06.02.1952

EUROPA-KONFLIKTFür jeden, der sehen will

Straff stand Konrad Adenauer hinter dem Rednerpult des Bundestages und gab seine Meinung über Gilbert Grandval, Frankreichs Vertreter an der Saar, kund: "Es ist unzweckmäßig ... sich von einer so unbedeutenden Figur wie Grandval provozieren zu lassen." Das war Anfang Juli 1951. Ein halbes Jahr später stellte Konrad Adenauer dieser "unbedeutenden Figur" wegen in Frage, was ihm bis dahin Ziel aller Wünsche war: die Beteiligung der Bundesrepublik an der Europa-Armee.
Die Ernennung eines französischen Botschafters an der Saar brachte die Bundesregierung dazu, erstmalig aus dem sicheren Port der besatzungsgelenkten Politik auszubrechen und sich in der Hoffnung auf amerikanischen Rückenwind auf das offene Meer der großen Politik zu wagen. Hat das deutsche Staatsschiff eine Chance, flottzukommen? Hat es sich auf das erste Unternehmen nach dem Zusammenbruch mit den Mitteln der Politik genügend vorbereitet? War der Zeitpunkt günstig gewählt, oder wird man mit zerzauster Takelage und gerefftem Mut auf den Ausgangspunkt zurückgeworfen werden, froh, ohne schwere Havarie davongekommen zu sein? Wird die Regierung mit ihrer neuerdings erhobenen Forderung auf Atlantikpakt-Assoziierung und Saar-Regelung durchdringen, wird sie also mit größerem Gewicht in die westliche Front einrücken, oder hat sie sich dazu verleiten lassen, den Franzosen die Verantwortung für das Begräbnis der Europa-Armee abzunehmen?
Wird Frankreich als der wahre Schuldige dastehen, oder hat die Bundesregierung im Eifer ihrer Europa-Illusionen die Nerven verloren? Eine Untersuchung des in seinen Konsequenzen noch nicht zu übersehenden Konflikts steht im Zeichen des Mannes, über dessen Ernennung der Umschwung der deutschen Haltung in Gang kam: Gilbert Grandval, jenes energischen, kleinen, rundgesichtigen Mannes mit den kurzgeschnittenen schwarzen Haaren und Kinderaugen, der zum Symbol französischer Saarpolitik geworden ist.
Als Gilbert Grandval in Paris geboren wurde, 1904, gab es den geographischen Begriff Saarland noch nicht. Dieses Gebiet gehörte damals mit seinem südlichen Teil zur preußischen Rheinprovinz, mit seinem westlichen Zipfel zur bayerischen Pfalz.
Gilbert Grandval hieß Gilbert Hirsch, als er in den Windeln lag. Adenauer war damals 28 Jahre alt und hatte gerade sein Staatsexamen hinter sich. Gilberts Großvater, der Buchhändler Hirsch aus Straßburg, war 1871 nach Paris gegangen und hatte für Frankreich optiert. Das Elsaß, aus dem seine Familie stammt, war seit 1871 deutsches Reichsland.
Im Hause des alten Hirsch wurde kein Wort Deutsch gesprochen. Deshalb kann Gilbert nur Französisch. Das hat später in seiner Saarbrückener Hochkommissarszeit immer dann zu Szenen geführt, wenn er deutsche Schriftstücke nicht lesen konnte, was man seiner elsässischen Abstammung wegen für Verstellerei hielt.
Gilberts Vater übernahm in Paris die Buchhandlung des Großvaters und gliederte ihr einen Verlag für Schulbücher an. Der Verlag wurde erst 1941 während der deutschen Besetzung auf Druck von oben im Handelsregister gelöscht.
Der kleine Gilbert Hirsch war mit 15 Jahren gerade in die Flegeljahre gekommen, da wurde das Saargebiet, das der Knabe später beherrschen sollte, als selbständiges
Territorium geschaffen (1919). Die Grenzziehung war ziemlich willkürlich und hatte nur den Zweck, die Kohlengruben des Landes der Hoheit des Deutschen Reiches zu entziehen und dem Völkerbund zu unterstellen (Adenauer war zu jener Zeit Oberbürgermeister von Köln).
Am 26. Februar 1920 übernahm auf 15 Jahre eine fünfköpfige internationale Regierungskommission des Völkerbundes die Regierung des jungen Saarlandes. Der Kommission stand beratend ein 30köpfiger Landesrat zur Seite. Damals war Hirsch 16 Jahre alt (Adenauer wurde Präsident des Preußischen Staatsrats).
Als Gilbert Hirsch 29 geworden war, fiel das Saargebiet nach der Volksabstimmung im März 1933 wieder an das Deutsche Reich zurück. Vor dem Kriege war Hirsch Generalvertreter des großen französischen Chemiekonzerns St. Gobain (Glas usw.) für die Normandie und die Bretagne. Politik interessierte ihn noch nicht.
1939 wurde Gilbert Hirsch als Leutnant der Reserve mobilisiert und entging 1940 knapp der Gefangenschaft. 1942 begann er in Nordfrankreich mit der Organisation einer Widerstandsgruppe, die sich der von de Gaulle direkt aus London dirigierten "France Combattante" anschloß. Als Partisanen - Oberst rückte er im September 1944 mit 48 Stunden Vorsprung vor den Amerikanern in Nancy ein und erledigte die letzten Wehrmachtsreste. Von den Mißhelligkeiten aller Art, die er damals mit US-Offizieren hatte, rührt seine Abneigung gegen die Amerikaner.
Von dieser Zeit her nennt er sich heute noch Gilbert Grandval. Einzelheiten aus jenen Tagen sind schwierig zu erkunden, weil der Name Grandval in der umfänglichen französischen Widerstandsliteratur nicht ein einziges Mal auftaucht.
Die große Stunde dieses Mannes schlägt am 30. August 1945: Partisanen - Oberst
Gilbert Grandval wird Gouverneur des Saarlandes. Er sagte: "Die Saar wird ein französisches Protektorat." Am ersten Weihnachtstag des gleichen Jahres gibt sein "Gouvernement Militaire de la Sarre" die Uebernahme der Saarbergwerke durch Frankreich bekannt. Und von da an folgen dann alle paar Monate dramatisch neue französische Maßnahmen, die auch nicht den geringsten Zweifel mehr daran lassen, was Frankreich mit der Saar vorhat.
* 7. April 1946: Außenminister Bidault fordert offiziell Eingliederung des Saargebiets in das französische Wirtschafts- und Währungssystem, Herauslösung des Saarlandes aus der Zuständigkeit des Kontrollrats in Berlin, ständige französische Kontrolle der saarländischen Verwaltung, Trennung dieser Verwaltung von der des Rheinlands. England und Amerika erklären sich im Mai/Juni 1946 einverstanden.
* 22. Oktober 1946: Frankreich kündigt die Einführung einer Grenzzollkontrolle zwischen dem Saarland und dem übrigen Deutschland an. England und Amerika stimmen zu, wenn auch zögernd.
* 9. Juni 1947: Frankreich führt eine besondere Währung, die Saar-Mark, ein.
* 20. November 1947: Im Saargebiet wird die Währung auf den französischen Franken umgestellt. Die "Regie des Mines de la Sarre" übernimmt die Verwaltung der Saarbergwerke.
* 3. Januar 1948: Die französischen Wirtschafts- und Finanzgesetze gelten jetzt auch im Saarland. Gilbert Grandval heißt von nun an nicht mehr Gouverneur, sondern Hoher Kommissar der französischen Republik für das Saargebiet.
* 15. Juli 1948: Der saarländische Landtag verabschiedet ein Staatsangehörigkeitsgesetz, danach geht die deutsche Staatsangehörigkeit durch Erwerb der saarländischen verloren.
Es ist die große Zeit des ehemaligen Generalvertreters Grandval. Er bewohnt bei Saarbrücken ein mittelalterliches Schloß, zusammen mit seiner anziehenden Frau und dem 17jährigen Sohn. Die von ihm veranlaßten Umbauten des in einem weitläufigen Wildpark stehenden Gebäudes haben das Haus noch luxuriöser gemacht, als es unter seinem früheren Besitzer, einem millionenschweren deutschen Industriellen, schon gewesen ist. Die Saarländer nennen es "Grand - Val - Halla". Ein Schwimmbad wurde gebaut, und verschiedene Wände wurden niedergerissen. um eine Bankett-Halle zu schaffen. Außerdem hat Grandval auf dem Besitz eine Kapelle errichten lassen, denn er ist inzwischen vom mosaischen zum katholischen Glauben konvertiert.
Eine deutsche Regierung kann gegen diese französische Machtentfaltung an der Saar und all die Maßnahmen, die das Saarland systematisch von Deutschland trennen und an Frankreich anschließen, nicht protestieren: es gibt ja keine deutsche Regierung.
Das wurde erst anders, nachdem am 15. September 1949 Konrad Adenauer zum Bundeskanzler gewählt worden war. Als darum im Februar 1950 vier Saar-Minister und 45 Delegierte nach Paris fuhren, um über die Konventionen zu verhandeln, die die Saar-Trennung von Deutschland und den wirtschaftlichen Anschluß an Frankreich besiegeln sollten (und nach denen jetzt Grandval zum Botschafter befördert wurde), regte sich erste Bonner Aktivität.
Die Konventionen waren gerade unter Dach und Fach gekommen - sie sahen eine Verpachtung der Saargruben auf 50 Jahre und weitgehende politische Saar-Autonomie vor - da kündigte Kanzler
Adenauer zum ersten Male so etwas wie eine Repressalie gegen die französische Saarpolitik an: der Beitritt der deutschen Bundesregierung zum Straßburger Europarat sei durch die Unterzeichnung der Konventionen in Frage gestellt (so wie jetzt der Beitritt der deutschen Bundesregierung zur Pleven-Armee durch die Ernennung Grandvals in Frage gestellt ist). Adenauer schickte eine Protestnote an die französische, britische und amerikanische Regierung, in der er "feierliche Rechtsverwahrung" gegen die Konventionen einlegte, und veröffentlichte ein Weißbuch zur Saarfrage.
Wenn man aus den Folgen von Adenauers damaligem Protest gegen die Konventionen Parallelen zu seinem jetzigen Protest gegen die Grandval-Ernennung ziehen will, ist Grund zum Optimismus vorhanden: Das Saarland behielt nämlich seine Konventionen und Deutschland wurde trotzdem Mitglied des Straßburger Europarats. Die Franzosen waren nämlich darauf gekommen, wie der deutsche Kanzler auch die bitterste französische Pille schluckte: man brauchte ihm nur zu versichern, daß alles nur provisorisch sei und erst durch den Friedensvertrag endgültig geregelt werde. Die Franzosen versichern es bei jeder gewünschten Gelegenheit.
Die Bundesregierung faßte den Beschluß, dem Bundestag den Beitritt zum Europarat zu empfehlen (trotz der Saar-Konventicnen), am 9. Mai 1951. Am gleichen Tage trat Robert Schuman mit Monnets Idee eines europäischen Kohle- und Stahl-Pools, dem Schumanplan, an die Oeffentlichkeit.
Konrad Adenauer begrüßte Schumans Plan freudig, nicht zuletzt im Hinblick auf die unangenehme Geschichte mit den Konventionen. Er sagte im Bundestag, daß diese Konventionen zunächst in deutschen breiten Kreisen Zweifel hervorgerufen hätten, ob der Wunsch und die Hoffnung Deutschlands auf ein freundschaftliches Verhältnis zu Frankreich auch in Paris bestehe. "Um alle diese Zweifel in Deutschland zu überwinden, um das deutsche Volk zur freudigen Mitarbeit zu bewegen, muß das gegenwärtige Stadium des Stillstands und des Mißtrauens durch einen entschiedenen Schritt nach vorwärts überwunden werden. Dieser Schritt liegt für jeden, der sehen will, erkennbar im Schumanplan."
Es bewegt die Deutschen nicht gerade zu freudiger Mitarbeit, daß am 3. Oktober 1950 der saarländische Wirtschaftsminister Franz Singer zusammen mit Gilbert Grandval in Paris den Wunsch des Saarlandes vorträgt, als siebentes Land am Schumanplan teilzunehmen. Schuman selbst hatte vorgeschlagen, das Saarland solle beim Schumanplan als assoziiertes Mitglied mitmachen. Seine Interessen wurden bei den Verhandlungen von der französischen Delegation wahrgenommen.
Der Schumanplan wurde am 18. April 1951 unterzeichnet. Artikel 21 bestimmt, daß die Repräsentanten der Saarbevölkerung in der Zahl der Delegierten Frankreichs eingeschlossen sind. Konrad Adenauer schreibt deshalb an Robert Schuman: "... daß die Bundesregierung durch Unterzeichnung des Vertrags in keiner Weise eine Anerkennung des gegenwärtigen Statuts des Saarlands zum Ausdruck bringt. Ich wiederhole diese Erklärung und bitte Sie, mir zu bestätigen, daß die französische Regierung mit der Bundesregierung hinsichtlich der Tatsache übereinstimmt, daß die endgültige Regelung des Statuts des Saarlands nur durch den Friedensvertrag oder einen analogen Vertrag erfolgen kann."
Robert Schuman antwortete so, wie Kanzler Adenauer wegen der Saar noch immer zu beruhigen war: "Es ist nicht beabsichtigt, daß der Vertrag über die europäische Gemeinschaft von Kohle und Stahl das endgültige Statut der Saarländer präjudiziert, das sich aus einem Friedensvertrag oder einem Vertrag, der an seine Stelle tritt, ergibt."
Das schreibt Robert Schuman für den außenpolitischen Gebrauch an Kanzler Adenauer. Für den innerfranzösischen Gebrauch dagegen sagt derselbe Robert Schuman neun Monate später vor den Ausschüssen des Rats der Republik: "Die wirtschaftliche Vereinigung der Saar mit Frankreich ist ein für das Gleichgewicht der Kohle- und Stahlgemeinschaft unerläßliches Element. Ich werde daher alles tun, um die gegenwärtige Situation aufrechtzuerhalten, denn das Gleichgewicht würde gestört, wenn die wirtschaftliche Vereinigung Frankreichs und der Saar aufhörte." Der Schumannplan gilt fünfzig Jahre. Das Saar-"Provisorium" müßte also fünfzig Jahre dauern.

DER SPIEGEL 6/1952
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.


DER SPIEGEL 6/1952
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

EUROPA-KONFLIKT:
Für jeden, der sehen will

Video 01:25

Bewegendes "Fuck Racism"-Video Schwedenteam stellt sich hinter Jimmy Durmaz

  • Video "Wie im Bond-Film: Skipper gelingt 007-Stunt" Video 00:36
    Wie im Bond-Film: Skipper gelingt 007-Stunt
  • Video "Australien: Flitzer-Känguru stört Fußballspiel" Video 01:08
    Australien: "Flitzer"-Känguru stört Fußballspiel
  • Video "Schusswechsel mitten in Chicago: Autodiebe geraten an Zivilpolizisten" Video 00:37
    Schusswechsel mitten in Chicago: Autodiebe geraten an Zivilpolizisten
  • Video "Toni Kroos: Immer ein bisschen Schadenfreude" Video 01:47
    Toni Kroos: "Immer ein bisschen Schadenfreude"
  • Video "Frauen ans Steuer: Wahrer Fortschritt in Saudi-Arabien?" Video 03:43
    Frauen ans Steuer: Wahrer Fortschritt in Saudi-Arabien?
  • Video "Webvideos der Woche: Das könnte teuer werden...." Video 02:32
    Webvideos der Woche: Das könnte teuer werden....
  • Video "Audio-Aufnahme von weinenden Kindern: Das amerikanische Volk muss das hören" Video 01:19
    Audio-Aufnahme von weinenden Kindern: "Das amerikanische Volk muss das hören"
  • Video "Seine Frau ließ ihn nicht: Mexikaner schleifen Kumpel zur WM (als Pappfigur)" Video 01:32
    Seine Frau ließ ihn nicht: Mexikaner schleifen Kumpel zur WM (als Pappfigur)
  • Video "Geheimdienst bedrängt Moskauer Studenten: Sie wollen, dass wir Angst haben" Video 02:58
    Geheimdienst bedrängt Moskauer Studenten: "Sie wollen, dass wir Angst haben"
  • Video "Russische Hooligans: Dieses brutale Image" Video 02:57
    Russische Hooligans: "Dieses brutale Image"
  • Video "Freigelassene Sexualstraftäter: Tausende Spanierinnen protestieren voller Wut" Video 02:19
    Freigelassene Sexualstraftäter: Tausende Spanierinnen protestieren voller Wut
  • Video "Umfrage zu Strafzöllen auf Harleys: Ich würd's trotzdem kaufen" Video 01:38
    Umfrage zu Strafzöllen auf Harleys: "Ich würd's trotzdem kaufen"
  • Video "Melania Trumps #Jacketgate: Sie verhält sich wie ein Teenager" Video 01:45
    Melania Trumps #Jacketgate: "Sie verhält sich wie ein Teenager"
  • Video "US-Polizeivideo: Mutiger Cop befreit Bären aus Auto" Video 00:34
    US-Polizeivideo: Mutiger Cop befreit Bären aus Auto
  • Video "Bewegendes Fuck Racism-Video: Schwedenteam stellt sich hinter Jimmy Durmaz" Video 01:25
    Bewegendes "Fuck Racism"-Video: Schwedenteam stellt sich hinter Jimmy Durmaz