28.01.2002

MUSIK

Ballerina auf Saiten

Von Umbach, Klaus

Der amerikanische Twen Hilary Hahn, derzeit in Deutschland zu Gast, ist auf dem besten Weg zur First Lady der Geigenkunst.

Sie war wohl so um die acht, als sie wieder mal mit Buntstiften herumkritzelte und sich einen Tag am Meer ausmalte: Wellen, Sand, Liegestühle, Sonnenschirme, darüber strahlend blauer Himmel. Wie sich Kinder so was eben vorstellen.

Nur eins an dem Bild war auffallend: Über der fröhlichen Szenerie ließ die Kleine ein Flugzeug mit flatterndem Spruchband schweben, Aufschrift: "Kommen Sie und hören Sie Hilary Hahn in der Carnegie Hall!"

"Ehrlich, die Geschichte stimmt", sagt Hilary Hahn, 22, heute, gut fünf Jahre nach ihrem tatsächlichen Debüt in der New Yorker Carnegie Hall, und, ehrlich, sie lächelt dabei so offenherzig, dass die PR-verdächtige Story wohl doch nicht geflunkert ist: "Ich hatte dieses Bild ganz vergessen und habe es vor fünf Jahren zufällig wiedergefunden."

Tricks und Bluffs dieser Art habe sie wirklich nicht mehr nötig, tut die Geigerin kund und zieht dabei leicht die linke Augenbraue hoch, eine kokette Drohung, sie gefälligst ernst zu nehmen. Okay: Sie hat derlei nicht nötig. Sie spielt im internationalen Musikbetrieb längst am ersten Pult, diesen Monat als Gast der Rundfunk-Sinfoniker in Stuttgart und München.

Schon vor Jahren wurde Hahn von der "Süddeutschen Zeitung" zum "Jahrhunderttalent" ausgerufen. Seitdem liftete sie der britische "Guardian" zum "big-name soloist", das US-Magazin "Time" adelte sie zu "Amerikas bester klassischer Nachwuchsmusikerin", und "Die Zeit" verschnuckelte sich ihr zu Ehren in ein Poesiealbum: Hahn biete "Geigenkunst frisch aus der Quelle, bachhell, köstlich, tröstlich", bei ihr spiele "wundervoll die reine Seele mit sich selbst und auf vier Saiten".

Hilary Hahn ist inzwischen jedenfalls auch die Seele eines mittelständischen Unternehmens, mit eigener Website und gut geöltem Management. Auf "www. hilaryhahn.com" stellt sie selbst geknipste Digitalfotos ihrer letzten Gastspielorte nebst kurzen Kommentaren und fidelen Schnappschüssen (Hilary auf dem Karussell) ins Netz, und wenn sie Zeit hat, chattet sie mit ihren Fans. Sie ist die jüngste Artistin, mit der der japanische Multi Sony jemals einen Exklusivvertrag geschlossen hat.

Vater Steve Hahn, früher Journalist und Bibliothekar, folgt ihr heute auf Schritt und Tritt und Auftritt, sie sieht in ihm "den idealen persönlichen Referenten"; ein offiziöser Daddy also. Mutter Anne, daheim in Baltimore als angestellte Buchhalterin in Lohn, erledigt das Finanzielle - längst kein Klacks mehr. Ein dreiköpfiges Management wienert die Laufbahn. Fort Knox ist kaum strenger bewacht als dieses zarte Persönchen aus Maryland.

Aber gängeln, darauf besteht die Musikerin, lasse sie sich nicht. Die Fotos, die zur Veröffentlichung anstehen, wählt sie selbst aus, "ich entscheide über mein Image und die Form der Publicity". Manchmal wird ihre Autogrammstunde schon vor Konzertbeginn in den Foyers annonciert; wenn nicht, sagt die Geigerin sie an: "Bevor ich meine Zugabe spiele, möchte ich noch bekannt geben, dass ich gleich signieren werde." Antreten zum Appell.

Und dann sitzt sie in der Pause mit drei farbigen Filzschreibern vor der Schlange ihrer Fans und schreibt geduldig ihren Namen auf Programme, Fotos oder CDs, ganz nach Wunsch und immer recht freundlich. Es sei, sagt Hahn, für sie "zugleich ein Spaß, ihre Hörer kennen zu lernen, und ein selbstverständlicher Service gegenüber ihrem Publikum". Und gut fürs Geschäft ist es auch.

Mit Hilary Hahn lässt sich locker reden, vermutlich sogar gut Kirschen essen. Keine Zicken, lachen erwünscht. Doch dann, wenn es Zeit wird für ihre Musik und ihre Geige, also wenn es ernst wird, dann tritt sie nicht auf, einfach so, sondern ganz betont in Erscheinung: starring Hilary Hahn.

Als sie jüngst im Großen Saal des Amsterdamer Concertgebouw aufs Podium kam, musste sie erst einmal 24 mit rotem Samt bezogene Stufen herabsteigen. Sie hat diesen Dienstweg als Königsweg beschritten: ein Twen auf dem besten Weg zur First Lady der Geigenkunst.

Fast kokonhaft in dunklem, bodenlangem Velours, Arme und Dekolleté in stretchartig-hautenges Schleiertuch gehüllt, wirkte sie noch zarter als zuvor beim Gespräch, in dunkler Hose und bordeaux-rotem Seidenshirt. "Elegante Kleidung" zu tragen mache ihr Spaß, sagt sie, aber diese müsse "bequem" sein - und ungefährlich: keine tiefen Schlitze im Rock, "die sind unberechenbar", keine Spaghetti-Träger, "die rutschen so leicht", und niemals schulterfrei. Anders als Kollegin Anne-Sophie Mutter, deren Corsagen-Roben oft gewagt, weil haltlos wirken, erspart Hahn ihrem Publikum den Bammel vor plötzlich sackender Gewandung. "Im Grunde diktiert doch die Geige, was ich anziehe", sagt sie.

Die Geige. Die Geige. Die Geige. Was diktiert sie nicht? Hilary war noch nicht vier, als sie damit anfing, mit sechs gab sie ihr erstes öffentliches Solo, mit zwölf ihr Orchesterdebüt. Danach, in stetem Crescendo, der globale Rund-, fast schon Dauerlauf, inzwischen mit 80 Auftritten im Jahr und die bis nach Fernost und Australien.

Und immer noch jeden Tag drei, vier Stunden Exerzitien: ein exakt dosiertes Vibrato, schneidige Flageoletts, die Doppel- und Tripelgriffe, dieses ganze Teufelszeug geigerischer Virtuosität, vor dem alle Spielleute bibbern, will geübt sein, "geigerische Hausaufgaben". Und dann Bach, "kein Tag ohne Bach", niemand verbinde "Technik und Musik, Geist und Training sinnvoller und eindrucksvoller". Der barocke Thomaskantor ist ihr Vaterunser, "auch wenn ich abends Schostakowitsch spiele".

In Amsterdam steht dessen erstes Violinkonzert auf dem Programm, eines der schönsten Werke der Gattung und eines der schwersten. Schostakowitsch schrieb sein Opus 77 Ende der vierziger Jahre, hielt es aber bis 1955, nach dem Tod des verhassten Stalin, unter Verschluss. In der Partitur klingen unüberhörbar die Schrecken des Großen Vaterländischen Krieges nach - für einen Twen aus Baltimore nicht eben Muttersprache.

Der erste Satz, "Nocturne" überschrieben, ist eine kleine, todtraurige Nachtmusik. Lange, herbe Kantilenen der Violine über philharmonischem Velours. Hahn lässt ihr Instrument singen, als streiche sie mit dem Bogen über Seidenfäden; keine falschen Drücker, kein klebriges Portamento. Spätestens bei der Passacaglia, dem dritten Satz mit seinem bodenlosen Lamentoso, wagt im Concertgebouw niemand mehr, eine Stecknadel fallen zu lassen. Schließlich das Finale, eine sarkastische "Burlesque", und Hahn flitzt, fegt, fetzt wie nix durch die haarigen Notenknäuel. Spiel, Satz, Sieg; Ovationen.

Dabei ist Schostakowitschs a-Moll-Konzert kein Massen-Hinreißer. Aber das Opus 14 von Samuel Barber taugt auch nicht zum leichten Entertainment, genauso wenig wie das Konzert des US-Kontrabassisten Edgar Meyer, der die Partitur für Hahn komponiert, ihr gewidmet und seinerzeit Blatt für Blatt in die Hotels gefaxt hat. Doch gerade diese hochvirtuosen Extravaganzen hat die Geigerin ständig im Repertoire, mit Bach als Zugabe. Musik aus dem Off des Repertoires ist ihr Markenzeichen.

Denn bei allem Staunen über die "geigende Zauberkünstlerin" ("Hamburger Abendblatt") und das "makellos reine Wunder" ("Die Welt") ihres Spiels: Hilary Hahn steht mit ihrer Vuillaume "del Gesù" von 1864 nicht allein auf der internationalen Konzertkirmes. Dort wird neuerdings so viel und so perfekt gegeigt wie lange nicht. Der Kritiker Joachim Kaiser sprach von einem wahren "Geigermirakel" - mit erfreulich hoher Frauenquote.

Da ist zum Beispiel die Japanerin Midori, 30, die in guter Form die Reißer des Repertoires gleich saitenweise vollstreckt. Oder die Koreanerin Sarah Chang, 21, die mit gerade mal 6 ihre erste CD einspielte. Oder, noch in den Startlöchern, die 14jährige Maria-Elisabeth Lott, die 1998 als erste Violinistin der Welt die restaurierte Kindergeige Mozarts streichen durfte.

Doch wenn Hilary Hahn, wie gerade jetzt, in Deutschland gastiert, wird sie vor allem an einer gemessen: an Anne-Sophie Mutter, 38, der erfolgreichsten und populärsten E-Musikerin des Landes, Spitzmarke der Nation und längst Miss Universum der Violine.

Schön sind beide, und sie wissen es. Keine kann der anderen etwas vormachen; musikalisch wie spieltechnisch gehören beide aufs Treppchen. Und beide zehren immer noch vom Flair des Wunderkindes: Mutter als Pummelchen an Karajans Hand, Hahn als Teenie aus der US-Provinz.

Eins hat Hilary Hahn ihrer deutschen Kollegin voraus: ein Minus von 16 Lebensjahren. Als Mutter so alt war wie Hahn heute, machte sie, selbst unter Karajans väterlicher Fuchtel, nur staunen. Inzwischen hat sie manches von ihrem guten Ruf vergeigt. Dass unter ihrer Stammkundschaft viele Schickis und Mickis klatschen, ist kein gutes Zeichen und auch ihre Schuld. Ihr Glamour wirkt oft aufgesetzt, ihr Image - mal sexy und mondän, mal verwegen und rebellisch - geschminkt. Auch mit der Geige trägt sie gelegentlich starkes Make-up auf. Neuerdings, bei Vivaldis "Vier Jahreszeiten", dirigiert sie sogar; ein Jammer, ein Witz.

Hilary Hahn hat gottlob andere Sorgen. Lernen will sie in den jährlich sieben konzertfreien Wochen, lernen, lernen. Im Deutschen ist sie schon gut drauf, "Bach hat schließlich Deutsch gesprochen" - und auch ihre Urgroßmutter, die aus Bad Dürkheim stammt. Danach will sie ihr Französisch aufbessern. Und mehr am Computer machen. Und häufiger ins Fitness-Studio gehen oder Gedichte schreiben. Und auch wieder mal "Blues und Bluegrass hören" und tanzen, "klar, in der Disco, wenn da nicht gerade Heavy Metal dröhnt", aber auch daheim "vor dem Spiegel", richtig stilvoll, schließlich hat sie fast sieben Jahre Ballettunterricht hinter sich.

Manchmal kann man das sogar hören. Wenn Hahn ganz sacht zu einem Menuett von Mozart ansetzt oder anscheinend völlig entspannt durch das Finale des Brahms-Konzerts kreiselt, dann hüpft ihr Bogen wie eine Ballerina über die Saiten - Geigenkunst auf Zehenspitzen. KLAUS UMBACH


DER SPIEGEL 5/2002
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.

DER SPIEGEL 5/2002
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Bei Spodats erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

MUSIK:
Ballerina auf Saiten