20.02.1952

FLÜCHTLINGEIch bete zum Satan

(s. Titel u. Rücktitel)
Auf dem Flugplatz von Luqua auf Malta heulten die ganze Nacht über die Motoren startender Flugzeuge. Von 23.30 Uhr bis zum Morgengrauen donnerte alle zehn Minuten eine Transportmaschine gen Osten. 700 Menschen mußten 2240 Kilometer weit, über die Aegäis und das Schwarze Meer, nach Saki auf der Krim geflogen werden.
Die prominentesten Fluggäste waren ein 63jähriger gelähmter ehemaliger Rechtsanwalt und ein 71jähriger Sproß aus dem Haus der britischen Herzöge von Marlborough. Die beiden wollten sich auf der Krim mit dem 66jährigen Sohn des russischen Schuhmachers Wissarion Dschugaschwili, dem ehemaligen Priesterschüler Josef Wissarionowitsch, der sich "Stalin" nennt, treffen.
Es waren der ehemalige Rechtsanwalt und Präsident der USA, Franklin Delano Roosevelt, und der Marlborough - Sproß Winston Spencer Churchill. Sie flogen in der Nacht zum 3. Februar 1945 zu dem Treffen, das später den amtlichen Namen "Krim-Konferenz" bekam.
Dieser Nachtflug war der Anfang vom Ende der drei Millionen Deutschen*), die bis heute im Osten verschollen, gestorben oder verdorben sind. In Jalta drang Stalin mit seiner Forderung durch, das Land jenseits der Oder und Neiße abzutrennen.
Drei Wochen später rechtfertigte sich Churchill vor dem Unterhaus: "Ich fühle mich nicht alarmiert durch die Aussicht auf eine Loslösung der (ostdeutschen) Bevölkerung,
auch nicht einmal durch die großen Menschen-Transferierungen, die unter modernen Verhältnissen eher möglich sind, als es jemals der Fall war."
Damit war das Schicksal der Ostdeutschen besiegelt, und dann begann die große Völkerwanderung (mit "modernen Mitteln"), die nicht zur Ruhe kommen kann und die jetzt die westdeutsche Bundesregierung erneut vor Kabinettsfragen stellt.
Seit 1945 sind 12,5 Millionen Menschen - so viel wie ganz Australien Einwohner hat - aus dem Osten und Südosten in den verkleinerten Raum Restdeutschlands eingeströmt.
4,5 Millionen blieben ostwärts der Elbe in der Sowjetzone hängen und vermehrten dort die Bevölkerung um ein Viertel; acht Millionen Heimatvertriebene wurden inzwischen nach Westdeutschland geschleust (Bevölkerungszuwachs um 16,7 Prozent). Nach folgten 1,5 Millionen Flüchtlinge aus der Sowjetzone.
Unter denen, die zweimal flüchten mußten, war auch der Mann, der meistens den letzten Stuhl bekommt, wenn in Bonn Kabinettssitzung ist: Dr. Hans Lukaschek, 66, bis 1933 Oberpräsident in Oppeln*), dann Rechtsanwalt in Breslau, heute noch Bundes-Vertriebenenminister. Er hatte 1945 - nach der Flucht aus Breslau - seine Koffer zunächst in Berlin abgestellt. Dann lotste ihn Jakob Kaiser, damals noch Vorsitzender der Ost-CDU, nach Thüringen.
Dort war gerade der CDU-Landesvorsitzende Dr. Franz Kolter unter geheimnisvollen Umständen erkrankt. Es dauerte nur wenige Tage, dann starb er in der Universitätsklinik in Jena. NKWD-Posten, die jeden Krankenbesucher abwiesen, drückten ihm die Augen zu.
Sein Amt als Vizepräsident des Landes Thüringen und Leiter des thüringischen Landesamtes für Land- und Forstwirtschaft mußte nun CDU-Lukaschek übernehmen. Eine Woche vor der Landtagswahl 1946 kam er auf die Abschußliste.
In einer Bauernversammlung in der Weimarhalle zu Weimar putzten ihn bestellte SED-Bauern herunter. Dann keilte ihn Landes-SMA-Chef Gardegeneralmajor Kolesnitschenko ironisch:
"Nu, Gospodin Lukaschek, warum Leute sprechen so schlächt?" Er sei nur mit Worten für die Umsiedler und Neubauern eingetreten und habe alle praktischen Möglichkeiten, sie zu fördern, außer acht gelassen. Darauf fuhr Lukaschek bei Nacht und Nebel wieder nach Berlin. Die Koffer wurden ihm einzeln nachgebracht.
Als Konrad Adenauer 1949 bei der Kabinettsbildung um einen Flüchtlingsminister verlegen war, bat er den konzilianten Doppelflüchtling, dieses Ressort zu übernehmen. Lukaschek schützte sein Alter vor. Ob Adenauer nicht höre, wie draußen an der Tür ein Kater kratze und laut miaue. Adenauer verstand sofort und lachte: "Dieser Kather wird bei mir nie Minister."
Gemeint war Dr. Linus Kather, 58jähriger Rechtsanwalt aus Königsberg, über die Schleswig-Holsteinische Ergänzungsliste der CDU in den Bundestag gekommen. Er hat inzwischen zwei Millionen Heimatvertriebene wie in einer Gewerkschaft - überparteilich, aber dennoch aggressiv -
im "Bund vertriebener Deutscher" (BvD) zusammengefaßt und ist bereit, den "heiligen Sebastian" - so nannte CSU-Bundestagsabgeordneter Hans Schütz den würdigen knebelbärtigen Flüchtlingsminister in einer Haushaltsdebatte - zu stürzen.
Nervös wuchtet der "heilige Sebastian" wie ein Schleusenwärter, dessen Kraft nicht ausreicht, um das klemmende Schütt aufzustoßen, an dem Kernproblem der Flüchtlingsmisere: der Umsiedlung.
Hoch oben im Norden und in Bayern hat sich das Gros der Flüchtlinge gestaut. Da die Franzosen 1945 zur Jalta-Konferenz nicht eingeladen worden waren, lehnten sie zunächst für ihre Besatzungszone die Aufnahme der Ost - Vertriebenen ab. Also konzentrierte sich der Menschenstrom vorwiegend auf
* Schleswig-Holstein: heute noch 854 800 Heimatvertriebene = 33,6 Prozent Bevölkerungszuwachs;
* Niedersachsen: 1 810 000 Vertriebene = 26 Prozent Zuwachs;
* Bayern: 1 917 000 Vertriebene = 21 Prozent Zuwachs.
Die Folge dieser Zusammenballung waren Barackenelend (350 000 leben im Bundesgebiet heute noch in Baracken), Dauerarbeitslosigkeit und sozialer Abstieg.
Im ersten Nachkriegsjahr fanden sich im übervölkerten Schleswig-Holstein die nach hier verdrängten Ostpreußen und Pommern mit dem Massenquartier in leerstehenden Militärbaracken ab. Sie glaubten, das sei nur ein Uebergang und waren in Gedanken und Träumen immer noch am Haff, auf der Nehrung oder im Pyritzer Weizacker.
Inzwischen sind sie aufgewacht und sehen die rauhe Wirklichkeit. Sie glauben ihrem Landsmannschaftspräsidenten, Staatssekretär a. D. Herbert von Bismarck, Großneffen des Eisernen Kanzlers, nicht mehr, wenn er noch von Rückkehr spricht, und sind störrisch geworden wie Trakehner Hengste, die von der mageren Weide auch mal in die fette Stutenkoppel wollen.
Das merkt der Bundes-Vertriebenenminister jeden Morgen, wenn er seine Post durchsieht. Auf seinem Arbeitstisch steht ein kleines eisernes Kruzifix, ein altes Familienerbstück aus der Zeit der Befreiungskriege, als die Schlesier Mord und Brand schimpften, weil sie nur Grünkohl in ihre hungrigen Magen stopfen konnten. Heute rufen viele den Beelzebub gegen Lukaschek an.
Minister Lukaschek voll Selbstironie: "Neulich schrieb mir sogar einer: ''Ich bete jeden Abend zum Satan, daß er dich Luder endlich wegnimmt.'' Ein ehemaliger schlesischer Großgrundbesitzer, der heute in einem bayrischen Dachstübchen haust, ranzte mich an: ''Sehen Sie denn nicht die Revolution!'' Als wenn ich nicht wüßte, welchen sozialen Umbruch Jalta heraufbeschworen hat."
Wer abseits der Bauern- oder Fischerdörfer und meilenfern von den wenigen industriellen Inseln in Lagern lebt - es gibt noch 700 im nördlichen Bundesland - , bleibt ewig ein Opfer der strukturellen Arbeitslosigkeit. Den schulentlassenen
Burschen werden nicht einmal Lehrstellen geboten. 53 Prozent der Flüchtlinge in Schleswig-Holstein und 42 Prozent in Niedersachsen sind Dauerstempler.
Das Bundes - Umsiedlungsgesetz sollte Abhilfe schaffen und den Flüchtlingsüberhang in zwei großen Raten von je 300 000 zur wirtschaftlichen Eingliederung nach Südwest- und Westdeutschland abschieben. Weitere Raten sollten folgen.
Die erste Rate 1949/50 wurde mit der Abgabe von 289 000 nahezu erfüllt, die 2. Rate 1950/51 stagnierte, nach Aufholung des Vorjahrsmankos, schon bei 26 000.
Nordrhein-Westfalen holte sich Facharbeiter aus Schleswig-Holstein und Niedersachsen. Das "Sozialgepäck" der Alten und der beschäftigungslose Frauenüberschuß blieben aber dem Armenhaus Schleswig-Holstein erhalten.
Tausende von Männern siedelten in die Arbeitsbaracken zum Ruhrpütt über und glaubten, in einem halben Jahr ihre Familien nachholen zu können. Sie warteten zwei Jahre. Dann schmissen nach und nach 53 000 Flüchtlings - Bergarbeiter ihre Schrämhämmer hin, fuhren nach Schleswig-Holstein und Niedersachsen zurück und legten sich lieber zu ihren Frauen auf den Strohsack, als dauernd zu schuften.
15 000 Bergleute aus Oberschlesien gehen auch noch in Bayern stempeln, weil das reiche Nordrhein-Westfalen ihnen keine Wohnungen in Grubennähe schaffen kann.
Vergeblich mahnte der Bundes-Vertriebenenminister die Länderregierungen, doch endlich ihren Länderegoismus aufzustecken: "Die Frage der Umsiedlung ist das nationale Bewährungsproblem. Wenn wir da versagen, versagen wir als Volk."
Kurz vorher hatte Lukaschek den Flüchtlingen in großen Landsmannschaftsversammlungen Mut zugesprochen: "Und wenn ich mit erhobenen Händen von Tür zu Tür gehen soll, um für euch zu betteln ..." Er erntete mit diesem Pathos nur einen weiteren Spitznamen: "Der Bettelstudent".
Die Umsiedlungsaktion aber landete rettungslos in der Sackgasse.
Die Kommissionen der Aufnahmeländer aalten sich zwar im Sommer 1951 während der Saison am Nord- und Ostseestrand, brachten gleich Ehefrauen und Bräute mit, rümpften die Nase während der gelegentlichen Flüchtlingsmusterungen und ließen gnädig einige tausend gesunde Arbeitskräfte aus dem Armenhaus entweichen.
Treffend nennt Schleswig - Holsteins Flüchtlingsminister Hans Adolf Asbach den verkorksten Bevölkerungsausgleich "System Schnecke" - "nicht nur wegen des Tempos, sondern auch weil die Umsiedler möglichst noch ihren Wohnraum mitbringen sollten", denn in den Aufnahmeländern lag das Flüchtlings-Wohnbauprogramm sehr im argen.
Minister Lukaschek: "Wir haben aus allen Ecken nur 225 Millionen DM zusammenkratzen können. Damit wäre es, wenn man daraus den sogenannten Förderungsbetrag von 5500 DM pro Wohnung aus Bundesmitteln zugrunde legt, möglich gewesen, für 200 000 Umsiedler Wohnungen zu schaffen.
"Vorausgesetzt, daß die Länder die ersten und die letzten Hypotheken besorgten. Für die ersten Hypotheken wären 400 Millionen DM notwendig gewesen. Diese Summe konnte der Kapitalmarkt, wie die Dinge heute liegen, nicht in voller Höhe aufbringen." Am schleppenden Wohnungsbau, der laschen Erfassung des Wohnraums in den Aufnahmeländern und der strukturellen Arbeitslosigkeit hat sich die Umsiedlung festgelaufen.
Die zusammengepferchten Flüchtlinge hörten diese Bilanz nur mit halbem Ohr und meutern jetzt schon aus Prinzip. Am aktivsten wird im Flüchtlingszentrum Süderbrarup, an der dänischen Grenze, rebelliert. Zwar sang man noch nicht die Internationale, aber aus den Baracken summt es schon ähnlich wie.
"... uns aus dem Elend zu erlösen, können wir nur selber tun ..."
Im Dezember schickte das Verfassungsschutzamt Kiel gleich mehrere Vernehmungsbeamten nach Süderbrarup, um den Selbsthilfe-Organisator und Vorsitzenden der inzwischen gegründeten "Treckvereinigung Schleswig-Holstein e. V.", Reinhard Noback, 54, ehemaligen Personalchef der Panzerwerke in Spandau, politisch zu durchleuchten.
Noback, der sich beim Russensturm im April 1945 aus Berlin abgesetzt und mit dem Fahrrad zu seiner evakuierten Familie nach Süderbrarup durchgeschlagen hat, macht kein Geheimnis daraus, daß er die umsiedlungswilligen Flüchtlinge in Schleswig-Holstein registriert und für eine Aktion auf eigene Faust, die spätestens im Mai steigen soll, "technisch vorbereitet".
Noback: "Wenn wir bis dahin keine greifbaren Umsiedlungserfolge seitens der Bundesregierung sehen, trecken wir selbständig los, so wahr ich Noback heiße." Die dänischen Nachbarn verfolgen diese Vorbereitungen mit Spannung. Wenn die Pommern und Ostpreußen erst abgezogen und die Schleswiger mehr unter sich sind, schlägt die dänische Kulturpropaganda besser ein, spekuliert man in Kopenhagen.
Auch die in der "Schleswig - Holsteinischen Gemeinschaft" zusammengeschlossenen stammestreuen Ureinwohner unterstützen diese "Selbsthilfe" moralisch und finanziell. Der Landgemeindetag ermächtigte die Dorfbürgermeister, Mittel für den Treck zur Verfügung zu stellen. Die Bauern sollen mit Pferden und Wagen nicht kleinlich sein, wenn Noback die "Landplage" endlich hinausmanövriert und seine Privat-Völkerwanderung startet.
Nur die Kaufleute in Süderbrarup sind entschieden gegen den Treck. Sie haben jährlich 1,5 Millionen DM Mehreinnahmen - die Summe der Alu- und Fürsorge-Groschen - in ihre Ladenkassen gescharrt.
Als Noback seine ersten zehntausend Treckwilligen listenmäßig erfaßt hatte, klopfte abends eine infiltrierte SED-Funktionärsgruppe an seine Stubentür. Die Genossen waren nach sechswöchiger Spezialschulung eigens aus der Sowjetzone nach Süderbrarup in Marsch gesetzt worden, "um den Treck auch politisch richtig organisieren zu helfen".
Noback wies ihnen die Tür.
Der treckfeste Berliner Noback hat sein Invasionsgebiet - die Länder des kommenden Südweststaates und Rheinland-Pfalz
- rekognosziert. "Am Bodensee sind noch viele Villen unterbelegt. Ich habe überall Stichproben gemacht und mit den Bürgermeistern verhandelt. In Wiellen, Kreis Lörrach, konnte ich gleich für tausend Flüchtlinge Quartier reservieren. Ueber 700 Betriebe haben mir Offerten geschickt. Damit sind Arbeitsplätze für einige Tausend gesichert."
Der Treck-Condottiere weiß, daß er mit diesen Anfängen das ganze Problem nicht meistern kann, aber: "Ich kann heute nicht mehr zurück."
Inzwischen haben sich auch in Bayern und Niedersachsen Treckvereinigungen gebildet. In Bayern liegt die Initiative bei dem gelernten Kaufmann Rudolf Brenske aus Danzig, heute Stadtrat in Kulmbach, und seinem sudetendeutschen Kumpel Heinz Hanner, studiertem Volkswirt in Hof.
Verzieht Bayern - Treckführer Brenske sein faltiges Gesicht zur Grimasse: "Wir werden keinen Fuß in eine Baracke setzen, und wenn wir auf den Marktplätzen der Städte nächtigen müssen.
"Ziel jeder Treckgruppe ist der Markt. Dort verharren wir so lange im passiven Widerstand, bis man uns anständige Quartiere nachweist. Die Masse will wieder in den Kulturbereich einer Stadt und nicht im Bayrischen Wald zum Dorfdepp werden.
"Wenn man uns an den Stadtgrenzen abweist, werden wir wie ein Infanteriebataillon ausschwärmen, jeder mit seinem Bündel, und langsam einsickern."
Brenske glaubt, daß der Krawall, verstärkt durch Begleitfanfaren mittreckender Lautsprecherwagen, so laut wird, daß die schwäbischen und badischen "Sozialbürokraten" vor dem "Furor Flüchticus" dahinschmelzen und freiwillig 100 000 Stüble freimachen.
"Da soll sich die Bundesregierung doch freuen. Wir machen sie endlich stark gegen den Länderegoismus."
Aber die Bundesregierung freute sich keineswegs. Unruhig zupfte Minister Lukaschek das aus der Brusttasche hervorquellende weiße Spitzentuch zurecht und reichte seine traditionelle Kiste mit schwarzen Brasilzigarren herum, als sich die Treckführer bei ihm zum Rapport meldeten. Er hatte sie wegen des zu erwartenden Krawalls nach Bonn eingeladen.
Der Minister widmete sich während dreier Tage stundenlang der Treckabordnung, hörte sich die Vorschläge der Selbsthilfeorganisatoren
an und versprach, sein Bestes zu tun, um das zu verhindern, was die Treckführer als Beschleunigungsmittel vorschlugen: die Anwendung des Bundeszwanges nach Grundgesetzartikel 37:
* "Wenn ein Land die ihm nach dem Grundgesetz oder einem anderen Bundesgesetz obliegenden Bundespflichten nicht erfüllt, kann die Bundesregierung mit Zustimmung des Bundesrates die notwendigen Maßnahmen treffen, um das Land im Wege des Bundeszwanges zur Erfüllung seiner Pflichten anzuhalten."
Um das Treckgespenst zu beschwichtigen, hat die Bundesregierung rasch zwei "Bundesbevollmächtigte" ernannt. "Man müßte sie eigentlich ''Bundesbeobachter'' nennen, denn sie haben weder Vollmacht noch Weisungsbefugnis gegenüber den Aufnahmeländern", schimpft die SPD-Opposition.
Lukascheks Kommissare sollen nun die Sünden der vergangenen Jahre feststellen und endlich prüfen, ob der Verdacht zu recht besteht, daß mit einem Teil der zweckgebundenen Bundesmittel in einzelnen Ländern alles mögliche gebaut worden ist, nur keine Flüchtlings-Wohnungen.
"Bundesbevollmächtigter" Dr. Peter Paul Nahm, 50, lehnte die Forderung der Treckführer ab, Umsiedler in Südwestdeutschland zwangsweise einzuweisen: "Wir leben heute in einem Rechtsstaat. Die Wohnung ist nach dem Grundgesetz unverletzlich. Wenn 1946/47 in Norddeutschland rigoros Wohnraum beschlagnahmt worden ist, kann das heute kein Maßstab mehr für uns sein. Damals liefen noch die Spruchkammerverfahren, und jeder Pg tat sich etwas darauf zugute, rasch eine Rumpelkammer für Flüchtlinge abzugeben, um bußfertiger zu erscheinen."
Der Bundes-Vertriebenenminister rechnete den Treckführern vor, daß es bis August möglich sein werde, etwa 200 000 Umsiedler in die bis dahin fertig zu stellenden Neubauwohnungen unterzubringen. Sie hörten die Botschaft, versprachen, das Gepäck noch nicht zu verladen und "die Erfolge abzuwarten", aber es fehlt ihnen bis jetzt der Glaube, zumal der Minister, durch tagelange Attacken verwirrt, nebenher eingestand: "Offen gesagt, ich weiß auch nicht, wie es werden soll..."
Dabei war von der Beschaffung von Arbeitsplätzen noch gar nicht gesprochen worden. Flüchtlingskommissar Dr. Nahm: "Das ist ein Problem für sich. Von den nach Rheinland-Pfalz geschleusten Umsiedlern sind 33 000 auf eigene Faust wieder nach Bayern und Schleswig-Holstein zurückgekehrt." Ihr Argument ist kaum zu widerlegen: Ob sie im Notstandsgebiet des Hunsrück, in der Eifel oder im Notstandsgebiet des Bayerischen Waldes stempeln gehen, bleibe sich gleich. Die Barackenwände sind auch überall dieselben.
Weil alles verquer lief, hat sich jetzt in Rheinland-Pfalz eine Treckvereinigung aufgetan, die innerhalb des Landes trecken will, möglichst an den Rhein, wo es vielleicht noch Arbeitsplätze gibt, oder nach Nordrhein-Westfalen, das immer noch den größten Sog ausübt.
Der Fluch von Jalta hat Westdeutschland zu einem Exerzierfeld für Raumforscher, Soziologen, Betriebs- und Volkswirtschaftler werden lassen. Nach einer Berechnung des Instituts für Raumforforschung in Godesberg ist die Tragfähigkeit der Bundesrepublik - beim gegenwärtigen Produktions- und Erwerbsvolumen - bereits um 4 Millionen Menschen überschritten. Davon seien 1 792 000 durch eine großzügige Binnenwanderung noch produktiv einzuordnen, etwa nach diesem Rezept:
Der Bevölkerungsausgleich ist aber nur die mobile Seite des brennenden Problems: Neugliederung der Länder nach wirtschaftlichen Gesichtspunkten.
Auch die Amerikaner fanden es sehr interessant, das verruchte Wort vom "Volk ohne Raum" mit klugen Empfehlungen wegzudiskutieren. Man müsse die Industrie Westdeutschlands eben aufstocken und die deklassierten Flüchtlinge in neu zu gründenden Gewerbebetrieben wirtschaftlich eingliedern.
Das will auch der Sechsjahresplan des Leiters der Flüchtlingskommission der ECA, Hans Christian Sonne, der die Schaffung von 600 000 Erwerbsstellen vorsieht.
Sonne sagt selbst, daß sein Plan ohne Auslandshilfe nicht zu schaffen sei. Auswanderung aber erleichtert das "Volk ohne Raum" jährlich nur um 50 000 Menschen, während das Ost-Westgefälle jährlich 150 000 weitere Ostzonenflüchtlinge über die Elbdeiche schwemmt.
Durchführungskosten dieses Planes, an dem auch deutsche Experten mitgearbeitet haben und der für Minister Lukaschek die große Hoffnung ist: 12,5 Milliarden DM - nicht ganz so viel wie ein geforderter Jahres-Verteidigungsbeitrag.
Der gläubige Katholik Lukaschek hat die Hoffnung auf amerikanische Sonne-Millionen noch nicht aufgegeben, obwohl der Kongreß schon einmal nein gesagt hat: Erst westdeutscher Verteidigungsbeitrag und Aktivierung bundeseigener Mittel - etwa aus dem Lastenausgleich, den man nicht quotal sehen, sondern produktiv für die Schaffung von Arbeitsplätzen verwenden müsse - dann könne man weiter reden.
Trotzdem hat Lukaschek wieder seinen Spezialdiplomaten Middelmann nach Washington geschickt, um in Richtung Sonne weiter zu intervenieren.
Der Minister strahlte, als er in einer Schweizer Zeitung Anerkennung für seine außerdeutschen Anknüpfversuche fand. Für die Schweizer Musterdemokraten schwärmt er noch aus Pennäler-Zeiten, als er seine angeknackte Lunge in Davos so gut auskurierte, daß ihm die Brasilketten heute nicht schaden.
Dann freut ihn auch, daß nicht alle Flüchtlinge arme Schlucker sind, sondern mancher Vertriebene es in Westdeutschland wieder zu etwas gebracht hat, wie etwa der Schlesier, der ihm zu Weihnachten einen Strauß Orchideen schickte - als Trost für den Tort, den ihm der ostpreußische Dr. Kather laufend antut.
Seit Wochen führt der Vorstand des "Zentralverbandes der vertriebenen Deutschen" (ZvD), der sich durch Angliederung mehrerer bisher selbständiger Landsmannschaften zum "Bund vertriebener Deutscher" (BvD) erweitert, eine robuste Kampagne gegen Dr. Lukaschek, der selbst einmal erster ZvD-Präsident war.
Im Namen seiner organisierten Flüchtlingsmillionen überbrachte Kather mit drei Mann seines Präsidiums dem Bundeskanzler das kollektive Mißtrauensvotum gegen seinen Vertriebenenminister.
In der "Anklageschrift" (so nennt man im Vertriebenenministerium die BvD-Resolution) wird Dr. Lukaschek "Mangel an Energie, Initiative und Zähigkeit" vorgeworfen. Da Lukaschek selbst einmal öffentlich erklärt habe, er werde sofort zurücktreten, wenn er das Vertrauen der Flüchtlings - Organisation nicht mehr besitze, wisse er ja, was er jetzt zu tun habe.
Dazu gab der Sprecher der Schlesier, Ministerialrat a. D. Dr. Rinke aus München, dem Kanzler noch einen Stich: Wenn Lukaschek noch einmal vor Flüchtlingen in Bayern zu sprechen wage, würde er niedergeschrien und ausgepfiffen.
Der Kanzler hat die BvD-Anklageschrift, trotz eines zweiten Mißtrauensantrages von Dr. Kather, bis jetzt noch nicht beantwortet. Er hat zur Zeit andere Sorgen. Noch trecken die Flüchtlinge ja nicht.
Dr. Kather bastelt unbeirrt weiter an seinem Programm. Nach Gewerkschaftsvorbild will er BvD-Beiräte in die verschiedensten parlamentarischen Ausschüsse und ministeriellen Schlüssel-Gremien delegieren. Er verhandelt auch mit den Großgrundbesitzer-Vereinen, um sich über die Möglichkeit von Landaufkäufen für landlose Flüchtlingsbauern mit Hilfe von lokker zu machenden Soforthilfe- und Lastenausgleichsmitteln zu informieren, nachdem die Bodenreform völlig festgefahren ist. Von den 294 000 vertriebenen Bauern haben nur 24 000 wieder eine Hofstelle gefunden.
Er hat auch schon Verbindung mit Industriegruppen und Fachverbänden aufgenommen, um individuelle Unterlagen über die Arbeitsmarktlage hereinzuholen. Kather: "Die Fehlleistungen der Umsiedlung müssen endlich aufhören. Das alles ist dem Vertriebenen-Ministerium noch nie im Schlaf eingefallen"
"Alles Kinkerlitzchen", resigniert Dr. Lukaschek. "Was würde es wohl nützen,
wenn ich einen Stock nähme und mit viel Geschrei dazwischenschlüge, nur um zu zeigen, daß ich kein Weichbold bin. Ich kann nicht im Jargon der Abgeordneten reden, denn schließlich bin ich ja Bundesminister."
Jetzt kämpft er darum, es zu bleiben, nachdem er früher wegen des ewigen Haders mit seinem Ministerkollegen Fritz Schäffer schon mehrmals seinen Rücktritt angeboten hatte.
Die Nachtmütze, die man ihm vor einiger Zeit mit der hämischen Widmung "Schlaf schneller, Genosse" per Einschreiben ins Ministerium schickte, hat er in den Ofen geworfen.
Von den erwerbsfähigen Vertriebenen Schleswig-Holsteins
waren vor der Flucht sind nach der Flucht
Sozial gehoben 16,6 6,0
Beamte 8,3 4,2
Angestellte 37,8 18,5
Arbeiter 37,8 71,0
Bevölkerung Belastung
30.6.1951 überdurchschn. (+)
unterdurchschn. (-)
Bayern 9 122 000 +558 000
Wttbg.-Hohz. 1 264 000 -19 000
Baden 1 372 000 -48 000
Wttbg.-Baden 3 957 000 -264 000
Rhld.-Pfalz 3 066 000 +216 000
Hessen 4 370 000 +190 000
Nordrh.-W. 13 410 000 -1 397 000
Nieders. 6 738 000 +198 000
Schlesw.-H. 2 519 000 +630 000
Bremen 573 000 -35 000
Hamburg 1 639 000 -29 000
+
Bundesgebiet 48 030 000 -1 792 000
*) Nach Untersuchungen des DRK-Suchdienstes in Hamburg werden - außer 1,4 Mill. Soldaten - noch 1,5 Mill. Volksdeutsche und 1,6 Mill. Reichsdeutsche im Osten vermißt.
*) Dr. Lukaschek war als Oberpräsident in Oberschlesien so aktiv in der Abwehr des Kommunismus, daß der Journalist Walther Karsch in der linksgerichteten "Weltbühne" Nr. 42 vom 20. 10. 1931 einen flammenden Protest gegen ihn richtete. Karsch griff Lukaschek an, weil er den KP-Dichterling Erich Weinert, späteren Vorsitzenden des Kommunistischen Nationalkomitees "Freies Deutschland" in Moskau, der damals in Preußen Redeverbot hatte, nicht zu Worte kommen ließ. Heute ist Walther Karsch Herausgeber des Blattes, das den Kampf gegen den Kommunismus erfunden zu haben glaubt, des Westberliner "Tagesspiegel".

DER SPIEGEL 8/1952
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