09.01.1952

NIEMÖLLERIch gehe zu Stalin

Eine junge Dame mit dunklem Wuschelkopf und patiniertem Pelzmantel deutete liebenswürdig auf die Treppe zu dem Flugzeug, das gerade vom Frankfurter Rhein-Main-Flughafen starten wollte: "S''il vous plait! Okay, okay! Dobre, pan!" Derart dreisprachig ließ die junge Dame, Philologiestudentin Hertha Niemöller, 24, ihrem Vater, dem Kirchenpräsidenten Martin Niemöller, den Vortritt zum Start via Berlin nach Moskau. Dann stieg sie selbst hinterdrein.
Hertha, die in Niemöllers Residenz in Darmstadt, Roquetteweg 15, als "tolles Sprachgenie" gilt, soll dem Vater in Stalins Land dolmetschen. "Sie spricht russisch, polnisch, englisch, französisch und sonst noch was, ist sehr gescheit und nimmt es an Charme mit jedem Filmstar auf", heißt es am Roquetteweg. Das Temperament hat sie nicht nur vom Vater, sondern auch von Mutter Else, geborene Bremer, einer Rheinländerin.
Martin Niemöller glaubt, daß sich die Russen seine Unterstützung im Kampf gegen Deutschlands West - Integrierung etwas kosten lassen werden: die Freilassung von Kriegsgefangenen oder eine leichtere Lage für die Zivilarbeiter. Der
hessische Kirchenpräsident Niemöller hat schließlich mehr Möglichkeiten, Adenauer das Leben schwer zu machen, als der alte Reichskanzler a. D. Wirth, der denn auch nur bis Ost-Berlin fuhr.
So hat Niemöller nun Gelegenheit, in die Tat umzusetzen, was er schon Anfang Juli 1951 auf der zweiten Evangelischen Hochschultagung in Aachen sagte: Der Christ habe den Auftrag, seinen Feind nicht zu bekämpfen, sondern ihn zu überwinden. "Ich gehe auch zu Stalin, wenn er mich einlädt."
Im gleichen Monat, in dem Niemöller das sagte, hatte ihm in Berlin der amtierende Exarch des Moskauer Patriarchats in West-Europa, Boris, eine Einladung zwar nicht Stalins, aber doch des Patriarchen von Moskau, Alexej, des geistlichen Leiters der russischen orthodoxen Kirche, überbracht. In dieser ganz persönlich gehaltenen Einladung war kein Bezug auf Niemöllers verschiedene kirchliche Aemter genommen*). Niemöller sagte damals zu Exarch Boris: "Nach meinem Terminkalender bin ich bis Weihnachten völlig besetzt. Aber nach dem 27. Dezember habe ich Zeit zu einem Besuch." Der Berliner Bischof D. Dr. Otto Dibelius, Vorsitzender des Rats der Evangelischen Kirche in Deutschland, wurde durch Niemöller sofort von dieser Einladung unterrichtet. Die beiden sprachen noch im Juli darüber.
Ueberrascht war Otto Dibelius allerdings, als Martin Niemöller dann wirklich am 1. Januar reisen wollte. Der Kirchenpräsident war zwischen Weihnachten und Neujahr leicht erkrankt und nicht mehr dazu gekommen, Dibelius von seinem schnellen Entschluß zu verständigen. (Daß Dibelius über Niemöllers Reise an sich verstimmt gewesen sein soll, ist eine irrige Meldung.) Noch am Tage vor seiner Abreise hatte Martin Niemöller eine lange theologische Besprechung mit den Präsides der rheinischen und der westfälischen Kirche, D. Held und Wilm, und dem Göttinger. Theologie-Professor Iwand, alles Männern, die aus der Bekennenden Kirche kommen.
Auf der Durchreise in Berlin sprach Niemöller dann noch einmal ausgiebig mit Otto Dibelius, wobei auch Propst D. Heinrich Grüber, der "Bevollmächtigte des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland bei der Regierung der Deutschen Demokratischen Republik", zuhörte.
Der Bischof Dibelius hatte hier Gelegenheit, dem Moskau-Reisenden von seinen eigenen unguten Erfahrungen mit den Sowjets zu berichten. Schon im Dezember hatte er gestanden, daß es eine Zeit gegeben habe, in der die Sowjetunion wenigstens in einzelnen Fällen auf kirchliche Bitten gehört habe. Aber: "Jetzt lassen sich die Russen nicht mehr sprechen."
Mit zu dieser Enttäuschung Otto Dibelius'' hat beigetragen, daß sein Brief, den er im letzten Herbst an Josef Stalin richtete, noch nicht beantwortet worden ist. Dibelius hält sein Schreiben geheim, aber jetzt hofft er wieder: "Vielleicht hat Niemöller Gelegenheit, an meinen Brief anzuknüpfen."
Man hätte es freilich lieber gesehen, daß an Stelle von Tochter Hertha der Kirchenrat Rose als Dolmetscher mit nach Moskau gefahren wäre. Kirchenrat Rose ist Verbindungsmann der Evangelischen Kirche zu Karlshorst. Mit ihm hätte Niemöller einen Mann zur Seite gehabt, der mit den Details der Beziehungen zwischen Kirche und Sowjets ausgezeichnet vertraut ist. Aber durch die überstürzte Abreise ließ sich das nicht mehr arrangieren.
Während der hessische Kirchenpräsident nun in Moskau Gespräche führt und versucht, für deutsche Kriegsgefangene und Zivilarbeiter Erleichterungen durchzudrükken, müht sich Pfarrer Herbert Mochalski, Geschäftsführer des Bruderrats der EKD, Niemöllers Helfer in Darmstadt, vergeblich, die Flut der bissigen Kommentare über seinen ostreisenden Chef zu parieren: "Wenn uns schon nicht Mitgefühl mit dem Los der Deutschen treibt, die noch in russischer Hand sind, so sollten wir dann doch wenigstens klug genug sein, den Pastor mit allen guten Wünschen zu begleiten, statt ihm mit unserem Geschwätz von bösartigen Vermutungen*) alle Türen, die sich öffnen könnten, auf täppischste Weise vor der Nase zuzuschlagen."
Gerade als Niemöller und Tochter von Berlin aus nach Moskau gestartet waren, traf von dort kommend der anglikanische Bischof von Fulham, Reverend Ingle, in Berlin ein. (Er sprach anschließend mit Dibelius). Der Bischof von Fulham gehört zu den Auslandsbischöfen der anglikanischen Kirche (Martin Niemöller ist Leiter des Außenamtes der Evangelischen Kirche). Reverend Ingle hatte sich in Ost-Europa, vor allem in der Sowjetunion, um die Mitglieder seiner Kirche gekümmert, so wie es Martin Niemöller jetzt unter anderem auch tat.
Niemand ist indessen auf den Gedanken gekommen, den Reverend Ingle wegen dieser seiner Reise nun etwa kommunistischer Gesinnung zu verdächtigen.
*) Niemöller ist Kirchenpräsident der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau, Vorsitzender des Bruderrats der Evangelischen Kirche in Deutschland und Mitglied des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland, der obersten Leitung der Evangelischen Kirche.

DER SPIEGEL 2/1952
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