Von Koelbl, Susanne
In der Neujahrsnacht, als schließlich auch die letzte große Schlacht um Tora Bora, die vermeintliche Fluchtburg Osama Bin Ladens, geschlagen war, stießen in Jalalabad, der ehemaligen Winterresidenz der alten Hautevolee Afghanistans, zwei Männerfreunde auf die Nachkriegszeit an.
Einem Mann mit kräftigem Leib und Schnauzbart servierte der ehemals gefürchtete Mudschahid und königstreue Stammesfürst Zaman Ghamsharik, 45, grünen Tee und frischen Ingwer. Zaman war erst kürzlich aus dem französischen Exil zurückgekehrt und samt seinen afghanischen Kriegern im Kampf gegen die Taliban zu früherer Bedeutung aufgestiegen. Sein Gast, ein Liebhaber dicker Havanna-Zigarren, war erkennbar ein Europäer, auch wenn er das landesübliche Shahwar Kameez, eine Pluderhose mit knielangem Hemd, trug: Der deutsche Militärarzt Reinhard Erös, 53, verbrachte auf dem mit Orangenhainen bestandenen Anwesen Zamans seinen Silvesterurlaub.
Den muslimischen Kommandeur aus Jalalabad und den praktizierenden Katholiken, der sonst in München im Rang eines Oberstarztes dient, verbindet so etwas wie die Blutsfreundschaft zwischen Winnetou und Old Shatterhand. Wann immer sie sich treffen, wie vor wenigen Wochen in Zamans Sommerresidenz im pakistanischen Peschawar, schwärmen sie von alten Zeiten, schwören sich ewige Freundschaft und gehen, wie es im Reich der Paschtunen unter Männern nicht unüblich ist, Händchen haltend durch den Garten - bewacht von einem Dutzend finster aussehender Kerle mit Kalaschnikows.
Ende der achtziger Jahre, während des Sowjetfeldzugs in Afghanistan, hatte sich Erös für mehrere Jahre beurlauben lassen, um bei der medizinischen Versorgung zu helfen. Einer seiner Patienten damals: Zaman, der 1988 in einen sowjetischen Hinterhalt geraten war.
Es war womöglich der Anfang einer jener typischen Helferkarrieren, wie sie einst etwa Rupert Neudeck ("Cap Anamur") oder Karl-Heinz Böhm (Menschen für Menschen) begannen. Schon seit 1998 betreibt Erös mit seiner Frau Annette, 49, in Peschawar eine Schule für afghanische Flüchtlingskinder. Seit Kriegsbeginn im Oktober sammelte der sechsfache Familienvater in der Freizeit für seinen Verein "Kinderhilfe Afghanistan" 500 000 Mark - sehr viel Geld in einem Winkel der Welt, in dem das Monatsgehalt eines Lehrers oder einer Ärztin kaum 100 Mark beträgt.
Damit will der Bundeswehroffizier ab Januar, zeitgleich mit dem Einrücken der Uno-Friedenstruppen in Kabul, in der Universitätsstadt Jalalabad drei Schulen für rund 1500 Kinder eröffnen. Auch das städtische Provinzkrankenhaus soll mit seinen Spendengeldern teilweise wieder in Betrieb genommen werden.
Afghanistan-Experte Erös gehört inzwischen zu den umtriebigsten Vortragsreisenden. Ob vor dem Rotary-Club in Bayreuth oder dem Ärzteverein in Lüneburg, ob in "Tagesthemen" oder "Report" - überall erklärt Erös die archaische Welt der Paschtunen.
Dabei testet er regelmäßig die Schmerzgrenze seines Dienstherrn: "Das intensive öffentliche Engagement konveniert bei aller Großherzigkeit und Toleranz nicht immer mit den Dienstaufgaben", erklärt sein Vorgesetzter, Generaloberstabsarzt Karl Wilhelm Demmer, "und es wäre auch nicht schlecht, wenn sich Herr Erös ab und an im Vokabular mäßigen würde." Etwa wenn der Oberstarzt behauptet, die vom US-Militär unterstützte Nordallianz sei für die meisten Afghanen eine "Mörderbande", oder die "bornierte Diplomatie" der Amerikaner kritisiert: "Wer in der Vorhölle arbeitet, muss im Stande sein, mit dem Teufel ab und zu eine Tasse Tee zu trinken."
So unterhält Erös bis heute Kontakt zu einzelnen Taliban, zum Beispiel zu Mullahi Ahmad, 27. Der ehemalige Assistent des geistigen Taliban-Oberhauptes Mullah Omar dient auch jetzt noch im pakistanischen Akhora Kha Hak als persönlicher Sekretär des Chefs der Haqqania-Koranschule, der einstigen Taliban-Kaderschmiede.
Erst vor wenigen Wochen hat Erös im Palmengarten des Regent Guesthouse von Peschawar den Taliban zum abendlichen Palaver getroffen. Dabei ließ Ahmad, ein höflicher Mann mit dunklem Bart und goldener Uhr am Handgelenk, keinen Zweifel daran, dass der Kampfgeist seiner Leute noch nicht erloschen sei: "Aber wir unterscheiden zwischen persönlicher Freundschaft zu einem Deutschen und der deutschen Regierung, die unser Feind ist", erklärte er seinem Gastgeber. Bis heute ist Ahmad überzeugt: "Der Krieg ist nicht vorbei, wir kommen zurück."
Die orientalische Betrachtungsweise irritiert den Deutschen kaum. Erös, vom Bayerischen Rundfunk gerade zum "Bayern des Jahres 2001" gekürt, muss sich vermutlich kaum verstellen, um sich selbst wie ein afghanischer Patriarch zu verhalten.
Bei ihm gibt es Wohltaten gegen Wohlverhalten. Wenn er die von ihm gegründete Schule in Peschawar besucht, treten die Lehrerinnen an, um mucksmäuschenstill einem halbstündigen Monolog über Deutschland, den Krieg und die Freundschaft beider Länder zu lauschen. Die Bildung der von den Taliban geknechteten Frauen, sagt Erös, liege ihm besonders am Herzen. Gleichzeitig aber gilt: "Ich habe nichts gegen Frauen, ich will mir nur nichts von ihnen sagen lassen."
Diese eigentümliche Mischung aus autoritärem Traditionalisten und Radikaldemokraten hat Erös' Leben, für dessen Beschreibung ihm ein großer Hamburger Buchverlag gerade eine fünfstellige Summe angeboten hat, stets bestimmt.
1973 warf der Reserveoffizier der Fernspähtruppe linke Demonstranten, die eine Vorlesung über den Hypothalamus in eine Diskussion über die Unterdrückung der libanesischen Bauern umwandeln wollten, aus dem Hörsaal. Spaß bereitete es ihm, im Dienstanzug der Bundeswehr, also mit Fernspäherbarett, Springerstiefeln und Lederhandschuhen, ins Kult-Musical "Hair" zu gehen - "Hippies erschrecken".
Doch als der katholische Pfarrer seiner Gemeinde im Niederbayerischen nach dem 11. September die Gelegenheit nutzte, den Islam zu verteufeln, drohte Erös dem Gottesmann in einem Vier-Augen-Gespräch: "Noch einmal, und ich stehe während der Predigt in der Kirche auf und erzähl Ihnen mal was über Allah."
Seinen Wissensvorsprung zu demonstrieren, vergisst der konservative Bildungsbürger Erös nie. Mit Vorliebe traktiert er seine Umgebung mit lateinischen Sentenzen und examiniert sie mit Geschichtszahlen über Schlachten und Friedensschlüsse.
In Sachen Afghanistan ist er jedoch alles andere als ein Theoretiker. Bis Ende 1990 lebten Erös und seine Familie über drei Jahre in der Grenzstadt Peschawar, in der drei Millionen Muslime, davon eine Million afghanische Flüchtlinge, wohnen. Von dort schickte das Deutsche Afghanistan Komitee - eine CDU-nahe Vereinigung, die während der Sowjetinvasion vom Auswärtigen Amt und vom U. S. State Department unterstützt wurde (SPIEGEL 44/1988) - etwa ein halbes Dutzend Ärzte in den Osten und den Süden Afghanistans.
In wochenlangen Fußmärschen zogen die Freiwilligen mit jeweils rund 30 Mann starken Karawanen aus Trägern, Köchen und einheimischen Hilfsmedizinern durch die Berge Afghanistans, aus Angst vor den sowjetischen Bombern stets im Schutz der Dunkelheit. In so genannten Höhlenkliniken, natürlichen oder eigens in die Berge gesprengten Hohlräumen, in denen man sich einigermaßen sicher fühlen konnte, unterhielt die Organisation schließlich 14 Medizinstationen und behandelte in einem Jahr immerhin 180 000 Patienten.
Als ein kleiner Junge, mit dem Erös sich angefreundet hatte, nach einem Bombardement qualvoll starb, konnte der Arzt den seelischen Stress nicht länger ertragen: Erös wurde apathisch, schlief schlecht und begann zu trinken. Ein Bundeswehrkollege, der ihn in Pakistan besuchte, überredete ihn zu einer Therapie in Deutschland. Aus der Schwäche machte Erös eine Stärke: In Vorträgen vermittelt der Militärarzt heute deutschen Offizieren vor Auslandseinsätzen Risiko und Heilungschancen einer seelischen Verwundung.
In der Bundeswehr gilt Erös als besonderer Fall - einer, der nervt, aber auch Erfolg hat. Über seinem Schreibtisch in der Münchner Sanitätsakademie hängt als Leitspruch eine preußische Maxime: "Herr, dazu hat Sie der König zum Stabsoffizier gemacht, dass Sie wissen müssen, wann Sie nicht zu gehorchen haben."
Als er Mitte der achtziger Jahre vom ersten seiner illegalen Afghanistan-Trips zurückkehrte und in der Presse darüber berichtete, prüften Vorgesetzte sofort, inwieweit der damalige Oberfeldarzt, der sich unerlaubt im kommunistischen Machtbereich und im Kriegsgebiet aufgehalten hatte, disziplinarrechtlich zu belangen sei. Es kam ganz anders: Wegen seines Afghanistan-Engagements verlieh ihm Bundespräsident Richard von Weizsäcker das Bundesverdienstkreuz.
Inzwischen bewegt sich der bayerische Urtyp dank seines ausgeprägten Machtinstinkts im Reich der Paschtunen fast schon so sicher wie ein afghanischer Stammesfürst. Im Windschatten seines Seelenverwandten, des mächtigen Nangahar-Kommandeurs Zaman, will er nun beim Aufbau des zerstörten Landes mithelfen.
Langfristig zieht es Erös womöglich dann auch ganz an den Hindukusch, nach Paghman: Das hügelige Kleinod bei Kabul wurde stark zerstört durch die Kriegswirren der letzten 20 Jahre. Doch fühle er sich dort, sei es einmal wiederhergestellt, wie zu Hause: "Das ist das Oberammergau von Afghanistan." SUSANNE KOELBL
DER SPIEGEL 2/2002
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