Von Wellershoff, Marianne
Ein Großmaul ist er schon. Aber das gesteht er auch freimütig ein: "Von allen Romanautoren, die ich kenne, bin ich der ehrgeizigste", sagt Jonathan Franzen, 43.
Im April 1996 veröffentlichte der US-Amerikaner, der zu diesem Zeitpunkt zwei Erzählbücher geschrieben hatte, einen langen Essay in der angesehenen Zeitschrift "Harper''s Magazine". Romane, so meinte er darin, seien bedeutungslos geworden. Vor allem das Fernsehen habe den Autoren die Stoffe gestohlen: "Sie sehen sich einer Kultur gegenüber, in der fast alle Themen fast immer abgenutzt sind." Von Büchern werde auch keine Gesellschaftskritik mehr erwartet, sondern vor allem Unterhaltung.
Diese Einsicht, gestand er, habe ihn in Depressionen gestürzt, denn sein Ziel sei es stets gewesen, "dem Mainstream Neuigkeiten zu erzählen". Das Ziel erschien ihm unerreichbar: Wozu sich also Tag für Tag an den Computer quälen? Worüber noch schreiben? Und so habe er beschlossen, fortan einfach das zu tun, was ihm Spaß
mache: eine kleine private Welt erfinden und sie mit interessanten Figuren bevölkern. Seitdem sei er mit seinem dritten Roman gut vorangekommen. Und natürlich: Auch in dieser bescheideneren fiktiven Welt spiegele sich die große soziale Realität - sozusagen automatisch.
Franzen, damals 37 Jahre alt, hatte sich vorgenommen, "den ultimativen Gesellschaftsroman" zu schreiben. Mit dem provokanten Essay hatte er seine Ambitionen zum öffentlichen Thema gemacht. "Ich legte die Latte höher", sagt Franzen, "und das bedeutete wirklich furchtbaren Stress."
Mit 200 Seiten Manuskript unter dem Arm stapfte er 1996 von seiner Wohnung im New Yorker Stadtteil Queens zu seinem Verlag und ließ sich einen schönen Vorschuss überweisen. Doch als Franzen 1997 das fertige Buch abgeben sollte, waren nur noch 20 Seiten übrig. Den Rest hatte er als ultimativen Mist in den Papierkorb geworfen.
Vier Jahre später hat der Autor die hoch gelegte Latte doch noch übersprungen. Im Frühjahr 2001 verschickte der Verleger Jonathan Galassi 3500 Leseexemplare von Franzens Roman "The Corrections" an Buchhändler und Kritiker - die Geschichte einer Familie aus dem Mittleren Westen**. Im Begleitbrief jubelte er, dies sei eines der besten Bücher, die sein Verlag in den vergangenen 15 Jahren herausgebracht habe. Immerhin erscheinen auch die Werke von Tom Wolfe und Scott Turow bei Galassi.
Als Franzens 568-Seiten-Roman schließlich auf den Markt kam, hatte es sich längst herumgesprochen: Das Buch war eine Sensation. Seit Don DeLillos "Underworld" 1997 hatte es in den USA keine solche Aufregung mehr um einen Roman gegeben. "The Corrections" kletterte auf Platz eins der "New York Times"-Bestsellerliste und steht immer noch auf Platz drei. Hollywood kaufte die Filmrechte. Und die Rezensenten waren begeistert, sogar mehr als das: Franzen habe einen so guten Gesellschaftsroman vorgelegt, erklärte "Entertainment Weekly", wie John Irving und Tom Wolfe ihn nie schreiben könnten.
Das Fachblatt "Publishers Weekly" sprach von einem "Meisterwerk", die "New York Times" von einem "fabelhaften neuen Roman", von einem amerikanischen Gegenstück zu Thomas Manns "Buddenbrooks". Das Magazin "Time" nannte den Roman, der im Herbst im Alexander Fest Verlag auf Deutsch erscheint, "eines der besten Bücher des Jahres" (Franzen liest am Donnerstag in der Berliner American Academy aus dem Roman). Schließlich gewann "The Corrections" den hoch angesehenen "National Book Award". Lizenzen wurden bislang in 18 Länder verkauft. Franzen ist nach 700 000 verkauften Exemplaren um mehr als eine Million Dollar reicher - auch finanziell hat sich der Zweifel am Roman als solchem für ihn gelohnt.
Wie Franzen in seinem Essay angekündigt hatte, bewegt sich "The Corrections" auf zwei Ebenen: Erstens erzählt er dem Mainstream Neuigkeiten, indem er die großen amerikanischen und eben doch noch nicht abgenutzten Themen der neunziger Jahre aufgreift und analysiert - Börsenwahn und Geldgier, Internet-Boom, Biotechnologie und neue Technik-Gläubigkeit. Und zweitens beschreibt er den Mikrokosmos einer amerikanischen Familie: deren emotionale Turbulenzen ebenso wie das Scheitern der verschiedenen Lebensentwürfe - das ist eher ein US-Evergreen als eine Neuigkeit, aber farbig und unterhaltsam geschildert.
So ist "The Corrections" auch auf zwei Weisen zu lesen: entweder als schwarze gesellschaftskritische Komödie oder als mehr oder weniger herzerwärmende Saga einer zerfallenden Familie - was erklärt, dass dieses Werk gleichzeitig die Kritiker begeisterte und das große Publikum gewann.
Der Roman handelt von Alfred und Enid Lambert, einem Ehepaar Mitte siebzig, das in der fiktiven Stadt St. Jude im Mittleren Westen lebt - auch der Autor kommt aus dieser Gegend. Alfred hat früher als Ingenieur für die Eisenbahn gearbeitet, und Enid hatte gehofft, dass sie wenigstens im Ruhestand das Leben gemeinsam genießen könnten. Doch Alfred, der vom Genießen sowieso nie etwas verstanden hat, leidet (ähnlich wie Franzens inzwischen verstorbener Vater) unter Parkinson und beginnendem Alzheimer. Am liebsten sitzt Alfred in seinem Sessel im Keller und schläft.
Trotzdem hat Enid sich durchgesetzt und eine Kreuzfahrt entlang der amerikanischen Osküste gebucht. Die Reise endet in einem Desaster: Alfred, nun endgültig geistig verwirrt, fällt ins Meer und kann nur mit knapper Not gerettet werden.
Die Kinder der beiden sind zwar äußerlich gesünder, dafür aber psychisch kaum weniger angeschlagen. Chip, der jüngere Sohn, war mal Literaturdozent, doch die Universität hat ihn rausgeschmissen. Denn er hatte, von der Psychodroge "Mexican A" sexuell stimuliert, eine Affäre mit einer Studentin. Nun ist er pleite, und sein Versuch, ein Drehbuch über den Lewinsky-Skandal zu schreiben, ist gescheitert: Das Skript begann mit einem sechsseitigen Monolog über den Phallus im Tudor-Drama und beschrieb anschließend nur noch Riesenbrüste. Überstürzt flieht Chip vor sich und seinen Schulden nach Litauen, wo er an einem groß angelegten Internet-Betrug mitarbeitet.
Denise, die Jüngste, ist eine erfolgreiche Gourmet-Köchin, rührt allerdings privat in zu vielen Töpfen: Sie hat gleichzeitig eine Affäre mit ihrem Chef und der Frau ihres Chefs.
Und dann gibt es noch den älteren Sohn Gary, stellvertretender Direktor einer Bank in Philadelphia. Er ist verheiratet mit einer schönen Blondine aus besserer Familie und hat mir ihr drei Söhne. Das klingt nach Idylle, doch in Wahrheit ist die Ehe ruiniert: Seine Frau versucht, ihm mit nervtötendem Psychogeschwafel einzureden, er leide unter Depressionen, und entfremdet die Kinder ihrem Vater. Gary ertränkt seine Angst in Martinis und arbeitet wie ein Feldherr Strategien für die täglichen Eheschlachten aus. Und verliert doch immer.
Franzen widmet jeder seiner Hauptfiguren ein langes Kapitel. Die Klammer, die alle Erzählstränge zusammenhält, ist die Frage: Werden sich alle Lamberts - nach der bizarren Kreuzfahrt der Eltern - zu "einem letzten Weihnachten" in St. Jude zusammenfinden, wie Mutter Enid es sich so dringend wünscht?
Die Frage ist so trivial wie symbolisch, denn natürlich steht dahinter das immer wieder propagierte amerikanische Ideal der "family values" - das der US-Präsident der neunziger Jahre, Bill Clinton, mit seinen Sex-Eskapaden schwer beschädigt hat. Als ein Interviewer Franzen nach der "dysfunktionalen Familie" Lambert fragte, antwortete er: "Ich finde diesen Ausdruck ''dysfunktionale Familie'' sehr kurios. Er scheint zu implizieren, dass es so etwas wie eine funktionierende Familie gibt."
Die Lamberts jedenfalls funktionieren nicht. Da gibt es zum Beispiel den klassischen Vater-Sohn-Konflikt, ähnlich wie etwa in John Steinbecks "Jenseits von Eden" oder in dem Stück "Die Katze auf dem heißen Blechdach" von Tennessee Williams: Der ältere, brave Sohn bettelt vergebens um die Liebe des Vaters, indem er ihm alles recht machen will. Der jüngere Bruder dagegen rebelliert - und wird vom Vater geliebt.
Familie ist Schicksal, und so sind die Lebenseinstellungen der drei Lambert-Kinder als Reaktionen auf ihre Eltern und deren Welt zu verstehen: als mehr oder weniger starke Versuche, das Fatum zu korrigieren. Denise sucht offensiv nach erotischen Erfahrungen, während die Mutter unter Sex versteht, auf dem Rücken zu liegen und zu ertragen. Chip verstrickt sich mit großem Spaß in einen transatlantischen Anlegerbetrug, während der überkorrekte Vater sogar noch den Gewinn aus einer genialen Erfindung mit seinem früheren Arbeitgeber teilen will. Und Gary will unbedingt zur oberen Mittelklasse gehören, bei der sich Mutter Enid vergebens um Mitgliedschaft beworben hat.
Die Korrekturen sind, der Romantitel suggeriert das schon, das Leitmotiv des Buchs. Er habe sich über den "typisch amerikanischen Optimismus" lustig machen wollen, sagt Franzen, jenen Wahn, schier alles in der Welt reparieren, verbessern, verschönern zu können. Denn geschrieben hat er, damals selbst fast pleite und deprimiert, seinen Roman in Zeiten des Dow-Jones-Booms, des Silicon-Valley-Hypes und der neuen Biotechnik-Gläubigkeit, als die Überwindung von Alter und Tod nur noch eine Frage der Zeit und der richtigen Chemie zu sein schien. Auch für die Seelen-Optimierung gab es Mittel, etwa das Antidepressivum Prozac.
Und so ist Gary denn auch besessen davon, Aktien einer Pharmafirma zu kaufen, die ein Medikament namens "Correcktall" auf den Markt bringen will - ein Wundermittel, das altersbedingte Hirnschäden reparieren soll (seltsamerweise schluckt Chip das gleiche Medikament als "Mexican A" genannte Sexdroge und Enid als Glückspille Marke "Aslan"). Allerdings hat ausgerechnet Alfred das geniale Patent für die Herstellung entwickelt, das die Pharmafirma dem alten Mann nun billig abhandeln will. Das Unternehmen erpresst Gary: Er wird nur Aktien erhalten, und sein Vater darf nur an der ersten Testreihe für das Medikament teilnehmen, wenn die Familie sich mit der lächerlichen Summe von 5000 Dollar für das Patent zufrieden gibt - so böse ist Corporate America.
Franzen demonstriert, wie es sich für einen Gesellschaftsroman gehört, das Allgemeine am Einzelfall. Hunderte von Seiten, zwischen 1997 und 2000 verfasst, hatte er jedoch vorher vernichtet. Sie handelten von Anarchisten in Philadelphia, vom amerikanischen Justizsystem, von Wall Street und Rassenbeziehungen. Franzen musste einsehen, dass er zwar, wie auch in seinen ersten beiden gesellschaftskritischen Romanen, "die heißen Themen" des Jahrzehnts behandelt hatte, "die Figuren aber leblos blieben". Und so hat er denn 80 Prozent des Manuskripts rasch neu konzipiert und formuliert - in den letzten zehn Monaten vor Abgabe des Textes. Entsprechend aktuell ist das Ergebnis: Sogar den Crash der Technologiebörse Nasdaq hat er eingearbeitet.
Franzens Helden in "Corrections" sind auf anrührende Weise menschlich und lebendig. Sie verheddern sich immer wieder in Situationen, die zugleich tragisch und grotesk sind: Chip klaut Lachs für 78,40 Dollar in einem hochpolierten New Yorker Gourmet-Supermarkt, trifft dort einen Bekannten und muss mit ihm ein Gespräch über Biotech-Aktien führen, während der ölig-glitschige Fisch die Unterhose durchweicht; der anal fixierte Alfred wird in seinen Halluzinationen von einem herumtanzenden bösartigen Stück Scheiße beschimpft; und Gary, im Martini-Rausch, schneidet sich mit der Heckenschere in den Finger, der dann stundenlang heftig blutet. Die Wunde will er vor seiner Frau verbergen, um ihr keinen weiteren Beleg für ihre Behauptung zu liefern, er sei ein depressiver Alkoholiker.
Dies seien die besten 568 Seiten gewesen, sagte die US-Talkmasterin Oprah Winfrey, die sie seit Jahren gelesen habe. Sie nahm "The Corrections" in ihre Buchclub-Empfehlungen auf, was sechsstellige Auflagen garantiert, und lud Franzen in ihre Show ein, was in der Regel noch mehr Verkäufe zur Folge hat. Der Verlag druckte umgehend 550 000 Exemplare mit dem Oprah-Buchclub-Siegel auf dem Umschlag.
Es waren diese kleinen menschlichen, irgendwie herzerwärmenden Episoden gewesen, die Winfrey so begeistert hatten - und nicht die große Gesellschaftskritik. Und das passte Franzen natürlich nicht. Mit der Aufnahme in den Club werde daher dem "ernsthaften Leser" suggeriert, erklärte der Autor öffentlich, "The Corrections" seien "irgend so ein schmalziges, thematisch eindimensionales Buch". Daraufhin lud Winfrey ihn aus ihrer Show aus, beließ den Roman aber in ihrem Buchclub. Franzen entschuldigte sich gequält.
Letztendlich bietet "The Corrections" vor allem großartige Unterhaltung. Der "ultimative Gesellschaftsroman" ist das Buch nicht. Denn es fällt selbst jenem Optimierungsglauben zum Opfer, den es kritisieren will. Für die meisten der Hauptfiguren gibt es, Überraschung, ein Happy End, und selbst im Alter von 75 Jahren kann man sein Leben noch korrigieren - eine Botschaft zum Wohlfühlen, die Auflage verspricht. Kein Wunder, dass Franzen lange mit sich gekämpft hat, als er das letzte Kapitel konzipierte.
In seinem "Harper''s"-Essay beschrieb er zynisch "den Hauptgewinn" für Autoren, deren Bücher nicht mehr versuchen, die Gesellschaft zu korrigieren: "Geld, Hype, Limousinenfahrt zum Fototermin bei der ''Vogue''."
Nun ist Franzen selbst der Hauptgewinner. MARIANNE WELLERSHOFF
DER SPIEGEL 4/2002
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