30.01.1952

PSEUDONYM Mein Name ist Hase

Uber weitere Pseudonym-Aufdeckungen werde ich Sie laufend unterrichten", schrieb Verleger-Sänger-Komponist Ralph Maria Siegel an Schallplatten-Firmen, Rundfunksender und sonstige Gema-Kunden. Ueber diesem Schlußsatz seines Schreibens stand eine Liste von neun Texter-Namen, die - nach Siegels Meinung - Pseudonyme sind. Der Mann, der sich hinter diesen Decknamen verbirgt und damit die auf diese Schlager-Texter entfallenden Tantiemen kassiert, heißt - nach Siegels Meinung - Kurt Feltz.
Den wieder auflebenden Fall Feltz (SPIEGEL Nr. 51/1949) findet der Betroffene "ja allmählich komisch". Wie ein Feltz-Schlager "gemacht" wird - das möglichst publik zu machen, ist seit damals anscheinend Konkurrent Siegels Hauptsorge.
Die Vorwürfe, die dem damaligen Abteilungsleiter für Unterhaltungsmusik im NWDR Köln, dem Textdichter Kurt Feltz, vor zwei Jahren gemacht wurden, er treibe fleißig Eigenproduktion in seinen Sendungen und "mache" seine Schlager mit Hilfe des ihm unterstellten Mikrophons - diese Vorwürfe veranlaßten sogar die Grimmesche Generaldirektion zum Einschreiten. Grimme erteilte allen Musikabteilungen seiner Sender die Auflage, dem im NWDR-Programm meistvertretenen Textdichter nicht mehr Vorsprung vor dem Zweitbesten zu belassen als höchstens 25 Prozent von dessen Quote.
Diese von Grimme dekretierte Beschränkung nennt Feltz "ein Novum": Nirgendwo in der Welt würden einem Erfolgreichen solche Fesseln angelegt. Feltz zog damals die Konsequenzen. Er kündigte von sich aus den Vertrag mit dem NWDR und schied nach einer kurzen Uebergangszeit aus dem NWDR aus, um Kölner Aufnahmeleiter für Schallplattenfirmen zu werden.
Dennoch blieb Feltz ständiger Spitzenreiter in der NWDR-Statistik der Schlager-Textdichter, wenn auch infolge der Grimmeschen Auflage nicht mehr mit so riesigem Plus. Siegel will nun beweisen, daß Feltz'' Vorsprung vor dem zweiten in der Bestseller-Liste tatsächlich weit größer ist, größer wohl auch als zur Zeit von Feltz'' Zugehörigkeit zum NWDR.
Das ganze Geheimnis besteht - nach Siegel - im Gebrauch von Decknamen. Weiland Kurt Tucholskys "5 PS" *) wären danach ein Kinderspiel gegenüber den "Pseudonymen des Herrn F.", wie Siegel den Fall zu bezeichnen pflegt. Im einzelnen will er bisher folgende neun Decknamen von Feltz festgestellt haben:
* Heinzili
("Signorina - wenn es Abend wird über Messina" - "Zähl jeden Stern" - "Die schönsten Veilchen blühn".)
* Kristian
("Du kleines Schwalbenpaar".)
* Edi Hartges
("Mich ruft ein Lied der Liebe" - "Rosemarie" - "Wenn ich aus Cuba wär".)
* Hase
("Wir sind füreinander bestimmt".)
* Walter Stein
("Als ich in Italien war" - "Fern von der Heimat".)
* André Hoff
("Auf der Heide, da blühn die Rosen" - "Der Südwind, der weht" - "Du schenktest mir Dein Bild" - "Gretchen-Affäre" - "Sie war zärtlich und treu" - "Wenn ein Mädchen siebzehn ist".)
* Bernd Heim
("Der erste Kuß ist gut" - "Dort in Hawaii" - "Spiel, Musikant" - "Mädel das Glück vergißt Dich nicht" - "Margritli - "Mein Liebster, der hat mich verlassen" - "Vergiß nicht, daß ich einmal Dein war".)
* Joachim Janson
("Das hat ja schon die Großmama erfahren" - "In der alten Hafenbar" - "In Paris an der Seine" - "So aufregend find'' ich das nicht!" - "Zweimal eins ist zwei".)
* Alexander Kühn
("Ja, ja, auf einmal ist die Liebe da".) **)
Eine größere Anzahl dieser Unbekannten entfaltet erst seit dem Zeitpunkt von
Feltz'' Ausscheiden aus dem NWDR eine erstaunliche, und zwar auf Anhieb äußerst erfolgreiche Produktivität in Schlagertexten. Siegel glaubt dabei, dem Praktiker Feltz erst zu einem Teil auf die Sprünge gekommen zu sein.
Kurt Feltz, der demnach auch "Hase" hieße, beruft sich durchaus nicht auf den Mann, der von nichts weiß, sondern gibt zu, daß er Pseudonyme gebrauche, und zwar nicht nur die zwei schon länger bekannten
* "Alexander Kühn" (ältere Schlagererfolge "Weiße Rose" von Martini und "Heimatglocken" von Danks) und
* "Walter Stein" (Karnevals-Spitzenschlager 1950 "Wer soll das bezahlen?").
Daß damit sein Bestand an Decknamen nicht erschöpft ist, gibt Feltz freimütig zu, aber "Man kann von mir schließlich nicht erwarten, daß ich meine Pseudonyme lüfte". Das will also nun ohne Auftrag Ralph Maria Siegel besorgen. Der eifrige Pseudonym-Spürer hat es allerdings nicht ganz einfach, die Identität zum Beispiel von "Heinzili" mit Kurt Feltz nachzuweisen:
* Ueber "Heinzili" liegt bei der Gema eine Erklärung, nach der dieser Deckname dem Schweizer Autor und Inhaber des Pariser prominenten "Cidem"-Verlages Heinz Liechti gehöre, der freilich auch ein Verleger von Feltz ist.
* André Hoff ist nach Feltz ein "junger Kölner Text-Autor". Die Gegenpartei glaubt, daß André Hoff identisch sei mit dem Komponisten und früheren NWDR-Korrepetitor Andries, der jetzt Assistent bei dem Kölner Aufnahme-Beauftragten verschiedener Schallplattenfirmen, Kurt Feltz, ist.
Es gibt nun eine Reihe von Indizien, die auf die Identität von Feltz mit den von Siegel angeführten Textern schließen lassen. Da sind z. B. die Aussagen von Komponisten, deren Schlager Feltz betextete, ohne seinen Namen dafür herzugeben. So stellte etwa Gerhard Winkler, Vater der unseligen "Caprifischer", fest, daß seine von Feltz mit Text versehenen Schlager "Wir sind füreinander bestimmt" und "Mich ruft ein Lied der Liebe" von "Hase" bzw. von "Hartges" stammten.
Außerdem gibt es merkwürdige Differenzen. Der Schlager "Immer wieder" des Komponisten Roß findet sich im Electrola-Prospekt als von Feltz stammend verzeichnet. Bei Austroton dagegen stammt derselbe Schlagertext von einem gewissen "Heinzili".
Weiter ist auffällig, daß Weltschlager plötzlich in der deutschen Textierung völlig unbekannter Autoren erscheinen. Folgert Siegel, der die Verleger-Praxis kennt: "Kein Verlag läßt echte Weltschlager von unbekannten und unerfahrenen Autoren textieren."
Schließlich bleibt die Stilkritik: der Vergleich von echten mit wahrscheinlichen Feltz-Texten.
Auch der versierte Feltz, zweifellos ein Könner in seinem Fach, schreibt eine bestimmte Handschrift, verwendet einen bestimmten Wortschatz oder gebraucht immer wieder einmal ähnliche Bilder, die nicht nur vom sowieso immer gleichen Thema Liebe bestimmt sind.
So stehen etwa im Weihnachts-Katalog der Electrola drei Titel mit dem Verb "vergessen" auf einer Seite:
* "Kannst Du vergessen, wie schön es einst war." Autor: Feltz.
* "Mädel, das Glück vergißt dich nicht." Autor: Heim.
* "Vergiß nicht, daß ich einmal Dein war." Autor: Heim.
Und das ebenfalls in dieser Produktionsreihe verzeichnete Tanzlied mit dem so sinnigen Titel: "Das hat ja schon die Großmama erfahren" von Texter Janson will Stilkritiker Siegel niemand anderem als Kurt Feltz zuschreiben.
Wenigstens die Feltz-Pseudonyme Walter Stein und Alexander Kühn hat Feltz selbst der Gema gemeldet. Mit der Anmeldung der anderen Pseudonyme aber kann sich Feltz bis Februar, dem Zeitpunkt der Gema-Abrechnung, Zeit lassen. Auf Texter-Pseudonyme eingehende Tantiemen werden von der Gema unter den Decknamen verbucht und bei Meldung des Urhebers auf dessen Namen umgeschrieben.
Die Gema erteilt allerdings keine Auskünfte über Pseudonyme. Sagt Kölns NWDR-Intendant Hartmann: "Es ist sehr schade, daß die Gema uns auf diese Weise rätselraten läßt."
An sich steht Feltz nichts im Wege, die bisher gebrauchten Pseudonyme "sterben" zu lassen und durch neue "PS" zu ersetzen. Denn während in Italien und in Frankreich jeder Autor nur einen Decknamen führen darf, gibt es in Deutschland dafür noch kein Limit. Die Autoren wollen allerdings von sich aus eine entsprechende Bestimmung einführen. Doch selbst dann ist gegen Strohmänner, die von cleveren Schlagermachern vorgeschoben und dafür mit einem gewissen Prozentsatz am Ertrag beteiligt werden, kein Kraut gewachsen.
Gefahr erwächst dieser Praxis möglicherweise durch Gegenmaßnahmen etwa von Seiten der Schallplattenfirmen. Siegel wollte auf den Dezember-Prospekten bei Polydor nicht weniger als 18 und bei Electrola 10 Feltz-Produktionen entdeckt haben, an Hand seines Decknamen-Katalogs jedenfalls. Inzwischen führt die Polydor genaue Statistik über den monatlichen Anteil des bei ihr als Kölner Aufnahme-Beauftragter unter Vertrag stehenden Textautors Feltz.
Zu diesen Maßnahmen wären Privatunternehmen wie die großen Schallplattenfirmen an sich durchaus nicht verpflichtet. Niemand könnte ihnen verbieten, zum Beispiel nur Feltz-Titel aufs ProduktionsProgramm zu setzen. Nicht einmal wirtschaftliche Ueberlegungen würden dem entgegenstehen, denn Feltz-Schlager sind nun einmal in jeder Statistik vorn, gleich ob in der Vertriebsbilanz der Polydor-Produktion oder der Schlager-Parade des NWDR. Doch spielt bei diesen Selbstbeschränkungen der Privatindustrie das ungeschriebene Gesetz des Fairplay eine Rolle: Kein Geschäftsmann läßt sich von seinen Mitarbeitern gern vor den Karren ihrer eigenen Geschäftsinteressen spannen.
Das eben wollte auch der NWDR nicht, als er damals die Feltz-Schlager limitierte. Siegels Angriff wäre rechtlich eigentlich nur im Falle des Rundfunks begründet: Wenn Feltz die über seine Produktion verhängte Limitierung durch zahlreiche Pseudonyme
umginge. Das würde bedeuten: eine "öffentlich-rechtliche" Einrichtung wie der Rundfunk wird zum Propaganda-Instrument für Privatinteressen mißbraucht.
Das ist nur möglich durch die spezielle Struktur des Schlagergeschäfts. Die Schlagerindustrie ist gleichsam ein riesenhaftes Konjunktur-Unternehmen in Permanenz.
Erfolg hat hier nur, was gefällt, und das Gefallen und damit die Nachfrage richtet sich wiederum nach dem Angebot: Je häufiger sich Melodie und Text eines Schlagers dem Ohr aufdrängen, um so eher wird er ein Begriff und damit bald ein Bestseller im Plattengeschäft sein.
Das ist die Faustregel der Schlagermacher. Andere Gründe für einen unerwarteten Schlager-Erfolg sind schwer zu bestimmen, weil es in dieser Branche nun einmal keine echten Kriterien für "Qualität" gibt.
Das sicherste Werbemittel nun für die Musikindustrie ist die große Geräuschbrause, der Lautsprecher. Ein Schlager kann gar nicht besser gestartet werden als im Rundfunk: bei der Musik am Morgen, am Mittag, am Abend.
Am größten sind die Erfolgschancen bei bereits im Ausland abgestempelten Nummern, die dann in der Originalfassung meist schon einige Male dem Hörer zu Ohren gekommen sind, ehe sie mit deutschem Text erscheinen. Die deutsche Fassung bedarf dann lediglich noch einiger Aufführungen im Rundfunk, um zum Platten-Erfolg, zu häufiger Berücksichtigung im Repertoire der privaten Kapellen und damit zu recht vielen Gema-Punkten zu kommen.
Das gilt etwa für die Weltschlager "C''est la barque du rêve" ("Sie war zärtlich und treu", Autor: Hoff), "The Thing" ("Das Ding", Autor: Heinzili) oder den Bestseller von Bourtayre und Freed, dem der Texter Hoff den Titel "Du schenktest mir Dein Bild" gab.
Für Schlager deutscher Herkunft gibt es den Weg über den Film, der eine Melodie
durch häufige Wiederholungen im Verlauf einer Spielhandlung dem Publikum in die Ohren ätzt, und den schnelleren und einfacheren Weg über den Rundfunk. Nicht nur Rundfunk-Dauerberieselte horchen auf, wenn gewisse Schlager mit tödlicher Sicherheit in fast jedem Unterhaltungsprogramm wiederkehren.
Wendet freilich Radio Münchens Kapellenleiter und Schlager-Komponist Josef Niessen ein: "Schlechte Schlager sind auch durch noch so häufige Wiederholung nicht durchzusetzen." Aber weniger spontan reüssierende Nummern können notfalls mit sanfter Gewalt dem Hörer ins Ohr geschmuggelt werden, und dabei macht es eben viel aus, ob ein Schlager seinen Weg allein über Noten, Platten oder private Kapellen machen muß oder auf einmal Hunderttausende von Ohren erreicht. Wer Zugang zum Mikrophon hat, der hat auch den Schlüssel zum Schlagererfolg in der Hand. Das wußte früher der NWDR-Producer Feltz, und das weiß heute der Feltz mit den vielen "PS".
Statistiken weisen aus, daß Kurt Feltz im Jahre 1950 am NWDR Köln mit mindestens 1796 Sendungen seiner Schlager zum Zuge kam, d. h. im Durchschnitt fünfmal pro Tag*). Die von Feltz bzw. seinem Vertriebsexperten Krentz mit Feltz-Bändern zuvorkommend belieferten übrigen Rundfunkstationen trugen mit weiteren 4391 Sendungen dazu bei, Feltz'' Spitzenstellung unter den Textautoren zu bekräftigen.
Dazu kommen andere Quer- und Längsverbindungen von Feltz auch nach seinem Ausscheiden aus dem NWDR zum Kölner Funkhaus. Feltz produziert für seine diversen Schallplattenfirmen weiter Aufnahmen seiner und anderer Schlager mit Künstlern des NWDR, darunter populären Gesangsstars und dem Orchester Adalbert Luczkowski. Feltz: "Das blieb mir auch nach der Begrenzung ja unbenommen!"
Es ist nur natürlich, wenn das derart bereicherte Repertoire der Betreffenden auch im NWDR-Programm in Erscheinung tritt. Da der NWDR aber einschließlich Berlins annähernd 70 Prozent aller deutschen Rundfunkhörer erreicht, bieten die von ihm gesendeten Nummern natürlich die meiste Gewähr, für einen Kassenerfolg.
Inzwischen hat die Generaldirektion von ihren Funkhäusern eine Liste aller bekannten Pseudonyme und ihrer Inhaber angefordert. Es ist mit einem Grimmeschen Erlaß zu rechnen, der die Sendung von Musik, deren Urheber nicht bekannte Decknamen benützen, grundsätzlich verbietet.
Damit will der NWDR mit einem offenkundigen Mißstand aufräumen, den Gema-Vorstandsmitglied Kurt S. Richter, der freilich auch als Text-Autor an der Materie interessiert ist, drastisch schildert: "Einige sitzen heute eben am Drücker, dagegen sind Sie machtlos. Auch anerkannte Leute aus unserer Branche kommen am Rundfunk einfach nicht durch. Die Vorzimmerdame dichtet, der Büroleiter komponiert."
Kampfhahn Siegel zieht das Fazit: "Ein normaler Autor mit seinen begrenzten Möglichkeiten ist unter diesen Umständen überhaupt nicht mehr konkurrenzfähig. Das hat mit Musik nichts mehr zu tun, das ist eine Fabrik."
*) Kurt Tucholsky zeichnete außer mit seinem eigenen Namen noch mit "Ignaz Wrobel", "Peter Panter", "Kaspar Hauser" und "Theobald Tiger".
**) Von Feltz unter eigenem Namen herausgegebene Schlager sind u. a.: "Ich sehe Sterne", - "Im weißen, weißen Schnee" - "Kannst du vergessen, wie schön es einst war" - "Sag mal Mutti, warum darf ich das nicht?" - "Spaß an der Freud" - "Wanderer, wo ist deine Heimat" - "Wenn ich erst Feuer fang''".
*) Der Bruderkrieg zwischen den NWDR-Häusern Köln und Hamburg bringt es mit sich, daß Feltz in den Hamburger Sendungen weit weniger oft erscheint: Autoren werden entweder von Köln oder von Hamburg verpflichtet, wie etwa der zwar in Hamburg wohnende, aber nur vom Kölner Sender verpflichtete Jazz-Geiger Helmut Zacharlas.

DER SPIEGEL 5/1952
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