21.01.2002

CDUDie Stehauffrau

Trotz der schweren Demütigung durch die eigene Partei in der K-Frage - die CDU-Vorsitzende Angela Merkel fühlt sich schon wieder obenauf und lässt sich an der Basis feiern.
Im großen Casino der Bayerwerke in Krefeld-Uerdingen ist kein Stuhl mehr frei. Über 800 Leute drängeln in die Kantine, um die Frau im auberginefarbenen Hosenanzug zu sehen. Sie lächelt angespannt. Sie winkt. Seit der spektakulären Kür des Kanzlerkandidaten Edmund Stoiber ist dies ihr erster öffentlicher Auftritt an der CDU-Basis. Der erste Stimmungstest nach der Entscheidung. Es wird ein Triumphzug für Angela Merkel.
Stehend applaudieren die Leute, noch bevor sie zu reden begonnen hat. Mit "Bravo"-Rufen feuern sie sie während der Rede immer wieder an. Und minutenlang klatschen sie am Ende. "Angie" ist erneut ganz oben. Und alle lieben sie, so wie damals, beim Parteitag in Essen. "Wir sind stolz auf Sie", sagt die Vorsitzende der örtlichen Frauenvereinigung und überreicht einen Blumenstrauß. "Wir aber auch", schreien die Männer.
Ist denn das die Möglichkeit? Noch vor einer Woche stand die CDU-Vorsitzende vor den Trümmern ihrer Träume. Jetzt wird die coole Norddeutsche am Rhein als Stehauffrau gefeiert. Und sie fühlt sich unangefochten auf Platz eins. "Sie sehen mich alles andere als deprimiert. Ich bin gestärkt aus dieser Sache herausgegangen", verkündet sie selbstbewusst.
Diese "Sache" - das war die bisher riskanteste Operation der Vorsitzenden Merkel, und um ein Haar wäre es auch ihre letzte gewesen. Vier mächtige Granden ihrer Partei - der Fraktionsvorsitzende Friedrich Merz und die Ministerpräsidenten Erwin Teufel (Baden-Württemberg), Roland Koch (Hessen) und Peter Müller (Saarland) - hatten den Daumen über sie gesenkt, jeder aus seinen Gründen.
Bei Teufel spielte sicherlich eine Rolle, dass er nach der Ministerpräsidenten-Kandidatur der SPD-Frau Ute Vogt in seinem Ländle generell der Meinung war, eine Frau könne das nicht. Bei Müller und Koch ging es um eigene Ambitionen, übrigens auch bei Merz, der sich offenbar ebenfalls zum Kreis derer zählt, die die Union einmal in die Schlacht führen könnten. Die drei setzten auf Stoiber, weil sie sich ausrechnen, dass bei einem Scheitern des Bayern sie als Nächste am Zuge sind.
Deshalb sollte bei der Klausur der CDU-Führungsgremien vorvergangene Woche in Magdeburg ein Votum herbeigeführt werden, das Merkel nicht mehr hätte übergehen können. Es wäre ein Putsch gegen die Vorsitzende gewesen. Sie aber beschloss, gegen die Putschisten zu putschen. "Bevor die mich per Präsidiumsbeschluss verpflichten, Stoiber den Vortritt zu lassen", so begründete sie Vertrauten gegenüber ihren Verzicht auf die Kandidatur, "tue ich es lieber selbst."
Voraussetzung für das Gelingen des Coups war allerdings, dass niemand zur Unzeit davon Wind bekam. Rudolf Seiters hatte sie, Anfang der Entscheidungswoche, mal beiläufig gefragt, ob man das Vier-Augen-Gespräch zwischen ihr und Edmund Stoiber nicht vorziehen könne - dies aber eher mit dem Tenor: damit die Sache endlich vom Tisch ist. Irgendwann in der Nacht von Mittwoch auf Donnerstag hat sie diesen Gedanken, den sie zuerst strikt zurückgewiesen hatte, an sich herangelassen und die Konsequenzen kalkuliert. Und am Donnerstagmittag war sie entschieden.
Jetzt musste allerdings auch Stoiber mitspielen, sonst wäre das Projekt zum Scheitern verurteilt gewesen. Stoiber zierte sich. Er wusste nicht, was Merkel im Schilde führte - und sie verriet es ihm auch nicht. Aber sie drängelte. Das Gespräch müsse vorgezogen werden. Wenn es dazu nicht komme, sei es jedenfalls nicht ihre Schuld, wenn es Verletzungen auf beiden Seiten gebe. Daraufhin gab Stoiber nach einer kurzen Bedenkzeit das Okay für das Frühstück am Freitag in Wolfratshausen.
Als sie in Magdeburg ankam, kursierten zwar schon erste Gerüchte. Aber sie ist ziemlich sicher, dass niemand richtig Bescheid wusste - Koch am allerwenigsten.
Die verdutzten Gesichter der CDU-Präsiden wird Angela Merkel nie vergessen. Nachdem sie kurz und knapp ihren Verzicht mitgeteilt hatte, herrschte eine Minute lang Schweigen. Dann meldete sich Bernhard Vogel und hielt eine kleine Laudatio. Wieder schwieg die Runde. Dann meldete sich Roland Koch. Was denn nun werden solle aus dem gemeinsamen Wahlkampf? Und wie die Koordination funktioniere? Und überhaupt: Man müsse jetzt ja auch an die "Würde der CDU" denken, dass sie sich nicht untergebuttert fühle.
Da ist Angela Merkel, wie Teilnehmer berichten, allerdings etwas streng geworden. "Wenn es einen gibt, der sich in Sachen ,Würde der CDU'' nichts vorzuwerfen hat, Herr Koch, dann bin ich das."
Hatte nicht der Ministerpräsident Teufel sie vor Wochen bekniet, sie möge ihre eigenen Ambitionen zurückstellen, zu Stoiber fahren und diesen herzlich bitten, die Kandidatur zu übernehmen? Das hat sie seinerzeit entschieden abgelehnt - wie käme sie dazu, als Vorsitzende der großen CDU den Chef der kleinen CSU um so etwas zu bitten? Das hätte aus ihrer Sicht die Würde der CDU verletzt.
Jetzt fühlt sie sich obenauf. "Ich habe eine bewusste Entscheidung mit dem Blick auf das Wohl der Partei getroffen. Nach dem Motto: ''Erst die Partei, dann die Person''." Das klingt zwar viel zu schön, um wahr zu sein. Aber an der Parteibasis wird sie dafür gefeiert.
Dreimal hat sie seit ihrer Wahl zur Parteichefin vor großen Niederlagen gestanden. Das erste Mal, als Gerhard Schröder sie im Bundesrat mit der Steuerreform vorführte. Da war sie noch zu naiv, um den Trick zu durchschauen. Das zweite Mal ein Jahr später, als der Bundeskanzler die Union brauchte, um die Entsendung von Soldaten nach Mazedonien im Bundestag durchzubringen. Die Fraktion wollte nicht zustimmen. Sie war der Meinung, dass dies ein verhängnisvoller Fehler wäre. Zum Schluss wurde abgestimmt. 162 Abgeordnete lagen auf ihrer Linie, 61 waren gegen sie.
Allen war klar, dass es gar nicht mehr um Mazedonien, sondern um die Zukunft der Vorsitzenden Merkel ging. Die hatte damals schon ausstreuen lassen, dass sie sogar den Rücktritt in Kauf nehmen würde. Die Sache endete glimpflich: "Wenige Meter vor dem Abgrund haben wir den Wagen anhalten können."
Die dritte Machtprobe war die K-Frage. "Und diesmal habe ich gezeigt, dass man durch kluges Verhalten auch gestalten kann." Sicher: Die Sache war ausgereizt, als sie sich entschloss, zu Stoiber zu fahren. Mehr herauszuholen war nicht drin. "Es macht ja keinen Sinn", spottete später der CSU-Landesgruppenchef im Bundestag, Michael Glos, "eine Festung zu verteidigen, die schon längst gefallen und deren Besatzung schon übergelaufen ist."
Trotzdem fühlt sich Merkel zumindest langfristig als Siegerin im Spiel. "Man muss in entscheidenden Momenten bereit sein, das volle Risiko einzugehen." Wäre sie per Beschluss der Vorständler zum Verzicht gezwungen worden, hätte sie nicht mehr Vorsitzende sein können - und Kanzlerkandidatin ein für alle Mal schon gar nicht. So aber behielt sie das Amt und alle Optionen.
Die K-Kür war für Merkel eine wichtige Erfahrung. Sie weiß jetzt, wo ihre Truppen stehen und in welchen Landesverbänden sie noch um Zuspruch und Vertrauen werben muss. Vor allem aber, wem in der CDU-Führung sie überhaupt noch trauen kann und wem nicht. Sie hat im Haifischbecken überlebt und noch viel vor.
Kompensationsgeschäfte? Da wird sie wirklich wütend - typisch Mann, schon die Frage. Was alles gestreut wurde in den letzten Tagen: Ministerpräsidentin in Sachsen könne sie werden, wenn Biedenkopf abtritt. Spitzenkandidatin in Schwerin, wo parallel zum Bundestag am 22. September ein neuer Landtag gewählt wird. Sie wird alle diese Angebote ablehnen. "Mein Platz ist die Bundespolitik - Punkt und fertig."
Roland Koch wird es verstanden haben: Das nächste Duell ist programmiert.
HARTMUT PALMER
* Am vergangenen Donnerstag im Casino der Bayerwerke.
Von Hartmut Palmer

DER SPIEGEL 4/2002
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