28.01.2002

KIRCHEPlötzliche Bauchschmerzen

Der katholische Bischof Walter Mixa wurde vom mazedonischen Zoll mit rund 400 000 Mark erwischt. Das Geld kam offenbar aus einer grauen Kasse.
Die Visitation des Militärbischofs Mixa bei den deutschen Truppen in Mazedonien hatte gerade erst begonnen, da begab sich Hochwürden im Auftrag des Herrn auf eine ganz andere Mission.
Ohne Begleitung ließ sich der 60-jährige Oberhirte der bayerischen Diözese Eichstätt am Bischofssitz seines Amtskollegen Joakim Herbut in Skopje absetzen, und als Walter Mixa am nächsten Morgen die Privatgemächer Herbuts im ersten Stock verließ, trug er 400 090 Mark, größtenteils in Tausenderscheinen, bei sich. Ein Geldsegen, der ganz plötzlich, ganz unerwartet auf ihn niedergekommen sei.
Die angeblich unbefleckte Empfängnis bringt den deutschen Militärbischof, zuständig für den geistlichen Beistand von 105 000 Soldaten, nun in erhebliche Erklärungsnot. Denn so unergründlich die Wege des Herrn auch sein mögen, dieser Weg seines irdischen Vertreters Mixa am 26. Dezember war ein Abweg: Als Zollbeamte drei Tage später am Ausgang 1 des Flughafens Skopje die Aktentasche des Bischofs aufmachten, beschlagnahmten sie zwei Kuverts mit Geld - wegen Verstoßes gegen das mazedonische Devisengesetz (SPIEGEL 2/2002). Und während deutsche Kirchenoberen noch den Mantel des Schweigens über die Angelegenheit breiten wollen, stellt sich jetzt heraus: Mixa war offenbar mit Geld aus einer grauen Kasse des Bischofs von Skopje unterwegs. Eine peinliche Affäre, die auch den Ambitionen des ehrgeizigen Kirchenfürsten Mixa schadet, Nachfolger des Münchner Kardinals Friedrich Wetter zu werden, der Anfang 2003 aus Altersgründen abtreten könnte.
Fest steht, dass Mixa bei seiner bisherigen Darstellung die Tatsachen schönt. So fabulierte der Bischof in einem Brief an seine Mitarbeiter, er habe das Bargeld "auf Anfrage den mazedonischen Zollbeamten deklariert" - von Taschenkontrolle und peinlichen Verhören kein Wort.
Ähnlich nebulös klingt die Darstellung Mixas, der offiziell die deutschen Kfor-Soldaten zur Jahreswende besuchte, wenn er die Umstände der Geldübergabe schildert. Die Bitte, die Scheine mitzunehmen, habe der "Bischof von Skopje spontan vorgetragen". Mixa: "Es gab keine vorherige Verabredung." Herbuts allgemeiner Hinweis, das Geld sei aus "kirchlichen Mitteln", habe ihm gereicht. Auch nach der Übergabe, versichert Mixa, habe es zwischen den Bischöfen kein persönliches Treffen oder Telefongespräch gegeben.
Kein Wunder: Der Organisator der Verschiebeaktion, Herbut, lag seit Bekanntwerden der Affäre im städtischen Krankenhaus Skopje, für niemanden erreichbar. Plötzliche Bauchschmerzen, heißt es, hätten ihn vorerst außer Gefecht gesetzt.
Auch ein Berater Herbuts, der mazedonische Caritas-Direktor Antun Zirimotic, der an dem klerikalen Finanzgipfel teilnahm, zeigt sich kaum auskunftsfreudiger als ein Trappistenmönch: "Kein Kommentar. Wir müssen nichts darüber sagen."
Während in deutschen Kirchenkreisen schon über "Mixa Bargeld" gejuxt wird,
nutzt die mazedonische Presse den dubiosen Deal als Steilvorlage für ihr Lieblingsthema - krumme Geschäfte im Umfeld der Kfor-Einheiten. Der Monetenschmuggel, spekulierte Skopjes Tageszeitung "Dnevnik" kühn, sei womöglich "Geldwäsche zu Gunsten der UC¸K".
Ganz so wild trieben es die Kirchenmänner zwar nicht, aber vor allem Skopjes Bischof Herbut hätte Grund zur Beichte: Einnahmequellen hatte er in den vergangenen Jahren mehr als bislang bekannt. So zahlte das katholische Osteuropahilfswerk Renovabis eifrig Summen in Mark an Herbuts Bistum, etwa für den Bau einer Kirche in der Stadt Ohrid (200 000 Mark) oder als "Unterhaltshilfe für Seminaristen" (50 000 Mark im Jahr), außerdem Zuschüsse für ein "Pastoralzentrum", ein "Begegnungszentrum" oder als Existenzhilfe für Priester. Auch die deutsche Caritas fördert viele Projekte wie etwa den Bau einer Schule im Bistum. "Herbut hat aber alles immer genau mit Quittungen abgerechnet", beteuert zumindest Renovabis-Geschäftsführer Eugen Hillengass.
Offensichtlich rechnete die Kirche jedoch so ab, dass von den Spendenflüssen am Jahresende 400 000 Mark in bar übrig blieben. "Das Geld stammt aus einer ganzen Reihe von Spendenfonds", bestätigte man vergangene Woche im Bischofshaus von Skopje dem SPIEGEL hinter vorgehaltener Hand. "Es war für künftige Immobilienprojekte."
Dieser inoffizielle Bischofsschatz musste nun wegen der Euro-Einführung im neuen Jahr umgewandelt werden, um nicht wertlos zu werden. Doch beim Umrubeln in den Wechselstuben von Skopje wäre durch einen schlechten Kurs und hohe Gebühren zu viel Geld verloren gegangen; auf einem kircheneigenen Konto wären die Devisen sogar in schnöde Denare umgestellt worden. Ein Geldbote musste also her, der - illegal - die Scheine diskret ins Ausland schaffte.
Mixa sollte in Deutschland ein Konto auf Herbuts Namen einrichten. Nur: Bei welcher kirchlichen Bank er die Tausenderbündel abgeben wollte, verrät der Bischof nach wie vor nicht. Merkwürdig auch: Wenn Herbuts Bistum als Rechtsperson über das Konto verfügen sollte, warum hatte der Eichstätter Bischof dann keine Vollmachten seines Amtsbruders auf dem Rückflug von Skopje über Zürich nach München dabei? Sein Bistumssprecher: "Im Detail war das eben alles noch nicht geklärt." PETER WENSIERSKI, SANDRA WIEST
* Bei einer Soldatenwallfahrt vergangenen Mai in Lourdes.
Von Peter Wensierski und Sandra Wiest

DER SPIEGEL 5/2002
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