Von Kramer, Jörg und Wulzinger, Michael
Für gewöhnlich ist der Gastwirt und Hotelier Dieter Kehl aus dem hessischen 500-Einwohner-Nest Tann-Lahrbach mit seinem Beruf und seinen Ämtern ausgelastet. Intensiv widmet sich der Inhaber des "Landhauses Kehl", einer Herberge mit 80 Gästebetten, etwa der regionalen Wirtschaftsförderung.
Als Chef der Gast- und Landwirtevereinigung "Rhöner Charme" hat sich Kehl dabei insbesondere der heimischen Küche verpflichtet - zu seinen Spezialitäten gehört Lammkeule mit Krautwickel und Schnippelbohnen.
Im Frühjahr jedoch trieb Kehl die Sorge um den zweitältesten Sohn aus seiner Welt der Wickel und Würstchen hinaus auf unbekanntes Terrain. Der Gastronom begab sich in Verhandlungen mit Kapazitäten der Fußballbranche.
Auf der Gegenseite saßen Bayern Münchens Manager Uli Hoeneß und dessen Kompagnon Karl-Heinz Rummenigge, Sportchef des Weltpokalsiegers und Sprecher der europäischen Großclub-Vereinigung "G 14". Zu beraten war die Zukunft des Defensivspielers Sebastian Kehl, 21.
Ein erstaunlich ehrgeiziges Unterfangen. Weil Vater Kehl offenbar glaubte, mit den Bayern-Bossen auf Augenhöhe um Handgelder und Klauseln feilschen zu können, entwickelte sich ein eigentlich branchenüblicher Vorgang zum öffentlichen Spektakel: Der Transferfall geriet zum "Transfer-Krieg" ("Bild").
Das Gezerre um den Jungnationalspieler vom SC Freiburg, der erst mit dem Meister aus München handelseinig war und dann "aus sportlichen Gründen" doch dessen Rivalen Borussia Dortmund vorgezogen hat, wäre fast eskaliert: Hoeneß schaltete den Rechtsanwalt Christoph Schickhardt ein. Der beharrte auf der Feststellung, es bestehe ein rechtsgültiger Arbeitsvertrag zwischen Kehl und dem FC Bayern, und kam zu der verblüffenden Erkenntnis: Die These, wonach jeder Spielerberater per se der Branche schade, sei spätestens nach diesem Fall "zu überprüfen".
Denn die Causa Kehl ist ein Sonderfall im Wettbieten der Bundesligaclubs um die letzten Kostbarkeiten des deutschen Fußballs. Der selbstbewusste Hesse mit Abitur, der mit 17 Jahren von Borussia Fulda zu Hannover 96 wechselte, ging den wohl entscheidenden Karriereschritt im Stil der siebziger Jahre an. Außer seinem Papa, einst sein Trainer beim SV Lahrbach, nahm der Abwehrmann nur den Vater seines Freundes und Mannschaftskollegen Fabian Gerber zu den Vertragsgesprächen mit.
Franz Gerber, 48, Sportdirektor bei Kehls früherem Club in Hannover, spielte vor 30 Jahren eine Saison mit Hoeneß bei Bayern München. Das allein scheint als Befähigung indes nicht ausgereicht zu haben, denn offenkundig fehlte Gerber das nötige Insiderwissen.
So habe der Kicker, wie Dortmunds Manager Michael Meier glaubt, bei den Verhandlungen mit dem FC Bayern vom Münchner Bemühen um den Leverkusener Profi Michael Ballack, einen potenziellen Stammplatz-Konkurrenten, nichts geahnt. Für Branchenkenner war Ballacks Flirt mit dem Rekordmeister jedoch schon im Frühjahr kein Geheimnis mehr. Zu Weihnachten ließ der Mann aus Görlitz Vollzug melden: Von Juli an spielt er für die Münchner.
Vollends irritiert soll die Kehl-Partei Anfang Oktober gewesen sein, als sie in der Zeitung einen Überweisungsbeleg abgedruckt sah - demnach hatte der Berliner Sebastian Deisler einen als Darlehen getarnten Vorschuss über 20 Millionen Mark für seinen bevorstehenden Wechsel nach München kassiert. Auch Vater Kehl war mit einem Scheck von seinen Verhandlungen mit den Bayern zurückgekehrt - doch bei ihm war nur ein Betrag von 1,5 Millionen Mark eingetragen. Ende November überwiesen die Kehls das Geld nebst 19 000 Mark Zinsen zurück.
Sie hätten für den Poker besser präpariert sein können. Während sich Deislers Agent Jörg Neubauer und Ballack-Manager Michael Becker Ende April erstmals trafen, um vor den Runden mit Hoeneß die zu fordernden Summen abzusprechen, hatten sich die Kehls jeder externen Beratung versagt. Ein von Becker angebotenes Gespräch ließ der Vater nie zu Stande kommen. Ein anderer Spielerberater, der seine Dienste anbot, blitzte ebenfalls ab.
Vermutlich wusste der Jungprofi alles besser. Kollegen nennen Sebastian Kehl altklug. Nach einer allenfalls mittelprächtigen Leistung bei seinem Länderspieldebüt im Mai gegen die Slowakei bat er die staunenden Reporter, ihn jetzt "nicht so hoch zu schreiben" - als ob er dazu einen Anlass geboten hätte.
Inzwischen wurde sein Charakter Gegenstand öffentlicher Debatten. Verhandlungspartner Rummenigge will sich "nicht vergackeiern lassen" und kann "nicht verstehen, warum man nicht mal zum Telefonhörer greift, bevor man einfach eine Presseerklärung herausgibt". Der FC Bayern, "sehr enttäuscht von Vater Kehl und dem Berater", werde noch zeigen, dass "wir nicht alles mit uns aufführen lassen".
Hoeneß, der Kehls Sinneswandel als Niederlage seiner Scheckbuch-Personalpolitik werten musste, verlor mal wieder - etwas pharisäisch - den "Glauben an die Menschheit" und beschimpfte den vermeintlich Wortbrüchigen als "Schnösel". Für Vater Kehl sind das "alles Absurditäten".
Als bekennender Anhänger seines Sebastian scheint er allerdings manchmal selbst nicht die Richtung zu kennen. Im Frühjahr, noch während der Verhandlungen mit dem FC Bayern, gründete Dieter Kehl den Verein "Rhönpower" - einen Fanclub des SC Freiburg.
JÖRG KRAMER, MICHAEL WULZINGER
DER SPIEGEL 1/2002
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