09.01.1952

PIECKUm 1 Uhr zu Lenin

Wilhelm Pieck hat schon ein hohes Alter erreicht, wenn er sich in dem abendfüllenden Dokumentarfilm "Wilhelm Pieck - das Leben unseres Präsidenten", der jetzt in Ostberlin und der Sowjetzone anläuft, zum erstenmal bewegt. Der Film, von der ostzonalen DEFA anscheinend mit vielen Mühen gemacht, ist für die ersten siebzig Jahre des Gefeierten auf Standphotos angewiesen.
Aber nicht Wilhelm Pieck allein, als hübscher Tischlergeselle, als bärtiger Soldat des ersten Weltkrieges, als Bremer KP-Funktionär und als Emigrant in Moskau, verhält sich so starr. Unbeweglich verharren auch Kommißstiefel an der Westfront und im Jubel hochgereckte Arme auf dem Potsdamer Platz.
Der Film erreicht sein Ziel, die letzten fünfzig Jahre darzustellen und marxistisch
zu deuten, weniger mit alten Filmaufnahmen als mit alten Photos und Zeitungsblättern. Ein Jugendbild von Adenauer, offenbar der Stolz der Sammlung, taucht mehrmals auf. Krupp im Zylinder und die "Arbeiterverräter" Scheidemann und Noske bekommen ihr Fett mal scharf von links, mal betont national. Denn, sagt Regie-Assistent Herbert Ballmann, 28: "Der Text hat eine große Aufgabe. Die Bilder als solche kann man deuten, wie man will." Der Regisseur und Autor des Pieck-Films, Andrew Thorndike, 43, wirkt schon außerhalb Berlins an einem neuen Dokumentarfilm über die Weltjugendfestspiele.
Wilhelm Pieck verschwindet mangels Materials zeitweilig vollkommen aus dem Film, der nach ihm heißt. Eine recht gewandte Kamera quält sich immer wieder redlich, ehe sie Pieck im Hintergrund von Gruppenaufnahmen entdeckt und auf ihn zustürzt. Wo selbst die Gruppenbilder fehlen. begnügt sich die DEFA mit dem Hinweis: "Pieck war dabei." So bei Lenins Begräbnis, das ausnahmsweise in der Bewegung gezeigt wird.
Gelegentlich wird die Erinnerung an den prominenten Titelhelden durch Briefstellen und Tagebuchnotizen, gleichzeitig abgebildet und verlesen, wachgerufen: "Mir steht das Vertrauen der Parteimitgliedschaft höher als alle persönlichen Freundschaften", hat Pieck, wie der Film berichtet, einem Freund bedeutet. Darauf sieht der Zuschauer die dick unterstrichene Notiz Piecks: "Um 1 Uhr zu Lenin."
Sobald sich Pieck in diesem Film endlich rühren kann, nach 1945 also, lächelt er meist väterlich: auf das Kind, das neben ihm die Schokolade trinkt, auf die Gattin, die mit ihm am runden, weißgedeckten Tisch ausruht, auf das Steuerrad, das ihm symbolfreudige Genossen überreicht haben, auf den alten Handwerker, der - vor dem Schreibtisch des Präsidenten sitzend - berichtet, zu Hause sei "alles gesund".
Zum Schluß bringt der Film die Aufnahme eines erleuchteten Fensters der Wohnung Piecks, wobei der Sprecher versichert, daß Wilhelm Pieck auch in der Nacht an alle Deutschen denke.

DER SPIEGEL 2/1952
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