21.01.2002

SACHSEN

Letztes Aufgebot

Von Wassermann, Andreas und Winter, Steffen

Nach seiner Rücktrittsankündigung kennt Ministerpräsident Biedenkopf nur noch ein Ziel: seinen Dauerkonkurrenten Georg Milbradt als Nachfolger zu verhindern.

So aufgeräumt und aufgekratzt hatte Steffen Flath seinen Chef seit Monaten nicht mehr erlebt: "Der platzt bald vor guter Laune", wunderte sich Sachsens Umweltminister. Regierungssprecher Michael Sagurna fand, Ministerpräsident Kurt Biedenkopf sei einfach "heiter".

Das Stimmungshoch des greisen Patriarchen, nur vier Tage bevor er den Termin seines aufgenötigten Abgangs bekannt gab, war selbst engsten Vertrauten unheimlich. Bis Mittwoch, 16. Januar, 11.42 Uhr. Da zog der Professor blank und drosch mit irrem Spaß los - auf die Sachsen-Union, die er selbst maßgeblich mit aufgebaut hatte.

In gesetzten Worten, teils selig lächelnd, verlas der affärengeschüttelte Landesvater der live zugeschalteten Öffentlichkeit den wahren Grund seines raschen Ausscheidens. Die Führung seiner eigenen Partei, insbesondere Parteichef Georg Milbradt, habe ihn aus dem Amt gemobbt.

Seit jenen Minuten werden an der Elbe die Trümmer zusammengekehrt. Die sächsische Union, absolute Mehrheiten und starke Führung gewöhnt, taumelt wenige Monate vor der Bundestagswahl unter dem Schlag des verbitterten alten Mannes. Tief zerrissen wankt sie zwischen Loyalität zu ihrer langjährigen Lichtgestalt Biedenkopf, 71, und Abscheu vor deren Versuch, Milbradt, den einzig ernst zu nehmenden Nachfolgekandidaten, um jeden Preis zu verhindern.

Das Ausmaß der Krise im einstigen CDU-Musterland ist beachtlich. Nach Biedenkopfs Angriff kündigten Wirtschaftsminister Kajo Schommer, Sozialminister Hans Geisler und Justizminister Manfred Kolbe an, in drei Monaten gemeinsam mit dem Regierungschef ihre Ämter aufzugeben. Und schon jetzt hat die Union in Umfragen die absolute Mehrheit verloren, mit der sie seit elf Jahren regiert.

Mit Sorge beobachten auch Parteigranden in Berlin, wie Biedenkopf den sächsischen CDU-Chef nicht nur frontal, sondern auch hinterrücks erledigen will. In Vier-Augen-Gesprächen mit Abgeordneten und Kommunalpolitikern warnt er vor Milbradt, der die einst so harmonische Partei zerstöre. "Biedenkopf hat nur noch Schmutz im Rohr", befürchtet der Landtagsabgeordnete Heinz Eggert.

Des Alten letztes Aufgebot schießt volles Rohr mit. Fraktionschef Fritz Hähle sehnte sich am Tag nach der Rücktrittsankündigung nach einem weiteren Bewerber für die Nachfolge. "Im Sinne der Mitbestimmung der Partei wäre es schön, wenn es noch Alternativen gäbe." Der scheidende Sozialminister Geisler streute Gift mit dem Satz, es sei nicht so, "dass man nur den gegenwärtigen Landesvorsitzenden als Nachfolger sieht". Und Flath, den Biedenkopf vor Wochen gegen Milbradt in die aussichtslose Schlacht um den Parteivorsitz geschickt hatte, sekundierte: Es wäre keine Katastrophe, "wenn es einen Gegenkandidaten gibt".

Doch als Vollstrecker seines letzten Willens, Milbradts Untergang, hat sich Biedenkopf den falschen Mann ausgesucht: Finanzminister Thomas de Maizière. Zwar ist der Jurist für höhere Weihen seit jeher empfänglich; auch werden aus den Reihen von CDU-Provinzfürsten Stimmen laut, der Technokrat solle gegen Milbradt antreten und anschließend als großer Integrator der Partei wieder die himmlische Ruhe von einst herbeiführen. Doch kürzlich scheiterte de Maizière schon bei dem Versuch, sich von seinem Kreisverband Dresden für den Landesvorstand nominieren zu lassen. Und: "Der Mann ist klug genug, nicht als Biedenkopfs Erblast anzutreten", vermutet Ex-Kabinettskollege Steffen Heitmann.

Auch das Milbradt-Lager setzt auf Vernunft. Der Sonderparteitag im März werde Milbradt allem Sperrfeuer zum Trotz für das Amt des Ministerpräsidenten nominieren, glauben seine Getreuen. Sein absehbarer Aufstieg weckt schließlich Begehrlichkeiten bei Unionspolitikern, die der Kandidat selbst geschickt nährt. Er könne bei der Regierungsbildung ohne Importe auskommen, signalisierte er Partei und Fraktion. Schon halten sich fast ein Dutzend Landtagsabgeordnete unter einem Ministerpräsidenten Milbradt für ministrabel.

Der setzt aber vor allem auf alte Vertraute und strategische Bündnisse. Schon nachdem Biedenkopf ihn als Minister im vorigen Januar rüde aus dem Kabinett geworfen hatte, scharte Milbradt alle um sich, die das Ende der Biedenkopf-Ära seit Jahren herbeisehnen. Zu den eifrigsten Anwärtern auf einen Posten gehören der Notar Christoph Hollenders, die Landrätin von Kamenz, Andrea Fischer, und CDU-Generalsekretär Hermann Winkler. Vor allem Fischer oder Winkler könnten Milbradts Staatskanzlei managen und den glücklosen Biedenkopf-Getreuen Georg Brüggen ablösen. Auch der Rechtsexperte der Fraktion, der Bautzener Marko Schiemann, und der Haushälter Horst Metz könnten auf Ministerehren hoffen.

Ein Minister Metz wäre Milbradts Rache am rachedurstigen Biedenkopf. Metz kandidierte in Absprache mit Milbradt Anfang 2001 für den Vorsitz der Fraktion gegen den Biedenkopf-Getreuen Fritz Hähle. Nachdem der Ministerpräsident ein Machtwort gesprochen hatte, wurde Hähle knapp gewählt. Milbradt, den Biedenkopf als den wahren Urheber des Putschversuchs ausmachte, wurde kurz danach entlassen.

ANDREAS WASSERMANN, STEFFEN WINTER


DER SPIEGEL 4/2002
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