DER SPIEGEL



Defätismusfreie Zone

Von Smoltczyk, Alexander

Ortstermin: Im War-Room von Schröders Wahlkampftruppe "Kampa 02"

Es ist 9 Uhr morgens, und der Gegner muss sich warm anziehen. Joe, der Ost-Beobachter, meldet "sehr positive Reaktionen" aus Magdeburg und eine vergriffene Broschüre. "Wird nachgedruckt", sagt Matthias, der Bundesgeschäftsführer, und weil die Zeit drängt, fügt er noch hinzu, dass die Web-Seite www.nichtregierungsfaehig.de "noch ein paar Infos kommunizieren" müsse: "Die Kernbotschaft nächste Woche wird sein, dass Sicherheit ein sozialdemokratisches Thema ist." Das werde mit dem Kanzleramt noch abgesprochen. Der Franz sei leider heute morgen verhindert, wegen des Funktionärstreffens.

Noch 249 Tage.

Es ist "Morgenlage" in der Kampa 02, der Berliner Wahlkampfzentrale der SPD. 17 Parteiangestellte sitzen vor Thermoskannen um einen Tisch und besprechen die nötigen Manöver, die Taktik des Tages, um ihren Kanzler im Herbst wieder ins Amt zu bekommen.

Letzten September mietete Franz Münteferings Truppe drei Etagen in der Oranienburger Straße an, in Berlins Osten. Das sei die neue Mitte der Stadt und programmatisch zu verstehen. An diesem Ort ist schon Alexander von Humboldt gestorben. Jetzt ist hier eine mit Fahrstuhlcodes und gegeltem Doorman gesicherte Kommandozentrale. Mit hundert Bildschirmen, kommunikativer Teeküche und einem Durchschnittsalter von 34. Das große Plakat an der Fassade "Die Kampa 02. Wir haben noch viel vor" wird allerdings wieder abgehängt. Das Bezirksamt hatte Einwände.

Als Markenzeichen hat sich die Kampa das Tintenblau "HSK 42" ausgesucht. Alle Transparente und Parteitags-Hintergründe sind in diesem Farbton, alle Kampa-Broschüren, Sticker, Namensschildchen, Flyer und selbst die Papiermülltonne draußen vor der Tür, aber das mag Zufall sein.

In der Vitrine am Eingang gibt es die üblichen Feuerzeuge und Füller mit dem Parteilogo, und aus irgendeinem Grund heißt der weiße SPD-Plüschbär im Schaufenster Rudi. Doch das ist belanglos. Wichtig ist, dass die SPD wieder die modernste Wahlkampfzentrale im Einsatz hat. Mit Online-Datenbank für die Kandidaten, Hotline, Kommunikationskampagnen und zentral gesteuertem Rednereinsatz.

Noch am Nachmittag von Stoibers Nominierung wurde eine ganzseitige Anzeige in der "Bild"-Zeitung geschaltet: "Endlich: der Kandidat der CDU/CSU ist da (leider nicht im Bild, da zu weit rechts)". Das Motiv lag schon seit vier Wochen in der Schublade.

"Bernd, sach mal schnell: Was ist mit den Umfragen?" Bernd, der Bereichsleiter "Recherche", sagt, er teste gerade verschiedene Angriffslinien und habe seine qualifizierten Fokusgruppen über ihre Assoziationen zu Stoiber befragt, und die dritte Panel-Befragung werde zeigen, welche Wechselwählergruppe noch stabilisiert werden müsse. Matthias, der Bundesgeschäftsführer, ist glücklich. Das läuft doch heute Morgen.

Beim letzten Kampa-Einsatz 1998 zählte eine Riesenuhr am Dach den Countdown des Kanzlers Kohl. Die Uhr ist diesmal weg, logisch. Alles ist anders. Beim letzten Wahlkampf konnten die Kampa-Leute eine Wundertüte verkaufen, schön anzusehen und gewiss voller Überraschungen. Aber dann war doch nur wieder Puffreis in der Tüte, und jetzt muss die Kampa 02 den Leuten klar machen, dass sie das ziemlich fade Zeug vier weitere Jahre kauen wollen. Nicht so einfach. Aber die Kampa 02 hat sich zur defätismusfreien Zone erklärt.

Malte, der zwischen den jungen Krawattierten am Tisch aussieht wie ein traurig-zorniger Lehrer, ist für Gegnerbeobachtung zuständig. Er muss wissen, was Stoibers und Merkels Leute gerade aushecken. "Die basteln im Augenblick an einem Hundert-Tage-Programm, beide Parteien", sagt Malte. "Und Stoiber an einem Schattenkabinett. Aber das wird nicht möglich sein, weil er für die meisten Posten gar kein Vorschlagsrecht hat."

Die Hauptstärke der Kampa ist die Schwäche der Konkurrenz: "Goppel und Meyer haben sich gestern heimlich auf dem Düsseldorfer Flughafen getroffen", sagt Michael, der Pressebeobachter. "Die wissen immer noch nicht, wie sie ihre Wahlkampfzentralen in München und Berlin unter einen Hut bringen wollen."

Kajo, der eigentlich Historiker ist, aber jetzt in perfekt gebügeltem Hemd die Wahlkreislogistik organisiert, lässt ein bläulich glimmendes, silbernes Edelstahletui um den Tisch reichen. Die Wunderwaffe für den Wahlkreiskämpfer: ein Kleinstcomputer, der alle Antworten hat. Weshalb es eigentlich weniger Arbeitslose gibt, weshalb die Rente eigentlich doch sicher ist und weshalb der Gerd im Grunde genommen doch alle seine Kanzlerversprechen erfüllt hat.

"890 Mark kostet der", sagt Kajo. Per Handy könne auch online aktualisiert werden. Egal, was draußen passiert, ob Nullwachstum, Pressespott oder EU-Rüge - der kleine Silberkasten liefert die Gegenwelt.

10 Uhr, und der Franz ist immer noch nicht da. Der Generalsekretär der SPD hat sein Arbeitszimmer im zweiten Stock, es ist ein heller, aufgeräumter Raum. Gegenüber seinem Schreibtisch hat Müntefering ein Bild aufgehängt. Er muss es beim Arbeiten genau im Blick haben. Das Bild zeigt einen kleinen Mann, der sich ein aufwendig gebasteltes Fluggerät auf den Rücken geschnallt hat. Der Mann steht am Rande eines Abgrunds. ALEXANDER SMOLTCZYK


DER SPIEGEL 4/2002
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://corporate.spiegel.de finden Sie Angebote für die Nutzung von SPIEGEL-Content zur Informationsversorgung von Firmen, Organisationen, Bibliotheken und Journalisten.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.

DER SPIEGEL 4/2002

Titelbild

Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!


Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Bei Spodats erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF

Artikel als PDF ansehen

Defätismusfreie Zone

TOP



TOP