22.12.2001

ESOTERIKSchwebende Doppelgänger

Sie fliegen durch Popsongs und Esoterikläden, Bücher und Museen: Engel sind Kult. Der Boom dieser Sehnsuchtswesen lindert das Leiden an der Realität.
Spirituelle Geheimagenten, schön an Gestalt, aber elfenhaft geschlechtslos, einmal die Liebe selbst, dann wieder ruppig, zugleich sichtbar und unsichtbar: So sind sie, die Engel, Lateinisch "angeli", Boten. Boten Gottes. Gott mag tot sein - die Engel leben. Manchmal nähern sie sich dem Menschen in einer Tarn-Identität, vor- und fürsorglich rufen sie dabei: Fürchtet euch nicht! Das wiederholen sie so lange, bis der zu Tode erschrockene Erdling die Fassung zurückgewonnen hat.
Fürchtet euch nicht - so war es jahrhundertelang. Jene feinstofflichen Mittler zwischen Himmel und Erde, an die erstaunlich viele Menschen zu glauben scheinen, wirken kaum noch Furcht erregend, wohl eher angenehm fremd und geheimnisvoll. Als mythische Reizgestalten ohne kirchliche Bindung geistern sie durch schmachtende Pophymnen und New-Age-Läden, durch Akademie-Tagungen und Museums-Ausstellungen, sie zieren Schirme, Einkaufstüten, Schachteln, Teller und Tassen, werden in Büchern, Vorträgen und Seminararbeiten erforscht.
Der Philosoph und Soziologe Jürgen Habermas mutmaßte in seiner Dankesrede für den Friedenspreis des deutschen Buchhandels, dass der 11. September im Innersten der Gesellschaft eine religiöse Saite "in Schwingung versetzt" habe und sich überall Synagogen, Kirchen und Moscheen füllten. Habermas sah darin auch eine Reaktion auf die "Entzauberung der Welt" - darauf, dass der Mensch die Natur in dem Maße, wie er sie der objektivierenden Beobachtung und kausalen Erklärung zugänglich macht, entpersonalisiert.
Engelwesen, so diffus sie auch sein mögen, können in der Tat helfen, die entzauberte Welt ein wenig zu beseelen. Wohl vor allem deshalb sind sie zurzeit so beliebt, deutlich populärer als Gott: Jeder zweite Deutsche glaubt an seinen Engel, der als eine Art persönlicher Leibwache fungiert, jeder zehnte ist laut einer Forsa-Umfrage überzeugt davon, schon einmal einem Engel begegnet zu sein. An den christlichen Gott glauben dagegen nur noch etwa zwölf Prozent der Bevölkerung.
Prominente wie Kirk Douglas und Rudolf Scharping gestanden in der "Bunten" ungeniert ihren Glauben an Schutzengel. "Engel - die unfassbar wichtigen Wesen" nannte das Monatsmagazin "Geo" in einer Titelgeschichte die heiligen Geschöpfe. Auch der Hamburger Pastor Hinrich Westphal vermutet: "Je seelenloser unsere Welt zu werden droht, desto mehr wächst die Sehnsucht nach Engeln."
Der Seelenzustand der Welt wird sich so schnell nicht dramatisch ändern. Und das heißt: Die seltsam geflügelten Geistwesen haben nicht nur eine große Vergangenheit, sie haben auch Zukunft.
"Die Luft, die Erde, das Meer, alles ist erfüllt von Engeln", sagte Bischof Ambrosius von Mailand. Auch nüchterne Leute, die an sich mit Engeln wenig anfangen können, stehen irgendwie in ihrem Bann - wenn nicht metaphysisch, so doch wenigstens metaphorisch
Mit Botenengeln, Schutzengeln, Totenengeln beschäftigen sich Religionswissenschaftler, Soziologen und Künstler. Die "gelben Engel des ADAC" helfen im Straßenverkehr, "Business Angels" finanzieren Geschäftsideen junger Leute, von ihnen soll es in den USA bereits über eine Million geben. Die Werbeengel sehen - vor allem wenn man ihnen diese hässlichen Brathähnchenflügel verpasst - leider etwas lächerlich aus. Sehr viel schöner kommt da schon die Schauspielerin Laetitia Casta daher, die mit prachtvollem Engelsgefieder für den US-Dessous-Hersteller Victoria's Secret über den Laufsteg schwebte.
In Film und Fernsehen sind sie meistens männlich. Victor, der Schutzengel, war in der gleichnamigen Serie auf Sat.1 unermüdlich im Einsatz, Wim Wenders schickte in dem Film "Der Himmel über Berlin" zwei etwas angejahrte Engel, verkörpert von Bruno Ganz und Otto Sander, zur Berliner Mauer; in dem romantischen Remake desselben Films verirrt sich Nicolas Cage nach Los Angeles, in die "Stadt der Engel", und verliebt sich, während sich John Travolta in "Michael" als Engel ziemlich rüpelhaft aufführt, ungebührlich viel Appetit auf Süßes und Sex zeigt und dabei etliche Federn lässt.
Für Uwe Wolff, 46, Studiendirektor und Engelforscher im niedersächsischen Bad Salzdetfurth, sind Engel Urbilder der Hoffnung und des Vertrauens, sie offenbaren eine Sehnsucht nach einer anderen Welt, die keinem Wandel unterliegt.
Wolff sprach an einem November-Abend in der gut gefüllten St. Lamberti Kirche in Hildesheim über Engel - über ihr Wirken in den verschiedenen Kulturen und Religionen, ihren Einfluss in Dichtung, bildender Kunst und Film, über die hemmungslose Engel-Kommerzialisierung, die ihre Popularität ausnutzt, über Menschen, die für andere zu Engeln wurden durch ihre Selbstlosigkeit und Liebe.
Engel, so Wolff, seien immer erreichbar, mobil, allgegenwärtig, gerade so, als spiegelten sie unsere weltumspannende Vernetzung. Doch unterstützten sie nicht unsere Wohlstandsbehäbigkeit und seien kein Garant für Wohlergehen im materiellen Sinn, sondern erschienen bei wichtigen Entscheidungen, schlimmen Krankheiten, schweren Krisen, bei Unfällen und angesichts des Todes.
Auf der Suche nach Engelsvarianten bereiste Wolff jahrelang Afghanistan, Pakistan und Tadschikistan, dann schrieb er das Buch "Alles über Engel" und fährt seitdem unermüdlich im Land umher, um Vorträge und Seminare zu halten.
Die Engelerfahrungen der Westeuropäer sind kaum kirchlich vermittelt, sondern eher mystisch-intimer Art. So trauerte eine Hamburger Literaturwissenschaftlerin über den frühen Tod ihres Vaters. Abfinden mit seinem plötzlichen Ableben kann sie sich erst, seit er "engelsgleich", wie sie sagt, nachts in ihren Träumen erscheint und ihr seinen tröstenden, liebenden Beistand versichert.
Eine ältere Dame sorgte auf einer Party in München für Aufruhr, als sie seelenruhig berichtete, wie sie dem Börsenabsturz der New Economy entkam. "Mein Schutzengel riet mir, sämtliche Aktien des Neuen Markts zu verkaufen." Sie realisierte einen Gewinn von über 300 000 Mark, den sie in Teilen an ihre Enkel verschenkte.
Buchautor Wolff erzählt, im Alter von vier Jahren habe er erlebt, wie er von einer unsichtbaren Kraft zurückgerissen wurde, als vor ihm ein Starkstromkabel niedersauste. Um ein Haar hätte es ihn getroffen. Diese und andere, spätere Erlebnisse hätten ihn Demut und Bescheidenheit gelehrt, sagt er, allerdings hält er Kollegen, die ihren Seminarteilnehmern Kontakte mit Engeln versprechen, für unseriös. Dafür ist die Begegnung mit Engeln zu intim, zu unverfügbar und unvorgreiflich.
Seit dem 11. September hat sich die Nachfrage nach Wolffs Veranstaltungen noch erhöht. Die Terroranschläge in New York, erklärt Wolff, trieben neuerdings jede Menge Männer in seine Seminare: "Engel waren bislang ein Frauenthema. Aber jetzt scheint es so, als würden Männer plötzlich dem Hölderlin-Vers glauben: "Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch."
Wolff ist nicht der Einzige, der sich als Mittler zwischen Engeln und Erdenbürgern versucht. Über 250 Engelbücher gibt es inzwischen auf dem Buchmarkt, darunter "50 Engel für das Jahr", ein Bestseller des Benediktiners Anselm Grün; er verkaufte sich rund 500 000-mal und bescherte dem Herder Verlag satte Rendite.
"Die Enzyklopädie der Engel", das gerade erschienene Buch der Französin Alix de Saint-André, geht auf amüsante Weise folgenden Fragen nach: Sprechen Engel, und wenn ja, welche Sprachen? Essen sie, und wenn ja, was genau gibt es im Himmel zu beißen? Wie viele Engel gibt es, und wohnen sie alle auf derselben Etage? Welche Art Engel ist Satan? Was genau sind die Jobs der Himmelsbeamten? Ein Engel lässt sich nicht so ohne weiteres sehen, meint die französische Schriftstellerin, er sei zwar "Angestellter der himmlischen Telekom, doch leider ist die Bibel kein Telefonbuch".
Der Münchner Engelforscher Heinrich Krauss, dem aller Engels- und Esoterikkitsch ein Graus ist, hat in zwei wissenschaftlichen Büchern die Geschichte der Engel untersucht. Er erinnert daran, dass in der Antike die Vorstellung von einem Genius oder Engel als Doppelgänger verbreitet war, der den göttlichen Anteil in jedem Menschen repräsentierte. "Wir Menschen", sagt Krauss im SPIEGEL-Interview, "haben offenbar eine tiefe Sehnsucht danach, dass es jenseits der banalen Realität des Alltags noch etwas gibt, was uns über den Tod hinaus umfängt."
Gewiss nimmt diese Sehnsucht oft bizarre und sektiererische Formen an. Aber damit hat sich ihre spirituelle Substanz noch nicht erledigt. Solange deren Geheimnis letzten Endes ungeklärt ist, dürfen Engel hauchen: Fürchtet euch nicht, denn bald ist Weihnachten. ANGELA GATTERBURG
Von Angela Gatterburg

DER SPIEGEL 52/2001
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