20.02.1952

AMATEUREDer Tempel wird zum Markt

Hätte das Internationale Olympische Comitee Mut zur Konsequenz, blieben ihm nur vier Möglichkeiten:
* Es schafft die Olympischen Spiele ab.
* Es verschärft die Amateurbestimmungen und nimmt damit den Olympischen Spielen den sportlichen Auslesecharakter, das öffentliche Interesse und den finanziellen Rückhalt.
* Es lockert die Amateurbestimmungen, um das Gewissen der Schein-Amateure nicht zu strapazieren.
* Es folgt dem Beispiel der Tischtennisspieler, die weder Amateure noch Professionals, sondern nur den Sammelbegriff Sportler kennen.
Im unpassendsten Augenblick, eine Woche vor Eröffnung der Olympischen Winterspiele, hatte der Präsident des Kandahar-Skiclubs diese Zeitbombe an das Einsturz-gefährdete Gebäude des olympischen Gedankens gelegt: "Ob die Teilnehmer an den olympischen Wettbewerben Amateure sind, ist Ansichtssache. Daß es aber keine Amateure mehr gibt, ist Tatsache."
Die Worte des Präsidenten des Kandahar-Skiclubs wiegen schwer. Der Präsident heißt Viscount Montgomery, aktiver Feldmarschall Großbritanniens.
Der Angriff des Marschalls auf die Zitadelle des olympischen Idols kommt nicht von ungefähr. Jeder Wettkämpfer der Olympischen Spiele muß eine kompromißlose Amateur-Formel unterzeichnen:
* "Ich erkläre auf Ehre, daß ich ein Amateur bin...und daß der Sport für mich nichts anderes ist als eine Erholung ohne materielle Vorteile irgendwelcher Art, direkt oder indirekt..."
Diese Erklärung können 1952 die Olympioniken nur mit verstärkter Gewissenselastizität unterschreiben. Es sei denn, der
Vater wäre Millionär. Denn die drei Worte "direkt oder indirekt" schlagen auch jede noch so versteckte Profi-Hintertür zu.
Als Baron Pierre de Coubertin die ersten modernen Olympischen Spiele 1896 in Athen vorbereitete und die Amateur-Erklärung forderte, wollte er das olympische Ideal der sportliebenden Hellenen wieder aufleben lassen. Doch was sich Baron Coubertin vor 70 Jahren vorgestellt hatte, den Sport zu einer Art Religion zu erheben, war nichts weiter als ein klassizistisches Phantom*).
Bisher wagte es nur der Soldat Montgomery, das Talmi des olympischen Glorienscheins zu analysieren. Obwohl längst mit Coubertins drei Geboten für die Olympischen Spiele der Neuzeit gebrochen wurde:
* "Kein Land oder keine Person darf wegen der Farbe, Religion oder aus politischen Gründen diskriminiert werden."
* "Nicht der Sieg, sondern die Teilnahme ist entscheidend."
* "Teilnahmeberechtigt sind nur reine Amateure."
Zu diesem Punkt Erik von Frenkell, Leiter des Organisations-Komitees 1952 in Helsinki: "Diese Regel ist praktisch aufgehoben. Allein schon damit, daß der Verdienstausfall oft ersetzt oder in einer Form kompensiert wird, daß man beim besten Willen nicht mehr zwischen echten Amateuren, Schein-Amateuren und Berufs-Sportlern unterscheiden kann."
Sport ist heute in jeder Disziplin hochentwickelte Artistik. Wer da auf internationalen
Kampfbahnen mithalten will, muß ständig im Training sein. Training aber kostet Geld. Es bleibt den Sportlern nichts weiter übrig als Coubertins pathetischen Ausruf "Markt oder Tempel, Sportsmann wähle!", umzuwandeln in: Markt im Tempel.
So gehen in allen Wintersportländern die Spitzensportler des alpinen Skilaufs mit Einbruch des Winters in die professionale Geborgenheit der "Verbandsarbeit".
Der österreichische Alpine darf von November an trainieren, ununterbrochen, bei jedem Wetter, am Slalomhang oder auf der Abfahrtsstrecke. Auf allen Bergbahnen hat er Freifahrt. Essen und Trinken wird mit Verbandsspesen bezahlt. Bei einem Mäzen seines Vereines hat er ein Scheinarbeitsverhältnis, das ihm genügend Zeit für Reisen, Kämpfe und Training läßt. Das Beispiel steht für viele. Und trotzdem unterzeichneten in Oslo alle die olympische Amateur-Erklärung, daß für sie der Sport "nichts anderes als Erholung" sei.
Was in Europa die Sportverbände, besorgen in den USA nicht minder intensiv die Universitäten, die den Amateursport gleichzeitig fördern und finanziell abweiden wie Promoter und Manager den individuellen Berufssport.
Richard Savitt, globetrottender Wimbledon-Sieger, der von November 1950 bis heute keine Vorlesung auf der Cornell-Universität in Atlanta gehört hat, gilt genau so als Amateur wie die amerikanischen Wintersportler und Leichtathleten, die zum US-Olympia-Team gehören und ihr Studium ausschließlich am Slalomhang oder auf der Aschenbahn betreiben.
Nur wenige Disziplinen bringen die Konsequenz der Tennisamateure auf. Sie sprachen sich vor den Olympischen Spielen 1928 selbst die olympische Charakterfestigkeit ab.
Bedenken dieser Art kennen die Sowje''s nicht. Was sie unter einem Amateur verstehen,
hat der Präsident des Moskauer Sportkomitees, General Gromow, unmißverständlich formuliert: "Berufssportier ist, wer vor dem Start die Höhe seiner Entlohnung festlegt. In der sozialistischen Sowjetunion gibt es keinen Berufssport. Die nach dem Sieg gezahlte Geldprämie ist der wohlverdiente Lohn."
Der tschechoslowakische Langstreckenläufer Emil Zatopek gewann 1946 bei den Interalliierten Militärmeisterschaften in Berlin die 5000 Meter. Drei Wochen später wurde der Feldwebel Zatopek zum Leutnant befördert.
Die Armee steckte Zatopek in ein Trainingslager auf der Krim. Oberleutnant Zatopek wurde 1948 in London Olympia-Sieger über 5000 Meter. Mit den ersten Weltrekorden avancierte der Hauptmann Zatopek. Major Zatopek wird bei den Olympischen Sommerspielen 1952 in Helsinki für die tschechoslowakische Volksrepublik antreten.
Zatopek und die anderen Sportler aus den russischen Satelliten-Staaten aber werden in Helsinki jene Erklärung abgeben müssen, nach der sie Amateure sind und weder direkt oder indirekt irgendwelche materiellen Vorteile aus dem Sport gezogen haben.
Jeder Olympia-Funktionär weiß, daß die östlichen Staats-Sportler damit einen olympischen Meineid leisten. Wenn trotzdem gegen ihren Start von offizieller Seite nicht opponiert würde, wäre die Präzedenz da: die stille Beerdigung der olympischen Ideale des Baron de Coubertin.
*) Schon bevor der römische Kaiser Theodosius 393 nach Christus die Olympischen Spiele verbot, reizte der symbolische Lorbeerkranz allein kaum noch zu olympischen Tate. Die materielle Morgengabe für einen Sieg in Olympia war ein Stück Land und eine lebenslängliche Rente.

DER SPIEGEL 8/1952
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