Von Schwarz, Birgit
Es gibt viele Gründe, warum der Kölner Abd al-Kadir Mohammed vor 16 Monaten in eine Stadt zurückkehrte, in der motorisierte Milizen und Stammesfürsten mit Flugabwehrgeschützen um sich schossen. Ungehemmter als berittene Banditen einst mit ihren Colts im amerikanischen Wilden Westen.
Anfang der neunziger Jahre hatte der gebürtige Somalier zum Sturz des mal von den USA, mal von den Sowjets gestützten Diktators Siad Barre beigetragen. Er musste fliehen und fand in Deutschland Unterschlupf. Doch von der Politik konnte er nicht lassen und auch nicht vom Traum eines befriedeten, vereinten Somalias. Zudem hatte Deutschland ihm zwar politisches Asyl gewährt. Doch eine sinnvolle Verwendung für einen inzwischen 60-jährigen somalischen Geophysiker mit Professorentitel hatte man nicht in seinem Zufluchtsland.
Als sein Clan ihm schließlich eine neue Aufgabe als Vertreter in einer von allen fünf Hauptclans Somalias ernannten Übergangsregierung anbot, der ersten staatlichen Führung seit zehn Jahren mit Sitz in Mogadischu, brach der rüstige Rebell ohne Zögern seinen erzwungenen Ruhestand ab. Jahrelang hatte er aus dem Exil einen wirkungslosen Papierkrieg geführt, um die Stadt, die er einst selbst erobern half, von ihren zerstörerischen Befreiern zu befreien. Die Chance, endlich selbst Hand anzulegen am Wiederaufbau seines in Anarchie versunkenen Landes, wollte er sich nicht entgehen lassen.
Voller Tatendrang trat Kadir im August vergangenen Jahres seinen Dienst als Minister für Technologie und Wissenschaft an. 16 Monate später ist er erneut arbeitslos: Das Parlament hat sich in Demokratie geübt und den Premierminister samt seines Kabinetts wegen mangelnder Erfolgsbilanz aus dem Amt entlassen.
Kadir wertet die Tatsache, dass die Meinungsverschiedenheiten diesmal nicht mit der Waffe, sondern per Abstimmung geregelt wurden, als Zeichen des Fortschritts. Es gibt nur einen Grund, warum der kämpferische ältere Herr sich eine Verschnaufpause bei Frau und Kindern in Köln-Ostheim wünscht: das plötzliche Interesse der USA an Somalia.
Fast sieben Jahre lang hat die Weltgemeinschaft das Land am Horn von Afrika sich selbst überlassen. Doch seit sich zwei amerikanische Passagiermaschinen mit muslimischen Fanatikern im Cockpit in die Türme des New Yorker World Trade Center bohrten, ist Somalia ins Visier des US-Geheimdienstes geraten. Eine radikale islamistische Organisation namens al-Ittihad al-Islami (Islamische Union) soll Ausbildungslager für Anhänger von Terroristenführer Osama Bin Laden auf somalischem Territorium unterhalten. Und weil die Regierung sich als zu schwach erwiesen hat, Mogadischu unter ihre Kontrolle zu bringen, rechnet die Bevölkerung täglich mit einem Eingreifen der Anti-Terror-Allianz.
"Somalia ist wie ein Haus ohne Dach", sagt Kadir. Jedermann könne hineinsehen, und nichts bleibe geheim. Auch nicht die Existenz von Terroristencamps. Doch bisher seien die Amerikaner der Aufforderung des Präsidenten nicht nachgekommen, sich persönlich und an Ort und Stelle von dem zu überzeugen, was lokale Fernsehteams längst ausgekundschaftet hätten: An den verdächtigen Orten hausten nur Ziegen und Vögel.
Für die USA bleibt das islamische Land am Indischen Ozean unberechenbar, gerade weil ihm jene Strukturen fehlen, die einen funktionierenden Staat ausmachen. Somalia stehe jederzeit jedermann offen, so der Staatssekretär für Afrika im US-Außenministerium, Walter Kansteiner, unlängst bei einem Besuch der Nachbarstaaten. Da böte sich Terrorgruppen eine Vielzahl von Gelegenheiten, "24 Stunden am Tag".
Tatsächlich machten die Somalier aus der Not eine Tugend: Sie privatisierten den Staat. Unternehmer unterhalten von Privatarmeen geschützte Flug- und Seehäfen, während die staatlichen Häfen geschlossen bleiben, weil sie jederzeit von regierungsfeindlichen Milizen unter Beschuss genommen werden könnten. Gegen eine Gebühr von 25 Dollar gibt der Manager von K 50, einer Landepiste 50 Kilometer außerhalb der Hauptstadt, selbst die Visa aus. Pässe sind in Abdala Shideye zu erwerben, einer Sektion des Bakara-Marktes, die quasi die Funktion des Einwohnermeldeamts übernahm.
Findige Geschäftsleute lassen somalische Schilling in Saudi-Arabien drucken. Das heizte die Inflation derart an, dass es zu Protestkundgebungen kam. Wer sich für wichtig hält, sorgt selbst für seine Verteidigung. Die so genannten "technicals", waffenbestückte Kleinlaster mit einem Dutzend Milizen auf der Ladefläche, sind auf den Straßen Mogadischus häufiger anzutreffen als Polizeifahrzeuge in Los Angeles. Und selbst der oberste Ordnungshüter, ein bebrillter Mann mit wehrhafter Vergangenheit, kann nicht von sich behaupten, ganz Mogadischu, geschweige denn den Luftraum oder die 3025 Kilometer lange Seegrenze unter Kontrolle zu haben.
Zwar hat die neue Regierung inzwischen an die 18 000 Milizen von der Straße geholt. In einer alten Kaserne werden aus Desperados Staatsdiener gemacht. Sie lernen umzudenken; werden fotografiert und registriert. Selbst die Seriennummern ihrer Waffen sind erfasst. Sollte sich eine von ihnen auf dem Schwarzmarkt wiederfinden, ist der Übeltäter mittels neu erstellter Datenbank schnell ausgemacht. So hat, polizeiintern, alles wieder seine Ordnung. Doch auf die Straße trauen sich die Ordnungshüter nur mit schwer bewaffneter Eskorte.
Kadir, der aus Deutschland importierte Minister, will denn auch nicht ausschließen, dass einzelne Fanatiker Somalia als Zufluchtsort oder Stützpunkt benutzen. Schließlich waren die Attentäter vom 11. September selbst in Hamburg unentdeckt geblieben. Aber rechtfertige das ein Bombardement der Zivilbevölkerung?
Er sitzt im Garten eines Hauses, das ihm nicht gehört, und spielt nervös mit dem Schlüsselbund zu seiner Kölner Wohnung. Immer noch ist er in seiner Heimat nur Gast, ausgehalten von Privatunternehmern, die lieber Steuern bezahlen würden als Leibgarden.
Ein fischiger Geruch weht aus der Nachbarschaft herüber. Längst ist der Enthusiasmus wieder erlahmt, mit dem die Bevölkerung der neuen Regierung anfänglich half, den Unrat von den Straßen zu räumen. Doch mehr als der Gestank stört den Minister der kometenhafte Silberstreifen, der sich am wolkenlosen Himmel abzeichnet - der Kondensschweif eines Flugzeugs.
Nicht nur dem Rückkehrer aus Deutschland bereiten diese Himmelserscheinungen schlaflose Nächte. Ganz Mogadischu weiß, dass die Amerikaner Aufklärungsflüge über Somalia fliegen; Kriegsschiffe patrouillieren die Küstengewässer; die deutsche Bundeswehr soll die Seewege nach Asien sichern. Und jüngsten Informationen zufolge befinden sich amerikanische Militärs gar auf somalischem Boden: Von Somaliland aus, dem abgespaltenen Norden, sollen sie die Lage auskundschaften.
Nur einer empfindet Genugtuung über die gesteigerte Aufmerksamkeit der Anti-Terror-Allianz, doch der ist außer Landes: Hussein Aidid, der Sohn eines Mannes, den die Amerikaner Anfang der neunziger Jahre mit ähnlich grimmiger Entschlossenheit zu eliminieren versuchten, wie sie heute Bin Laden jagen, hat Zuflucht im benachbarten Äthiopien genommen - einem Land, das noch jeden Versuch somalischer Aussöhnung zu hintertreiben vermochte. Von Addis Abeba aus gibt sich Aidid alle Mühe, die Übergangsregierung in Mogadischu zu diskreditieren. Ausgerechnet bei den USA hat er Gehör gefunden.
Am Widerstand seines Vaters Mohammed Farah Aidid, des einst mächtigsten unter den Kriegsfürsten Somalias, scheiterte 1993 der Versuch einer internationalen Truppe, die nach dem Sturz Barres von Stammesfehden zerrüttete Nation zu befrieden. Die Jagd nach Aidid senior kostete an die 15 000 Somalier das Leben - und 18 amerikanische GIs. Die Stinger-Raketen, die ihre Hubschrauber abschossen, sollen damals von Bin Laden über Ittihad Islami an Aidids Truppen geliefert worden sein. Das glaubt zumindest der US-Geheimdienst. Dass der Vorsitzende Richter im Verfahren gegen vier mutmaßliche al-Qaida-Attentäter in New York diese Behauptung bereits im April als haltlos zurückgewiesen hat, scheint weder das FBI noch das Pentagon zu beeindrucken. Und der Einzige, der es besser wissen könnte, schürt gar die Verdachtsmomente gegen Kadir und seine Mitstreiter.
In zwischen dem 10. August und dem 15. September an den Uno-Sicherheitsrat wie den US-Präsidenten adressierten Briefen bezichtigt Hussein Aidid Mitglieder der Übergangsregierung der Unterstützung von Terrororganisationen. Und dem größten Geldtransferinstitut des Landes wirft er die Finanzierung Bin Ladens vor.
Dass ausgerechnet einer, den der Volksmund "Lüge auf Beinen" nennt, zum Kronzeugen gegen sein Heimatland aufrückte, empört Kadir: "Die Bildung der Übergangsregierung ist eine Revolution gegen die Tyrannei." Mit 60 Jahren ist er mehr Gemütsmensch denn Rebell und mit Sicherheit keiner Terrortruppe zugetan. Die Regierung, der er angehörte, war geradezu multinational; neben ihm im Kabinett saßen Rückkehrer aus der ganzen Welt: zwei weitere Deutsche, dazu Kanadier, Briten, ein Schwede, ein Finne und ein Amerikaner - alle, wie er sagt, entschlossen, Somalia zur Demokratie zu verhelfen.
Selbst die Uno hatte die Übergangsregierung als Vertreter für Gesamtsomalia anerkannt. Dennoch erfuhr der Präsident vom Beschluss der Amerikaner, die Konten des wichtigsten Finanzunternehmens des Landes, al-Barakaat, weltweit einzufrieren, nicht über diplomatische Kanäle, sondern aus dem CNN-Fernsehen.
Derlei Unfreundlichkeiten schüren auch bei Kadir den gängigen Anti-Amerikanismus. Die Amerikaner hätten es sich selbst zuzuschreiben, dass einer der Ihren 1993 tot und unbekleidet durch Mogadischus Innenstadt geschleift wurde, sagt er. Aufgebracht vom Dauerbeschuss, der auch Frauen und Kinder nicht verschonte, hätte die Bevölkerung damals "amerikanische Western imitiert". Das Ereignis führte schließlich zum Abzug der Friedenstruppen und zur internationalen Isolation Somalias.
Überbrückungshilfen kamen fortan aus den arabischen Anrainerstaaten. Sie waren es, die Schulen und Krankenhäuser finanzierten, was zu einer wachsenden Islamisierung der Gesellschaft führte. Kadir, der sich noch gut an unverhüllte Studentinnen an der Universität von Mogadischu erinnern kann, bedauert es, dass somalische Kinder heute "die Landkarte von Saudi-Arabien besser kennen als die von Somalia".
Doch immerhin holten muslimische Wohltätigkeitsorganisationen, darunter auch die terrorverdächtige Ittihad Islami, 40 000 Jungen und Mädchen von der Straße. Dass sie nun im Verdacht stehen, mit Terroristen gemeinsame Sache zu machen, ist Kadir schwer zu vermitteln.
In einem Land, in dem Stammesführer und Kriegsherren jahrelang eigennützige Interessen mit Waffengewalt durchzusetzen versuchten, wurde die Religion zum Zufluchtsort. Allein strenggläubige Muslime wie der Barakaat-Gründer Ahmed Dschimale galten allen als vertrauenswürdig. Das, sagt Kadir, sei das Geheimnis seines Erfolgs. Barakaat brachte jedes Jahr dreimal mehr Devisen ins Land als sämtliche Hilfsorganisationen - wie auch immer das geschah. Das Unternehmen galt als frei von Claninteressen. Angeblich wurde jeder Geldtransfer per Computer erfasst, samt Absender, Empfänger und Zweck der Überweisung. Die Daten, beteuert Barakaat, stünden den Amerikanern zur Einsicht offen.
Das Einfrieren der Konten trifft vor allem kleine und mittelständische Unternehmen, die das Geldtransferinstitut als sicheren Aufbewahrungsort für ihr Bargeld benutzten; ihnen schuldet die Bank an die zehn Millionen Dollar. Auf 50 Prozent ihres üblichen Volumens sollen die Transfers der im Ausland lebenden Somalier an ihre Verwandten in der Heimat geschrumpft sein, seit George W. Bush in Barakaat den "Zahlmeister" der Mörder vom 11. September ausgemacht hat.
Eine anhaltende Schließung des Geldinstituts müsste die Regierung endgültig lähmen. Denn mit der Einfrierung von 1509 Geschäftskonten allein in Mogadischu würde auch ihre letzte Einnahmequelle versiegen, die Almosen und Abgaben ihrer Gönner in der Privatwirtschaft.
Längst ist der 22-Millionen-Dollar-Kredit aufgebraucht, den das Kabinett als Starthilfe aus Saudi-Arabien und Kuweit erhielt. Mit den Geldern sicherte sich die Regierung die Loyalität einiger Kriegsherren. Sie wurden derart hastig ausgegeben, dass niemand sich die Zeit nahm, Buch zu führen - was nicht zuletzt zur Abwahl der Regierung führte. Dennoch rechtfertigt Kadir die Eile: Als er angekommen sei, habe er bei jedem Wimpernzucken Schüsse vernommen, sagt er. Jetzt zerreißen Maschinengewehrsalven nur noch selten die Stille. Schon allein deswegen hält die Bevölkerung an der Hoffnung fest, mit Hilfe von Rückkehrern wie Kadir könnte endlich Frieden einkehren in Somalia.
Selbst oppositionelle Kriegsherren wie der ehemalige Aidid-Finanzier und Kommandeur Osman Hassan Ali, genannt "Atto", der Dünne, haben mit der Übergangsregierung Stillhalteabkommen geschlossen. Der einstige Baulöwe könnte am Wiederaufbau der mit seiner Hilfe zerschossenen Stadt vermutlich mehr verdienen als am Waffenschmuggel. Doch solange einer wie Hussein Aidid amerikanischer Schützenhilfe sicher sein kann, werden die Bemühungen um Aussöhnung zwischen den Konfliktparteien erfolglos bleiben.
Weil er das weiß, schaut Kadir resigniert den Silberstreifen am Himmel nach. "Wenn die Amerikaner immer noch das Bedürfnis haben, sich für den Tod ihrer Soldaten an uns zu rächen, werden wir sie nicht daran hindern können", sagt er. Und im Stillen hofft er wohl, bald wieder zu Hause in Köln zu sein. BIRGIT SCHWARZ
DER SPIEGEL 52/2001
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