DER SPIEGEL



BIOETHIK

Aldi-Kinder für die Armen

Von Blech, Jörg und Traufetter, Gerald

Der Vorsitzende des Nationalen Ethikrats, Spiros Simitis, über die verfrühten Heilsversprechen der Stammzell-Forscher und das schädliche Profitstreben in der Wissenschaft

Simitis, 67, ist Professor für Arbeitsrecht an der Universität Frankfurt am Main und ehemaliger Datenschutzbeauftragter Hessens. Seit Jahren beschäftigt sich der Jurist mit den Risiken der modernen Biotechnik. -------------------------------------------------------------------

SPIEGEL: Unter Ihrer Leitung hat sich der Nationale Ethikrat mehrheitlich für den Import von embryonalen Stammzellen (ES-Zellen) nach Deutschland ausgesprochen. Nimmt dieses Votum die Abstimmung des Bundestags vorweg?

Simitis: In keiner Weise. Der Ethikrat zeichnet nur Argumentationslinien auf. Jetzt ist es Zeit, dass der Bundestag selber entscheidet.

SPIEGEL: Kritiker werfen dem Ethikrat vor, nur Erfüllungsgehilfe der Regierung zu sein. Das Gremium sei nicht demokratisch gewählt, sondern vor allem mit solchen Experten bestückt worden, die ein dem Bundeskanzler Schröder (SPD) genehmes Votum abgeben.

Simitis: Auch Verfassungsrichter entscheiden vielfach anders, als es diejenigen, die sie ins Amt gewählt haben, erwartet hatten. Genauso verhält es sich mit den Mitgliedern des Nationalen Ethikrats.

SPIEGEL: Warum haben Sie als StammzellForschungs-Kritiker einem begrenzten ES-Zell-Import am Ende doch zugestimmt?

Simitis: Ich habe lange geschwankt zwischen der Bereitschaft, einen Import hinzunehmen, und einem Moratorium, das den Import erst einmal aufgeschoben hätte. Das Moratorium hätte sehr, sehr viele Vorteile gehabt - leider hätte es in dem aufgeheizten Klima politisch keine Chance gehabt.

SPIEGEL: In seiner Stellungnahme zählt der Ethikrat viele noch strittige Punkte auf. Gleichwohl befürwortet er den Import. Ist das nicht ein Widerspruch?

Simitis: Nein. Der Import ist auf drei Jahre befristet, und somit bleibt nun genug Zeit, endgültig darüber zu entscheiden, ob die ES-Zell-Forschung akzeptabel ist oder nicht. Meine skeptische Haltung habe ich damit also nicht aufgegeben. Denn für mich geht es hier um zentrale Fragen der Forschungspolitik.

SPIEGEL: Welche wären das?

Simitis: Forschung darf sich nicht nach irgendwelchen Moden richten, und ES-Zellen sind gerade schwer in Mode. Wenn die Länder und der Bund massiv in die Forschung mit adulten Stammzellen investierten, würden wir ganz andere Ergebnisse haben. Zudem müssen wir über die Ethik der Forschung reden. Dass auf die Kritiker der Stammzell-Forschung ein solcher Zeitdruck ausgeübt wird, hat auch damit zu tun, dass Forscher in einem noch nie da gewesenen Umfang darauf bedacht sind, Patente zu bekommen. Wenn aber - wie in den Vereinigten Staaten - alljährlich die Namen der neuen Genmillionäre veröffentlicht werden, wenn Universitäten gemeinsam mit Forschern Aktiengesellschaften gründen, dann steht fest: Wir begeben uns in einen Bereich, in dem letztlich nur der Gewinn zählt. Doch Forschung, die sich am maximalen Gewinn orientiert, ist denaturierte und unzulässige Forschung.

SPIEGEL: Welchen Einfluss hatte dieser Druck aus Wissenschaft und Wirtschaft auf die Entscheidung des Ethikrats?

Simitis: Das Dilemma der ES-Zell-Debatte war doch, dass man damit in Deutschland zu einem Zeitpunkt begonnen hat, an dem bereits weitgehend Vorentscheidungen getroffen waren, die es sehr schwer machen, alternative Wege zu beschreiten. Vor wenigen Tagen hat mir jemand gesagt: ,Warum debattieren Sie im Ethikrat überhaupt weiter über ES-Zellen? Es gibt doch schon einen eigenen Markt dafür, und deshalb lohnt es sich doch gar nicht mehr, weiter zu argumentieren!' Gegen eine solche Mentalität kann man nur schwer angehen.

SPIEGEL: NRW-Ministerpräsident Wolfgang Clement (SPD) will die ES-Zell-Forschung in Nordrhein-Westfalen etablieren. Spötter sagen, er wolle die stillgelegten Bergwerke durch Stammzell-Fabriken ersetzen.

Simitis: Der Ethikrat hat ausdrücklich erklärt, dass ökonomische Faktoren bei der Entscheidung über ES-Zellen keine Rolle spielen dürfen.

SPIEGEL: Die ES-Zell-Forschung gilt jedoch als sehr lukrativ; sie bietet die Aussicht auf die Therapie bisher unheilbarer Krankheiten. Auch der Ethikrat geht in seinem Votum auf die Chancen der ES-Zell-Forschung ein.

Simitis: Niemand kann die Therapiehoffnung ignorieren. Die Wissenschaftler des Ethikrats haben jedoch immer wieder klar gesagt, dass Therapien in absehbarer Zeit noch überhaupt nicht in Sicht sind.

SPIEGEL: Kanzler Schröder selbst hat das geflügelte Wort von der "Ethik des Heilens" in die Debatte gebracht.

Simitis: Ich hüte mich generell vor geflügelten Worten. Ich sage nur: Wer auf therapeutische Erfolge setzt, enttäuscht Hoffnungen, und wer nur auf Patente erpicht ist, pervertiert die Forschung. Schließlich muss er nach außen hin ständig den Eindruck erwecken, wir stünden unmittelbar vor der großen Entdeckung, die wirtschaftlich große Erfolge verspricht, obgleich er wissen muss, dass das nicht der Fall ist.

SPIEGEL: Was soll falsch daran sein, wenn sich der Bonner Forscher Oliver Brüstle Verfahren zur Herstellung von Nervenzellen aus Stammzellen patentieren lässt?

Simitis: Zu Einzelfällen äußere ich mich nicht. Aber generell bringt die Patentierung die Forschung der Universitäten weg von ihrer eigentlichen Aufgabe: das Wissen zu mehren. Ich werde darauf bestehen, dass wir im Ethikrat über Biopatente ausführlich diskutieren.

SPIEGEL: Die Befürworter des ES-Zell-Imports im Ethikrat argumentieren, der frühe Embryo besitze noch keinen uneingeschränkten Lebensschutz. Was spricht dann noch gegen Gentests an künstlich erzeugten Embryonen, der Präimplantationsdiagnostik (PID), die in Deutschland bislang verboten ist?

Simitis: Auch über die PID müssen wir im Ethikrat schleunigst reden. An ihr entscheidet sich, wo unsere Gesellschaft die Grenzen für die Gentechnik zieht. Ich sage, eine Gesellschaft, die Krankheiten nicht hinnimmt und sie für überflüssig erklärt, ist eine inhumane Gesellschaft. Ich bin überzeugt, dass mit der PID ein Selektionsprozess beginnen würde. Zugleich würde sich eine Einstellung durchsetzen, die Kinder nur noch als auf Wunsch bestellbare Produkte ansieht. Es darf nicht sein, dass sich die Reichen dereinst ein Armani-Kind leisten können und sich die Armen mit einem Aldi-Kind zufrieden geben müssen. INTERVIEW: JÖRG BLECH,

GERALD TRAUFETTER


DER SPIEGEL 2/2002
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://corporate.spiegel.de finden Sie Angebote für die Nutzung von SPIEGEL-Content zur Informationsversorgung von Firmen, Organisationen, Bibliotheken und Journalisten.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.

DER SPIEGEL 2/2002

Titelbild

Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!


Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Bei Spodats erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF

Artikel als PDF ansehen

BIOETHIK:
Aldi-Kinder für die Armen

Grafiken zum Text


TOP



TOP