14.01.2002

Unter Männern

Demontiert durch die Intrigen ihrer Parteifreunde, hat Angela Merkel dem CSU-Chef Edmund Stoiber die Kanzlerkandidatur antragen müssen. Für den Herausforderer Gerhard Schröders kann sich die Führungskrise der Schwesterpartei zum größten Wahlkampfrisiko entwickeln.
So sehen Krönungsfeierlichkeiten aus. Die 258 Glühbirnen angeschaltet, die unter der 13 Meter hohen Decke dem Kaisersaal der Münchner Residenz jene Illumination garantieren, die man gemeinhin als festlich bezeichnet. 1400 Gäste stehen und warten voller Spannung, ihr Geraune verrät die Ungeduld. War er das schon? Kommt er pünktlich? Wird er reden? Donnerwetter, was für eine Karriere!
Mehrere Saaldiener huschen vorneweg, die Sorge um das Gelingen des Abends ins Gesicht gefurcht. Und dann er, der Hausherr, der Gastgeber, der Ministerpräsident des Freistaates und nun eben auch der Kandidat für das wichtigste politische Amt, das die Republik zu vergeben hat. Edmund Stoiber kommt, im Smoking, unter der schwarzen Fliege den Bayerischen Verdienstorden, das Kinn nach vorn gereckt, an der Seite Gattin Karin. So schreitet er zuerst durch den Kaisersaal, dann durch den Vierschimmelsaal, um schließlich im ehemaligen Thronsaal das Defilee abzunehmen.
Dort steht er unter einem blau-grauen Baldachin genau an der Stelle auf dem roten Teppich, an der sich früher der Thron der Wittelsbacher befand. Wilfried Scharnagl nähert sich, der frühere Chefredakteur des "Bayernkurier". Ein Händedruck, ein leiser Glückwunsch, dann ist schon der Nächste an der Reihe.
Der Neujahrsempfang für Presse, Funk und Fernsehen ist ein Ritual, das in diesem
Jahr noch perfekter inszeniert ist als sonst. Da präsentiert sich am Abend seines größten politischen Erfolgs der Kandidat als ein Mann, der sich alles zutraut - selbst den Job im Kanzleramt.
Die Münchner Blindenmusiker schmettern die Fanfare, und dann redet er. Von den Bayern, die im 14. Jahrhundert in Berlin regiert hätten, dort, wo sich jetzt das Kanzleramt befindet, und er weiß von Herausforderungen zu berichten, denen man sich stellen müsse - und seien sie auch noch so schwierig.
In ihm hat die Union nun nach monatelangem Ringen endlich den Mann gefunden, der sie in den Wahlkampf gegen Gerhard Schröder führen soll. So erfolgreich hatten die Stoiber-Freunde in der CDU in den vergangenen Tagen ihre eigene Vorsitzende beschädigt, dass Angela Merkel am Freitag schließlich aufgeben musste.
Bis zuletzt hatte sie noch auf eine gütliche Einigung gedrängt, die es ihr ermöglichen würde, die K-Frage ohne Gesichtsverlust zu beantworten. Doch da war der Führungsmannschaft der Union das Verfahren schon längst entglitten. Zu systematisch hatten etliche der Spitzenfunktionäre in der vergangenen Woche endgültig die Demontage ihrer Vorsitzenden betrieben.
Am Freitagnachmittag blieb der sichtlich erschöpften Ex-Kandidaten-Kandidatin nichts mehr übrig, als nach der Vorstandssitzung ihrer Partei in Magdeburg vor die Mikrofone zu treten und zu verkünden, was zu diesem Zeitpunkt ohnehin schon jeder wusste: "Ich verzichte auf die Kanzlerkandidatur."
Den Ausschlag gab ein Anruf des hessischen Ministerpräsidenten. Am Mittwochabend hatte Roland Koch sie aus seinem Urlaubsort in den Tiroler Bergen angerufen und ihr rüde ausgerichtet, sie sei nicht "berechtigt", als Kandidatin anzutreten. Das Telefonat endete lautstark.
Merkel beriet sich mit den wenigen Vertrauten, die ihr noch geblieben waren. Dann fügte sie sich ins Unvermeidliche. Die K-Frage wäre sonst ohne sie beantwortet worden.
Nun also wird es Stoiber sein, der im Herbst gegen die rot-grünen Regenten antritt. Bis zuletzt hatte er gezaudert. Doch als die Umfragen von Woche zu Woche besser und die von ihm selbst orchestrierten Rufe aus den eigenen Reihen immer lauter wurden, ist er schließlich gesprungen. Der Einserjurist aus Oberaudorf bei Rosenheim will es seinem bis zur Übergröße verklärten Lehrmeister Franz Josef Strauß nachmachen - und um das Kanzleramt kämpfen.
Es ist deutlich mehr als eine Zählkandidatur, denn in den letzten Monaten hat sich die Situation in Deutschland gewandelt. Die Wirtschafts- und die Stimmungslage lassen heute den Schluss zu: Stoiber hat - wenn er keine großen Fehler macht und in seiner Vergangenheit keine allzu großen Risiken schlummern - durchaus eine Chance.
Zwar ist die Union in den neuesten Umfragen zum ersten Mal seit anderthalb Jahren wieder an der SPD vorbeigezogen, doch gleichzeitig registrieren die Demoskopen in der Bevölkerung keine große Wechselstimmung. 1998 war das anders. Nach 16 Jahren Helmut Kohl wollte die große Mehrheit endlich eine neue Regierung sehen.
Dennoch trifft Stoibers Kandidatur die Regierung zu einer Zeit, wo sie selbst nicht gerade als Siegertruppe dasteht. Vom Abschwung getrieben, durch aufreibende Debatten über Bundeswehreinsätze und Sicherheitspaket genervt, sind die Akteure bis hin zum Kanzler sichtlich ermattet. So hatten sich Schröder und Fischer ihr rotgrünes Reformprojekt nicht vorgestellt.
Angesichts der außenpolitischen Herausforderungen geriet die Innenpolitik fast von allein ins Abseits. In einem großen Kraftakt war es der Koalition zwar frühzeitig gelungen, endlich auch in Deutschland eine Steuerreform, die für Milliardenentlastung beim Bürger sorgte, zu verabschieden. Schröder und Co. organisierten den Atomausstieg und setzten ein neues Staatsbürgerschaftsrecht in Kraft. Doch schon die Rentenreform wurde unter dem massiven Druck der Interessengruppen zum Reförmchen klein geraspelt. Seitdem fehlt der Atem für schwierige Veränderungen.
Und vor allem zeigte sich, dass die ökonomischen Veränderungen schneller waren als die staatlichen Renovierungsarbeiten. Schröder muss heute feststellen: Renten- und Steuerreform haben nicht verhindert, dass der Arbeitsplatzabbau rasant an Tempo gewinnt, kaum dass die Konjunktur auch nur ein bisschen schwächelt.
Der Standort ist unter Rot-Grün eben keineswegs fit und krisenfest geworden. Im Gegenteil: Deutschland steht beim Wachstum als europaweites Schlusslicht da. Jetzt rächt sich, dass die Regierung - nach Jahren des Stillstands unter Helmut Kohl - ihre Reformarbeit so schnell eingestellt hat.
Abend für Abend verbreiten die Nachrichten neue pessimistische Meldungen: Die Krankenkassen erhöhen ihre Beiträge auf nun durchschnittlich 14 Prozent, Deutschlands Abschwung verschärft sich, die Zahl der Arbeitslosen wird im Januar zum ersten Mal seit einem Jahr wieder die Vier-Millionen-Grenze überspringen.
Das ist die Ausgangslage für den Kandidaten Stoiber, und sie ist so übel nicht. "It''s the economy, stupid!" (Es geht um die Wirtschaft, Dummkopf!), hatte James Carville, der legendäre Wahlkampfstratege Bill Clintons, 1992 seinem Team eingebläut - und damit die Wahlen gegen US-Präsident George Bush Senior fulminant gewonnen.
Wirtschaft, Wirtschaft, Wirtschaft - nach dieser Devise will auch Stoiber antreten, fest darauf bauend, dass sich die Lage weiter verschlechtern wird. Er weiß, dass dem Kanzler bei diesem Thema weitgehend die Hände gebunden sind. Wie soll er als Amtsinhaber auch mit schlechten Wirtschaftsdaten in den Wahlkampf ziehen? Soll er wirklich Milliardenprogramme versprechen und so seinen wichtigsten Erfolg, die Haushaltssanierung, noch auf der Zielgeraden gefährden?
Deshalb tritt Stoiber jetzt an, obwohl er zum Thema Kanzlerschaft stets das Gegenteil erklärt hatte: "Meine Lebensaufgabe ist Bayern" und "Ich habe diesen Ehrgeiz überhaupt nicht", hatte er Anfang 1999 noch zu Protokoll gegeben - und blieb sich drei Jahre lang treu.
Nur der CSU-Landesgruppenchef Michael Glos war sich immer sicher: "Es wird Bittprozessionen nach München geben." Wie sollte er ahnen, dass sich die K-Frage in einem dramatischen Machtkampf entscheiden würde?
Monatelang hatte die CDU-Vorsitzende versucht, das Verfahren offen zu halten. Im Einvernehmen mit ihrem Kollegen aus Bayern werde sie der Union am Ende eine Lösung präsentieren. Beide vermieden es stets, sich selbst als Kandidaten ins Gespräch zu bringen. Zumindest öffentlich.
Doch dann kam die vergangene Woche, und die mühsam aufrechterhaltene Fiktion eines offenen Verfahrens brach zusammen. Fasziniert konnte die Nation verfolgen, wie Angela Merkel von ihren Gegnern politisch hingerichtet wurde. Am Ende ist Stoiber zwar der Kanzlerkandidat der Union, doch an der Spitze der CDU steht eine Parteichefin, die viel von ihrer ursprünglichen Autorität verloren hat.
Begonnen hatte die Woche der Wahrheit am Montag im verschneiten Wildbad Kreuth. Als Edmund Stoiber mittags zur jährlichen Klausurtagung der CSU-Landesgruppe eintrifft, weiß er, dass die Entscheidung im Machtkampf mit Merkel unmittelbar bevorsteht. 250 Reporter, Fotografen und Kameraleute warten schon seit Stunden im Schnee - so viele wie nie zuvor.
Über das Wochenende hatten die Chefs der beiden Schwesterparteien die Spannung in Interviews ein weiteres Mal angeheizt. Spätestens mit Merkels Ankündigung ("Ich bin bereit zur Kanzlerkandidatur") ist die Machtprobe offen ausgebrochen. Seit Tagen treiben die Spitzenfunktionäre der beiden Parteien ihre Handyrechnungen nach oben. Jeder telefoniert mit jedem, und jeder telefoniert mit Angela Merkel.
Der hessische CDU-Vorsitzende Roland Koch erholt sich angeblich beim Skiurlaub in Tirol, doch an Schnee hat er in diesem Jahr kein Interesse. Pausenlos ruft er seine Parteifreunde in Deutschland an. Merkel, so die einhellige Meinung, muss zum Aufgeben bewegt werden.
Nur einen gibt es, der die Spielregeln nicht verstehen will: Unionsfraktionschef Friedrich Merz, der unbedingt verhindern will, dass ihn eine gescheiterte Kanzlerkandidatin Merkel von der Spitze der Fraktion verdrängt. Also bekennt er in Radio und Fernsehen offen seine Sympathie für Stoiber. Der kann ihm nicht gefährlich werden.
Nur der nordrhein-westfälische Landesvorsitzende Jürgen Rüttgers steht noch unbeirrt zu Merkel. Doch auch er muss rea-
lisieren, dass ihm von Stunde zu Stunde mehr "Geisterfahrer" entgegenkommen.
Stoiber gibt in Kreuth derweil die personifizierte Unschuld. "Ich verstehe nicht ganz die Aufgeregtheiten", sagt er in die Mikrofone. Wo ist eigentlich das Problem? Es sei doch selbstverständlich, dass beide Parteivorsitzenden "die Frage der Kanzlerkandidatur für sich positiv beantworten".
Stoiber verschweigt, was am Freitag zuvor passiert ist: Da überraschte ihn Merkel am Telefon mit dem Angebot, sich doch schon eine Woche früher - also vor der CDU-Klausurtagung in Magdeburg - zum Gespräch zu treffen. Stoiber lehnt ab. Er fürchtet, Merkel könne versuchen, ihn zu überrumpeln.
Nach wie vor beharrt die Parteivorsitzende auf ihrem Anspruch, kandidieren zu können. Ihre Gegner sind ratlos: "Dreißig Leute erzählen Merkel, sie sei nicht die richtige Kandidatin, aber das beeindruckt sie überhaupt nicht." Wer bei der Präsidiumsklausur überhaupt abstimmungsberechtigt sei, möchte sie wissen. Merkel will nicht aufgeben. Sie weiß, dass sie politisch angeschlagen ist, wenn sie diese Machtprobe verliert.
Für Michael Glos ist der Dienstag der wichtigste Tag seines Plans. Endgültig will er seinem Chef, dem ewig Zaudernden, den Rückzug verbauen. Er fordert ihn auf, sich vor den Abgeordneten so deutlich zu erklären, dass er nicht mehr zurückkann.
Stoiber spielt mit. Er dränge sich nicht auf, erklärt er hinter verschlossenen Türen, aber er werde sich einem Ruf auch nicht entziehen. "Die Kanzlerkandidatur war in meiner persönlichen Lebensplanung nicht vorgesehen", sagt er, und so sei er auch erst in den letzten Wochen zum Schluss gekommen, kandidieren zu müssen.
Wolfgang Schäuble gehört zu denen in der CDU, die ihn bearbeitet hatten: "Manchmal steht man vor Entscheidungen, bei denen keine Alternative ohne Risiko ist." Stoiber entscheidet sich für das Risiko mit den besseren Aussichten.
Der Pressekonferenz am Mittag entzieht sich der CSU-Chef. Glos muss ran. "Wir können nur erfolgreich sein, wenn die Harmonie mit der CDU erhalten bleibt", sagt er. Vorher hat er noch schnell mit dem Mitintriganten Merz in Berlin telefoniert. Der fordert, die CSU müsse den Druck auf Merkel noch erhöhen. Die CDU allein schaffe es möglicherweise nicht. "Wir werben um die Zustimmung unserer Schwesterpartei für das Angebot, das die CSU macht, nämlich ihren Parteivorsitzenden als einen der Kanzlerkandidaten zu präsentieren", diktiert Glos den Journalisten in die Blöcke.
Noch während er redet, meldet die Deutsche Presse-Agentur ("Eil!"): "CSU bittet CDU um Zustimmung für Kanzlerkandidaten Stoiber." Bei CSU-Generalsekretär Thomas Goppel klingelt das Handy. Es ist sein CDU-Amtskollege Laurenz Meyer, fassungslos.
Goppel selbst weiß von nichts. "Hat Glos das wirklich gesagt?", fragt er den Europa-Abgeordneten Ingo Friedrich und herrscht seine Pressesprecherin an: "Stellen Sie das richtig!" Doch was soll eigentlich richtig gestellt werden?
In Berlin sitzt Merkel in ihrem Büro und nimmt Hiobsbotschaften entgegen. "Du bist wohl auch für Stoiber?", begrüßt sie ihre Besucher, die sich verlegen winden, weil sie sich schon längst abgesetzt haben. "Angela", versucht sich der Bundestagsabgeordnete Eckart von Klaeden herauszureden, "der Stoiber ist für uns ein Sparbuch mit wenig Zinsen - du bist eine Aktie."
Merkel kennt inzwischen die Ausflüchte. "Du bist doch sicher auch für gestandene Männer", verspottet sie ihre Gesprächspartner. Doch auf Ironie reagieren die Herren empfindlich. "Unberechenbar" sei sie, schimpfen sie, im Wahlkampf ein unkalkulierbares Risiko. "Frauen wählen doch nicht Frauen, Ossis nicht Ostdeutsche - die Leute wählen doch jemanden, der ihre Probleme löst", sagt ein Präsidiumsmitglied.
Es ist schon dunkel, als an diesem Dienstagabend Wolfgang Schäuble in Kreuth eintrifft. Die CSU-Abgeordneten unterbrechen ihr Abendessen und applaudieren, als der frühere CDU-Chef in den Speisesaal rollt. Kurz darauf zieht er sich mit Stoiber zurück.
Der Bayer weiß bereits, wie Schäuble die Lage einschätzt: Der erfahrene Polit-Stratege hält die Unterschiede zwischen der politischen Bundesliga in Berlin und den einzelnen Bundesländern für "dramatisch". Nur wenn das Zusammenspiel reibungslos klappt, hat Stoiber eine Chance, zum Schröder-Nachfolger gewählt zu werden. Er sichert dem CSU-Chef seine volle Unterstützung zu.
Der abendliche Merkel-Auftritt in den "Tagesthemen" stößt in Kreuth auf wenig Interesse. Nur fünf CSU-Abgeordnete hat es zu dieser Stunde ins Fernsehzimmer des ehemaligen Kurhauses verschlagen. Zum ersten Mal erklärt Merkel öffentlich, die Entscheidung werde bis zum Beginn der nächsten Bundestagssitzungswoche fallen, also noch vor dem 22. Januar. Und: "Ich halte nichts davon, dass wir uns in irgendeine Kampfabstimmung hineinbegeben." "Die will keine Abstimmung in der Fraktion", sagt einer der Zuschauer. "Wir ja auch nicht", meint ein anderer.
In der CDU wird Merkels Aussage als erstes Eingeständnis der Niederlage gewertet. Führende Funktionäre basteln den ganzen Tag an einem Ausstiegsszenario. Bei der Klausurtagung in Magdeburg, so der Plan, soll das Kandidatenthema bewusst verschwiegen werden. Dann wäre es für Merkel leichter, ihren Verzicht zu begründen. Alles soll so aussehen, als hätte sie Stoiber freiwillig die Kandidatur angeboten.
Es ist Mittwoch. Tag drei der Woche der Entscheidung. Im Sturmschritt eilt Angela Merkel am Morgen die Treppen zum Schloss Bellevue hinauf: Neujahrsempfang des Bundespräsidenten. Erst rennt sie Jürgen Trittin von den Grünen in die Arme, dann Erwin Teufel von der CDU. Alles Gegner. Kurzer Gruß, gequältes Lächeln, weiter im Gedränge. Immer wieder guckt sie zur Seite und nach hinten, als erwarte sie ständig Attacken.
Endlich ein Vertrauter, Friedrich Merz kommt. Angela Merkel reckt den Hals zum Gruß. Merz eilt auf sie zu, sie lächelt, strahlt fast ein wenig, dann ist er da, aber nein, er meint nicht sie, er meint Jürgen Möllemann neben ihr, grüßt ihn herzlich, speist danach seine Parteivorsitzende mit einem Nicken ab und wendet sich sofort wieder Möllemann zu. Die beiden plaudern, lachen, Angela Merkel steht daneben, und keiner guckt sie an. Keiner hat ein Wort für sie übrig, als wollte man nicht ge-
sehen werden mit Leuten, die wie Verlierer aussehen.
Nach dem Händedruck vom Bundespräsidenten will sie gleich weg, aber da ist eine Mauer von Kameras und die Frage, ob es eigentlich fair sei, was die CSU mit ihr veranstalte. Sie redet von dem Verfahren, auf das man sich geeinigt habe, ein Verfahren, an das nur noch sie glaubt. Sie hält das nicht mehr aus, weg hier. Allein stürmt sie die Treppe hinunter.
Zurück im Büro, ist die Stimmung nicht besser. Die K-Frage entgleitet der Führung immer mehr. Alle Dämme scheinen gebrochen zu sein. Ein führender Unionspolitiker nach dem anderen meldet sich in Interviews zu Wort und ruft nach Stoiber. Offenbar will keiner den Zug verpassen. Im Saarland ist es gar die Landtagsfraktion, die mit Dreiviertelmehrheit einen solchen Beschluss fasst.
Merkel reagiert hektisch. In Absprache mit ihr und CDU-Generalsekretär Laurenz Meyer führt ihr letzter wichtiger Verbündeter, der nordrhein-westfälische Landesvorsitzende Jürgen Rüttgers, einen einstimmigen Beschluss des Geschäftsführenden Landesvorstands herbei: Die CDU-Vorsitzende sei die aussichtsreichere Kandidatin.
Doch kaum hat sich die Nachricht von der Entscheidung verbreitet, melden sich schon führende Stoiber-Befürworter aus NRW zu Wort: Von Einigkeit könne keine Rede sein. Sie haben Recht. In Wahrheit sind die 192 000 CDU-Mitglieder in NRW zwischen beiden Bewerbern gespalten. Einige Abgeordnete rufen ihre CSU-Kollegen in Kreuth an, um sich von dem Beschluss zu distanzieren.
Merkel hat nur noch eine Option, wenn sie wirklich antreten will: Sie muss ihren Rücktritt androhen. Prompt geistern entsprechende Gerüchte durch die Hauptstadt, doch Merkel dementiert.
Die Unsicherheit der Merkel-Gegner bleibt. Was die Freunde als Nervenstärke auslegen, empfinden ihre Gegner zunehmend als Halsstarrigkeit und Realitätsverweigerung. Am Donnerstag schließlich muss auch Merkel erkennen, dass die K-Frage beantwortet ist. "Das Verfahren ist beendet", seufzt ein Präsidiumsmitglied: "Als Naturwissenschaftlerin wird sie die Fakten zur Kenntnis nehmen."
Nach seinem Telefonat am Abend zuvor ist der hessische Ministerpräsident Koch nicht davon überzeugt. Er bricht seinen Ski-Urlaub ab. Anders als geplant will er nun doch an der Klausurtagung in Magdeburg teilnehmen. Er hält es nach wie vor für möglich, dass die Vorsitzende den Durchmarsch plant.
Doch die hat sich entschieden. Am Donnerstagabend besucht sie einen der letzten politischen Freunde, die sie noch hat. Sie will Stoiber die Kandidatur anbieten. Am nächsten Morgen schon. Was er davon halte? Er rät zu. Noch am gleichen Abend vereinbart sie mit Stoiber einen Frühstückstermin bei ihm zu Hause in Wolfratshausen. Das Verfahren, dass sie so gern unter Kontrolle behalten hätte, ist beendet. Anders, als sie gedacht hat.
Merkels Desaster offenbart mit einem Schlag sämtliche schweren Defizite, mit denen die Parteivorsitzende seit ihrem Amtsantritt zu kämpfen hat: Die CDU-Chefin kennt ihre eigene Partei und deren Geschichte nicht hinreichend, sie ist persönlich nicht tief genug verwurzelt und hat es nicht geschafft, Unterstützer um sich zu scharen.
Am Anfang war gerade die Unbefangenheit ihr größter Trumpf. Weiblich, geschieden, ostdeutsch, protestantisch, aber vor allem politisch unbefleckt - das waren die Attribute, die Merkel an die Macht brachten. Die CDU-Mitglieder sehnten sich nach einer von den Dreckspritzern der Kohlschen Spendenaffäre gesäuberten Führung.
Die Delegierten des Parteitags in Essen im Frühjahr 2000 wählten eine Reformatorin, nicht aber eine zukünftige Kanzlerkandidatin - nach der verheerenden Wahlschlappe 1998 und der existenzbedrohenden Spendenaffäre hielt diesen Posten auch niemand für so wichtig.
Als Ostdeutsche blieb Merkel in der westdeutsch dominierten Union bis heute seltsam fremd. Ihr fehlt die Verwurzelung im Wiederaufbau-Deutschland. Wenn Merkel, wie vor einem Jahr in der 68er-Debatte im Bundestag, die Bundesrepublik des Jahres 1949 als freiheitliches Land bezeichnete und Außenminister Joschka Fischer aufforderte, für seine Vergangenheit als linker Steinewerfer "Buße zu tun", schüttelten selbst wohlgesinnte Parteifreunde den Kopf.
Merkel vertraut nur ihrer Pressesprecherin Eva Christiansen und ihrer Büroleiterin Beate Baumann. Zu vielen Parteizirkeln hat sie keinen Zugang. Der Hesse Koch, der Niedersachse Christian Wulff, der Saarländer Peter Müller - sie alle entstammen jener Seilschaft der "Jungen Wilden", die sich seit Jugendtagen und politischen Festen in Bierkellern kennt.
Merkels Problem sei das Nicht-dazu-Gehören, schreibt Alice Schwarzer in der jüngsten Ausgabe ihrer Zeitschrift "Emma". Die Männer dächten "im Traum nicht daran, eine Schwanzlose in ihre Wettpissrunden aufzunehmen", spottet die Ober-Emanze, mit der sich Merkel schon mal freundschaftlich unterhält.
Freilich hat die CDU-Chefin im Umgang mit Personalfragen auch jenes Händchen vermissen lassen, das die wirklich Mächtigen brauchen. Ihr erster Generalsekretär, der zurückhaltende Bundestagsabgeordnete Ruprecht Polenz, scheute das mediale Rampenlicht. Ihre zweite Wahl, der frohsinnige Westfale Laurenz Meyer, erklärte nassforsch, einen weiteren Missgriff könne sich Merkel nicht erlauben. Doch inzwischen gilt er als genau das.
Kohl machte 1979 vor, wie man sich als CDU-Chef in einer Kandidatendebatte geschickter verhalten kann als jetzt Merkel. Als der Pfälzer erkannte, dass Franz Josef Strauß als Kanzlerkandidat nicht mehr zu verhindern war, schickte er den niedersächsischen Ministerpräsidenten Ernst Albrecht als Zählkandidaten der CDU. Zuerst verlor Albrecht gegen Strauß, dann Strauß gegen Bundeskanzler Helmut Schmidt - und nur Kohl ging als Sieger aus der Niederlage hervor.
Dabei hatte Angela Merkel es sich so schön ausgedacht. Bereits als Bundesumweltministerin hatte sie sich vorgenommen, Gerhard Schröder einmal herauszufordern. Der war damals noch Ministerpräsident von Niedersachsen und hatte die CDU-Frau nach dem Scheitern der Energie-Konsensgespräche in den Medien vorgeführt. "Ich habe ihm gesagt, dass ich ihn irgendwann genauso in die Ecke stellen werde", sagte Merkel 1997 der Fotografin Herlinde Koelbl. "Ich brauche dazu noch Zeit, aber eines Tages ist es so weit."
Irgendwann, vielleicht.
Nun erklimmt also Edmund Stoiber im Alter von 60 Jahren die höchste Stufe für einen CSU-Politiker, die bislang nur der Gottvater der Partei, Franz Josef Strauß, erreicht hat - die Kanzlerkandidatur.
Vorläufiger Höhepunkt einer beispiellosen Karriere. Kometenhaft stieg Stoiber nach dem Jurastudium in der CSU auf. Als arbeitswütiger Quereinsteiger durfte er sich rasch als persönlicher Referent des damaligen Umweltministers Max Streibl bewähren und zog mit 33 als Abgeordneter in den Bayerischen Landtag ein. In seiner ersten, Aufsehen erregenden Rede wetterte er dort gegen die Nacktbader an der Isar. 1976 empfahl er sich Strauß mit einem Büchlein "Politik aus Bayern".
Mit anderen CSU-Jungpolitikern forderte er damals, den Ministerpräsidenten Alfons Goppel durch Parteichef Strauß zu ersetzen. Damit erwarb sich Stoiber das Vertrauen des bayerischen Sonnenkönigs. 1978 holte Strauß ihn als seine rechte Hand, er avancierte zunächst zum Generalsekretär der Partei, dann zum Leiter der Staatskanzlei.
Die Rolle als Scharfmacher und Zuschläger des Poltergeists Strauß verfolgt Stoiber bis heute. Mit rhetorischen Ausfällen wie der Warnung vor einer "durchrass-
ten Gesellschaft" löste er vor 13 Jahren Empörung im ganzen Land aus - er nahm diese Entgleisung später öffentlich als Fehler zurück. Zugleich erlebte Stoiber aus direkter Nähe, wie Strauß als CSU-Chef und Ministerpräsident sein Land vom Agrar- ins Hightech-Zeitalter beamte.
Nach dem Tod seines politischen Ziehvaters und einem kurzen Intermezzo mit dem Strauß-Nachfolger Streibl führt Stoiber die bayerische Erfolgsstory fort, nur professioneller.
Ganz bewusst pflegte Stoiber das politische Profil der CSU, für das Strauß den Grundstein gelegt hatte: straff-autoritär in Fragen der inneren Sicherheit, konservativpatriarchalisch oder klerikal-verklemmt in der Gesellschaftspolitik, pragmatisch-liberal gegenüber der Wirtschaft, aber immer auf sozialen Ausgleich und Konsens mit den kleinen Leuten bedacht. Und natürlich mit scharfer Abgrenzung gegen alles Nicht-Bajuwarische, komme es nun aus dem Rest der Republik, aus Brüssel oder noch ferneren Weltgegenden.
Das "Geheimnis der CSU", stellte Stoiber-Rivalin Merkel mehrmals verblüfft fest, "ist, dass sie Positionen von weit rechts bis zu denen von Oskar Lafontaine vertritt - und keiner nimmt ihr das übel."
Einerseits behauptet der österreichische Rechtspopulist Jörg Haider, Stoiber sei "nur eine Kopie der FPÖ-Politik". Alles, was er mache, so Haider, "kündigt er mit drei Wochen Verzögerung in Deutschland an". Tatsächlich fürchtet Stoiber die Rechtspartei des Hamburger Senators Ronald Schill: "Die Grünen", meinte er vergangene Woche, "haben auch mal als ein Ein-Themen-Partei begonnen."
Andererseits sind sich auch Kanzler Schröder und Stoiber in vielem näher, als man zunächst glauben könnte. "Wir beide kämpfen um dieselbe Klientel", erkannte der Bayer schon 1995, als Schröder noch Regierungschef in Niedersachsen war. Der Populist Schröder, lobte der christsoziale Amtskollege damals, sei "mit Sicherheit der Einzige, der den Volksparteicharakter der SPD noch retten kann".
Der Versuch von Kanzler Schröder und SPD-Generalsekretär Franz Müntefering, Stoiber als dumpfen Rechtskonservativen und unsozialen Arbeitgeberfreund anzugreifen, könnte erheblich schwerer verfangen als von ihnen erhofft.
Vor allem in der Wirtschafts- und Arbeitsmarktpolitik - die Stoiber zum zentralen Wahlkampfthema machen will - ähneln sich der Kanzler und sein Herausforderer auf verblüffende Weise. Als Spezi der Bosse versteht es der Bayernregent, immer mehr Spitzenforscher und Hochtechnologie-Betriebe in die Boomregion um München zu locken. Ordnungspolitische Wirtschaftstheorien wie Merkels "neue soziale Marktwirtschaft" interessieren Stoiber dabei so wenig wie Schröder - beide machen lieber mit den Top-Chefs Geschäfte in Hinterzimmern, agieren als Türöffner für Unternehmen und als Feuerwehrleute im Krisenfall.
Auf die Herausforderungen der Globalisierung gibt Stoiber meist dieselben strukturkonservativen Antworten wie der SPD-Kanzler. Von der Landwirtschaft bis zum maroden Stahlwerk Maxhütte werden schwächelnde Wirtschaftszweige in Bayern nicht weniger stark mit Subventionen durchgefüttert als in anderen Bundesländern. Und wenn ein Wirtschaftsminister im Bund oder in den Ländern zum x-ten Mal einen Anlauf wagt, das Ladenschlussgesetz zu lockern, kann er sicher sein: Der erbittertste Widerstand kommt aus Bayern.
"In Bayern", lobte der CDU-Linke Heiner Geißler 1998, "kann auch ein Sozialarbeiter ohne Gewissensbisse Union wählen." Während Altkanzler Helmut Kohl damals das "Bündnis für Arbeit" platzen ließ und sich auch deshalb die vernichtende Niederlage bei der Bundestagswahl 1998 einhandelte, legte Stoiber in Bayern großen Wert auf ein gedeihliches Funktionieren seines Regionalbündnisses von Regierung, Gewerkschaften und Arbeitgebern. Bayerns DGB-Chef Fritz Schösser, SPD-Abgeordneter im Bundestag, pflegt beste Beziehungen zum christsozialen Regierungschef und feierte ihn - zum Ärger seiner Genossen - einmal gar als "Lichtgestalt". Dem Stoiber "das Etikett der sozialen Kälte anzuheften", prophezeit Schösser, werde "außerordentlich schwierig".
Stoiber als Vorkämpfer gegen lähmende Bürokratie, schwindsüchtige Sozialkassen und den unflexiblen Arbeitsmarkt? Jedenfalls nicht in der Praxis - da legte sich die Stimme Bayerns immer quer, egal ob unter Kohl oder Schröder. Immer wenn die schwarz-gelbe Koalition in ihrer letzten Amtsperiode die Lohnfortzahlung kürzen, die Rente reformieren oder die Ausgaben für Kuren kürzen wollte, stand Stoiber auf der Bremse: mal aus Sorge um das soziale Profil der Union, mal aus Angst vor Umsatzverlusten seiner Bäder im Bayerischen Wald.
Genauso erfolgreich legte der Landesfürst im Sommer 2000 sein Veto ein, als CDU-Chefin Angela Merkel und CSU-Vize Horst Seehofer mit der SPD einen Kompromiss über die Rentenreform aushandeln wollten. Nicht etwa, weil ihm die sozialdemokratischen Reformer zu zögerlich vorgingen - er sah die "soziale Balance" gestört. Das rot-grüne Rentenkonzept komme einer "Enteignung" künftiger Rentner gleich, geißelte Stoiber das Konzept und legte die Union gegen das Votum des Unions-Wirtschaftsflügels auf einen strikten Blockadekurs fest. Parteivize Seehofer forderte fortan im Stoiber-Auftrag mehr Geld für Witwen und Waisen, Niedrigverdiener und Frauen.
Ein aktueller Fall von Besitzstandswahrung liegt noch im Bundesrat: Während Stoiber wortgewaltig "mehr Flexibilität auf dem Arbeitsmarkt" und die "Öffnung der Flächentarife" anmahnt, will er Städte und Gemeinden per Gesetzentwurf verpflichten, ihre Aufträge nur noch an Firmen zu vergeben, die den gültigen Tariflohn zahlen. Die Bundesregierung hat sich den Stoiber-Vorschlag inzwischen zu Eigen gemacht - und kassiert dafür nun kräftig Prügel von den Brüsseler Wettbewerbshütern.
Viele Unternehmer zweifeln deshalb, ob Stoiber wirklich der Richtige für sie ist. Sein Poltern gegen Europa ist Managern und Wirtschaftsführern genauso unangenehm in Erinnerung wie sein Widerstand gegen das Zuwanderungsgesetz.
Als BDI-Präsident Michael Rogowski vor wenigen Wochen die CSU-Spitze im bayerischen Kreuth beschwor, dem Gesetzentwurf von Bundesinnenminister Otto Schily zuzustimmen, ließ ihn Stoiber kühl abblitzen: Die Industrie möge mehr für die betriebliche Ausbildung tun, statt "bei Engpässen am Arbeitsmarkt sofort nach Zuwanderung zu rufen".
In seiner neuen Rolle als gemeinsamer Kanzlerkandidat von CDU und CSU werde sich Stoibers Widerstand gegen das Zuwanderungsgesetz in Wohlgefallen auflösen, sagen führende Unionspolitiker voraus. Um das Gerede vom Rechtsruck in der Union durch seine Kandidatur zu widerlegen, werde Stoiber im Wahlkampf demonstrativ moderate Positionen besetzen. Im Kampf um die Mehrheit im Norden, Westen und Osten dürfe er nicht als ausländerfeindlicher Hardliner auftreten.
Der Industrie empfahl sich der Kandidat noch am Freitag, kaum hatte Merkel ihren Verzicht publik gemacht, mit anderen Versprechungen: Er werde als Kanzler, verkündete er im Bayerischen Rundfunk, die Ökosteuer nicht weiter erhöhen, das Betriebsverfassungsgesetz erneut überarbeiten und den Atomausstieg rückgängig machen. Das geht ans Eingemachte rot-grüner Politik.
Ein anderes Problem kennt Stoiber nur zu gut aus seiner Zeit als Adlatus von Franz Josef Strauß: wie schwierig es ist, als CSU-Kandidat mit dem CDU-Apparat Wahlkampf zu machen. Er hat leidvolle Erinnerungen an das Wahljahr 1980, als sein Herr und Lehrmeister versuchte, das Bonner Kanzleramt zu erobern.
Der Versuch scheiterte nicht nur am Kandidaten, sondern auch wegen programmatischer, professioneller und politischer Unvereinbarkeiten mit der Schwesterpartei - und wegen der Verwandtschaftsfehden, die CDU und CSU seit Gründung der Bundesrepublik 1949 mit unterschiedlicher Intensität austragen.
1980 war es besonders schlimm. Alle Versuche, die Aktivitäten der Bonner CDU-Zentrale mit denen der Münchner CSU-Landesleitung zu koordinieren, endeten im Chaos. Stoiber und der damalige CDU-Generalsekretär Heiner Geißler belauerten sich und gin gen aufeinander los wie Katz und Hund. Geißler setzte auf einen argumentativen Wahlkampf, die CSU-Führung verlangte eine emotionale Kampagne.
Auch die Arbeit der gemeinsamen Wahlkampfkommission von CDU und CSU scheiterte am Kleinkrieg der Parteizentralen. Das Konrad-Adenauer-Haus in Bonn war für die CSU-Leute praktisch Feindesland. Deshalb musste Stoiber im Bonner Regierungsviertel eine Villa anmieten. Er stattete sie mit Möbeln aus der alten CSU-Parteizentrale in der Münchner Lazarettstraße aus und setzte ein paar Strauß-Getreue hinein.
Die Grabenkämpfe von damals und die Strauß-Niederlage haben sich tief ins kollektive Gedächtnis der Unionsparteien eingegraben. Stoiber, aber auch die damals noch jun gen Bundestagsabgeordneten Wolfgang Schäuble, Michael Glos und Volker Rühe wollen die Fehler von damals im Jahr 2002 auf keinen Fall wiederholen.
Tatsächlich hat sich das Klima seither geändert. Im Vergleich zu den saftigen Beleidigungen und öffentlichen Demütigungen, die sich die Männerfreunde Strauß und Kohl beibrachten, behandeln sich Merkel und Stoiber mit Samthandschuhen.
Anders als Strauß ist Stoiber kein bayerischer Poltergeist, sondern ein preußisch wirkender Managertyp. Und auch die ideologischen Schlachten von damals - "Freiheit statt Sozialismus" - haben sich weitgehend erledigt.
Sogar die traditionelle Rivalität zwischen CDU und CSU hat sich abgeschliffen - wenigstens ein bisschen. Wechselseitige Rempeleien zwischen Unionspolitikern aus Nord und Süd klingen meist wie folkloristisches Beiwerk zur Unterhaltung des Wählerpublikums.
Doch in der politischen Praxis könnten alte und neue Eifersüchteleien noch immer jedes gemeinsame Projekt bedrohen - besonders einen gemeinsamen Bundestagswahlkampf.
Nach beinahe jeder Wortmeldung aus München pflegt die CDU-Vorsitzende Merkel zu betonen, dass sie die "Statik" der Union zu bewahren wisse: Die CDU sei die große Schwesterpartei, bei der CSU handele es sich nur um die regionale Ergänzung.
Umgekehrt greifen die gleichen Reflexe. Nach den Wahlsiegen der CDU in Baden-Württemberg und anderswo müsse die CSU-Spitze aufpassen, warnte Stoiber seine Parteifreunde vergangenen Sommer hinter verschlossenen Türen im Kloster Banz, dass die Schwesterpartei nicht übermütig werde. Mancher von denen könne "vor Kraft kaum noch laufen".
Großmäuligkeit und Minderwertigkeitskomplex gehören im Verhältnis der Unionsparteien nach wie vor untrennbar zusammen. "Wenn du jemandem von der CSU die Hand gibst", höhnte Roland Koch noch vergangenen Freitag in der CDU-Präsidiumssitzung, "dann zählen sie danach an beiden Händen ab, ob noch alle fünf Finger dran sind."
Der Harmonie kaum förderlich ist auch das schlechte Verhältnis der Generalsekretäre Laurenz Meyer (CDU) und Thomas Goppel (CSU). Die beiden halten nichts voneinander und besprechen nur das Nötigste. Wohl auch deshalb setzte Merkel bei Stoiber im Wohnzimmer durch, dass Meyer den gemeinsamen Unionskampf leiten werde.
Beide Generalsekretäre haben noch nie einen größeren Wahlkampf organisiert. Aber beide haben bereits eigene Werbeagenturen engagiert. Unter dem Druck der knappen Finanzen - CDU und CSU sind gleichermaßen klamm - werden sich alle wohl unter dem Dach der CDU-Zentrale zusammenraufen müssen.
Doch trotz solcher Querelen - die Chancen für Stoiber stehen so schlecht nicht. Die Chefin des Allensbacher Instituts für Demoskopie, Renate Köcher, sieht Union und SPD derzeit gleichauf bei 35 Prozent. Das "Sympathiepotenzial" von CDU und CSU liege aber bei 40 Prozent, berichtete sie bei der CSU-Klausurtagung in Kreuth. Wermutstropfen: Es herrsche keine Wechselstimmung beim Wahlvolk. Die werde sich höchstens bei einer anhaltend schlechten Wirtschaftslage entwickeln.
Und wenn die Union ihre zahlreichen Risiken im Wahlkampf unter Kontrolle behält. Im Umgang mit den Medien, räumen selbst Stoiber-Anhänger ein, hat der Herausforderer gegenüber Schröder kaum eine Chance. Die Spontaneität des Kanzlers, seine lässigen Sprüche und Eingebungen vor Fernsehkameras kann kein Medienberater dem oft hölzernen Stoiber antrainieren.
Auch wird seine Vergangenheit als engster Strauß-Mitarbeiter in den kommenden Monaten nochmals in allen Details durchwühlt.
Immer wieder, so fürchten die CSU-Manager, werde Stoiber mit unangenehmen Fragen aus der Zeit des Straußschen Amigo-Systems konfrontiert.
So musste er einmal einräumen, dass er an einem Airbus-Geschäft seines Ziehvaters mit der DDR zumindest bei der An-
bahnung beteiligt war. Mal musste er die Frage beantworten, ob es denn stimme, dass er beim Leuna-Lobbyisten Dieter Holzer in den achtziger Jahren wiederholt und gern Urlaub gemacht habe. Sechs oder sieben Ferienaufenthalte in der Villa des Geschäftsmannes an der Côte d''Azur bis 1989 räumte er ein.
In München stießen Journalisten darauf, dass Holzers, Stoibers und die Marianne-Strauß-Stiftung in ein und demselben Haus Nachbarn sind. Stutzig machte sie, dass auf dem Appartement, das auf den Namen von Stoibers Frau Karin eingetragen ist, keine Hypotheken lasten. Die Staatskanzlei erklärte, Stoiber habe die 47-Quadratmeter-Wohnung für mehr als 200 000 Mark "aus Erspartem bezahlt".
Und seit Jahren droht der Kauferinger Geschäftsmann Karlheinz Schreiber, CSU-Mitglied und Schlüsselfigur im Parteispendenskandal der CDU, von Kanada aus unverhohlen mit seinem Wissen aus vergangenen Tagen.
Auch jede Pleite der bayerischen Staatsregierung - wie etwa die 1999 aufgedeckte Finanzaffäre um staatliche Wohnungsbau-Gelder - könnte Stoibers Wahlchancen durchkreuzen. Nicht auszudenken, was zum Beispiel eine Pleite des Münchner Medienzaren Leo Kirch für Stoiber bedeuten könnte: Ihm hat der Freistaat mit Krediten in Milliardenhöhe ausgeholfen, die dann auf immer verschwunden wären.
Das größte Risiko für Stoiber ist jedoch eine führungslose CDU. Noch im vergangenen Herbst hatte der Bayer angekündigt, er werde nur als Kanzlerkandidat antreten, wenn jemand in der Schwesterpartei für Ordnung sorgen könne. Merkel kann diese Rolle nach ihrer Entmachtung bei der Kandidatenkür kaum noch ausfüllen - ihre Garantieerklärung für die Geschlossenheit der Union war eher ein Appell.
Vier Jahre nach dem Ende der Ära Kohl steht die CDU noch mitten in der Diadochenphase. Die einstige Zentralmacht ist zerfallen, und kein neues Kraftzentrum hat bislang das alte ersetzt. Die Regionalfürsten sind vor allem auf die eigene Macht und die eigene Zukunft bedacht - wie Roland Koch oder Peter Müller. Und dem Fraktionschef Friedrich Merz ist fast jedes Mittel recht, um zu verhindern, dass Merkel ihn im Amt beerbt.
Das ist der möglicherweise entscheidende Unterschied zur SPD des Wahljahres 1998. Die Sozialdemokraten verfügten damals über einen Leitwolf und starken Parteivorsitzenden Oskar Lafontaine, obwohl der als Kanzlerkandidat zu Gunsten Schröders verzichtet hatte. Selbst Schröder hörte, wenn es drauf ankam, im Bundestagswahlkampf auf das Kommando des unumschränkt herrschenden Parteichefs. Die Einheit zerbrach erst nach dem Wahltag. Niemand in der CDU dürfte in der Lage sein, den Lafontaine der Union zu machen. Glück für Gerhard Schröder?
Für Angela Merkel ist die Zukunft womöglich doch noch nicht vorbei. Nach den derzeitigen Umfragen könnte die Bundestagswahl mit einem Patt enden - weder Rot-Grün noch CDU/CSU und FDP hätten eine Regierungsmehrheit. Und hätte die SPD am Ende auch nur ein paar Stimmen mehr als die Union, bliebe Stoiber wohl in München, in Berlin stünde eine Große Koalition an - mit einer Vizekanzlerin Angela Merkel.
ULRICH DEUPMANN, KONSTANTIN VON HAMMERSTEIN, WOLFGANG KRACH, HARTMUT PALMER, MICHAEL SAUGA, CHRISTOPH SCHULT
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Welche Partei würden Sie wählen, wenn am nächsten Sonntag Bundestagswahl wäre?
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* Vergangenen Freitag, links: in Magdeburg; rechts: im Ägyptischen Museum in der Münchner Residenz. * Am 10. April 2000 nach ihrer Wahl zur Parteivorsitzenden auf dem Essener CDU-Parteitag. * Mit den CSU-Politikern Theo Waigel und Gerold Tandler am 29. Dezember 1987 in Moskau. * Oben: am 4. Dezember 2001 auf dem CDU-Parteitag in Dresden; unten: im März 2000 an der Ostsee. * Im Februar 2001 auf der Nürnberger Spielwarenmesse.
Von Ulrich Deupmann, Konstantin von Hammerstein, Wolfgang Krach, Hartmut Palmer, Michael Sauga und Christoph Schult

DER SPIEGEL 3/2002
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