastet wie Senkblei auf den metaphysischen Debatten der Feuilletons und Talkshows, die, zumal in Deutschland, an die spätmittelalterliche Sucht nach frömmelnder Selbstauspeitschung erinnern.

So bot sich in den vergangenen Wochen eine verkehrte Welt: Nicht etwa die islamische Welt fragte sich (oder wurde gefragt), auf welchem ideologischen Nährboden diese Söhne des terroristischen Wahnsinns, diese "gottlosen Nihilisten" (Michael Ignatieff), eigentlich gediehen seien; weit gefehlt - im Westen schlug man sich immer wieder masochistisch an die eigene Brust: Was haben wir bloß falsch gemacht? Ist der Terrorismus nicht doch eine Gottesstrafe für unseren obszönen Wohlstand, für das andauernde Elend der Dritten Welt, für die "Demütigung" der arabischen Kultur seit dem Untergang des Osmanischen Reichs?

Oder ist er gar, wie der französische Philosoph Jean Baudrillard meinte, nur der Zerrspiegel westlicher Selbstzerstörung? Originalton Baudrillard: "Als die beiden Türme zusammenbrachen, hatte man den Eindruck, dass sie auf die Selbstmordattacke aus der Luft mit ihrem eigenen Suizid antworteten."

Plötzlich erschien jene säkularisierte westlich-europäische Kultur, in der Kritik und Selbstkritik, Protest und Subversion eine primäre Triebkraft sind, als Monolith des Bösen und global Gewalttätigen, während die totalitäre Taliban-Kultur, in der nicht nur die Frauen absolut rechtlos waren, als Opfer einer jüdisch-angloamerikanischen Verschwörung posierte - als verzweifeltes Mündel der satanischen Globalisierung, das aus nackter Not sogar gezwungen war, Tore in Fußballstadien zu Galgen umzufunktionieren.

Geradezu dankbar nahmen da viele irritierte Geister im Westen die These der indischen Autorin Arundhati Roy auf, Bin Laden sei der "brutale Zwilling alles angeblich Schönen und Zivilisierten", ja geradewegs die Teufelsbrut von Wall Street und State Department, "aus der Rippe einer Welt gemacht, die durch die amerikanische Außenpolitik verwüstet wurde".

Mehr noch: Roys Schwarze Liste der Verbrechen Amerikas und seiner Verbündeter, die unterschiedslos Hiroschima und den Kosovo-Krieg gegen Milosevic, Vietnam und den Kampf gegen Diktator Saddam Hussein aneinander reiht, legte nahe, dass die merkantile und militärische Vormacht des freien Westens ein viel schlimmeres Teufelsding sei als das Regime und die Erschießungskommandos der gnadenlosen Gotteskrieger.

Es schien, als seien alle Maßstäbe durcheinander geraten, als seien die Unterschiede zwischen Barbarei und Zivilisation allenfalls graduell: Allein schon das Wort "zivil" geriet in den Verdacht, westlichen Hochmut zu befördern, darum sprach man am liebsten von der "angeblichen Zivilisation" des Westens. Ganz zu schweigen von "Gut" und "Böse", Begriffe, die nur noch als dumpfe Propagandavokabeln der psychologischen Kriegsführung gehandelt wurden.

In der vertrackten Projektion einer kurzgeschlossenen Kulturkritik sind eben alle Katzen grau - solange das Grauen nur weit genug weg ist und der Italiener nah um die Ecke.

So reden die einen von ihrem allmächtigen Gott, die anderen von ihrer allgegenwärtigen Arroganz. Die einen wissen Allah mit sich, die anderen argumentieren mit Alice Schwarzer gegen sich selbst: "Alle, die diesem Krieg zustimmen, werden sich eines Tages von ihren Kindern und Kindeskindern fragen lassen müssen: Warum hast du mitgemacht?"

Ein "Clash of Civilizations" jedenfalls, die notorische These des amerikanischen Politologen Samuel Huntington, wurde von der Mehrzahl der westlichen Intellektuellen tapfer geleugnet - auch mit dem zunächst plausiblen Argument, man dürfe Bin Laden und den Seinen nicht den Gefallen tun, sie als legitime Sprecher des Islam zu akzeptieren und zu attackieren, was am Ende wohl auch gemäßigte islamische Länder an die Seite der Terroristen gedrängt hätte.

Andererseits lässt sich kaum bestreiten, dass es doch auch um einen Kulturkampf geht - nicht zwischen Islam und westlichchristlicher Zivilisation, sondern zwischen dieser - multikulturellen - Zivilisation und dem vormodernen religiösen Fanatismus.

Dabei darf dann aber auch die unfreundliche Vermutung erörtert werden, der historisch neue Weltterror sei ein Phänomen, das seine Wurzeln auch im Islam selbst, in seinen militanten Anfängen und seinen offenkundigen Schwierigkeiten mit der Moderne habe. Wie kommt es nur, dass "alle Regime in der Welt des Islam in unterschiedlichem Maße autoritär und despotisch" sind, wie Bassam Tibi in seinem Buch "Krieg der Zivilisationen" (1995) festgestellt hat. Erhebt der real existierende Islam, der sich lustvoll als Feind des Westens versteht, ein "Feindbild Islam" womöglich in den Rang einer naturalistischen Fotografie?

Wenn der Nahost-Experte der "Zeit", Michael Lüders, etwa zu bedenken gibt, Bin Laden habe mit dem Islam "ähnlich viel gemein wie die Kreuzfahrer mit der Bergpredigt", dann macht er es sich, indem er scheinbar differenziert, gerade zu einfach.

Die Tatsache, dass die westlichen Verteidiger des Islam gleichzeitig prophezeien, Bin Laden werde immer mehr zum Helden und Märtyrer der islamischen Massen, scheint die wohlmeinenden Differenzierer so wenig zu irritieren wie der Umstand, dass die "Kreuzritter" in den Augen der islamischen Welt bis heute als Inbegriff des Christentums und seiner "ungläubigen" Anhänger gelten. Dieser Blick auf das Christentum verharrt im Grunde noch in mittelalterlichen Denkschablonen, während die Christen selbst sich schon vor Jahrhunderten von der Kreuzfahrer-Perspektive gelöst und spätestens im 19. Jahrhundert begonnen haben, sich mit der europäischen Aufklärung anzufreunden.

Selbst die Existenz des inzwischen verbotenen islamistischen Mini-Staats von "Kalif" Metin Kaplan in Köln am Rhein, der, nach Erkenntnissen des Verfassungsschutzes, Anfang 1997 Osama Bin Laden in einem afghanischen Lager getroffen hat, soll mit dem wahren Islam nichts zu tun haben - trotz der unmissverständlichen Bekenntnisse des muslimischen Fanatikers: "Islam und Demokratie werden niemals miteinander vereinbar sein. Wenn wir an die Macht kommen, werden wir das Parlament zerstören und niederbrennen und die Asche im Meer verstreuen."

Nein, bei den Versuchen, den irgendwie doch islamischen Kontext der terroristischen Untaten wegzuerklären, geht es vor allem um die reflexhafte Angst, der Westen könne, von extrem gewaltbereiten Fanatikern angegriffen, nun seinerseits fundamentalistisch reagieren und seine eigene multikulturell-religiöse Toleranz aufgeben.

Kurze Zeit konnte es deshalb so aussehen, als wären vor allem die Muslime in Deutschland, nicht etwa die gottlosen "Juden und Kreuzritter" zwischen Füssen und Flensburg an Leib und Leben bedroht.

Plötzlich diskutierte man über mehr Islam-Unterricht an den Schulen, mangelhafte Koran-Kenntnisse hier zu Lande und fehlende Sensibilität gegenüber der so anderen, fremden Kultur.

Dieser Reflex offenbarte - neben allerlei politischer Verharmlosung, Abwehr des schwer Erklärlichen und Dämonisierung des offenbar ewig kolonialistischen Europa - das unsichere, zwiespältige, teils masochistische Verhältnis des Westens zu seiner eigenen Kultur, die seltsame Geringschätzung seiner Werte und Errungenschaften, seiner Freiheiten und seiner Identität. Die absurde Gleichsetzung der "Denkstrukturen" Bin Ladens mit denen von George W. Bush, wie sie "Tagesthemen"-Moderator Ulrich Wickert, Arundhati Roy aufnehmend, unterlief, war eben mehr als ein Fauxpas - sie spiegelte genau jene Unsicherheit.

Im "Stern" dokumentierte der Kolumnist Heinrich Jaenecke unter der Überschrift "Kreuzzug ins Leere" beispielhaft das ganze Elend dieser rechts wie links so außerordentlich populären Selbstdegradierung westlicher Kultur.

Der "Wahn" der Islamisten, schrieb er, entspreche "spiegelbildlich" einem "totalitären Selbstbildnis Amerikas", das dem "Rest der Welt unser Modell" aufdränge - dieser seltsamen Diagnose folgt das Zerrbild einer Kulturschickeria, die am Champagner nippend in den Ausschnitt irgendeines busenstarken TV-"Luders" schielt, während sie sich bei dem Gedanken schüttelt, ihre dekadenten Freiheiten, ihre "soziale Kälte" einschließlich McDonald''s und MTV womöglich auch der authentischen Landbevölkerung in der usbekischen Steppe zumuten zu müssen.

Was also haben wir denn überhaupt zu verteidigen, wenn "unser Modell" derart fragwürdig ist? Was sind jene Werte der westlichen Zivilisation, der die islamistischen Terroristen den Krieg erklärt haben?

Es blieb dem britisch-indischen Schriftsteller und Muslim Salman Rushdie ("Die satanischen Verse"), viele Jahre lang durch eine islamische Fatwa vom Tod bedroht, vorbehalten, eine Antwort zu geben: "Der Fundamentalist glaubt, dass wir an nichts glauben ... Um ihn zu widerlegen, müssen wir wissen, dass er irrt. Also kommt es darauf an, was für uns zählt."

Salman Rushdies ebenso vorläufige wie unvollständige Liste der westlichen Grundwerte im britischen "Guardian": "Küssen in der Öffentlichkeit, Schinken-Sandwiches, öffentlicher Streit, scharfe Klamotten, Literatur, Großzügigkeit, Wasser, eine gerechtere Verteilung der Weltressourcen, Kino, Musik, Gedankenfreiheit, Schönheit, Liebe."

Das war leicht und hübsch gesagt. Wenn auch vieldeutig: Schönheit schillert - zwischen der Venus von Milo und Marilyn Monroe. Musik - das ist klingende Frei-

heit von Mozart über die Beatles bis Madonna; all das durfte unterm Taliban-Regime nicht gehört werden. Aber woran, im Ernst, glaubt der Westen denn darüber hinaus - jenseits auch seiner glitzernden Konsumwelt und technischen Brillanz? Was ist den Menschen zwischen Athen und Lissabon, Berlin und New York wichtig, außer Arbeit und Brot, Genuss und Komfort? Die Demokratie, gewiss. Aber dann? Kommt dann Gott? Welcher Gott? Ist ein Gott-Sucher weniger wert als ein Gott-Besitzer? Und bleibt für jene, die an Gottes Existenz zweifeln, wirklich "nichts" übrig - eine durch Wohlstand und allerlei Laster versüßte Leere? "Geld und Kapital", wie der Soziologe Oskar Negt auf einer Podiumsdiskussion der Berliner "Akademie der Künste" meinte? Das Geld als "der einzige Glaube", "gefährlicher" als der religiöse Fundamentalismus, wie der Schriftsteller Peter Handke erklärt hat?

Die Frage macht zuallererst ratlos. Dass einige der Terroristen, die am 11. September unschuldige Menschen als tödliche Fluggeschosse gegen rund 3600 ebenso unschuldige Menschen aus allen möglichen Ländern eingesetzt haben, jahrelang in Deutschland lebten und studierten, spricht nicht gerade für die Überzeugungs- und Strahlkraft westlicher Kultur - allenfalls für deren große Liberalität gegenüber Andersdenkenden, die sich nur schwer davor schützen kann, von Fanatikern missbraucht zu werden.

Umso wichtiger ist es, dass in dieser Liberalität ein kanonischer Kern kultureller Traditionen steckt, der sich langfristig auch ohne Verfassungsschutz und Polizei gegen fundamentalistische Überwältigungsversuche behauptet. Als dieser Kern wurde in den Wochen nach dem 11. September am häufigsten die westliche "Zivilgesellschaft" benannt. Der Begriff klingt gut, bleibt aber allzu kühl und allzu vage.

US-Philosoph Richard Rorty hat nach dem 11. September unverhohlen für eine "Verwestlichung" der ganzen Welt plädiert, für die Verallgemeinerung des abendländischen Gesellschaftsspiels "Gründe geben und Gründe verlangen". Doch wofür der Westen darüber hinaus geistig und moralisch steht, wofür er im Notfall auch energisch zu kämpfen bereit ist, wenn es darum geht, irgendwelchen Fanatikern oder eben einem fundamentalistisch beseelten Gotteskriegertum nachdrücklich zu trotzen - darüber wurde in den vergangenen 20 Jahren, zwischen Postmoderne, Mauerfall, Spaßkultur und Medien-Ironie, kaum öffentlich räsoniert, und wenn doch, dann im ziemlich übersichtlichen, kaum aufrüttelnden Themenfeld zwischen kommunistischem Totalitarismus (der 1990 zu Ende ging) und demokratischer Freiheitskultur (die seit 1990 triumphiert).

Die Terroranschläge vom 11. September und die daran anschließenden Überlegungen rufen nach eine tieferen, existenziellen Rückbesinnung auf westliche Traditionen. Diese Reflexion fand in der viel diskutierten Polemik von Oriana Fallaci ("Unsere Kathedralen sind schöner als die Moscheen und die Synagogen") einen ersten Höhepunkt, aber gewiss noch keinen Schlusspunkt.

Die Verachtung, mit der viele Islamisten die vermeintlich ungeistige, materialistische, seelen- und schamlose Welt des Westens strafen, wird scheinbar bestätigt durch die treffliche Vorarbeit westlicher Selbstkritik - einer der Vorzüge des Westens ist schon die Tradition dieser Selbstkritik. Sie begann lange vor der Frankfurter Schule, deren böses Wort von der westlichen "Kulturindustrie" bis heute nachwirkt. Sie begann bereits im 18. Jahrhundert - etwa mit Friedrich Hölderlins Tiraden über die Deutschen, "diese allberechnenden Barbaren"; später, im 19. Jahrhundert, mit Friedrich Nietzsches Diktum "Gott ist tot" und mit der Zarathustra-Schmährede auf den "letzten Menschen", dem nichts so wichtig sei wie sein mittelmäßig "blinzelndes" Wohlbehagen. Der Philosoph Ernst Bloch stellte 1935 ein Stadtporträt des neuen Berlin unter das kritische Motto "Funktionen im Hohlraum". Die Formulierung ist typisch für die linke, aber auch für die konservative Kulturkritik jener Jahre - das wissenschaftlich-technische Zeitalter "funktionierte", aber es wurde als zunehmend "daseinsarm" (Wilhelm Klemm), seelenlos und banal erlebt. Der expressionistische Dichter Albert Ehrenstein klagte, im Zeitalter der "Autohummeln" und "Äroplane" werde der Mensch belanglos "wie Schleim, gespuckt auf eine Schiene".

Diese Zivilisationskritik verstärkte sich nach 1945 durch die Ratlosigkeit, mit der viele Intellektuelle, vor allem deutsche, am Ende des Zweiten Weltkriegs den Zusammenbruch ihrer innersten Überzeugungen eingestehen mussten. Kunst, Kultur, Zukunftsvisionen, Kameradschaft, Vaterlandsliebe, Heldentum - alle hehren Ideale von Mensch und Gemeinschaft hatte die NS-Ideologie für ihre mörderischen Ziele missbraucht. Die Mehrheit der humanistisch Aufgewachsenen empfand es als Bankrott auf der ganzen Linie.

"Uns ist diese Welt nicht mehr trübe, sondern finster geworden", schrieb schon im Januar 1945 der greise Historiker Friedrich Meinecke, Nestor der klassischen Bildungsbürgertradition ("Weltbürgertum und Nationalstaat"). Nach dem "Untergang unserer bisherigen Kultur" wirke der Blick in die Zukunft großenteils "ganz hoffnungslos". Allerdings: "Die einen verzweifeln bei uns 100-prozentig, die anderen 90-prozentig - zu diesen 10-prozentig noch Hoffenden gehöre auch ich."

Als "Licht in der Nacht", wie es am Ende von Thomas Manns Deutschland-Roman "Doktor Faustus" die Apokalypse überdauert, so fünkchenhaft reduziert erschien den Überlebenden der Stunde null der ehedem so machtvoll geglaubte Wertkosmos des Abendlands. Dass er "mit ungebrochener Gläubigkeit auf alle Offenbarungen des Göttlichen inmitten dieser trüben Welt" blicke, diesen letzten Rest von Optimismus verdanke er nur seiner unerschütterlich "Goethe-Humboldtschen Weltsicht" vom freien, schöpferischen Individuum, schrieb Meinecke.

Weitaus weniger pathetisch, aber ebenso traditionsbewusst formulierten die Väter des Grundgesetzes, als sie in den ersten Artikeln der neuen Verfassung das Menschenbild des neuen Staats festschrieben: Menschenwürde und Menschenrechte, dazu die freie Entfaltung der Persönlichkeit, die Freiheit von Glauben, Bekenntnis und Meinung und sogar das Recht zum Widerstand gegen die Aushebelung der verfassungsmäßigen Ordnung werden hier zu den zentralen Faktoren des freiheitlichen Miteinanders.

In nüchternen Paragrafen war damit ein Wertekatalog demokratisch-humanistischer Prägung niedergelegt, dessen Entstehung über 2000 Jahre gedauert hatte. Vom antiken Griechenland über die Aufklärung bis zur Nachkriegsformel vom offenen "Projekt der Moderne" haben alle Epochen zum westlichen Konsens über Freiheit und Toleranz ihre Beiträge geleistet.

So hatte bereits für Aristoteles, den Lehrer Alexanders des Großen, der Einzelne und seine "Glückseligkeit" prinzipiell Vorrang. Politische Systeme waren für den griechischen Universaldenker nur das nötige Gerüst der Menschlichkeit - ein gerechter Ausgleich der Interessen, der bei höchstmöglicher Freiheit möglichst vielen zur erwünschten "Glückseligkeit", und damit zu ihrem Recht, verhelfen sollte; ein vernünftiger Rahmen auch für die individuelle Tugend, die Aristoteles, als hätte er die unheilvollen Extremismen späterer Jahrhunderte vorausgeahnt, in seiner "Nikomachischen Ethik" als "Mitte" zwischen den Extremen definierte. Eine solche Definition war das Resultat vernünftiger Erörterung, vorgezeichnet von dem genialen Skeptiker Sokrates ("Ich weiß, dass ich nichts weiß"), dem ersten großen Individualisten und Ironiker der abendländischen Geschichte, verewigt durch die platonischen Dialoge.

Zwar bezog sich die Lehre vom freien Einzelnen, seinem Augenmaß, seiner Würde und seinen Rechten nur auf die Vollbürger der griechischen Stadtstaaten. Sklaven betrachtete auch Aristoteles unverblümt wie Möbelstücke. Dass Individualität im Lauf der Antike dennoch immer weiter im Rang stieg, zeigt sich am Respekt vor den Spuren des konkreten Charakters: von der Signatur auf verzierten griechischen Gefäßen über den krassen Realismus römischer Kaiserbüsten bis zur verblüffend lebensechten Mumien-Porträtkunst im späten Alexandria.

Jeder solle "seiner angeborenen Eigenart treu bleiben" dürfen, "so weit diese nicht sittlich schlecht ist", formulierte etwa Roms Starredner und philosophischer Essayist Cicero die verbreitete Lehre von der Würde des Einzelnen, die ja nur in einer relativ toleranten Gesellschaft gedeihen kann. Voraussetzung dieser Charakterfreiheit sei natürlich, dass jeder die Aufgabe ernst nehme, "sich selbst zu erkennen und in strenger Selbstkritik sich Rechenschaft zu geben über seine Vorzüge und seine Fehler".

Diese Überzeugung vom Eigenwert der freien, selbstkritischen Person brauchte das Christentum später nur aufzugreifen: Hatte Gott den Menschen nach seinem Bild geschaffen, dann konnte im Prinzip jeder Einzelne als göttlich gewolltes Wesen Respekt fordern. Zugleich aber blieb er verpflichtet, regelmäßig seine Sünden zu bereuen und seinen Nächsten zu lieben wie sich selbst.

Natürlich war von Freiheit, Toleranz und individueller Menschenwürde in den Annalen noch jahrhundertelang herzlich wenig zu lesen. Immerhin gewann allmählich die Überzeugung Anhänger, dass Fremde und Ungläubige zumindest als Menschen anerkannt werden müssten: Während das ursprünglich altfranzösische "Rolandslied" noch die Mission mit dem Schwert propagierte, galten später in Wolfram von Eschenbachs Versepos "Willehalm" (um 1215) auch ungetaufte Heiden als "Gottes Geschöpfe".

Es ist übrigens die Zeit, in der der staufische Kaiser Friedrich II. sein Buch über die Falkenjagd - ein frühes Meisterwerk empirischer Naturkunde - schreibt und an seinem Hof in Palermo mit arabischen Mathematikern und Künstlern debattiert. Muselmanische Astronomen lehrten schon lange vor ihren christlichen Kollegen, dass die Erde eine Kugel sei. Arabische Liebeslyrik hat den Minnesang stark beeinflusst. Und ohne die Aristoteles-Kommentare des in Córdoba geborenen Arabers Averroës (Ibn Ruschd) hätte Thomas von Aquin wichtige Teile seiner berühmten "Summa theologiae" sicher anders geschrieben. Aus Arabien bezog das europäische Mittelalter also keineswegs bloß den gotischen Spitzbogen, Zimt, Nelken, Damast und Papier.

Der Austausch zwischen den Kulturen war bemerkenswert, das staunende Sich-Kennenlernen wichtiger als der mögliche Sieg über die "Ungläubigen" der jeweils anderen Religion - allerdings war der Islam jener Zeit auch erheblich toleranter und weltoffener, als die fundamentalistischen Gotteskrieger dieser Tage es sind. Deren bruderschaftliches Denken in Kollektiven - hier die Rechtgläubigen, dort die Gottlosen; im fundamentalistischen Sudan wurden Individuen stellvertretend für geächtete Gruppen, Gruppen für Individuen verfolgt und hingerichtet - scheint wieder weit hinter den antiken Begriff der Individualität zurückzufallen.

Auch in Europa setzte sich dieser Begriff nur sehr allmählich durch. Zwar schrieb bereits der Renaissance-Denker Pico della Mirandola eine Abhandlung "Über die Würde des Menschen", und Martin Luther verfocht gegen Papst wie Obrigkeit die "Freiheit eines Christenmenschen" mit seiner ureigenen Gewissensentscheidung vor Gott. Doch erst die Aufklärer koppelten die Frage nach der personalen Menschlichkeit von der Religion ab und machten zugleich politisch Ernst. Ein lockerer Zusammenschluss von Kolonialstaaten jenseits des Atlantiks tat das entschlossener als alle Europäer.

"Wir halten es für selbstverständliche Wahrheiten, dass alle Menschen gleich geschaffen wurden, dass sie alle von ihrem Schöpfer mit gewissen unabdingbaren Rechten ausgestattet wurden wie Leben, Freiheit und das Streben nach Glück ..." Mit diesen Worten in der US-Unabhängigkeitserklärung von 1776 hat Thomas Jefferson Weltgeschichte geschrieben: Erstmals beruft sich ein Staatswesen öffentlich auf Menschenrechte.

Damit war amtlich, wofür engagierte Schriftsteller längst plädierten. "Es ist klar, dass jeder, der einen Menschen, seinen Bruder, wegen dessen abweichender Meinung verfolgt, eine erbärmliche Kreatur ist", schrieb Frankreichs Erzaufklärer Voltaire 1764. Derselbe Voltaire polemisierte übrigens schon 1740, in einem Brief an Friedrich den Großen, unerschrocken wider die religiös fanatisierten "Toren" dieser Welt. Was er über Mohammed dachte, ist mindestens so deftig wie die jüngste Islam-Schelte seines Landsmanns Michel Houellebecq. O-Ton Voltaire: "Doch dass ein Kamelhändler in seinem Nest Aufruhr entfacht, dass er seine Mitbürger glauben machen will, dass er sich mit dem Erzengel Gabriel unterhielte; dass er sich damit brüstet, in den Himmel entrückt worden zu sein und dort einen Teil jenes unverdaulichen Buches empfangen zu haben, das bei jeder Seite den gesunden Menschenverstand erbeben lässt, dass er, um diesem Werke Respekt zu verschaffen, sein Vaterland mit Feuer und Eisen überzieht, dass er Väter erwürgt, Töchter fortschleift, dass er den Geschlagenen die freie Wahl zwischen Tod und seinem Glauben lässt: Das ist nun mit Sicherheit etwas, das kein Mensch entschuldigen kann, es sei denn, er ist als Türke auf die Welt gekommen, es sei denn, der Aberglaube hat ihm jedes natürliche Licht erstickt."

Lessings Lehrstück "Nathan der Weise" (1779) schlichtet dagegen im Streit zwischen Juden, Christen und Muslimen salomonisch: "Es eifre jeder seiner unbestochnen, von Vorurteilen freien Liebe nach." Gott sei größer als jede Konfession und stehe über den Religionen, die sich auf ihn beriefen. Eine für die Zeit erstaunlich tolerante Botschaft.

Aber noch waren Toleranz und Menschenrechte etwas so Ungewohntes, dass selbst Anhänger ihre Ausbreitung skeptisch beobachteten. 1783 warnte Christoph Martin Wieland, der große Weimarer Literat und Kosmopolit, es könnte "vor lauter Aufklärung, Freiheit zu denken" und dergleichen eine "epidemische Zweifelsucht" überhand nehmen, die das Zusammenleben zersetzen würde. "Ein zu starker Lichtstrom blendet sogar ein geübtes Gesicht."

Wielands Befürchtungen wurden böse Wirklichkeit: Die Französische Revolution, 1789 unter der Parole "Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit" als Offensive für Menschenrechte und Vernunft begonnen - sogar eine "Brüderlichkeit der Hautfarben" war mitgemeint -, entartete nach wenigen Jahren Jakobinerherrschaft zum Regiment von Demagogentum, Zwang, Terror, Guillotinen, Chaos und zuletzt nackter Diktatur.

Langfristig indes, darin sind sich Historiker inzwischen weitgehend einig, beschleunigte der revolutionäre Furor eine Grunderkenntnis: Wenn das menschliche Zusammenleben ohne Rückgriff auf einen Gott begründet werden konnte, dann musste der Schutz von Individualität, Toleranz und Menschenrechten unbedingt im Zentrum dieser neuen, zukunftsfähigen Gesellschaftsordnung stehen.

So erklärte Immanuel Kant in seinem visionären Entwurf "Zum ewigen Frieden" 1795, Freiheit und Gleichheit in einem einheitlichen Staat kämen nur unter einer republikanischen Verfassung zu Stande, die die heiligsten Menschenrechte garantiere. Wolle der Mensch seiner "Würde eines vernünftigen Wesens" gerecht werden, dann dürfe er von keinem anderen Menschen "bloß als Mittel" zu irgendeinem Zweck gebraucht werden, im Übrigen müsse er sich an den "kategorischen Imperativ" halten, dass die "Maximen" seines Handelns jederzeit verallgemeinerungsfähig zu sein hätten.

Bis heute berufen sich auf diese Vernunft-Tradition die Verfassungsrechtler demokratischer Staaten - denn natürlich sah und sieht die Wirklichkeit des Miteinanders auf der Erde oft weit weniger glanzvoll aus. Auch nach 200 Jahren sind die hoch gesteckten Erwartungen an eine selbstverantwortlich-solidarische, schöpferische und ironiefähige Individualität des Menschen, wie Goethe oder Wilhelm von Humboldt sie um 1800 formulierten, keineswegs eingelöst - einmal abgesehen von Kunst und Literatur: Die ästhetischen Triumphe europäischer Porträtmalerei und eines Bildungsromans, der die Entwicklung der je eigenen, intimen Weltsicht zu einem immer wieder spannenden, vielschichtigen Lebensdrama ausdifferenziert (beispielhaft Goethes "Wilhelm Meister"), blieben im Ganzen politisch erschreckend folgenlos und wurden schon darum regelmäßig auch von ihren bürgerlichen Gönnern unterschätzt.

Anfangs glaubten linke Sozialreformer allen Erns tes, zur Verwirklichung eines humanistischen Elysiums genüge es, alle Güter gerecht zu verteilen. Materialisten träumten, demnächst lasse sich "hier auf Erden schon / das Himmelreich errichten" - wie Heinrich Heine spöttisch dichtete - und die mühsam eingeforderten Grundwerte würden zu Selbstverständlichkeiten.

Übrig ist von solchen Wunschbildern eines besseren "neuen Menschen", der seinem Mitmenschen "ein Helfer ist" (Bertolt Brecht), nur der Gedanke permanenter Reformfähigkeit: Das Gros linksliberaler Intellektueller sieht heute den demokratischen Wertekanon als Kernbestandteil im offenen "Projekt der Moderne". Stark vereinfacht ist damit die fortschreitende Annäherung des mündigen, vernünftigen Individuums an das Ideal des toleranten, Konflikte diskursiv meisternden Weltbürgertums gemeint.

Konservative sehen selbst die Hoffnung auf solch graduelle "Modernisierung" mit einiger Skepsis. Und so genannte "Postmoderne" unterlaufen und hinterfragen seit zwei Jahrzehnten geradezu lustvoll alle westlichen Normen und Wertmaßstäbe. Möglich ist die Vielfalt, die von der Postmoderne verabsolutiert wird, allerdings nur, weil alle sich jederzeit auf die verfassungsmäßig garantierte Meinungsfreiheit berufen können.

Prinzipiell bleibt die Fähigkeit zu Selbstkorrektur, Ironie, Skepsis, zur diskursiven Verständigung auch über Tod und Unsterblichkeit, Gottesglauben und Gotteszweifel, vor allem zur offenen Debatte ohne Einschüchterung Andersdenkender ein Grundkennzeichen der westlichen Moderne. Gleichberechtigt mit der Fähigkeit, zu lieben und zu loben, gehört Kritik, auch wenn sie noch so schamlos übertreibt, un-

bedingt dazu, sie ist kein Schwächezeichen, weil sie alles nur mies macht- sie will ja zur Verbesserung des Kritisierten aufrufen. So hat schon der Philosoph Immanuel Kant in seiner berühmten "Kritik der reinen Vernunft" (1781) zwar rigoros die Möglichkeiten zur Erkenntnis der letzten Dinge begrenzt, dadurch aber - in der späteren "Kritik der praktischen Vernunft" - das Nachdenken über Gott, Freiheit und die Unsterblichkeit der Seele auf ein stabileres Fundament gehoben - als "Postulat" einer vernünftigen Moral immerhin wird zum Beispiel der Glaube an Gott dann auch philosophisch legitimiert. Dieses Wechselspiel aus Kritik des bisher Gedachten und nachkritischer Neugründung des Denkens bleibt vorbildlich für alle Kulturen dieser Welt - und ist jeder Kultur des Selbstlobs, auch der islamischen, allein schon durch ihre Dynamik überlegen. Selbstlob macht geistig träge.

Eine wesentliche Voraussetzung für diese kritische Kultur des Westens ist auch das historische Bewusstsein. Nur wer die Vergangenheit kennt, ist zur Relativierung der Gegenwart im Ernst fähig. Erst das historische Bewusstsein hat auch das Christentum liberalisiert - wer sich die Geschichte der verschiedenen Bibeldeutungen klar macht, hat es schwerer, eine einzige dieser Deutungen zur absolut gültigen zu erklären (hier haben die Koran-Schulen Nachholbedarf). Im historischen Bewusstsein lauert freilich auch eine - spezifisch europäische - Gefahr: die Sucht, allzu rasch und entschieden von "der Geschichte" zu reden oder gar "Geschichte machen" zu wollen. "Geschichte" erscheint seit dem Historismus des 19. Jahrhunderts geradezu als zeitloser Wert - ein Widerspruch in sich.

Die Katastrophe vom 11. September hat, so heißt es nun immer wieder, Geschichte gemacht - und schon werden auch die Reaktionen auf diese Katastrophe "historisch". Der winzige Moment des Innehaltens im allerersten Schock, die politische Schrecksekunde dauerte bis zu George W. Bushs Rede an den Kongress. Von da an war klar: Die USA waren entschlossen, aus diesem Terroranschlag Weltgeschichte zu machen - die historische Krankheit, von der das "naive" Amerika lange Zeit frei war, hatte zumindest Washington angesteckt.

Selten hat sich deutlicher gezeigt, welchen Doppelcharakter "die Geschichte" hat. Denn erst im Moment ihrer Benennung bekommen Ereignisse ihre Bedeutung. Die Bedeutung bekommen sie durch Worte, die werden von Menschen gesprochen, geleitet von Empfindungen und, hoffentlich, Gedanken. Erst wenn sie Sprache geworden sind, nimmt unser Bewusstsein die Tatsachen auf, bewertet und interpretiert sie - und erst daraus entsteht die Handlung, die zu weiteren Tatsachen führt. Vielleicht ist das wichtigste Merkmal einer Demokratie, dass sie sich dieses Umstands bewusst ist und dass ihre Politik sich von diesem Bewusstsein leiten lässt. Denn nur solange wir wissen, dass wir es sind, die - in diesem Sinne - "Geschichte machen", haben wir die Wahl. Und nur die Wahl ermöglicht überhaupt Verantwortung. Auch für den Irrtum.

Und damit kennen wir Deutsche uns besonders gut aus. "Wie soll ich eine Auffassung beurteilen", fragte der griechische Berater am Hof des persischen Fürsten, "wenn ich die Gegenmeinung nicht hören kann?" Satz und Gegensatz, Versuch und Irrtum, der Widerspruch als Lebensmittel - das kann man als das Prinzip Europas definieren. Die politische Gleichheit der Griechen (ohne Sklaven und Frauen, versteht sich, woraus sich mit Verzögerung dann Weiteres entwickelte) wurde konterkariert vom Wettbewerb der Einzelnen, im Kampf, im Spiel. Die Römer setzten die Etablierung der gesellschaftlichen Widersprüche fort, indem sie die Auseinandersetzung zwischen Aristokratie und Plebejern auf Dauer zum zentralen Feld der Innenpolitik machten. Die katholische Kirche übernahm die Reste des Römischen Reichs - und kam doch nicht umhin, die alten, gebildeten und heidnischen Eliten "in die Verantwortung zu nehmen", wie das heute nach Wahlen heißt und manchmal geschieht.

So blieb die klassische Bildung ein Stachel im heiligen Fleisch, und so gelang Europa die Unterscheidung von Offenbarung und Wissenschaft, von Religiosität und Theologie, also die Etablierung eines der folgenreichsten Widersprüche überhaupt. Der Widerspruch der christlichen Religionen unter sich wurde entsetzlich blutig ausgetragen, und als befriedendes Drittes (eine Synthese zunächst der allergrößten Brutalität) erfanden die Europäer ihren Staat: absolutistisch, alle Macht in sich vereinend, ein lebensrettendes Monstrum, das sofort Widerspruch hervorrief, Revolutionen wie die Frankreichs, Sezessionsbewegungen wie in den heutigen USA, Regressionen wie das Hohenzollernreich von Gottes Gnaden ... Bis wir wurden, was wir heute sind: skeptisch und staatsgläubig zugleich, vom Gewaltmonopol des Staats überzeugt, noch mehr aber von der Gewaltenteilung, die Gleichheit vor dem Gesetz immer neu ausspielend gegen soziale Ungleichheit. Harmlos und eitel mit uns selbst beschäftigt, solange die Geschichte, wie Hegel formulierte, "leere Blätter" produziert: europäische Demokratien.

Für die neueste Zeit kann man beobachten, dass sich in Europa keine Diktatur länger als drei Generationen an der Macht gehalten hat. Wenn man die Pathosformel der Freiheit vermeiden will, kann man nüchterner sagen: Wo die Einzelnen sich mit der Forderung, dass auf sie Rücksicht genommen werde, dauerhaft nicht beachtet sehen, verliert die Gesellschaft ihre Fähigkeit zur Politik und der Staat die Legitimation. Diese Beachtung des Einzelnen - und die Würde seines Widerspruchs - war der Ausgangspunkt für die Demokratie in Athen, die das Nadelöhr für die Demokratie in Europa wurde. Wo immer in Europa geistige und praktische Erfahrungen mit der Demokratie gemacht wurden, war ihre Verführungskraft auf Dauer wirksam (in Island und der Schweiz allerdings deutlich eher als in Spanien und Deutschland). Der geistige Kern der Demokratie, auch eine Segnung Griechenlands, ist die Philosophie mit ihrem Grundsatz (der zum Widerspruch natürlich einlädt und sich damit bestätigt), dass ein jeder Gedanke sich vor dem Urteil des Einzelnen bewähren muss: Diskussion statt Weisheitslehre, Denken ohne Geländer, endlose Folge von Behauptung und Frage. In diesem Punkt dachte selbst der mittelalterliche Philosoph Thomas von Aquin hoch demokratisch: Bei jeder "quaestio", jeder philosophischen Frage, die er erörtert, wird zunächst die Position des Gegners Punkt für Punkt bewiesen, erst dann wird ihr widersprochen. Sogar seinen berühmten Gottesbeweisen schickt er die Gegenthese voraus, Gott existiere "anscheinend" nicht.

Und nur weil diese Tradition nie vollkommen in Vergessenheit geriet, konnte sich aus der radikalen Freiheit des Denkens, zu der wesentlich die wechselseitige "Anerkennung" (Hegel) der frei Denkenden gehört, der Pragmatismus der Politik entwickeln: die Geduld mit den Reformen, das Bosseln am Kompromiss, das Murksen im Tatsächlichen und unsere freundliche Apathisierung, solange alles im Großen und Ganzen friedlich ist.

Nachdem der freie Westen nun doch in einer "gerechten Sache" (Tony Blair) kriegerisch gehandelt hat und weiter handelt, bleibt eines zu beachten: Er durfte und darf, um sich selbst zu retten, dem, was er bekämpft, nicht allzu ähnlich werden - und konnte auch dann nicht so "zivil" bleiben, wie er war. Denn der Dichter hat Recht: "Wenn die Welt nicht ganz und gar verschwinden soll, so muss man sich zu denen halten, welche sie aufzubauen im Stande sind." Goethe an Schelling, 1815.

Um sich zu retten, muss die Kultur des Westens in jedem Fall selbstbewusst kämpfen - gegen die Feinde von Debatte und Kompromiss (das sind auch die notorischen Verächter der parlamentarischen "Schwatzbude"), gegen die dumme, intolerante Egozentrik missionarisch bewegter Kulturträger, gegen alle Heils- und Gottesgewissheit, die "Ungläubige" verteufelt und verfolgt, als lebten wir im 16. Jahrhundert. Tumbe Heilsgewissheit dieser Art gibt es freilich nicht nur in Sudan, Algerien und Afghanistan, sondern auch in Deutschland und den USA. Sie darf nicht toleriert werden: nicht an unseren Schulen, nicht in der Öffentlichkeit.

Dennoch schreckt man gegenwärtig vor der Idee einer so verstandenen kämpferischen Haltung der westlichen Kultur zurück. Wie ist das zu erklären? Woher kommt es, dass selbst die gebildeten Repräsentanten westlicher Tradition nicht nur zur notorischen Selbstherabsetzung neigen, sondern auch dann, wenn ihre kulturelle Identität massiv angegriffen wird, zu aktivem Widerspruch und Selbstbehauptung kaum bereit sind? Will man auch da "cool" oder auch nur unbelästigt bleiben, will man um keinen Preis unsouverän wirken? Haben Lehrer, Bildungspolitiker und Medien zu wenig für die Tradition der primär individuellen Weltdeutung geworben, für die Reize der dogmafreien Gottessuche, für die Vorzüge emanzipierter Weltoffenheit? Hat die Aufklärung am Ende auch die Autorität ihrer eigenen Erfolgsgeschichte angezweifelt und fortironisiert? Natürlich tut sie sich schwer mit dem "Positiven", sie lässt es höchstens, von Hegel bis Adorno, gelten als "Negation der Negation". Oder, wie beim späten Max Horkheimer, als vage Vision des "ganz Anderen". Aber das erklärt noch nicht alles.

Mehr als ein halbes Jahrhundert nach dem Zweiten Weltkrieg und zwölf Jahre nach dem Untergang der DDR geht es dem modischen Moralkonsens primär um die "Anleitung zum Unschuldigsein" - Titel eines aktuellen Bestsellers. Privat wird gern die Sau rausgelassen, doch diskurstheoretisch, ethnokulturell und öffentlichrechtlich ist man am liebsten skrupulös und politisch korrekt. Die Angst, irgendetwas zu sagen oder zu tun, was auch nur scheinbar zurück in die faschistische Vergangenheit führen könnte, war und ist stets mächtiger als der Mut, zu sich und dem Land, in dem man nun mal lebt, so zu stehen, wie es bei den europäischen Nachbarn selbstverständlich ist - noch Jahre nach der Wiedervereinigung taten sich viele schwer damit, statt "Bundesrepublik Deutschland" einfach "Deutschland" zu sagen. Dass an den höheren Schulen etwa nach 1970 die deutsche Geschichte immer verbissener, wenn auch in guter Absicht, auf die Jahre zwischen 1933 und 1945 reduziert wurde, hat die Bekenntnisfreude gegenüber den besseren, älteren oder auch jüngeren Phasen der eigenen Tradition nicht gerade gestärkt - oft werden sie nicht einmal schemenhaft gekannt.

Auch jahrzehntelange, intensive Vergangenheitsbewältigung und das Nachwachsen kompletter neuer Generationen - bis hin zur "Generation Golf", die mit "Wetten, dass ...?" und Harald Schmidt groß wurde - haben nicht zu jener Mischung aus Souveränität und heiterer Gelassenheit geführt, in der kulturelle Identität sich ausdrücken könnte. An deren Leerstelle tritt fast täglich die TV-Talkshow-Manie, jene populärpsychologische Selbsttherapie im betroffenen Gruppengeschwätz.

Deutschland als beflissene Talkrunde, nur scheinbar über dem Niveau des klischeehaft geächteten "Stammtischs" früherer Jahre - da zerfließt alles in einem einzigen diffus-selbstkritischen Diskurs aufgeschreckter Gutmenschen und Ferndiagnostiker, während Driss Kettani, ein angesehener islamischer Theologe in Marokko, schon ganz genau weiß, warum und wieso: "Eine Sache ist sicher: Was sich in Washington und New York am 11. September abgespielt hat, ist das Resultat der teuflischen Politik der Vereinigten Staaten und ihrer Alliierten."

Wie ein fernes Echo der alten linken Kritik am "US-Imperialismus" klingt solche Rede. Ob "Globalisierung" als neueste Chiffre marxistischer Kapitalismuskritik, "Arroganz" als kultureller Wiedergänger des Neokolonialismus oder "soziale Kälte" als alltagskompatibles Thermometer der linken Entfremdungstheorie - der islamische Terror löst nicht nur alte Reflexe aus, sondern spiegelt spezifisch deutsches Schuldbewusstsein, aber auch eine seltsame Desorientierung der westlichen Kultur insgesamt.

So warnten der Grafiker Klaus Staeck und der Publizist Johano Strasser öffentlich vor einem westlichen "Weg in die Barbarei", vor einem "Totalitarismus neuer Art" - nicht etwa als Folge einer Talibanisierung des Orients, sondern als Folge der "neoliberalen" Globalisierung im Westen. Was ein Merkmal kultureller Überlegenheit sein kann - die Fähigkeit einer Gesellschaft, sich radikal selbst in Frage zu stellen - verwandelt sich hierbei in ein Zeichen von Depression und Selbstverleugnung. Man macht sich klein, um moralisch groß zu bleiben. Auch in solcher, meist bloß rhetorischer Bescheidenheit tobt sich ein gewisser Größenwahn aus.

Das gilt vor allem dann, wenn Zweifel und Kritik selbst nicht differenziert, sondern in quasi-fundamentalistischer Attitüde formuliert werden - wenn die abendländische Tugend der Skepsis gegenüber dem Eigenen sich zum Appeasement gegenüber dem Feind jeder Skepsis und jeder Toleranz auswächst: Toleranz gegenüber der militanten Intoleranz.

Dies ist auch eine Spätfolge der so genannten Revolte von 1968. Deren umfassende Kulturkritik am westlichen Konsumkapitalismus wirkt bis in die Katastrophen-Rhetorik des "Immer schlechter, immer schlimmer" nach, die heute noch jede zweite Umwelt-Untergangs-Prognose grundiert.

Auch das Kabarett zehrt, trotz Love Parade und Nacktfernsehen, bis heute vom ökologisch korrekten Pumpernickel-Proviant des ewigen Dagegenseins. Da wird noch jede Sanitätskompanie der Bundeswehr zum Vorposten germanischer Großmachtgelüste.

Vielleicht hat es nie in der Weltgeschichte eine Generation gegeben, deren politische und geistige Wortführer derart radikal und kompromisslos die Gesellschaft verwarfen, in der sie lebten und von der sie schließlich in hohe und höchste Ämter katapultiert wurden. Selbst die Sprache wurde 1968 in Teilen neu erfunden, denn es galt, nie und nirgends gemeinsame Sache mit den Herrschenden zu machen - von "Provos" bis "fuck for peace".

Denn alles war politisch, alles war öffentlich, alles "Bestehende" war falsch - und alles musste anders werden.

Erst im letzten Viertel des vorigen Jahrhunderts sprach sich allmählich herum: Es ist nicht mehr alles nur prä- und postfaschistisch - es ist auch ganz schön, in diesem komfortablen, schrecklichen Land zu leben. Plötzlich, erst recht nach dem Fall der Mauer 1989, schien die große ideologische Konfrontation vorbei. Das "Ende der Geschichte" (Francis Fukuyama) war nah. "Posthistoire" nannten es die französischsprachigen Diskursfachleute. Windstille.

Nun war alles irgendwie simuliert und fiktiv. Wurde vorher alles tiefdeutsch und todernst genommen, so erschien nun alles irre komisch. Kult statt Kulturkritik. Das Volk ohne Witz lachte sich kaputt. Doch wer fast alles ironisiert, hat nichts mehr zu verlieren - schon gar keinen angreifbaren, also verteidigenswerten Standpunkt. Die cool-zynische Geste der Affirmation bleibt letztlich hohl und leer.

Wer an nichts glaubt als an die eigene Attitüde der Schlagfertigkeit und Abgebrühtheit, der ist vor Weltschmerz gefeit. Die 24-Stunden-Rundum-Ironisierung macht die prinzipielle Indifferenz zur Waffe, die sämtliche Differenzen ausräumt, ohne dass es wehtut: Alles ist möglich, wenn nichts möglich ist.

Und wenn doch? Wenn plötzlich das Schlimmste möglich scheint? Wenn der tödliche Ernst einbricht und mit ihm die Angst? Nicht die Angst, einen Seitensprung zu gestehen, sondern die Angst vor mörderischem Terror, vor biologischen und chemischen Waffen, vor dem Verlust jener gesellschaftlichen Normalität, an der wir mehr hängen, als uns bewusst ist?

Gerade in den ersten dunklen Tagen nach dem 11. September, als viele Menschen ganz automatisch das Bedürfnis hatten, unter Freunden zu sein und den Augenblick mit ihnen zu teilen, wurden jene Werte unwillkürlich spürbar, um die es nicht nur im Westen geht: die Freiheit, ein menschenwürdiges, wenn nicht glückliches Leben zu führen und dessen möglichen Sinn auf eigenen, undogmatischen Wegen zu erkunden - und der Respekt vor dem Anderen.

In dem kurz darauf einsetzenden Meinungs- und Erklärungsschwall ging dieses Moment des Innehaltens, dieser Anflug von kollektiver Identität rasch unter.

Dabei hat der weltweite Schock weder die Spaßgesellschaft beendet noch etwaigen anderen Übeln der Gegenwart den Garaus gemacht. Er hat nur eindringlich jene Fragen auf die Tagesordnung gesetzt, die im rasenden Talkshow-Trubel zwar immer wieder kurz auftauchen, aber nicht wirklich ernst genommen werden. In den Worten von John Chipman, Direktor des Internationalen Instituts für Strategische Studien in London:

"Was ist eine multikulturelle Gesellschaft? Was sind die Grenzen von Toleranz, Privatleben und Meinungsfreiheit?"

Kurz: Was will er künftig sein, der Westen? Und: Wie soll er es durchsetzen?

Die gründliche Debatte über diese Fragen kann künftig nicht allein den Vordenkern einer neuen Verfassung für Afghanistan und den verschiedenen Medien des Westens überlassen werden, sie gehört auch in den Kanon aller Lehrveranstaltungen aller Schulformen. Nur so hat sie Chancen: die kämpferische Behauptung der eigenen Kultur des Westens, ihres ans Individuum gebundenen Selbstbewusstseins, ihrer toleranten, weltoffenen, skeptischen, Pop-bunten Lebensweise (von Walt Disney bis Warhol) und ihrer wissenschaftlichen Bildungstradition (von Leibniz bis Einstein). Nur wer sich so zur eigenen Kultur bekennt, kann am Ende auch glaubwürdig die fremde anerkennen; und hat Aussichten, von dieser fremden anerkannt zu werden.

Es bezeugt solch substanzielle, zu sich selbst stehende Liberalität und eben keinen typisch westlichen Hochmut, wenn Thomas L. Friedman in der "New York Times" über Osama Bin Laden urteilt:

"Er zerstörte viel, aber er hat nichts aufgebaut. Was von ihm bleiben wird, ist ein Fußabdruck in der Wüste."

REINHARD MOHR, JOHANNES SALTZWEDEL,

ELKE SCHMITTER, MATHIAS SCHREIBER

* Im März 1997 mit Papst Johannes Paul II. * Eine Frau diktiert einem Schreiber einen Brief. * Gemälde von Eugène Delacroix. * Im Jahre 1099; Stahlstich nach einem Gemälde von Pierre Revoil (1830). * Steinigung eines Mannes und einer Frau in Masar-i-Scharif 1991, Leichengrube.

DER SPIEGEL 52/2001
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Die unverschleierte Würde des Westens