14.01.2002

ATTENTATEVerräterisches Frauenhaar

Elf Jahre nach dem RAF-Anschlag auf die US-Botschaft in Bonn bringt ein DNS-Test neue Erkenntnisse: Zu den Tätern gehörte vermutlich die Terroristin Daniela Klette.
Die drei Attentäter kamen in der Dunkelheit, sie postierten sich auf der anderen Rheinseite in Königswinter, dann jagten sie Salve um Salve herüber auf die Bonner US-Botschaft. Minutenlang dauerte die Schießerei an jenem 13. Februar 1991, auf dem Höhepunkt des Golfkrieges, dann waren Fassade und Fensterscheiben der amerikanischen Vertretung übersät mit rund 60 Einschüssen.
Dass nicht Iraks Diktator Saddam Hussein das Terrorkommando geschickt hatte, war den Ermittlern schnell klar: Zurück blieben an der Uferpromenade, direkt neben dem Hotel Loreley, ein leerer Munitionskasten der Bundeswehr und eine Erklärung der RAF ("Gegen den US-Nato-Völkermord"), in der die Schützen den vor der Botschaft campierenden Friedensfreunden noch wortreich versicherten, sie seien nie in Gefahr gewesen: "Wir haben unsere Munition mit Leuchtspurmunition gemischt, damit Ihr gleich seht, wo genau sich die Schießerei abspielt, und niemand von Euch vor Schreck in die falsche Richtung läuft."
Erst jetzt aber sind die Fahnder einen entscheidenden Schritt in der Frage vorangekommen, wer damals für die RAF die US-Botschaft unter Feuer genommen hat. Ganz diskret haben die Bundesanwaltschaft und das Bundeskriminalamt (BKA) die Bundesregierung darüber informiert, dass mit Hilfe modernster DNS-Analysemethoden der Anschlag zumindest zum Teil aufgeklärt werden konnte.
Ein im Oktober durchgeführter DNS-Test erbrachte den Nachweis, dass ein Haar, das seinerzeit auf dem Beifahrersitz des Fluchtwagens, eines gestohlenen VW Passat, gefunden wurde, Daniela Klette, 43, gehörte. Klette, die steckbrieflich gesucht wird, zählt zu den bekanntesten Figuren der deutschen Terrorszene. Noch 1999 soll sie an einem Millionenraub in Duisburg-Rheinhausen beteiligt gewesen sein (SPIEGEL 21/2001). Während die Bundesanwaltschaft sie seitdem verdächtigt, zentrale Figur einer möglichen neuen terroristischen Vereinigung zu sein, glauben die Geheimdienste, dass die Duisburger Aktion eher der Geldbeschaffung für abgehalfterte Ex-Kämpfer galt.
So groß der Fahndungserfolg im Fall der Bonner US-Botschaft auch sein mag - die Bundesanwaltschaft will nur das Ergebnis des Haartests bestätigen, jede weitere Auskunft lehnt sie ab. Denn der Fund ist ein weiterer Hinweis darauf, dass sich womöglich noch einige der spektakulärsten Verbrechen der Nachkriegsgeschichte aufklären lassen. Das Haar vom Beifahrersitz ist schließlich nur eines von einigen hundert Asservaten, die Fahnder nach den RAF-Anschlägen einsammelten, ohne damit zunächst etwas anfangen zu können.
Erst eine seit zwei Jahren eingesetzte hochmoderne Methode des BKA, die es erlaubt, auch an ausgefallenen Haaren DNS-Tests vorzunehmen, bringt die Ermittler Stück für Stück voran. Dabei hatten die letzten RAF-Kämpfer noch penibel darauf geachtet, keine Spuren zu hinterlassen; sie sprühten sogar Wundspray auf ihre Fingerkuppen, um keine Abdrücke zu hinterlassen. Dass aber ein Quantensprung in der Kriminaltechnik es einmal erlauben würde, selbst aus hängen gebliebenen Hautschüppchen oder ausgefallenen Haaren ein unbestreitbares Beweisstück zu machen, konnten auch die ausgefuchstesten Kämpfer nicht ahnen.
Die Untersuchungen sind extrem aufwendig, bis zu einem Tag dauert etwa die Analyse eines einzigen Haares. Etliche erweisen sich als tote Spuren, aber immer wieder ist auch ein Treffer dabei.
So hatten sich in den vergangenen Monaten mit Hilfe von DNS-Tests schon zwei weitere Anschläge teilweise aufklären lassen. Die Laborarbeit brachte die Erkenntnis, dass
* Wolfgang Grams, der 1993 im Bahnhof von Bad Kleinen bei einer Polizeiaktion ums Leben kam, vermutlich beim Mordanschlag auf den Treuhandchef Detlev Karsten Rohwedder dabei war;
* die im vergangenen Jahr wegen ihrer Beteiligung an einem versuchten Anschlag im spanischen Nato-Standort Rota verurteilte Andrea Klump offenbar auch zu einem Kommando gehörte, das im Dezember 1991 in Budapest eine Sprengstoffattacke auf einen mit 28 russischen Juden besetzten Bus beging. Zu der Tat bekannte sich eine "Bewegung zur Befreiung Jerusalems". Jetzt wird deshalb erneut gegen Klump ermittelt.
Immer mehr formt sich so das Bild, wer der letzten Generation der RAF tatsächlich angehörte. Auch dass die Fahnder über den neuesten DNS-Coup nur so spärlich Auskunft geben, hängt damit zusammen, dass sie nach den jüngsten Ermittlungsergebnissen zur US-Botschaft schon auf den nächsten Fahndungserfolg hoffen. Eine der Waffen, die bei dem Überfall benutzt wurden, hat nämlich eine besondere Geschichte: Nur sieben Wochen später wurden aus dem Schnellfeuergewehr vom Typ FN-FAL die Schüsse abgegeben, die Rohwedder töteten.
Bisher steht trotz aller Analysen nicht fest, wer neben Grams an dem Rohwedder-Anschlag beteiligt war. GEORG MASCOLO
Von Georg Mascolo

DER SPIEGEL 3/2002
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