29.12.2001

MUSIKDer göttliche Gassenhauer

Beethovens Neunte Sinfonie, traditioneller Erbauungshit zum Jahreswechsel, wurde von der Unesco unter die Schätze des „Memory of the World“ gereiht. Das Stück, von manchen Musikern als „scheußlicher Salat“ geschmäht, diente schon Hitler und Kommunisten als Hymne. Von Klaus Umbach
Alle Jahre wieder - the same procedure. Der besoffene Butler James stolpert durch den Kultfilm "Dinner for One", die Raucher schwören, von ihrem Laster zu lassen. Der Schampus schäumt, der Karpfen dampft, und spätestens wenn das Feuerwerk zischt, zündet auch der schöne Götterfunke: Denn die Neunte - Prost Neujahr! - ist der klassische Knaller zum Jahreswechsel.
Jahraus, jahrein wird Beethovens Opus 125 zur Kalenderwende urbi et orbi eingepaukt, auch diesmal wieder. Da wird es in Zwickau gespielt und in Plauen, in Hamburgs Musikhalle, in den Konzerthäusern von Wien und Berlin, im Verdi-Auditorium zu Mailand, im New Yorker Lincoln Center und in Honolulu auf Hawaii.
Allein im deutschen CD-Sortiment rotiert Beethovens letzte Sinfonie in über hundert Interpretationen und Kopplungen, nie wird das Singstück so emsig gekauft und so andächtig abgehört wie zwischen den Jahren.
Für Monika Griefahn, die Vorsitzende des Kulturausschusses im Deutschen Bundestag, hat das Stück schon "fast den Charakter eines Gassenhauers", Regisseur Christoph Schlingensief will das Werk bereits im Mutterleib gehört haben. Er kenne sich "mit der Neunten sehr gut aus", die habe ihm "viel Kraft gegeben und Lebensfreude", und er empfehle sie, "das meine ich ernst", zur "Beschallung von Föten".
Doch nirgends wütet der Neunte-Koller grotesker als in Japan. Zum Jahreswechsel kommt das Land regelmäßig auf über 200 Aufführungen. "Daiku", die Neunte, ist stets rekordverdächtig. Das Sinfonieorchester von Osaka hat das Singstück mehr als 500mal dargeboten, jedes Jahr im Dezember verbünden sich in der Stadt rund 10 000 Sänger, Profis wie Laien, zur Mega-Nummer.
In diesem Jahr nun ist der zwittrige Hit endlich global und offiziell heilig gesprochen worden: Als wertvolle Schöpfung der Tonkunst wurde die Neunte jüngst von der Unesco in die Liste "Memory of the World" - Weltdokumentenerbe - aufgenommen und so mit dem Weihrauch ewiger Werte getränkt, wie auch der Nachlass von Goethe und die Gutenberg-Bibel.
Dabei ist die Neunte - hochachtungsvoll - ein Unding. Vor allem das auf Schiller-Verse notierte Finale für vier Gesangssolisten, Chor und großes Orchester, musikhistorisch (1824) ein Novum in der bis dahin rein instrumentalen Gattung Sinfonie, plus- tert simple melodische Einfälle zur großen bacchantischen Sause auf, wechselt jäh zwischen militärischem Tschingderassassa und sakralem Gepränge, und wenn die Soprane des Chors, wie leider meist, mit ihrem mörderisch hohen A die akustische Schmerzgrenze überkreischen, wird der Schlussakkord nur noch als Wohltat empfunden.
Dieses Werk, befand schon Beethovens Zeitgenosse und Kollege Louis Spohr, sei "monströs, trivial, geschmacklos" und beweise, dass es seinem Schöpfer "an ästhetischer Bildung und Schönheitssinn" gefehlt habe. Richard Wagner gestand seinem Schwiegervater Franz Liszt, er halte den Schlusssatz der Neunten für deren schwächsten Teil. Claude Debussy polemisierte gegen diesen "Popanz zur öffentlichen Verehrung". Thomas Mann "brachte keine Liebe auf für den verzettelten letzten, den Variationensatz". Der Dirigent Sergiu Celibidache tat das Finale als "scheußlichen Salat" ab. Der Neutöner Mauricio Kagel ließ in seiner 1969 entstandenen Spott-Hommage "Ludwig van" zum Chorgesang vom "lieben Vater überm Sternenzelt" einen Elefanten die Notdurft verrichten. Half alles nichts: Das Werk blieb für alle Schwarmgeister die philharmonische, alles überragende Friedenspalme.
Dieses gebenedeite Tremolo um Beethovens letzte Sinfonie setzte 1845 ein, als der taube Tonsetzer bereits 18 Jahre tot war und von seiner Geburtsstadt Bonn mit einem Denkmal bedacht wurde.
Da verhökerten die lokalen Koofmichs Hosen "à la Beethoven" (mit Notenlinien als Streifen und Ziernoten als Dekoration); in nur elf Tagen und Nächten wurde eine hölzerne Beethovenhalle mit fast 3000 Sitzplätzen aufgewuchtet; Dutzende Tonsetzer, Poeten und blaublütiger Herrschaften reisten an, und natürlich kulminierte das Programm in einer Darbietung der Neunten als staatstragender Hymne.
Richard Wagner krönte seine Tätigkeit als Dirigent in Dresden mit der Neunten und feierte mit ihr 1872 auch die Grundsteinlegung des Bayreuther Festspielhauses. Der Pariser Sozialist Georges Pioch enthüllte das Werk als den "großen sozialen Akt der Musik" und ernannte es zur "Marseillaise der künftigen regenerierten und verbrüderten Gesellschaften".
Der französische Komponist Vincent d'Indy rühmte die "Nächstenliebe" im "liturgischen Gesang" der Komposition, d'Indys italienischer Kollege Pietro Mascagni feierte den Schöpfer der Neunten als Heiland: "Gestorben" sei er "wie Jesus", aber "wieder auferstanden im strahlenden Licht seiner Kunst, zum Wohle der Menschheit". Der deutsche Dichter Gerhart Hauptmann verklärte das Chor-Finale gar zu einer "göttlich tönenden Kuppel über dem Tempel der Menschheit".
"Jenseits aller politischen Unterschiede", urteilt der Neunte-Monograf Esteban Buch in seiner verdienstvollen Historie der Sinfonie, "vereinten sich die preußischen Nationalisten, deutschen Kommunisten, französischen Republikaner, Wagnerianer aller Länder, Apostel der Nächstenliebe und selbst die Theoretiker der absoluten Musik einhellig um die IX. Sinfonie, die zum Fetisch der abendländischen Metaphysik geworden war."
Kaum drängten die Nazis an die Macht, verglich der braune Chefideologe Alfred Rosenberg den Ansturm der Hitler-Gefolgschaft mit dem tenoralen Schlachtruf der Neunten: "Freudig wie ein Held zum Siegen!" 1936 ließ der Führer am Abend des Eröffnungstages der Olympischen Spiele in Berlin das Chor-Finale von fast 6000 städtischen Teenagern intonieren; dazu läuteten die Glocken, und Scheinwerfer der Flak wuchteten einen Lichtdom gen Himmel - die Neunte à la Riefenstahl.
Ein Jahr später wurde, auf Geheiß von Goebbels, Hitlers Geburtstag in Berlin erstmals mit einer Aufführung der Neunten gefeiert, Furtwängler dirigierte. In der Saison 1941/42 rückte das Opus 125 im Großdeutschen Reich zum meistgespielten Stück des sinfonischen Repertoires auf.
Vor der Götterdämmerung der braunen Machthaber erlebte das Werk allerdings auch eine besonders perverse Premiere: In Auschwitz sang ein Chor jüdischer Kinder die "Ode an die Freude" auf Tschechisch - in den Latrinen des Vernichtungslagers: "Alle Menschen werden Brüder, wo dein sanfter Flügel weilt."
Nun, spätestens am Ende des Zweiten Weltkriegs, hätte es erst einmal genug sein müssen mit der gespenstischen Schändung und dem frivolen Schindluder, da hätte die Sinfonie - immerhin ein Jahrhundert lang als titanisch-totalitäre Staatsmusik, klingende Gesinnungsdemo und religiöses Aufputschmittel missbraucht - eine Schonzeit verdient gehabt: Das Stück war anrüchig.
Nicht ohne Grund hatte der Tonsetzer Adrian Leverkühn in Thomas Manns Roman "Doktor Faustus" die Sinfonie in den Orkus verwünscht: "Um was die Menschen gekämpft, wofür sie Zwingburgen gestürmt, und was die Erfüllten jubelnd verkündigt haben, das soll nicht sein ... Ich will es zurücknehmen ... Die Neunte Symphonie."
Im (1971 verfilmten) Roman "A Clockwork Orange" von Anthony Burgess wird der jugendliche Held und Beethoven-Freak Alex unter Drogen gesetzt und muss dann im Rausch die Neunte als Begleitmusik zu KZ-Filmen über sich ergehen lassen, eine literarisch-musikalische Fiktion als Folter. Und Theodor W. Adorno kommentierte in seinem (Fragment gebliebenen) Beethoven-Buch den jauchzenden Imperativ der Neunten - "Seid umschlungen, Millionen!" - mit einem einzigen Namen: "Adolf Hitler".
Na und? Die Ode blieb Mode, und mit dem Kalten Krieg begann ihre zweite Karriere. Als die Sportler der beiden deutschen Staaten 1952 zur völkerverbindenden Olympiade in Rom antraten, marschierten sie zu den Klängen der Freuden-Nummer ein. 1967 wurde der Evergreen zur Weihe des Brüsseler Nato-Hauptquartiers gespielt.
1971 fasste der Europarat den Beschluss 492, das "Vorspiel zur ,Ode an die Freude', 4. Satz der IX. Sinfonie von Beethoven", zur "Europahymne" zu wählen und künftig "bei allen offiziellen europäischen Veranstaltungen" zu spielen. Der Auftrag zur "musikalischen Gestaltung" ging an "Herrn Herbert von Karajan", der die im Original gesungenen Takte 140 bis 187 in reinen Orchestersatz verwandelte und sich mit diesem Eingriff das Urheberrecht an Beethovens Euro sicherte.
1974 versammelte sich Rhodesiens rassistisches Kabinett zu einer ungewöhnlichen Sitzung. Mitten im Guerrillakrieg suchten die militanten Apartheid-Politiker eine Schlachtenmusik, die "ernst, aber nicht schwermütig, würdevoll, aber nicht hochtrabend" sein sollte. Gerade jetzt, "wo wir an den nordöstlichen Grenzen unseres Landes Krieg führen", entschied die Regierung, sei "eine Hymne notwendiger denn je, um unsere Einheit widerzuspiegeln und unsere kämpfenden Truppen anzuspornen". Ihre Wahl fiel auf die Neunte, der Militärbefehlshaber Ken MacDonald arrangierte eine 16-taktige Kurzfassung, Beethovens schillernde Apotheose war neuerlich zur Begleitmusik von Folter und Unterdrückung pervertiert.
Egal. Als sei nichts gewesen, wurde das Stück weiter philharmonisch zelebriert, politisch verkitscht und zur Schnulze kandiert. Der andalusische Bauernsohn Miguel Ríos machte mit seinem weich gespülten "Song Of Joy" Millionenumsätze, und Roy Black äffte ihn mit seiner Lenor-Neunten nach.
Kurz nach dem Mauerfall im Dezember 1989 überraschte der Theatraliker Leonard Bernstein West- und Ost-Berliner in getrennten Aufführungen mit einer revidierten Fassung der Chor-Sinfonie: Statt "Freude" ließ er "Freiheit, schöner Götterfunken" singen; einer Teilauflage ihres (bald bestsellernden) Mitschnitts von "Bernsteins Freudenfest" legte die Deutsche Grammophon ein Mauerbröckchen bei, verkaufsstrategisch der Stein der Weisen.
Doch "die wahren musikalischen Sinnbilder dieser glorreichen Stunde waren die Gitarren der jungen Leute in Jeans", schrieb Richard Taruskin in der "New York Times", "die oben auf der Mauer die Musik spielten, derentwegen man sie am Tag zuvor noch ins Gefängnis gesteckt hätte. Nur sie haben die Freiheit symbolisiert".
Beethoven dagegen, so der amerikanische Beobachter, stehe nur als "konservierte Größe" da, "mit allem, was das an Selbstgefälligkeit, Langeweile und Ritualen mit sich bringt. Eben genau das, wogegen sich die Aufstände von 1989 gerichtet haben".
Eben genau das, was die Neunte längst so unheimlich verdächtig macht.
Von Klaus Umbach

DER SPIEGEL 1/2002
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