Von Lorenz, Andreas
Eine Losung fordert: "Das ganze Land aufrufen, Aids zu verhüten". Eine andere verlangt, "das Chaos zu verhindern" und sich von "Aberglauben, Drogen und Prostitution" fern zu halten. Der quirlige Platz vor dem Bahnhof von Kanton (Guangzhou) bietet der Kommunistischen Partei die wunderbare Gelegenheit, das Volk zu ermahnen. Doch die Ankömmlinge haben für Parolen keinen Sinn. Denn hier, zwischen Halle und Taxistand, beginnt für sie ein neues Leben.
Sie sind Wanderarbeiter aus den vernachlässigten Zentralprovinzen, sie stammen aus bitterarmen Dörfern am Jangtse und am Gelben Fluss. Sie sind in den Süden gezogen, um am langen Marsch in den Wohlstand teilzunehmen. Ihr Ziel: das Perlflussdelta zwischen den Metropolen Hongkong, Macau und Kanton. Ein Drittel der mindestens 80 Millionen Wanderarbeiter Chinas sind inzwischen eingetroffen.
Die Arbeiterin Lu Hongxi aus Hunan zum Beispiel. Vor drei Jahren war sie mit ein paar Habseligkeiten in die neue Welt Südchinas mit ihren grellen Reklameschildern und den Frauen in knappen Miniröcken gestolpert. Da sie nur vier Jahre zur Schule gegangen ist, fand sie keinen festen Job. Derzeit verteilt sie für das "Eisenbahnhotel" vor dem Bahnhof Prospekte an die Neuankömmlinge. Das bringt 600 Yuan im Monat, etwa 81 Euro - knapp die Hälfte dessen, was ein Pekinger im Schnitt verdient, aber "viel mehr als zu Hause", wie Lu zufrieden sagt.
Seit Wirtschaftsreformer Deng Xiaoping Ende der siebziger Jahre China öffnete, ist das Perlflussdelta zur vitalsten Industrieregion des Landes geworden. Angelockt vom Angebot an billigen und rechtlosen Arbeitskräften und von großzügigen Steuernachlässen, haben sich Tausende in- und ausländischer Unternehmen angesiedelt. Sie produzieren Chips und CDs, Schuhe und Spielzeug, Designerhemden und Jeans.
Die 75-Millionen-Einwohner-Provinz Guangdong, die einst als schmutziger Hinterhof Chinas galt, stellt mittlerweile zehn Prozent aller Güter und Dienstleistungen der gesamten Republik her, führt rund 40 Prozent aller chinesischen Exportgüter aus und lockt rund ein Drittel aller ausländischen Investitionen an. In der Provinzhauptstadt Kanton verdienen die Menschen knapp 14 000 Yuan (etwa 1900 Euro) im Jahr, mehr als die Bürger Pekings und Schanghais.
Allerdings: Die Rezession in den USA hat den Aufwärtstrend gebremst. Da die Amerikaner Hauptkunden der Südchinesen sind, wuchsen die Exporte in den letzten Wochen nicht mehr so schnell an wie in der Vergangenheit.
Aufgefangen werden könnte der Rückgang durch Chinas Beitritt in die Welthandelsorganisation (WTO) im vergangenen November. Pekings Regierung muss nun Zölle senken und Handelshürden kippen, fortan dürfen ausländische Banken und Versicherungen Geschäfte machen. Investmentbanker erwarten deshalb einen Sprung bei ausländischen Investitionen.
Der Wandel ist schon jetzt immens. Aus Dörfern werden Industriestandorte. Die Zahl der Städte im Delta wuchs in den letzten 22 Jahren von 5 auf 26. Sie wurden zu unverzichtbaren Standorten der weltweiten Computerproduktion.
Zitrus- und Bananenplantagen verschwinden, an ihrer Stelle entstehen Werkhallen und Einkaufszentren, Vergnügungsparks und Wohnviertel. Die sind als Zeichen des Wohlstands mit schaurig-schönen Kuppeln, Rokoko-Putten und korinthischen Säulen geschmückt. Autobahnbrücken schwingen sich über Reisfelder, wo sich die letzten Wasserbüffel suhlen. Der Abstand zwischen den Städten schmilzt, auf jeden Delta-Bewohner kommen nicht mehr als 200 Quadratmeter Ackerland. Guangdong ist eine der am dichtesten besiedelten Provinzen Chinas.
Romantisch sind nur noch die schmalen Gassen der Städte. Dort brutzeln Täubchen in kleinen Garküchen, in den Höfen klacken die Mahjong-Steine, und in den Wohnungen glühen die roten Lichter der Ahnenaltare. Ansonsten dominieren längst Handy-, Schuh- und Textilläden, aus denen ohrenbetäubender Kanton-Pop schallt.
An der Uferpromenade der Stadt Zhuhai sind rosa Apartmentblocks und ein protziges neues Kongresszentrum entstanden. Ein Bauherr hat sich ein ganz besonderes Denkmal vor seine Immobilienfirma "Sonniger Osten" gestellt: das Flugzeug des Großen Vorsitzenden Mao Tse-tung. Die US-Maschine vom Hersteller McDonnell Douglas hat er der Armee abgekauft.
Auch die Kader zeigen ihren Reichtum offen. Vor der Regierungszentrale im Industrieort Tangxia am Ostufer des Flusses wartet auf den Ortsparteichef ein schwarzer Dienst-Mercedes S 600 V 12, mit doppeltem Nummernschild für Hongkong und Kanton. Für solch ein Auto müsste ein Dorfschullehrer rund 200 Jahre arbeiten.
Seit die rote Fahne über den ehemaligen Kolonien Hongkong und Macau weht und die Grenzen durchlässiger geworden sind, wächst das Delta zu einer Megalopolis zusammen, deren Wirtschaftskraft andere Großstädte Asiens in den Schatten stellen soll. Katamaran-Fähren durchpflügen im Stundentakt die braunen Fluten des Flusses. Von Hongkongs Flughafen Chek Lap Kok transportieren Schnellboote Fracht in 14 Städte. Der 10. Fünfjahresplan sieht neue Eisenbahnlinien zwischen den Delta-Städten vor. Hongkong, Macau und Zhuhai denken derzeit über eine 29 Kilometer lange Brücke über die Mündung des Perlflusses nach, die mehr als zwei Milliarden US-Dollar kosten dürfte.
Jeden Tag passieren rund 230 000 Menschen die Stacheldrahtzäune und Wachtürme, die Hongkong noch von der Sonderwirtschaftszone Shenzhen trennen. Die Hongkonger strömen in die kommunistische Nachbarstadt, weil dort alles billiger ist. Dicht hinter dem Grenzübergang Lo Wu plombieren und schleifen Zahnärzte Hongkonger Gebisse, zimmern Tischler Möbel für die Hongkonger Büros und arbeiten Prostituierte in als Friseursalons getarnten Bordellen für Hongkonger Freier. In Shenzhen halten sich Männer aus dem "Duftenden Hafen", wie Hongkong übersetzt heißt, unzählige Konkubinen. Vorletztes Jahr erwarben sie in Shenzhen Apartments und Villen für gut 500 Millionen Euro. In den neuen Siedlungen jenseits der Grenze gehört ihnen inzwischen jede zehnte Wohnung.
Das einst verträumte Fischerdorf Shenzhen, seit 1980 Sonderwirtschaftszone, ist mit seinen heute knapp vier Millionen Einwohnern mittlerweile eines der am schnellsten expandierenden Industriereviere der Welt. Auf dem riesigen Deng-Plakat ("Für die nächsten 100 Jahre unerschütterlich am grundlegenden Kurs der Partei festhalten") müssen Maler jedes Jahr die Stadtsilhouette im Hintergrund aktualisieren. Schon bald soll ein neues Regierungszentrum mit einer futuristischen Stadthalle entstehen.
Von einer "Perlenstadt" mit einer gemeinsamen Verwaltung sind die Bewohner des Deltas jedoch weit entfernt. Statt zusammenzuarbeiten, wetteifern die Gemeinden verbissen um jeden Investor und um jeden Yuan. Wenige Meilen vom modernen Hongkonger Hafen baute Shenzhen eigene Kaianlagen. Weiter oben im Delta sollen neue Tiefseebecken entstehen, die, wie der Textilunternehmer Henry Tang warnt, "eine Bedrohung für Hongkong sein werden". In 15 bis 20 Jahren, schätzen Fachleute, wird Shenzhen mehr Container umschlagen als die frühere britische Kronkolonie.
Allein fünf internationale Flughäfen operieren im Delta. Manche werden nur von wenigen Maschinen täglich angeflogen. Der Airport von Zhuhai steht kurz vor dem Bankrott. Dennoch lässt die Stadt Kanton nur ein paar Dutzend Kilometer weiter ein zweites Aerodrom bauen. Außerdem plant die China Southern Airlines in Shenzhen einen 25 000 Quadratmeter großen Fracht-Umschlagplatz. Er soll dem nahen Hongkonger Flughafen Konkurrenz machen.
Wenn nach Chinas WTO-Beitritt mehr ausländische Banken und Versicherungen ins Perlflussdelta kommen, könnte Hongkong schon bald seine Rolle als Finanzzentrum verlieren, fürchten nicht wenige Geschäftsleute. Der Schweizer Börsenguru und Asienkenner Marc Faber rechnet gar damit, dass Kanton in einigen Jahrzehnten Hongkong als wirtschaftliches und politisches Herz des Deltas ablösen wird.
Die dort ansässigen Unternehmen tragen selbst dazu bei. Die mächtige "Hongkong und Shanghai"-Bank zum Beispiel verlagerte jüngst einige Abteilungen nach Kanton. Dort sind die Arbeitskräfte mindestens um die Hälfte billiger.
Die künftige Riesenstadt hat allerdings einen Geburtsfehler. Sie hustet, keucht und schnauft, ihre Oberfläche ist mit einem Schmutzfilm überzogen. Der Rauch Hunderter Schornsteine verdüstert den Himmel um Dongguan, Heimat vieler Fabriken für Computerzubehör. Zwischen den Häusern suppt eine graue Kloake, in der kein Fisch mehr schwimmt. Im ganzen Delta schädigt saurer Regen Bäume und Gebäude, der Perlfluss ist streckenweise zu einem giftigen Abwasserkanal verkommen.
"Wenn das Delta weiter verstädtert, werden wir die Umweltprobleme nicht mehr in den Griff bekommen", fürchtet Geografie-Professor Li Pingri. In seiner kleinen Kantoner Wohnung schafft er Dutzende von Aufsätzen, Statistiken und Zeitungsausschnitten heran, um zu beweisen, dass trotz aller Versprechen der Politiker von Umweltschutz kaum die Rede sein kann.
Besonders empört den Professor, dass die Funktionäre den schlimmsten Sündern nicht einfach Produktionsverbot erteilen, sondern sie lediglich an den Oberlauf des Flusses umsiedeln. Eine der Giftschleudern erhielt jüngst gar eine Schonfrist von drei bis fünf Jahren, um ihre Abwässer zu klären - obwohl in ihrer Umgebung längst Fische, Federvieh und Kühe eingehen.
Dem Schutzpatron des Aufschwungs errichtete die Stadt Shenzhen dennoch im vorigen Jahr im Lotusblütenberg-Park ein Denkmal. In Bronze gegossen, schreitet Deng Xiaoping im Mao-Anzug mit wehendem Mantel energisch fürbass. Der Vormarsch in die goldene Zukunft eines "Sozialismus chinesischer Prägung" (Deng), signalisiert das Standbild, ist nicht mehr aufzuhalten.
Die junge Frau, die mit 20 anderen Wanderarbeitern aus der Provinz Sichuan an einer Straßenecke hockt und auf einen Job wartet, hat kein Problem mit dem plumpen Personenkult: "Am Perlfluss liegt unsere Zukunft." ANDREAS LORENZ
DER SPIEGEL 3/2002
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