09.01.1952

SCHRIFTSTELLER / REMARQUEWeltbürger wider Willen

(s. Titel)
"In Anbetracht des bevorstehenden Besuches von Erich Maria Remarque bitte ich seine ehemaligen Mitschüler um Angabe ihrer Adressen." Diese Anzeige setzte Heinrich Unland, früherer Klassenkamerad des Schriftstellers, ins "Osnabrücker Tageblatt". Es meldeten sich 58, obwohl die Klasse nur 38 Schüler gezählt hatte.
Im "Grünen Jäger" fanden zwei "Versammlungen ehemaliger Mitschüler Remarques" statt. Man beschloß, das Kulturamt der Stadt zu ersuchen, bei den Empfangsfeierlichkeiten für den weltberühmten Sohn der Stadt eine Delegation ehemaliger Mitschüler miteinzuladen. Das Kulturamt hatte nichts dagegen.
Man beschloß ferner, alle früheren Mitschüler sollten ihre Lebensläufe niederschreiben, ungefähr nach dem Motto "Was wir uns erträumt haben und was dann aus uns geworden ist." Die gesammelten Lebensläufe wollte man dann Remarque mit den ebenfalls gesammelten Unterschriften überreichen. Mitschüler Unland: "Sein Lebenslauf ist interessant genug, warum soll er nicht mal welche lesen, die weniger interessant sind."
Das war im Februar 1948. Aber weder Osnabrücks Kulturamt noch die Mitschüler konnten bislang ihre Gruß-Adressen anbringen. Der Besuch Erich Maria Remarques aus der Schweiz steht noch immer bevor. Dabei wäre er im Interesse der plötzlich in Deutschland einsetzenden Remarque-Renaissance dringend not:
* "Im Westen nichts Neues", der größte Bucherfolg in deutscher Sprache, (Remarque: "Mein bestes Buch") wird in Deutschland neu aufgelegt, und zwar mit dem 1201. bis 1210. Tausend. Der skandalumwitterte Film wird demnächst in neuer Synchronisation ebenfalls wieder nach Deutschland kommen.
* "Drei Kameraden" (Remarque: "Ein kleines, anständiges Buch, wie man es so gerade herunterschreibt und zu dem man stehen kann") erschien erstmals in Deutschland*), wo es, 1936 fertiggeworden, während des III. Reiches nicht gedruckt werden durfte.
* "Triumphbogen", 1946 erschienen. (Remarque: "Nimmt etwas zu viel Rücksicht auf das, was das Publikum drüben in Amerika erwartet"), brachte es insgesamt bisher ebenfalls auf über 1 Million. (Schweizer Ausgabe in deutscher Sprache: 60. Tausend.) Der Film gleichen Namens gelangt in den nächsten Wochen nach Deutschland.
* "Spark of Life", zu deutsch "Der Funke Leben", kommt dieser Tage in New York heraus. (Remarque: "Diesmal bin ich jedenfalls sicher, von allen Seiten attackiert zu werden.") Verleger Kurt Desch verbrachte die Zeit zwischen den Festen in Zürich, um sich die deutschen Rechte des Buches zu sichern, das wie alle anderen seit 1933 erst aus der deutschen Sprache ins Englische übersetzt werden mußte. Aber Autor Remarque möchte damit noch warten und lieber erst eine deutsche Neu-Ausgabe von "Are de Triomphe" (der Schweizer Verlag ist mittlerweile pleite) dazwischenschieben. "Man soll das Publikum nicht überfüttern." Das Buch pendelt zwischen Reportage und Roman und schielt mit halbem Auge nach der Verfilmung.
Mit diesen vier Büchern Remarques wird es der deutsche Leser in nächster Zeit zu tun haben. Sie machen den Namen Remarque aus und beweisen schmerzlich, wie arm der deutsche Markt heute an guten Schriftstellern ist. Denn aus der ganzen Produktion seit 1945 gibt es kaum einen so wirkungsvollen Roman wie "Triumphbogen", und selbst "Drei Kameraden" ist ein Stück Unterhaltungsliteratur, wie man es unter den Romanen des soeben abgelaufenen Jahres schwerlich findet. "Im Westen nichts Neues" ist immer noch die klassische Form der Kriegsreportage, erst recht, wenn man berücksichtigt, daß der modernste Krieg im wahren Sinne des Wortes "unbeschreiblich" und "unbeschreibbar" geworden ist.
Allerdings stimmt der Stoff-Vorwurf von "Spark of Life", das in einem deutschen KZ spielt, bedenklich gegenüber einer Sparte von Schriftstellern, die das Entsetzen, dem sie sehr wohl zu entrinnen verstehen, brauchen, um einen Roman daraus zu bosseln, der ihnen weiterhin dazu verhilft, fernab des Entsetzens zu leben. Es ehrt Remarque, daß er sich das Gefühl für die Bodenlosigkeit dieser Art zu schriftstellern bewahrt hat. Er glaubt aber heute, obwohl er immer noch das einzige Buch, das er am eigenen Leibe erlebte, nämlich "Im Westen nichts Neues", für sein bestes hält, nicht mehr an die Notwendigkeit des Dabei-Gewesen-Sein-Müssens. "Jeder hat heute irgend etwas erlebt, demgegenüber ''Der Graf von Monte Christo'' als Ammenmärchen erscheint - vor allem in Deutschland".
So will er auch den "Funke Leben" nicht als KZ-Roman gelesen und gewertet wissen. Plaidiert Remarque in eigener Sache: "Ich meinte nicht die rauchenden Schlote der Krematorien. Die sind im SS-Staat viel besser drin. Es ging mir darum, zu zeigen, wie ein Mensch wieder hochkommt, nachdem nur noch das Zucken seiner ausgehungerten Hand ihn von den Toten unterschied." Das Buch beginnt 90 Tage vor dem Ende der KZ-Herrschaft.
Aber Remarque wäre nicht er selber, nicht der Autor des, in der Sprache unseres Jahrhunderts, "größten europäischen Roman-Erfolges aller Zeiten" ("Im Westen nichts Neues" - von ihm geschätzte Gesamtauflage über 6 Millionen), wenn er sich nur einen einzigen Effekt aus dem KZ-Hades, aus der Welt der rauchenden Krematorienschornsteine entgehen ließe. Schon in seinem Kriegsbuch hat er keinen Schrecken ausgelassen, und nicht umsonst hat "Im Westen nichts Neues", das erste zählbare Produkt des Erlebnis-, oder wie er es formuliert, des "Direktschreibers" Remarque alle Bücher des größeren Konkurrenten Hemingway ausgestochen.
Von der Oede Ernest Hemingways (Remarque: "Ein großer, trauriger Mann, der wie ein Mittelschullehrer wirkt, der Hemingway-Dialoge spricht") fällt ein fragender Abglanz auf die Oede Remarques und umgekehrt. Sie haben nicht nur das Geburtsjahr gemeinsam (1898). Sie gleichen sich in den Requisiten der Oede, den Gläsern mit Calvados, Pflaumenschnaps, Whisky-Straight, Jamaica-Rum und in die Oede ihrer männlichen Heroen fällt dann totsicher der allesverklärende Stern der großen Liebe. (Die Daueranrede des letzten, sehr Hemingway-konterfeiten Hemingway-Heldens an sein Mädchen lautet: "Meine einzige, wahre und letzte Liebe".) Diese Liebe erhärtet sich in allen möglichen Prügeleien oder auch Schießereien, in denen sich sämtliche Helden gelangweilt bis angewidert, aber erfolgreich durchsetzen. Sie geht nicht an der Generalöde des Daseins kaput, wie es doch konsequent wäre, sondern der Tod oder der Krieg oder beide treten als Dei ex machina dazwischen und erlösen den Autor von dem Widerspruch zwischen Lebensüberdruß und Auflage.
Die Liebe endet am Kindbettfieber ("In einem anderen Land"), an der Schwindsucht ("Drei Kameraden"), an der Feindeskugel ("Wem die Stunde schlägt"), am Selbstmord aus Verzweiflung ("Triumphbogen"), an der aus dem Krieg herrührenden Impotenz ("Fiesta"), am Herzschlag ("Ueber den Fluß und hinein in den Wald").
Allerdings, wie groß ist Hemingway, der ebenfalls vom Krieg lebt, da, wo er ohne Krieg, kriegerische Romantik und Illusionen ist, in Kurzgeschichten wie "Die Affäre Macomber" oder "Schnee vom Kilimandscharo".
Aber auch Remarque ist da ausgezeichnet, wo er, wie beim Emigranten-Arzt Ravie, die fromme Lüge, als sei er ein Mann, den der Weltkrieg I auf dem Gewissen habe, beiseite läßt. Wo er auf jene seit "Im Westen nichts Neues" immer wieder abgewandelte Fiktion des Nur-noch-Saufen-Könnens verzichtet.
Während er seinen Bestseller 1929 im Vorwort als "über eine Generation, die vom Kriege zerstört wurde" charakterisiert, urteilt er heute, knapper, zutreffender und vor allem ehrlicher: "Es war die Jagd nach der Blauen Blume der Romantik, die uns der Krieg gestohlen hatte." Gesteht er: "Es war eine Jagd nach einem falschen Ziel zur falschen Zeit. Wir fanden unsere blaue Blume in der Schnapspulle." Bis 1946, bis zum Erscheinen des "Triumphbogens", stand tatsächlich die Frage offen, ob er nicht den Krieg gebraucht habe, um als ein vom Krieg Zerstörter ein literarisch üppig wucherndes Dasein zu finden. Denn er hat niemals einen Hehl daraus gemacht, daß er zum Krieg zwar ein direktes, aber ein hundertprozentig literarisches Verhältnis hatte. Er selbst gibt die Antwort: "Ich habe den Krieg für eine literarische Arbeit gebraucht."
Mit diesem simplen Glaubenssatz seines Schreiber-Handwerks setzt er sich abseits und über alle Diskussionen, die ihn seit 1929, zuerst in Deutschland und später in der Emigration unter kräftigem Geschubse von links und rechts auf das Podest des politischen Bekenntnisschreibers erhoben und wieder herabgezerrt haben. ("Dieses Buch soll kein Bekenntnis sein", beginnt der Vorspruch zu "Im Westen nichts Neues"). Bis heute hat er sich fest an dieses Credo geklammert, hat er sich erfolgreich gegen alle Versuche von Kritikern und Interviewern, Gegnern und Freunden zur Wehr gesetzt, ihn auf irgendeinen Ismus festzunageln oder ihn zu verpolitisieren.
Seine Gegnerschaft zum NS-Regime dagegen war eine echte, wortlose Feindschaft des Individualisten gegen die radikale Massenhetze. Remarque 1951: "Auch das hatte nichts mit Politik zu tun, dazu war ich viel zu unpolitisch. Als ich 1931 in die Schweiz ging, floh ich nicht vor Hitler. Wenn mir damals einer gesagt hätte, die Nazis kämen an die Macht - ich hätte ihn für verrückt erklärt. Ich wollte einfach in Ruhe ein Buch fertig schreiben. Aber als sie da waren, gab es für mich kein Zurück. Die Nazis und ich - das ging nicht. Es gibt Dinge, die sitzen so tief und sind so selbstverständlich, daß man sie nicht einmal selber erklären kann."
Dabei hatte Joseph Goebbels, der Remarques Bücher 1933 verbrennen ließ, über Görings Staatssekretär "Pilly" Körner um die Zeit der Olympiade einige Fühler in Richtung Remarque vorgeschoben. Schließlich war der Autor von "Im Westen nichts Neues" im Gegensatz zu den meisten Kollegen mit Weltruf weder Jude noch jüdisch "versippt". Und für Hitlers Flirten mit der Gunst der Weltöffentlichkeit wäre eine Versöhung im Geiste großdeutscher Großmut mit dem alten Gegner nur opportun gewesen. Remarque biß nicht an. Den Verhandlungs-Köder gab sein Lancia-Wagen her, den er vom Hause Ullstein zur ersten halben Million von "Im Westen nichts Neues" geschenkt bekam und den er in Berlin stehen gelassen hatte.
Der Wagen blieb stehen. Remarque traute sich nicht, den Wagen zu verschenken, aus Angst, den Beschenkten damit zu belasten. Im Krieg verurteilte der Volksgerichtshof unter Roland Freisler seine Schwester zum Tode - eine Tatsache, die Remarque von sich aus nicht erwähnt. Freisler erging sich in Schmähungen gegen den Verräter-Bruder.
Auch in die durch Hitler bestimmte Epoche der Weltgeschichte rettete Remarque seine Tendenz, alle Uebriggebliebenen des großen Krieges literarisch dafür zu entschuldigen, daß sie mit sich und ihrer eigenen Leere nichts Rechtes mehr anzufangen wissen, so als habe der Krieg die Tauglichkeit zum Leben im Keime erstickt. Noch in den "Drei Kameraden", die 1936 erschienen, flüchtet sich das Titeltrio aus dem Leben, das es nicht verstehen kann oder will, auf die Insel einer edlen Kumpanei. Zwanzig Jahre nach dem Kriegsende ist das Leben für Remarque Fortsetzung der Kriegskameradschaft mit anderen Mitteln, und heute noch gebraucht er zu fortgeschrittener Stunde gegenüber Gästen als Lieblingsanrede das Wort "Kamerad".
Ja, selbst Emigration, Gehetztsein in der Fremde, KZ scheinen ihm kriegsähnliche Situationen, kraft derer er seine Figuren so an der Strippe haben kann, daß kaum jemand auf den Gedanken verfällt, ob sie es wohl verdienten, uns vorgestellt zu werden, wenn sie nicht ständig die Entschuldigung des Krieges und des Gehetztseins für sich anführen könnten. Frauen bleiben bei Remarque (wie in einem geringeren Grade auch bei Hemingway) merkwürdig konturlos, denn sie sind und sie waren nie im Krieg, Mütter dagegen gelingen ihm, denn sie waren wenigstens mittelbar im Krieg.
Die Frage ist also berechtigt: Was wäre Remarque ohne Krieg? Was war er im Krieg, was nach dem Krieg?
Wenn man sein Leben betrachtet, so liegt die Cäsur nicht nur äußerlich bei "Im Westen nichts Neues". Bis zu diesem Welterfolg des Jahres 1929 war Erich Maria Remarque ein labiler junger Mann, sein Freund Hans Gert Rabe sagt: "Er hatte - man kann es so bezeichnen - Neigung zur Hochstapelei."
Remarque hieß, als Rabe ihn kennenlernte, noch nicht Erich Maria Remarque, sondern Erich Paul Remark, mit der Betonung auf dem Re. Der 82jährige Vater, der Buchbinder Peter Remark, spricht sich noch heute so. Rabe: "Erich behauptete, seine Vorfahren hätten, als sie 1792 von Frankreich nach Deutschland emigrierten, den Namen Remarque getragen."
Der frühere Botschaftssekretär und jetzige Schreibwarenhändler Heinrich Unland, derselbe, der den Willkomm namens der alten Schüler organisieren wollte, hat folgende Schulszene festgehalten: "Der Lehrer liest der Klasse aus einem Aufsatz vor, den die Schüler über die kurz zuvor verlebten Sommerferien schreiben mußten. ''Stolz und erhaben durchschneidet der weiße Segler Albatros die stahlblauen Fluten des weiten Meeres.'' Der Lehrer schaut auf seine Schüler, das Heft in der zitternden Hand. Dann nähert er sich der Bank der Besten, holt Erich zu sich heran und schlägt ihm vor den Augen aller Mitschüler das Heft mehrere Male um die Ohren und fragt, vor Zorn hochrot im Gesicht, wo der Schlingel das abgeschrieben habe.
"Erich (12 Jahre) antwortet nicht sogleich, er ist verstockt, versteht nicht. Der Lehrer wütet, Erich läßt alles über sich ergehen, bleibt aber dabei, nichts abgeschrieben zu haben; so sei es an der See gewesen, so habe er seine Ferien verbracht, vier Wochen lang, und so müsse man zwölf Seiten damit füllen."
Die Bücher, die sein Vater einzubinden hatte, las er durch, etliche erwarb er sich später durch Nachhilfestunden. Nebenher sammelte er mit Leidenschaft Schmetterlinge, Steine und Briefmarken. ("Im Westen nichts Neues", S. 160, "Ueber mir an der Wand hängt der Glaskasten mit bunten Schmetterlingen, die ich früher gesammelt habe.")
Der Justizinspektor Christian Kranzbühler, der als Kind viel mit Remarque zusammen war, meint: "Er interessierte sich für alle möglichen Sachen, mal waren es Zauberkunststücke, dann wieder Hypnose. Es kam ihm immer darauf an, bestaunt zu werden, Theater zu machen."
Nach Absolvierung der Volksschule gab es für den jungen Erich zwei Möglichkeiten zum Aufstieg: Er konnte als Kind wenig bemittelter Eltern nur Pastor oder Lehrer werden. So bezog er die katholische "Präparandie", um selbst Lehrer zu werden. Vier Jahre Präparandie berechtigten erst zum Besuch des eigentlichen Lehrerseminars. Das "Wieder-auf-die-Schulbank-Müssen" ist eine der am beharrlichsten vorgetragenen Klagen von "Im Westen nichts Neues" und "Der Weg zurück", einem nicht sehr erfolgreichen Aufguß (1931), in dem geschildert wird, wie die Kriegskameraden den Weg ins zivile Leben zurück (nicht) finden.
Auf der Präparandie (Abschlußzeugnis: Aufmerksamkeit und Fleiß "gut", Maß der erreichten Leistungen "im ganzen gut") lernte Remarque vorzüglich Orgel spielen. Er hatte gerade sein erstes Seminarjahr angefangen, da wurde er, 18jährig, eingezogen. Anders als Paul Bäumer, der Held von "Im Westen nichts Neues", hat sich Remarque nicht freiwillig gemeldet. "Wie kann man sich nur freiwillig melden", war seine freimütig geäußerte Meinung.
Er haßte den Kasernen-Drill, er war zu skeptisch für den Hurra-Patriotismus, und außerdem gehörte er einer Gesellschaftsschicht an, die kaum Aussicht hatte, Anwärter für das Offizierskorps zu stellen. S. 17 "Im Westen nichts Neues": "Am vernünftigsten waren eigentlich die armen und einfachen Leute; sie hielten den Krieg für ein Unglück, während die Bessergestellten vor Freude nicht aus noch ein wußten, obschon gerade sie sich über die Folgen viel eher hätten klar sein können. Katczinsky behauptet, das käme von der Bildung, sie mache dämlich."
Seinen militärischen Schliff bekam er in der Osnabrücker Caprivi-Kaserne, und zwar von dem weiland legendären Unteroffizier Himmelstoß. S. 28: "Er galt als der schärfste Schinder des Kasernenhofes, und das war sein Stolz. Ein kleiner, untersetzter Kerl, der 12 Jahre gedient hatte, mit fuchsigem, aufgewirbeltem Schnurrbart, im Zivilberuf Briefträger." Einen Briefträger und Zwölfender dieses Namens gab es in Kloster Oesede bei Osnabrück.
Bedarfsartikelgroßhändler Himmelstoß in Osnabrück hatte großen Aerger, als "Im Westen nichts Neues" erschien. "Sind Sie der Schweinehund,'' fragte man mich." Er drohte Ullstein mit Klage, aber Ullstein versprach, den Namen bei der nächsten Auflage zu ändern. Als das unterblieb, fuhr Himmelstoß nach Berlin: "Die Schreibmaschinenmädchen gingen alle hoch, als sie meinen Namen hörten, die glaubten, ich wäre der richtige Himmelstoß. Geklagt habe ich dann nicht. Was soll man schon gegen solch ein Unternehmen ausrichten?"
Jm Juni 1917 rückte das II. Ersatz-Bataillon E 78 ins Feld, mit ihm Remarque. Das Bataillon kam zunächst zwischen Lüttich und Cambrai ins Feldrekrutendepot, um den letzten Frontschliff zu erhalten. Remarque kam zum Schanztrupp Bäthje, R.I.R. 15. Einen Monat nach Einsatzbeginn trug er seinen Freund Kemmerich aus dem Granatfeuer. Kemmerich ist identisch mit dem Justizinspektor Christian Kranzbühler, da Mutter Kemmerich später einen Kranzbühler heiratete, der den Jungen Christian Kemmerich adoptierte. Kemmerich, Kriegsfreiwilliger und Offizier, ist schlecht auf Remarque zu sprechen. "Man beschmutzt das eigene Nest nicht." Aber er erkennt ausdrücklich an, Remarque sei kein Drückeberger gewesen. "Er gehörte zu den sechs Mann, die mich aus dem Feuer trugen. Zu einer solchen Hilfe gehört persönlicher Mut."
Für Kemmerich, späteren Kranzbühler, war der Krieg aus. Remarque, der die Zahl seiner eigenen Verwundungen mit vier beziffert, erlebte den Schlamassel mit Tanks, Flugzeugen und Gas. Kemmerich bekam ein Bein amputiert.
Als er kurz nach der Revolution des Jahres 1918 auf Krücken in Osnabrück spazierengeht, trifft er den Gefreiten Remarque. Kemmerich-Kranzbühler: "Ich war verwundert über seine Auszeichnungen. Er trug das EK I und II und den Oldenburger I. und II. Darüber wunderte ich mich." Anschließend erfuhr Kemmerich, auf Veranlassung des Bataillonskommandeurs sei eine Streife des Wehrbezirkskommandos unterwegs, um Remarque wegen der zu Unrecht angehängten Dekorationen festzunehmen. Außerdem solle er nachweisen, woher er die Beförderung zum Gefreiten habe.
Auch Kemmerich kommt in Remarques Buch mit seinem Namen vor, ihm wird, wie in Wirklichkeit, das Bein amputiert - seine Freunde sind scharf auf seine Stiefel - aber er stirbt. Dies vor allem hat die Mutter Kemmerich erbost, von der es auf S. 20 heißt: "Seine Mutter, eine gute, dicke Frau, brachte ihn zum Bahnhof. Sie weinte ununterbrochen, ihr Gesicht war davon gedunsen und geschwollen ... sie zerfloß förmlich in Fett und Wasser.
Von ihren neun Söhnen verlor Mutter Kemmerich zwei im ersten Weltkrieg. Ihre Reaktion war spontan, als sie die sehr drastische Schilderung vom Tode ihres noch quicklebendigen Sohnes las (S. 20, 21): "Er sieht schrecklich aus, gelb und fahl, im Gesicht sind schon die fremden Linien, die wir so genau kennen, weil wir sie schon hundertmal gesehen haben... von innen arbeitet sich der Tod durch, die Augen beherrscht er schon... Mir fällt ein, daß die Nägel weiter wachsen werden, lange noch, gespenstische Kellergewächse, wenn Kemmerich längst nicht mehr atmet. Ich sehe das Bild vor mir: sie krümmen sich zu Korkenziehern und wachsen und wachsen, und mit ihnen die Haare auf dem zerfallenen Schädel, wie Gras auf gutem Boden, genau wie Gras, wie ist das nur möglich - ?"
Später hat sich Frau Kemmerich dann wieder beruhigt. Die Sache mit dem Namen sei nun einmal passiert, und es habe keinen Zweck, sich unbegrenzt darüber aufzuregen. Die heute 72jährige findet sogar freundliche Worte für den berühmten Schriftsteller: "Ein schlechter Junge war der Erich nicht. Ich sehe ihn noch deutlich vor mir, wie er auf dem Schulweg an unserem Fenster vorbeikam. Er hatte eigentlich etwas Liebes an sich." Und als Beweis, daß sie ihm die Namensnennung verzieh: "Ich habe mir sogar seinen Film angesehen!" ("Im Westen nichts Neues").
Verleger Steegemann, bei dem Remarque seine ersten literarischen Gehversuche machte, behauptet, Remarque sei 1919 in Hannover in Leutnantsuniform, mit EK I und Monokel gesehen worden. Das Monokel legte Remarque später auf Bitten der Ullsteins ab, in Amerika benutzte er es wieder. In der Ankündigung der Ullsteins erscheint Remarque als "Leutnant im I.R. 91", er selber bezeichnete sich in einem Interview kurz darauf als "einfachen Soldaten der Westfront".
Remarque ist heute zu keiner Aeußerung mehr über seine Soldatenzeit zu bewegen, selbst in sehr offenem Gespräch nicht. Er sagt nur, mit leichtem Aerger in der Stimme: "Alles, was darüber erzählt und geschrieben wurde, stimmt gar nicht oder nur halb. Ich war Muskote. Es interessiert mich wirklich nicht mehr."
Im übrigen urteilt Remarque aus der Rückschau seiner 53 Jahre und eines gesettelten Weltautorendaseins über Remarques Jugend mit einer Offenheit, die mit ihrem Sarkasmus und ihrer Selbstironie selbst einem gehässigen Kritiker den Wind aus den Segeln nehmen könnte.
Zum Thema "Bildung und Herkunft": "Stellen Sie sich vor, Osnabrück und mein katholisches, enges Elternhaus. Da bekam ich Enrica Handel-Mazzetti und Paul Keller zu lesen. Das sind so Heimatliteraten, die man heute kaum noch in den Literaturgeschichten findet. Gottfried Kellers ''Grüner Heinrich'' war für mich schon ein Stück Aufklärungsliteratur".
Nach glücklicher Kriegerheimkehr und Wiederaufnahme ins katholische Lehrerseminar fährt Remarque als Sprecher der schulbankdrückenden Kriegsteilnehmer Osnabrücks nach Berlin, um im preußischen Kultusministerium dagegen zu protestieren, daß auch die Kriegsteilnehmer auf dem Seminar nun plötzlich wieder den Anordnungen aus der Vorkriegszeit unterworfen sind: Rauchverbot, Ausgang nur bis 8 Uhr abends usw.
"Der Weg zurück": "Wir bestimmen drei Vertreter, die morgen zur Provinzialbehörde und zum Ministerium reisen sollen, um unsere Forderungen für die Schulzeit und das Examen durchzudrücken ... Wir waren Schüler des Lehrerseminars, und für uns hat es kein Notexamen gegeben... Die drei erhalten Militärausweise und Freifahrtscheine, von denen wir ganze Blocks vorrätig haben. Leutnants und Soldatenräte zum Unterschreiben haben wir ebenfalls genug."
An dieser Stelle findet sich auch ein Hinweis, wozu eine Uniform und falsche Orden nach dem Krieg nutze sein konnten: "Für einen Geheimrat redest Du dann überzeugender." Das ist die Zeit, wo Remarque sich auf der Großen Straße in Osnabrück dadurch unbeliebt macht, daß er seinen Hund, den er Noske getauft hat, am hellichten Tage mit "Noske, du Hund, komm her" anruft.
Niemand wundert sich, daß der fertige Seminarist Remarque Junglehrer in einem trostlosen Dorf auf dem Hümmling wird, in dem Nest Nahne bei Osnabrück ("Der Weg zurück" S. 239: "Wenige Tage nach dem Examen erhalten wir vertretungsweise Lehrerstellen auf den umliegenden Dörfern zugewiesen"). Er zieht als der "Lüttke Lehrer" jede Woche zu einem anderen Bauern als Tischgast, so, wie es zu jener Zeit üblich ist. ("Der Weg zurück" S. 239: "Die Bäuerin nötigt mich in einen Lehnstuhl und beginnt als erstes aufzutischen").
Er wird nicht verwöhnt, denn die Dörfler lieben ihn nicht. Remarque betet zu wenig mit ihren Kindern. Darum gibt's Krach mit den Vätern, die von Remarque mit der Reitpeitsche bedroht werden. Außerdem wurde ruchbar, daß der Dorfschullehrer Remarque private literarische Neigungen kultivierte, die sich für einen Erzieher nicht schickten.
Der Osnabrücker Friseur Josef Graß, der heute schmunzelnd zum besten gibt, daß er seinem Schulfreund Erich "Rémark" einmal mit seinem Federkasten ein Loch in den Kopf schlug, erinnert sich noch deutlich an die schmalzigen Liebesschmöker, die der Uhrmacher Kolkmeier auf der Großen Straße in seiner Auslage anbot. Zwischen den Heften prangte die Fotografie des jungen Erich Remark, die dem entsprach, was sich die literarisch oder anderweitig interessierten Osnabrücker Mädchen in der "Holländischen Diele" unter einem angehenden Dichter vorstellten: rätselhafter Blick, alles nagelneu, und ein Schäferhund, von Remarque selbst gezüchtet, auf dem Plüschsofa. An der Wand das obligate Heidebild.
Seit 1918, seit seinem 20. Lebensjahr also, ist er Mitarbeiter der "Schönheit" in Leipzig. Und in der "Bücherei der Schönheit" erscheint sein erster Roman, ein Künstler-Roman, "Die Traumbude", den er drucken ließ und heute selbst für eine Jugendsünde hält.
"Krieg - nichts als mein Leben", heißt es in der "Traumbude", "Frieden - nichts als mein Tod. Und ich fühle mich leidlich wohl dabei. Möcht nicht anders sein. Presse meinen roten Willen in die Fäuste und steile als Flamme in den blauen Himmel."
Remarque über diese Jugendsünde: "Ein wirklich entsetzliches Buch. Zwei Jahre nachdem ich es herausgebracht hatte (1920), hätte ich es am liebsten aufgekauft und eingestampft. Mir fehlte leider das Geld. Ullsteins erledigten das dann für mich. Wenn ich nicht später was Besseres geschrieben hätte, wäre das Buch Anlaß zum Selbstmord."
Zum Erzieher fühlt sich der junge Remarque nicht berufen. "Der Weg zurück" S. 272: "Was kann ich euch denn lehren? Soll ich euch sagen, wie man Handgranaten abzieht und gegen Menschen wirft? ... Mehr weiß ich nicht! Mehr habe ich nicht gelernt!"
Und S. 277: "Hast du wirklich deine Stelle als Lehrer aufgegeben?" fragt mein Vater ... Ich zucke die Achseln. Wie soll ich ihm das bloß erklären? Wir sind zwei völlig verschiedene Menschen und haben uns nur deshalb bis jetzt ganz gut verstanden, weil wir uns überhaupt nicht verstanden haben... Verwundert antwortet er: "Ich gehe jetzt seit zwanzig Jahren zur Kartonagenfabrik und habe es immerhin dazu gebracht, daß ich selbständiger Meister bin." Der Vater ist Buchbinder wie Vater Remark.
Erich, hier Ernst, entgegnet ihm: "Ich kann vorläufig im Geschäft eines Kriegskameraden arbeiten, er hat es mir angeboten."
Ein Freund nimmt ihn vorübergehend in sein Steinmetz- und Grabmalgeschäft auf. Remarque erinnert sich mit Vergnügen: "Ich war mein Geld wert. Mit der berühmten Kinderhand verkaufte ich die ältesten Ladenhüter, sogar Ueberbleibsel aus dem Jugendstil. Ich half mit, die Gegend durch Kriegerdenkmäler zu verschandeln. Wir entwarfen und vertrieben die üblichen Scheußlichkeiten mit zahnwehkranken Steinlöwen oder bronzenen, flügellahmen Aaren, möglichst mit Goldkrone."
Aus Osnabrück entfleuchte Remarque 1922 in die große Stadt Hannover, wo es die damalige Continental-Caoutschuc- und Gutta-Percha-Compagnie gab. Bei den Conti-Werken wurde er, mittlerweile als Erich Maria, Redakteur des "Echo Continental" und ein tüchtiger Texter. Er zitiert heute noch Slogan-Verse wie
"Warum in die Ferne schweifen,
Fahre lieber Conti-Reifen"
oder "Kapitän Priemkes Abenteuer", alles Original Remarques. Einige Kostproben:
"Priemke spricht: Auf zur Bataille!
Und umfaßt rasch ihre Taille" ...
"Und sie lachen mächtig los, -
Halten schmunzelnd sich die Bäuche:
Ja, die Conti-Wasserschläuche!" ...
"Wie dem Kind die Haube steht!
Allen hat's den Kopf verdreht!
Priemke spricht voll Leidenschaft:
Conti! Welche Werbekraft!"
Die Conti-Redakteurzeit bucht Schriftsteller Remarque heute als Gewinn. Getreu dem Kernsatz seines damaligen Chefs "Was man streicht, das kann nicht mehr kritisiert werden", strafft und kürzt er noch jetzt seine Bücher durch. "Bei Conti lernte ich das Redaktionshandwerk. Außerdem brachte es Geld, nahm mir meinen Dichterfimmel und schadete niemand."
Remarque wurde nach eigenem Geständnis "eine Autorität in Gummi". Er betextete ganze Conti-Kalender mit Gummiversen, schrieb ein Schulbuch über die Gummiherstellung, das vom Werk an die Schulen kostenlos verteilt wurde.
Als Gummi- und Reifenautorität gelang ihm der Sprung zu Scherl, in die Redaktion von "Sport im Bild". Er war - glücklicher Besitzer eines Opel-Laubfrosch - schnell der Autofachmann der Illustrierten, produzierte auch einen Autoroman "Station am Horizont" als Serie für "Sport im Bild". Seine Selbstkritik hinderte ihn diesmal daran, sein Produkt einem Buchverlag anzubieten. Remarque-Freund und jetziger Landgerichtsdirektor Christian Krüger nennt es "einen anspruchslosen Roman mit vornehmen Autokühlern und schönen Frauen".
In "Störtebeker" einem kleinen Snob-Blatt des Verlegers Paul Steegemann, wurde er couleurfähig durch die Beiträge "Leitfaden zur Decadence" und "Ueber das Mixen kostbarer Schnäpse". Da heißt es: "Es ist nicht gleich, mit welchem Grundton man ein Schnapskonzert beginnt ... Die Kristallisation im Mischkelch beginnt, wenn man aus 15 cm Höhe noch zwei Tropfen Curacao triple sec einfallen läßt. Etwa drei Minuten lang wird von innen heraus ein Strömen zu den Rändern stattfinden, wie bei dem Römischen Brunnen Conrad Ferdinand Meyers."
Dies Traktat, an das sich Remarque selber mit nachsichtiger Milde erinnert, erregte den Unwillen des Opfergang-Poeten Rudolf G. Binding. "Daß einer so etwas schreibt und sich dann an den Krieg heranwagt." Remarque erzählt dies mit leichtem Achselzucken. Binding, Dichter, Major ("Wir fordern Reims zur Uebergabe auf") und Pferdekenner, hatte gegen "Im Westen nichts Neues" aber auch einen sachlichen Einwand: "Blessierte Pferde schreien nicht. Sie stöhnen bei fast geschlossenem Maul sehr dumpf und kaum hörbar durch die Nase. Sie schnaufen eigentlich nur."
In Berlin heiratete Remarque Frau Ilse Zambona (Steegemann: "eine schmale, sehr schöne, dekorativ wirkende Dame"). Er ließ sich 1931 von ihr scheiden, heiratete sie aber 1938 ein zweites Mal. Trotzdem durfte sie nicht in die USA einwandern, sondern blieb in Mexiko. Damals in Berlin arbeitete Frau Remarque, genannt "Johannes", ebenfalls für "Sport im Bild" ("Die Dame auf Strapazierfahrten").
Samt Gattin Ilse ließ der 28jährige Remarque sich im Jahre 1926 adeln. Verleger Steegemann: "In Berlin hat er sich für sein erstes Geld - 500 RM - von dem Freiherrn von Buchwald adoptieren lassen, damit er seine Visitenkarte mit einer fünfzackigen Krone dekorieren konnte." Die fünfzackige Krone ist verbürgt, auch Landgerichtsdirektor Krüger erinnert sich ihrer.
Mittelschullehrer Hans Gert Rabe: "Ich kannte den Freiherrn von Buchwald, er war ein mittelloser Rittmeister und hatte mir zuvor bereits den Adelstitel verkaufen wollen. Brauchte Geld, der alte Herr." Auf dem 152. Polizeirevier in Berlin-Wilmersdorf war Remarque noch nach Erscheinen von "Im Westen nichts Neues" als "Ehemann Erich Freiherr von Buchwald gen. Remark" eingetragen.
An den vor 1929er Remarque, den "Sport im Bild"-Redakteur, hat Freund Krüger, damaliger Untersuchungsrichter, angenehme Erinnerungen. "Er konnte sich sehr gescheit über Kriminalismus, besonders über die Psyche des Verbrechers unterhalten. Er war überhaupt sehr nett, geschmackvoll angezogen, sah allerdings nicht sehr stabil aus. Er trug wohl ein Monokel, strich aber keineswegs den alten Kriegsteilnehmer heraus."
Von Abendgesellschaften zog sich Remarque gelegentlich mit der Andeutung zurück: "Ich hab da noch was Angefangenes liegen, kümmert euch doch mal um meine Frau." In einigen Monaten war er dann mit der Bleistiftniederschrift von "Im Westen nichts Neues" fertig. Da er selber das Gefühl hatte, etwas "Vernünftiges" zu Papier gebracht zu haben, ging er sogleich zu "Sammy" Fischer, der seit den Tagen Gerhart Hauptmanns und des besten Naturalismus immer noch der Spitzenreiter unter Deutschlands Verlegern war.
Aber Samuel Fischer wollte nicht, obwohl ihm Remarque an Hand von ausländischen Buch- und Filmerfolgen vorrechnete, daß Kriegsliteratur im Kommen sei. Außerdem paßte Remarques Frei-nach-Schnauze-Schreibe schlecht in den mittlerweile hochgeschraubten S. Fischer-Stil. (Remarque hatte noch die Genugtuung, durch seinen Erfolg "Sammy" Fischer so aus dem Häuschen gebracht zu haben, daß der daraufhin die Verlagsgeschäfte niederlegte. "Wenn einem Verleger eine solche Panne passiert", so soll "Sammy" erklärt haben, "packt er besser ein".)
Da Remarques Hausverlag, Scherl, wegen deutsch-nationaler Hugenberg-Bindungen ausfiel, geriet Erich Maria an Ullsteins Propyläen-Verlag. Ueber einen Freund gelangte das Manuskript in die Hände eines angeheirateten Ullstein-Verwandten, Fritz Roß, der ein Bruder des Weltenbummlers Colin Roß und eine relativ kleine Nummer in der Familien-Hierarchie der Ullsteins war. Remarque bestätigt die Version von Rudolf Ullstein (U 5), der heute sagt "Remarque ist die Erfindung von Fritz Roß" mit den Worten "Ja, der Fritz Roß hat's gemacht."
Laut Rudolf Ullstein kam Roß eines Morgens in die Konferenz und sagte: "Ich hab' heute nacht nicht geschlafen." Darauf Franz Ullstein (U 3): "Das gehört doch wohl nicht hierher." Da schwenkte Roß das Manuskript. Ullsteins ließen 50 Leseexemplare hektografiert im Hause zirkulieren. Hauslektor Max Krell hatte schon vorher ''ja'' gesagt, jetzt bestätigten Redakteure und Setzer, die an der Front gewesen waren: "Ja, so war es."
Das Thema "Krieg" lag damals in der Luft. Aus Hollywood kamen zwei Kriegsfilme nach Deutschland. "What Price Glory" und "Big Parade", in Berlin lief das Schützengrabenstück "Die andere Seite" von dem Engländer Sheriff.
Einmal im Geschäft, wußten die Ullsteins, was sie ihrem neuen Helden, dem sie einen Zwei-Jahres-Garantievertrag von 24 000 RM mit Monatsraten von 1000 RM gegeben hatten, schuldig waren. Der Vertrag enthielt die Klausel, daß Remarque das mögliche Defizit in Ullstein-Blättern zum Teil herunterschreiben sollte. Die Klausel blieb unwirksam. An allen Litfaßsäulen prangte jede Woche an der gleichen Stelle ein neues Plakat:
1. Woche: "Er kommt!"
2. Woche: "Der große Kriegsroman"
3. Woche: "Im Westen nichts Neues"
4. Woche: "Von Erich Maria Remarque"
Der geriebene Verleger Paul Steegemann schrieb den Ullsteins, nach dem sensationellen Erfolg von "Im Westen nichts Neues" trage er sich mit dem Gedanken, auch "Ueber das Mixen kostbarer Schnäpse" wieder aufzulegen. Ullsteins zahlten eine Abstandssumme, und die kostbaren Schnäpse verschwanden in der Versenkung.
Als der Vorabdruck in der "Vossischen Zeitung" erschien, war die Zeitung Wochen hindurch jeden Tag vergriffen, was sonst nie vorkam. Trotzdem hätte das Buch nicht so einschlagen können, wenn es sich nicht "von selbst" verkauft hätte. Der Tagesumsatz betrug zeitweilig 15 000 Stück. Nach einem Jahr war die erste Million erreicht. Den Ullsteins gingen, obwohl sie gleichzeitig bis zu sieben Druckereien und Bindereien beschäftigten, Papier und Leinen aus.
Das tausendste Tausend wurde in Blindenschrift hergestellt und an die Kriegsblinden kostenlos abgegeben. Rudolf Ullstein: "Remarque verdiente soviel Geld wie er wollte." Landgerichtsdirektor Krüger: "Ullstein heimste Remarque ein, der aus unserem Kreis verschwand. Und eine Fülle von Weibern stürzte sich auf den Schriftsteller." Mittelschullehrer Hans Gert Rabe: "Ich wunderte mich, daß er trotz seiner Mittel nicht ungewöhnlich lebte. Er arbeitete, trank wenig und war in Künstlerkreisen noch der Vernünftigste."
Am meisten erstaunt über seinen Erfolg war der Autor selbst, und er reagierte darauf mit jener sympathischen, wohldosierten Bescheidenheit, die sein gesamtes Auftreten vom Jahre 1929 an auszeichnet.
Er bemühte sich nie ernstlich, der Namens-Umtausch-Sage - wonach er eigentlich Kramer heiße und als Autor seinen Namen Remark leicht französierend herumgedreht habe - entgegenzutreten. Erste Versuche überzeugten ihn von der Sinnlosigkeit, der Kramer-Legende entgegenzutreten. Heute gibt es im Hause Remarque in Porto Ronco am Lago Maggiore zwar einen Kramer - den Gärtner. Immer wenn ganz besonders Schlaue Remarque zu sprechen wünschen, indem sie Herrn Kramer verlangen und sich so als intime Kenner auszuweisen glauben, muß der Gärtner ans Telefon.
Im übrigen wußte er, daß er es geschafft hatte. Freilich mag seine Publicity-Scheu (Verleger Steegemann: "Snobistische Berechnung" - Verleger Rudolf Ullstein: "Er saß nie gern in der Proszeniums-Loge") auf die persönlichen Angriffe zurückgehen, die er mit dem Vorwort zu "Im Westen nichts Neues" herausgefordert hatte: "Dieses Buch soll weder eine Anklage noch ein Bekenntnis sein, es soll nur den Versuch machen, über eine Generation zu berichten, die vom Kriege zerstört wurde, auch wenn sie seinen Granaten entkam."
Remarque war ein schlechter Lehrer und ein rechter Journalist gewesen, aber die Vorstellung, daß er vom Krieg zerstört worden sei, mußte alle, die ihn kannten, komisch berühren. Erfolg lockt Neider an. Plötzlich behaupteten Neider, er sei gar nie im Krieg gewesen, er habe das Kriegstagebuch eines gefallenen Bekannten ausgeschlachtet.
Remarque entgegnete: "Nicht die Bilder, die Visionen des Erlebten bedrückten mich, sondern der allgemeine Zustand der Leere, der Skepsis, der Unrast. Ich hatte früher nie daran gedacht, einmal über den Krieg zu schreiben... Ich litt unter ziemlich heftigen Anfällen von Verzweiflung. Bei den Versuchen, sie zu überwinden, suchte ich allmählich ganz bewußt und systematisch nach der Ursache meiner Depressionen. Durch diese absichtliche Analyse kam ich auf mein Kriegserlebnis zurück ..."
Der "allgemeine Zustand der Leere" mußte doch daher kommen, daß man "vom Kriege zerstört" war, nicht? Das war eine Entschuldigung für alle, die nicht wußten, was sie mit sich selbst anfangen sollten, die es aber auch ohne Krieg schwerlich gewußt hätten. Remarque wußte es jetzt: Er reihte sich unter die Romanciers der Erden-Leere ein und kaufte sich in der Schweiz die Villa Casa Monte am Lago Maggiore, die schon der Maler Böcklin bewohnt hatte.
Die ersten Angriffe gegen, nicht der Erfolg von "Im Westen nichts Neues" erklären sich aus dem zu pathetischen Vorwort. Vielmehr: Das Buch gab in schmuckloser, wirkungsvoll hingesetzter, manchmal trivialer Diktion eine weitgehend untendenziöse Darstellung dessen, was Millionen erlebt hatten, freilich auch schon mit einer guten Portion Kraftmeiertum.
Der I. Weltkrieg war ja das erste große Kollektiverlebnis der europäischen Menschheit. Hier wurde er zupackend geschildert ("so war es"), ohne Aesthetisieren, Moralisieren, Politisieren, und die Frage nach dem Sinn des Krieges drängte sich nur darum so vernehmlich auf, weil sie direkt gar nicht gestellt war.
"Das Buch ist unpolitisch", sagt der Autor naiv, aber richtig. Er weiß, daß es seine Stärke ist, die Politik herauszulassen, vor allem aus dem Bett herauszulassen. Das macht seine Bücher so angenehm normal.
Durch die Erinnerung an Goebbels Weiße-Mäuse-Aktion anläßlich der Berliner Uraufführung des von Carl Laemmle produzierten Hollywood-Filmes verknüpft der heutige Deutsche mit "Im Westen nichts Neues" die Vorstellung eines "Anti-Kriegsbuches". In einer Zeit, die sich zum nächsten Krieg fertigmachte, mußte es so wirken, aber es war von Remarque nicht als "Buch gegen den Krieg" geschrieben. Er sagt: "Ich hielt es für überflüssig, zu schreiben, daß jeder gegen den Krieg ist."
Und: "Die Nazis meinten gar nicht unbedingt mich. Da Goebbels Propagandamaschine damals gerade leer lief und neues Futter brauchte, wurden ich, das Buch und der Film fast zufällig zu den Sündenböcken". Remarque erinnert sich eines NS-Angebotes, wonach man ihn und sein Buch ungeschoren lassen wollte, wenn er die ganze Verantwortung für den Film den jüdischen Ullsteins zuschob. In Wirklichkeit hatte Remarque auch nichts mit dem Film zu tun. Er hatte die Filmrechte schon an Ullstein abgetreten und ein Angebot des deutsch-amerikanischen Produzenten Carl Laemmle, in dem Film selbst den Helden Paul Bäumer zu spielen, abgelehnt. Aber Pazifist in irgendeinem ideologisch ausgeprägten Sinn war Remarque nie.
Er selbst hat in "Sport im Bild" wenige Monate vor Erscheinen seines Kriegsbuchs die bis dahin erschienenen Kriegsbücher, soweit sie Hugenberg genehm sein konnten, rezensiert. Ueber "In Stahlgewittern" und "Wäldchen 125" schreibt er: "Jünger, einer der wenigen jungen Infanterie-Offiziere mit dem Pour le Mérite, ist wie kaum ein anderer berechtigt, über die Schlacht und den Krieg auszusagen. Er tut es schlicht, einfach und dadurch mit großer Wucht."
Schauwecker stößt "grübelnder und schon didaktischer als der prachtvoll ruhige Jünger, ebenso wie dieser zu dem neuen Menschentyp vor, der 1918 im Grabensoldaten fest geprägt war".
Anfangs mischte sich in den überschwenglichen Lobgesang auf "Im Westen nichts Neues" ja sogar zaghafte Zustimmung aus der deutschnationalen Ecke. Frontkämpfer und Mediziner bemängelten lediglich, daß ein Gefreiter, dem der Kopf abgerissen war, noch einige Schritte läuft, "während das Blut ihm wie ein Springbrunnen aus dem Halse schießt"; daß Soldaten, denen beide Füße weggefetzt sind, "auf den splitternden Stümpfen bis zum nächsten Loch" stolpern; daß Tote nackt in den Aesten hängen, "denn wenn so eine Mine einwichst, wird man tatsächlich aus dem Anzug gestoßen".
Erst als man die Auflage ins Ungemessene klettern sah, kam die gesamte Rechte darauf, daß dieses Buch dem Wehrwillen nicht förderlich sein konnte. Sein Autor geriet in die Politik, aus der er sich mit der ihn kennzeichnenden vorsichtigen Reserve 1931 in sein neuerstandenes Haus am Lago Maggiore, in die neutrale Schweiz zurückzog. Er glaubte nicht an Hitler, wollte nur ein Buch termingerecht fertigschreiben. Dieses neue Buch war "Drei Kameraden". Hitler verpatzte ihm trotzdem den Termin.
Im Januar 1933 kam Remarque noch einmal nach Deutschland - "und da sah ich denn, wie der Karren lief". Er erinnert sich eines Gespräches mit Carl von Ossietzky, von der "Weltbühne", den die Nazis gleich im Gefängnis übernahmen. "Damals hätte Ossietzky noch entwischen können, aber er wollte nicht. Stundenlang versuchte ich ihm klar zu machen, daß es zu spät war, sich gegen die Nazis im Lande zu verteidigen. Er wollte einfach nicht." Remarque verhehlt nicht, daß er für politisches Märtyrertum in unserem Jahrhundert wenig übrig hat. Er kann lange über den Mut in der Politik diskutieren und liebt dabei Formulierungen wie "Im Mut steckt doch meistens ein großer Teil Eitelkeit".
1933 wurden "Im Westen nichts Neues" und "Der Weg zurück" verbrannt. (Gleich 1929 war sein Bestseller schon in Italien verboten, 1949 kam er bei den Russen auf den Index.) 1938 verlor Remarque die deutsche, ein Jahr später gewann er die amerikanische Staatsbürgerschaft.
Aber obwohl ihn mit den Nazis nur Haß und Abneigung verband, machte er die politischen Purzelbäume mancher Emigranten nicht mit. Er politisierte nicht wie Thomas Mann, von dessen Konsequenz er keine gute Meinung hat. "1933 wollte er sich nicht mit mir in Ascona auf der Straße zeigen, da er in Deutschland sein Publikum zu verlieren habe. Mann ist ja auch nie verboten worden. Ihm wurde es erst zuviel, als man ihm, dem Nicht-Abiturienten, in Bonn den Ehrendoktor aberkannte. Da setzte er sich in Amerika, ohne uns zu fragen, an unsere Spitze."
Der Gegensatz Mann - Remarque ist nicht nur politisch. Um seine eigene Position zu bestimmen, begreift Remarque Mann als Antipoden: Er sieht sich als "Direktschreiber", Mann als "Umgehungsschreiber" und charakterisiert seine, Remarques, Schriftstellerei gern als eine "Rebellion gegen das Gekonnte", wobei er nicht ansteht, Thomas Mann und das Gekonnte in der Literatur gleichzusetzen.
Als er sich 1929 überrascht als Erfolgsautor vorfand, gestand er freimütig und mit einem Schuß Berechnung: "Wenn die Vorwürfe, die man mir macht, richtig wären, wenn alle diese Menschen und Ereignisse (von "Im Westen nichts Neues") erfunden wären, dann könnte ich jetzt viel froher und selbstsicherer sein. Dann wüßte ich nämlich genau, daß ich ein guter Schriftsteller bin. So aber ist mir das für später zuweilen sehr zweifelhaft."
Bis zum Jahre 1946 konnte Remarque diese Zweifel haben. Dann erschien "Arch of Triumph". Dieser Roman handelt im Pariser Emigranten-Milieu, das Remarque erkundet hatte, "obwohl ich selbst an Grenzen oft gar nicht meinen Paß, sondern mein Buch mit Unterschrift geben mußte".
Ravic, der Arzt und Flüchtling, bezeichnet den Gipfelpunkt des Schriftstellers Remarque, der hier keinen "überhöhten Journalismus" mehr betreibt, sondern der das ist, war er sein will: Ein "Storyteller", ein Geschichten-Erzähler, wie er sie in der Literatur von Homer bis Tolstoi zu erkennen glaubt: "Es geht darum, daß man eine Handlung, die Beziehung zur Zeit hat, geradezu erzählen kann, ohne Spinnereien."
"Arch of Triumph", ein Millionen-Bucherfolg, wurde eine Vier-Millionen-Dollar-Filmpleite. Trotz Charles Boyer und Ingrid Bergman, die eigens eine Filmgesellschaft gegründet hatte. Erich Maria erklärt sich die Pleite aus dem "mechanischen Hollywood-Rezept".
"Ich kann mich jetzt natürlich nicht hinstellen und sagen: Das ist ein schlechter Film. Aber meistens, wenn man ganz auf Nummer Sicher gehen will, geht alles schief. Man engagierte sich die damals (1946) populärsten Schauspieler, den Regisseur von ''Im Westen nichts Neues'' und einen top-writer für das Drehbuch. Das ging dann prompt daneben. Ich war froh, als ich mein Geld hatte und bin nie ins Atelier gegangen. Den Film habe ich erst Monate später zufällig gesehen. Wenn es nach mir gegangen wäre, hätte ja die Garbo die Joan gespielt. Sie besuchte mich noch und sagte: ''Du, das ist ein Stoff für mich.'' Aber man soll sich da nicht einmischen."
Der Film, der demnächst in Westdeutschland anlaufen wird, brachte für Remarque noch ein anderes Uebel mit. Das alkoholisch-erotische Bindemittel zwischen dem Refugie-Arzt Ravic und der ungetreuen Joan - ein französischer Apfelschnaps, der Calvados - wurde über Nacht in Amerika so populär, daß in den Schnapsläden Remarques Buch neben einem frisch importierten, nicht sehr hochwertigen Calvados stand.
Aufmerksame Freunde und Gastgeber begrüßten den früheren "Mixer kostbarer Schnäpse" mit Kostproben der rasch aufsteigenden Calvados-Industrie, und er war es seinem Ruhm schuldig, zu verschweigen, daß Calvados nicht sein Lieblingsschnaps ist. "Ich selber hätte mich viel lieber an Whisky gehalten. Aber da Ravic kein Geld haben durfte, mußte ich ihm einen billigen Schnaps aussuchen. Ich hatte nur die Wahl zwischen Marc und Calvados. Da entschied ich mich für den klangvolleren Namen. Das ist ein Fluch."
Sogar in Pariser Nachtlokalen, in denen Remarque 1949 auf den Spuren seines Ravic wandelte, verfolgten ihn aufmerksame Barkeeper mit dem "Teufelsgetränk". "Dabei haben die Deutschen und Amerikaner den letzten anständigen Calvados aus den Kellern geschleift. Was man heute auch in Paris unter dem Namen vorgesetzt bekommt, ist ungenießbar."
Die Verwirrung um den Calvados ist nicht ohne hintergründigen Reiz. Remarques Romanhelden, die samt und sonders gute Kameraden sind, hüllt Alkoholdunst ein. Ihre einzige wirkliche Beschäftigung, auf der fadenscheinigen Kulisse der Politik, liegt zwischen Eros und Sexus: Lebensgefühl des 20. Jahrhunderts.
Diesen Winter verlebt Remarque in seiner Casa Monte Tabor am Lago Maggiore. Die ziemlich komplette Einsamkeit und eine böse Gesichtsnervenentzündung haben ihm dabei geholfen, dem Rat der Aerzte zu folgen und seine Romanhelden mit der Schnapsflasche allein zu lassen. Vor zwölf Jahren hat er sich mit einer ähnlichen Gewaltkur das Rauchen (er paffte zwanzig Zigarren pro Tag, "alles, was ich tue, tue ich im Exzeß") abgewöhnt. Aber seine Weinkennerschaft beweist er bei üppig raffinierten Abendessen, die er genüßlich für sich und seine Gäste zusammenstellt, wenn er auch selbst nur Mineralwasser trinkt. Obwohl die zwanzig wilden Jahre seit 1930 dafür gesorgt haben, daß Remarque sich kein Riesenvermögen angesammelt hat, lebt er dort zwischen Kostbarkeiten aus aller Welt (darunter einer Hundeplastik aus der chinesischen Han-Periode, 200 v. Chr.) und schreitet über eine der wertvollsten Teppichsammlungen des Kontinents.
Sein Teppich-Hobby ist in der einschlägigen Branche so bekannt, daß er nur in irgendeiner Großstadt auftauchen muß, um Offerten frei Hotel angetragen zu bekommen. Der große Kamin in dem übergroßen, aber gar nicht protzig-ungemütlichen Wohnzimmer und seine Vorliebe für alte Pullover geben dem einstigen Osnabrücker Seminaristen einen leichten Oxforder Anstrich. Die scharfgewinkelten Brauen, ein vielbeschriebenes Remarquetrademark, haben etwas von ihrer millionenfach erprobten Umschlagbild-Attraktion eingebüßt, aber seitdem er nicht einmal mehr seinen Grappa - einen norditalienischen Bauernschnaps - trinkt, hat sein Gesicht den Ausdruck einer zähen und irgendwo rassigen Bulldogge wiedergewonnen.
Ueber die Frauen, die dazu beigetragen haben eine sicher übertriebene Legende des lady-killers um ihn zu weben, spricht er mit einer zwanglosen, aber niemals schnodderigen Kameraderie, die darauf schließen läßt, daß er mit ihnen heute zumindestens noch gut befreundet ist.
So über Marlene Dietrich: "Sie ist die prachtvollste Frau und die beste Köchin, die mir je begegnet ist. Ein Mensch, der es fertig kriegt, sich außerhalb und über sich selbst zu stellen." Marlene übertrug ihm 1939, als der Krieg in Europa bevorstand, die Pflege ihrer Tochter. Als er mit dem Kind, der heutigen Filmschauspielerin Maria Manton, schließlich doch noch in New York eintraf, litt er wochenlang an einem nervösen Magenleiden. Tag für Tag kochte Marlene für ihn eine Extra-Diät und schickte sie von ihrem Plaza- in sein Ambassador-Hotel. Und über Paulette Goddard: "Die modernste Frau, die ich kenne, und blitzgescheit."
Seine Winterabende vertreibt er sich mit vielen Schallplatten, darunter Marlenes "Ich bin von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt" in mehreren Versionen. Sein Leben gleicht ein wenig dem eines englischen Konservativen, dem die Erbschaftssteuer immer noch genügend gelassen hat, um unbekümmert und ganz nach eigenem, allerdings nicht extravaganten Gusto zu leben. Der kunstvolle Viel-Plattenspieler hat seine 15 Jahre heruntergenudelt. Sein Lancia-Sport stammt aus dem Jahre 1931. Er überstand in einer Pariser Garage die Okkupation und die Libération. "Jetzt bleibe ich ihm treu", meint Remarque.
Für sein transatlantisches Autorendasein unterhält er in New York, in der 52. Straße, ein einfaches 2-Zimmer-Flat zu 60 Dollar im Monat. Während er Hollywood nicht leiden kann, fühlt er sich in New York - bis auf das Klima - ganz wohl. "Wer Berlin geliebt hat, muß New York mögen."
Von Deutschland, das er besuchen will, sobald seine Gesichtsnervenentzündung abschwillt, verspricht er sich Anregungen, die ihm in der Emigration arg fehlten. So möchte er ein zeittypisches Ereignis, den Fall des Doppel-Agenten Kemritz, beschnuppern. "Vielleicht ist das was für mich."
Vielleicht wird er sich diesmal sogar an einem Bühnenstück versuchen. Drei Argumente treiben ihn zum Theater, die in der heutigen Misere einleuchten:
* "Es gibt wenig brauchbare und moderne Stücke.
* Ich schreibe einen halbwegs brauchbaren Dialog.
* Ein Stück kann man mit hundert Seiten schreiben, ein Roman frißt fünfhundert."
In der Tat ist es erstaunlich, daß Remarque nicht längst darauf verfallen ist. Alle seine Romane sind szenisch aufgebaut und ohne tragende epische Zwischenstücke geschrieben. Alle seine Figuren sprechen - oder schweigen - sich durch seine Bücher. Einen neuen Roman hat er ebenfalls in erster Niederschrift, mit seiner kleinen, nicht auffälligen, aber recht energischen Feder- oder Bleistiftschrift notiert vorliegen.
Obwohl Deutschland für ihn als Buchmarkt wenig interessant ist - er zahlt in der höchsten Steuerklasse (bis zu 92 Prozent werden ihm weggesteuert) und er bezieht mit 17 Prozent vom Bucherlös so ziemlich die höchsten Autorentantiemen - überlegt er es sich genau, ob und wann er seine Bücher wieder lancieren soll. Und in allen Unterhaltungen kehrt die beinahe rührende Beteuerung wieder: "Ich habe nie eine Zeile gegen Deutschland geschrieben."
Ganz hat er sich mit seinem kosmopolitischen Literatenschicksal nie befreunden können. Er nennt sich selber halb scherzhaft, halb melancholisch "einen Weltbürger - par force majeure und beinahe wider Willen".
*) Erich Maria Remarque: "Drei Kameraden", Verlag Kurt Desch, München, 448 Seiten, 16,80 DM.

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