28.01.2002

NACHRUFPierre Bourdieu

Der eigensinnige Gelehrte war nicht nur Frankreichs angesehenster Soziologe und (wie eifrige Statistiker ermittelten) der meistzitierte Wissenschaftler Europas. Pierre Bourdieu war auch ein Radikaler im Öffentlichen Dienst: Als im Dezember 1995 die größte Streikaktion seit den sechziger Jahren Frankreich lähmte, solidarisierte sich der berühmte Professor des superelitären Collège de France demonstrativ mit den Protestierenden.
In einer leidenschaftlichen Rede vor streikenden Eisenbahnern im Pariser Gare de Lyon beschuldigte er eine "Staatsaristokratie", sich "den Staat unter den Nagel gerissen und aus dem öffentlichen Wohl eine Privatsache gemacht" zu haben. Weil es um die "Wiedereroberung der Demokratie gegen die Technokratie" gehe, forderte er, mit der "Sachverständigen-Tyrannei vom Typ Weltbank" Schluss zu machen.
Seit Jean-Paul Sartre und Michel Foucault, dessen Sarg Bourdieu 1984 mitgetragen hatte, war die herrschende Ordnung von keinem französischen Denker mit so viel Verve herausgefordert worden. Und mit so viel Autorität. Der Beamtensohn Pierre Bourdieu machte eine Bilderbuchkarriere in den Elite-Instanzen des französischen Bildungswesens - und wurde nach eigener Auskunft Soziologe, um den Franzosen erklären zu können, was es heißt, in Algerien Wehrdienst zu leisten (wie er es selbst getan hatte).
Spätestens als Bourdieu 1982 ans Collège de France berufen wurde, war sein Begriff der sozialen "Felder" weltweit gängig: Entgegen dem alten Klassenmodell ging es dem Strukturalisten um "die feinen Unterschiede" in der Gesellschaft (so ein Buchtitel von 1979). Menschen pflegen demnach ihren "Habitus": je nach Herkommen, Einkommen und Rollenanspruch, im Büro und beim Militär, im Fußballstadion oder auf dem Golfplatz.
In den neunziger Jahren wuchs Bourdieu in eine neue Rolle hinein: Er wurde zum linken Vordenker gegen den Markt-Fundamentalismus, zum Mitgründer der Attac-Bewegung.
Bourdieus Arbeit und sein öffentliches Handeln konzentrierten sich nun immer mehr auf "Das Elend der Welt": So lautete der programmatische Titel des monumentalen Werks (deutsche Ausgabe 1997), das die Wendung des Denkers zur empirisch unmittelbaren Sozialkritik bezeichnet.
Auf rund 850 Seiten versammelt der Wälzer fast ausschließlich Interviews mit Zeitgenossen über ihre Lebensumstände. Bourdieu erstellte diese Sozial-Enzyklopädie mit etlichen jungen Kollegen und unterstrich so seine Überzeugung von der notwendigen Etablierung eines "kollektiven Intellektuellen".
Die Studie beschreibt eindringlich die Auswirkungen der neoliberalen Reformen auf die französische Gesellschaft und die wachsende Kluft zwischen Arm und Reich. Als diese Stimmen-Sammlung 1993 in Frankreich erschien, verstörte sie gründlich die intellektuellen Selbstbestätigungszirkel einer routinierten Postmoderne. Das Buch wurde zum Bestseller und zum kulturellen Ereignis.
Der französische Titel "La Misère du monde" erinnert nicht zufällig an Victor Hugos berühmten sozialkritischen Klassiker "Les Misérables". Denn "die Fakten, die sich aus dieser Enzyklopädie des alltäglichen Leidens in unserer Gesellschaft herausschälen" - so Bourdieus deutscher Kollege Wolf Lepenies -, "erzeugen in ihrer zahlengestützten Nüchternheit die gleiche Wucht und Wut wie im 19. Jahrhundert das Pathos eines Victor Hugo".
Leidenschaft und drastische Anschaulichkeit zeichneten Bourdieus Analysen aus. Im SPIEGEL-Gespräch stellte er noch vor einem halben Jahr fest: "Der Neoliberalismus ist wie Aids: Er greift das Abwehrsystem seiner Opfer an."
Als intellektuell-politischer Aktivist wurde Bourdieu sogar zum Helden eines zweieinhalbstündigen Dokumentarfilms, der vergangenes Jahr unter dem schönen Titel "Die Soziologie ist ein Kampfsport" in französischen Kinos zu sehen war. Gefährlich sei seine Wissenschaft aber nicht, beruhigte der Film-Bourdieu die Betrachter - nur eine "Waffe der Verteidigung, nicht des Angriffs".
Die "Internationale der Intellektuellen" wollte Bourdieu seit 1989 zu einem Bündnis gegen den Neoliberalismus mobilisieren. Diese Internationale ist nun "um einen Kopf kürzer" - wie es Friedrich Engels in einem Nachruf auf seinen Freund Karl Marx formulierte. Bourdieu war zwar ein Denker des 20. Jahrhunderts und alles andere als ein gläubiger Marxist. Doch auch er träumte davon, Wissenschaft, Humanismus und Praxis zu verbinden und "den Intellektuellen die Rolle von Militanten der Vernunft wiederzugeben, die sie etwa im 18. Jahrhundert innehatten".
Und keiner entwickelte spontan so treffende Vergleiche wie Pierre Bourdieu: Der europäische Sozialstaat und die Zivilisiertheit unserer Städte seien Errungenschaften, "so unwahrscheinlich und so kostbar wie Kant, Beethoven, Pascal und Mozart". Am Mittwoch vergangener Woche erlag Pierre Bourdieu in Paris einem Krebsleiden.

DER SPIEGEL 5/2002
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