21.01.2002

FERNSEHEN „Gegen die Wand“

Siegfried Braun, 63, Redaktionsleiter im ZDF-Fernsehspiel und verantwortlich für den Sechsteiler „Die Affäre Semmeling“, über die Plagiatsvorwürfe gegen „Semmeling“-Erfinder Dieter Wedel
SPIEGEL: Herr Braun, "Die Affäre Semmeling" steht schwer unter Beschuss: Der Regisseur und Drehbuchautor Wedel wird beschuldigt, etliche Dialoge bei Hollywood-Filmen und aus dem Polit-Roman "Monrepos" abgekupfert zu haben. Haben Sie nicht richtig aufgepasst?
Braun: Wahrnehmungsprobleme hat in diesem Fall wohl derjenige, der sich bei neuneinhalb Stunden Film auf den scheinbaren Gleichklang von ein paar unwichtigen Zitaten stürzt.
SPIEGEL: Machen Sie es sich nicht etwas zu einfach? Schließlich entdeckten Kritiker auch bei den Wedel-Reihen "Der große Bellheim" und "Der Schattenmann" verdächtige Ähnlichkeiten mit bekannten Vorbildern.
Braun: Plagiatsvorwürfe kommen sehr oft von Trittbrettfahrern, die sich an einen Erfolg anhängen, um sich damit aufzuwerten. Trotzdem gibt es natürlich Déjàvu-Erlebnisse, in der Kunst und im wirklichen Leben. Daran ist nichts Schlimmes, das erleichtert die Orientierung. Es wäre aberwitzig, die ganze Literatur durchzuforsten, ob schon jemand etwas Ähnliches geschrieben hat. Bestimmte Dialoge sind situationsbezogen. Wer sagt "Ich liebe dich", macht sich noch keines Plagiats schuldig, nur weil das bei "Romeo und Julia" so ähnlich auch vorkommt.
SPIEGEL: Selbst wenn Sie Plagiate entdeckt hätten: Wie viel hat ein Redakteur eigentlich zu melden gegen den Egomanen Wedel?
Braun: Wir arbeiten zusammen, nicht gegeneinander. Das ist nicht abwertende Distanz, sondern kritische Solidarität. Ich bin die Wand, gegen die Dieter Wedel immer seinen Ball drischt. Wedel ist viel selbstkritischer und für Argumente offener, als Sie vermuten. Was glauben Sie, was passiert wäre, wenn er völlig ungebremst gearbeitet hätte?
SPIEGEL: Möglicherweise wäre er immer noch nicht fertig.
Braun: Oder er hätte statt der ursprünglich geplanten vier Episoden sieben oder acht abgeliefert. Solange Wedel noch keine eigene Antenne besitzt, hat das letzte Wort immer der Sender.

DER SPIEGEL 4/2002
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