Von Leick, Romain
Bereits der Dichter selbst erkannte, er sei "eine öffentliche Angelegenheit" geworden - jetzt, 200 Jahre nach seiner Geburt am 26. Februar 1802 in Besançon, feiert ihn wieder die ganze Nation. Am ersten Tag nach den Weihnachtsferien, in der ersten Unterrichtsstunde, werden alle französischen Schüler, knapp 12,5 Millionen, von den Erstklässlern bis zu den Abiturienten, gleichzeitig in allen Klassen ausgewählte Texte von Victor Hugo lesen: Auch die laizistische Republik braucht ihre Götter.
Die nationale Hommage gilt einem Mann, der bereits 1850 für den freien und obligatorischen Schulunterricht kämpfte, denn "das ist das Recht des Kindes, das heiliger noch ist als das Recht des Vaters und das eins wird mit dem Recht des Staates".
Victor Hugo, das ist eine einzige Übertreibung. Lyriker, Romancier, Dramaturg, Zeichner, Redner, Politiker, Verteidiger des Proletariats, triebhafter Faun, Visionär im täglichen Kontakt mit dem Unendlichen - alles ist wahr, oft bombastisch und pompös, aber immer faszinierend. Heute ist er ein schier unbezwingbarer Gigant - und der geistige Schutzpatron der freiheitsliebenden Nation, die sich in ihm wiedererkennt.
Das Jahr 2002 wird das Hugo-Jahr sein, überall, in den Buchhandlungen mit rund hundert Neuerscheinungen und einer frischen Auflage der gesammelten Werke, im Theater, in den Schulen, auf Plakaten und im Internet, in Paris, der Provinz und im Ausland. "In Victor Hugo erblicken wir die Werte, die unsere Republik begründen", verkündet Kulturministerin Catherine Tasca zum Auftakt.
"Hugo hat alles angefasst. Er ist universal", sagt Bertrand Poirot-Delpech, Mitglied der Académie française und Präsident der nationalen Kommission für die Zweihundertjahrfeier. Der mumifizierte Großvater mit dem weißen Rauschebart, der seit 116 Jahren im Pantheon ruht, soll noch einmal entstaubt und in einen ewig jungen Mann verwandelt werden.
In einem landesweiten Wettbewerb werden die französischen Schüler der Oberstufe noch einmal Plädoyers halten für die "großen Kämpfe", die Victor Hugo im 19. Jahrhundert führte - gegen die Sklaverei, die Todesstrafe, die absolute Gewalt, für die Freiheit der Presse, die Gleichberechtigung der Frau und die Vereinigten Staaten von Europa. Die besten Rhetoren dürfen ihr Talent am 9. März im Halbrund der Nationalversammlung vor einer erlauchten Jury aus Abgeordneten, Rechtsgelehrten, Schriftstellern und Historikern zur Schau stellen.
Die Akademien, die Nationalbibliothek, der Senat, die Comédie-Française - alle ehrwürdigen Instanzen und Institutionen beteiligen sich an der Generalmobilmachung für den "Homme-océan" (so der Titel einer Ausstellung), das literarische Genie und den ebenso mutigen wie subversiven Rächer der Verfolgten.
Eine solch frenetische Huldigung des Geistes bringt von allen demokratischen Staaten heute wohl nur Frankreich fertig. Das Theater wird die Schlacht zwischen Klassikern und Romantikern um Hugos Drama "Hernani" noch einmal schlagen. In der Comédie-Française, die seit Ende November "Ruy Blas" spielt, flüstern viele Zuschauer im Dunkel der Sitzreihen andächtig die Verse mit. Sie können sie auswendig, das Stück ist neben Corneilles "Le Cid" und Rostands "Cyrano de Bergerac" ein klassen- und altersloser Hit der französischen Bühnen. Nicht zu Unrecht gilt die Education nationale als die größte Macht im Staate.
"Alles für alle", lautete der Wahlspruch Victor Hugos. Er ist eine Totalität, das sagte er selbst: "Die Gesamtheit meines Werks wird eines Tages ein unteilbares Ganzes bilden. Ich mache eine Bibel, nicht eine göttliche Bibel, sondern eine menschliche Bibel. Ein vielfältiges Buch, das ein Jahrhundert zusammenfasst, das ist es, was ich zurücklasse."
Damit ist Hugo der "Sonnenkönig der französischen Literatur" geworden, urteilt sein Biograf Jean-Marc Hovasse. "Niemals ist einem Menschen diese geheimnisvolle Umwandlung so gelungen wie ihm: ein Schicksal in ein Werk zu gießen."
Als er starb, am 22. Mai 1885, notierte der Schriftsteller Edmond de Goncourt, Stifter des berühmten Literaturpreises, in sein Tagebuch: "Hugolâtrie." In allen Gemeinden Frankreichs wehte die Trikolore auf Halbmast, der Senat, die Abgeordnetenkammer und der Pariser Stadtrat unterbrachen ihre Sitzung.
Das Staatsbegräbnis wurde zur Apotheose. Zwei Millionen Menschen waren auf den Straßen, um ihm vom Arc de Triomphe bis zum Pantheon das letzte Geleit zu geben. "Vive Victor Hugo!", schrie die Menge, wenn der Leichenzug vorbeikam. Die Pariser wohnten nicht einer Bestattung, sondern einer Heiligsprechung bei. Von 11 bis 18.30 Uhr dauerte die Zeremonie, die Menschen stiegen auf die Bäume, auf die Dächer, auf die Schornsteine, um sich von ihrem Nationaldichter zu verabschieden.
Ganz im Sinne des Alten artete die Feier, die in Andacht und Kommunion begonnen hatte, spätabends in ein Volksfest, ja in eine Massenorgie aus. Eine Explosion des Lebens im Gefolge des Toten: Jeder Busch wurde zum Liebesnest, die Freudenmädchen boten kostenlos ihre Dienste an. Es war ihre Art, dem Autor des "Satyr" die letzte Ehre zu erweisen.
Sein Leben lang griff Hugo gern den Dienstmädchen unter den Rock. Seine brennende, 50 Jahre lang währende Liebe zu der Schauspielerin Juliette Drouet konnte seine stürmische Sexualität nicht bremsen, die sich praktisch bis zu seinem Ende austobte. Die Abenteuer trug er in kodierter Form in seine Notizbücher ein, oft auf Spanisch ("visto y tocado", "Augustine la segunda vez, Augustine la tercera vez").
Je älter er wurde, um so besessener jagte er einer Lust nach, die ihn nicht losließ und ihn zu großen Unbedachtheiten im Bois de Boulogne verleitete. Der Patriarch musste "den Ofen reinigen", wie er sich ausdrückte, maßlos in allem: "Ich stecke voller Leidenschaft. Ich liebe, und ich bin ein alter Irrer."
Schon im Juli 1845 hatte die Polizei ihn einmal in flagranti beim Ehebruch erwischt, was seine Karriere und seine offizielle Position als Mitglied der Académie française und "Pair de France" gefährdete. 1841, beim fünften Versuch, als "Unsterblicher" in die Académie aufgenommen, war der Verfasser von "Hernani" und "Notre-Dame de Paris" schon damals, mit 39, der strahlendste Stern am literarischen Firmament. Der hässliche Glöckner Quasimodo ist auch heute noch die bekannteste Hugo-Figur.
Aber den entscheidenden Schlag führte er 1862 aus dem Exil auf der englischen Kanalinsel Guernsey, wohin seine Gegnerschaft zu Napoleon III. ("dem Kleinen") ihn verjagt hatte. Die Veröffentlichung von "Les Misérables" in zehn Bänden löste eine ungeheure Schockwelle aus. Die Autorenrechte verkaufte Hugo für 300 000 Francs, eine unglaubliche Summe für die damalige Zeit.
Der Erfolg kam augenblicklich, die Leser standen vor den Buchhandlungen Schlange. Die Namen seiner Helden Cosette und Gavroche wurden alsbald im ganzen Volk ein Begriff. "Niemals", rühmte sich Hugo, "ist eine größere Hydra aus einem Abgrund aufgestiegen. Dante hat die Hölle der Unterwelt beschrieben, ich habe mich bemüht, die Hölle der Oberwelt darzustellen. Er hat die Verdammten geschildert, ich die Menschen."
Das Werk machte Hugo, der als Royalist und Verteidiger der legitimierten Ordnung gestartet war, endgültig zum Anwalt des Volks. Seine Stimme war die der Freiheit gegen Unterdrückung und Armut. Der romantische Poet und der revolutionäre Politiker verschmolzen miteinander.
Denn Hugo hatte die zersetzende, aufrührerische Kraft erkannt, die in der Beschreibung der Armut und des Elends steckt: Statt diese als soziale Fatalität hinzunehmen, "erkennt das Bewusstsein ihre Obszönität" in der literarischen Darstellung und schafft damit die Voraussetzung für ihre "unausweichliche Auflösung", also die Revolte.
Konservative Zeitgenossen wie der damals äußerst einflussreiche Kritiker Jules Barbey d''Aurevilly bemerkten die explosive Kraft des "gefährlichsten Buchs des Jahrhunderts" sofort. Hugo verfolge die Absicht, so Barbey, "alle gesellschaftlichen Institutionen in die Luft zu sprengen, eine nach der anderen - mit Tränen und Mitleid".
Aber auch wohlgesinnte Hugo-Bewunderer waren entsetzt. Théophile Gautier und Gustave Flaubert, beide künstlerische Puristen, verabscheuten das Predigerhafte in Hugos Stil. Aus Achtung vor dem verbannten Autor schwieg Flaubert öffentlich; privat urteilte er: "Dieses Buch ist für das katholisch-sozialistische Pack gemacht."
Sogar der Dichter Charles Baudelaire, obwohl selbst ein Verfemter, fand das Werk "widerwärtig und töricht ... Auch ein großer Mann kann ein Dummkopf sein". Trotzdem lobte er "Les Misérables" öffentlich als einen "Roman, konstruiert nach der Art eines Gedichts, in dem jede Figur allein dadurch einzigartig ist, dass sie eine Allgemeinheit darstellt".
Der Schriftsteller und Kritiker Sainte-Beuve, der sich in der Gnade Napoleons III. sonnte und Hugos erster Frau Adèle nahe stand, jammerte über den "kranken Geschmack" des Publikums: "Der Erfolg der ''Misérables'' hat gewütet und
fährt fort zu wüten, weit über alles hinaus, was man befürchten musste. Es gibt Erfolge wie Epidemien."
Noch heute berühren die Leiden der Armen ein Massenpublikum, wenn auch eher in Verfilmungen wie zuletzt dem TV-Dreiteiler mit Gérard Depardieu oder der in vielen Ländern erfolgreichen Musical-Version. Victor Hugo ist der weltweit bekannteste französische Literat.
Während er noch auf Guernsey schmachtete, wurden seine Verse und seine Prosa schon überall in Frankreichs Städten und Dörfern rezitiert. Seine Rückkehr nach der Niederlage Napoleons III. 1870 im Krieg gegen die Deutschen geriet zum Triumphzug. Ähnliches war knapp hundert Jahre zuvor nur Voltaire widerfahren. Voltaires Schriften hatten die große Revolution inspiriert. Hugo verankerte die Republik ein für allemal.
Hugo war kein Sozialist und kein Kommunarde. Er glaubte an Gott, aber hasste die Klerikalen. In seinem Testament hatte er sich kirchliche Trauerreden verbeten. Den Armen vermachte er 50 000 Francs. Er wollte die moderne, die liberale und soziale Republik.
Nie hörte er auf, den Despotismus anzuprangern und die Gleichheit der Menschen zu verkünden. Und für die Franzosen, schreibt Chateaubriand in seinen "Erinnerungen von jenseits des Grabes", ist "allein die Gleichheit ihr Idol".
Was Wunder, dass die Republik den alten Hugo in immer neuen Kleidern feiern möchte. Er ist ihr Kind, und er ist ihr Großvater zugleich. ROMAIN LEICK
DER SPIEGEL 1/2002
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