13.02.1952

SOWJETZONE

Bitterer Lorbeer

Der Film muß heute Antwort geben auf alle Lebensfragen unseres Volkes. Er darf nicht mehr Opium des Vergessens sein", verkündete der Volksbildungs-Minister der Deutschen Demokratischen Republik, Paul Wandel, als neue Parole für das "fortschrittliche" Filmschaffen in der Sowjetzone. Die Herausgabe einer solchen neuen Parole hatte sich als notwendig erwiesen, seit zwei der letzten DEFA-Produkte erst kürzlich von den SED-Genossen als Opiate erkannt und verrissen wurden. Der ostzonalen DEFA blieb nichts, als selbstkritisch Reue zu zeigen über die Produkte:

* "Träum nicht, Annette". Zwei Männer bemühen sich um die Gunst ihrer Sprachlehrerin (Jenny Jugo). Die Lehrerin entscheidet sich für einen Dritten.

* "Das Mädchen Christine", ein Film unter der Regie von Arthur-Maria Rabenalt: Weiblicher Leutnant tötet im Dreißigjährigen Krieg einen verrohten Oberst. Kriegsgericht verurteilt Mädchen als Offizier zum Tode, spricht es als Frau frei.

Beide Filme, die "in ihren Darstellungen und Aussagen falsch und verlogen waren, zeigten den immer noch starken Einfluß der UFA-Tradition im neuen Filmschaffen", mäkelten die ostzonalen Kulturkritiker. Dabei ist die Nachfrage nach solchen unproblematischen Fabrikaten im arbeitsgrauen Osten sehr groß, wie sich unschwer am Beispiel des anspruchslosen Filmchens "Modell Bianka", das von volkseigener Kleiderkonfektion, Pulverschnee und Liebe handelt, erkennen läßt. Dieser Film spielte entgegen allen Erwartungen der DEFA sehr rasch seine Kosten ein.

Der eifrig geübten Selbstkritik fielen aber auch künstlerisch wertvollere DEFA-Erzeugnisse wie "Der Biberpelz" (Regie: Nationalpreisträger Erich Engel) und "Figaros Hochzeit" zum Opfer. Heute sind sie "bewußt gestartete Versuche, die DEFA-Filme ohne jede Aussage für die Gegenwart zu lassen und in eine Neutralität zwischen Ost und West zu drängen".

Damit die DEFA wenigstens für das Jahr 1952 allen Vorwürfen über aussagelos-neutrale Filme aus dem Wege geht, forderte DEFA-Produktions-Chef Dr. Albert Wilkening für das diesjährige Produktionsprogramm als General-Devise: Zeitnähe.

In dem neuen Produktionsprogramm sollen 18 Spielfilme, 16 große Dokumentarfilme, 2 Konzertfilme und über 100 Kurzfilme gedreht werden, die das Publikum mit "zeitnahen" Problemen über die Stunden des Kinobesuchs hinaus beschäftigen.

Zu den "zeitnahen" Problemen, die die DEFA dieses Jahr filmisch darstellt, gehört zum Beispiel das "Versagen" der West-Alliierten in:

* "Kreuzfahrer von heute". Scharfe Kritik an den Amerikanern und ihrem Vormarsch in Deutschland. Die Erlebnisse und Meditationen eines deutschjüdischen Emigranten über Sinn und Ausgang des Krieges in diesem Stefan Heym-Buchstoff - in Westdeutschland bekannt unter dem Titel "Bitterer Lorbeer" - kommen zu der Schlußfolgerung, daß doch der internationale Faschismus gesiegt hat.

Oder der Kampf fortschrittlicher Aktivisten gegen profitgierige Kapitalisten in:

* "Anna-Susanna". Versicherungsschwindelnde Reeder wollen das Schiff gleichen Namens verunglücken lassen. Matrosen-Aktivisten erfahren erst auf hoher See von den Absichten der

Schiffseigner, kämpfen vergeblich um ihr Recht und um den Frieden.

Oder die Skrupellosigkeit der Kapitalisten in:

* "Schatten über den Inseln". Ausbeuterische Geschäftsleute spornen ihre Lieferanten auf dänischen Inseln zur Fortsetzung des traditionellen Vogelfangs an, obwohl sie genau wissen, daß eine mysteriöse tödliche Krankheit durch diese Vogelfänge verbreitet wird.

Oder die "Wirtschaftsverbrechen" der Monopol-Kapitalisten in:

* "Das Hauptbuch der Solvays". Das "verwerfliche Verbrechen an der DDR-Finanzwirtschaft" des belgischen Soda-Königs Ernest Solvay, dessen Direktoren in seinen ostdeutschen Werken vor Abzug der Amerikaner Aktienpakete und Geschäftsunterlagen in westlicher Richtung verschoben haben sollen, wird eindringlich ausgewalzt.

Und das all-round-"Schiebertum in Westberlin" in:

* "Sein großer Sieg". Volkseigener Fahrradmonteur will Berufs-Radrennfahrer, Steher, werden. Das gibt es nur in Westberlin. Er geht hin. Entdeckt Schiebung. Inzwischen sind in fortschrittlicher DDR Berufssportarten auch Amateuren zugänglich gemacht worden. Monteur kehrt dekadentem Westen den Rücken und in die DDR zurück.

"Leider wird bei uns noch sehr viel mit dem Holzhammer gemacht." DEFA-Produktions-Chef Dr. Wilkening nennt zwar nicht das Kind beim Namen ("auch die DEFA wird von der internationalen Drehbuchkrise nicht verschont"), aber der "Roman einer jungen Ehe" des Nationalpreisträger-Regisseurs Dr. Kurt Maetzig ("Ehe im Schatten") war selbst den Linientreuesten zu fortschrittlich.

Der "Roman einer jungen Ehe" behandelt ein Schauspieler-Ehepaar: Jochen rezitiert in Westberlin, Agnes filmt im Ostsektor. Zwischendurch erscheint der berüchtigte Nazi-Regisseur Hartmann, der unverkennbare Aehnlichkeit mit Veit Harlan hat. Jochen arbeitet beim NWDR, der ein antifaschistisches Hörspiel verfälscht, Agnes lehnt es angeekelt ab, eine Rolle in Sartres "Schmutzige Hände" zu spielen und hilft bei der grandiosen "Kultur- und Volksveranstaltung" in der Stalinallee mit, bis sie dort für ihre künstlerischen Leistungen eine kleine Wohnung zugewiesen bekommt. Jochen, der selbst bei westlichen

Taxi-Girls kein Glück finden kann, ist der Neo-Faschisten und dekadenten Kapitalisten, die amerikanisch-bunte Schlipse tragen, müde und kehrt reumütig zu seiner fortschrittlichen Ehefrau und zu der kleinen, feinen Wohnung in der Stalinallee zurück.

Nationalpreisträger-Regisseur Dr. Kurt Maetzig sah sich nach der allgemeinen Ablehnung gezwungen, "unsere Absicht" zu begründen: "Mit dem Film 'Roman einer jungen Ehe' machten wir, das Kollektiv, welches diesen Film schuf, den künstlerischen Versuch, eines der größten Probleme, das heute jeden ehrlichen Deutschen bewegt, nämlich die Zerreißung unseres Vaterlandes und die Möglichkeit seiner Wiedervereinigung, zu gestalten.

"Wir wählten eine Ehegeschichte, weil sich in den beiden Ehepartnern gewissermaßen die beiden Teile unseres zerrissenen Vaterlandes ausdrücken lassen, weil ihre Liebe dem Zusammengehörigkeitsgefühl unseres Volkes entspricht, ihre Trennung der Trennung von Ost- und West-Deutschland zu vergleichen ist und weil wir schließlich in ihr die endliche Wiedervereinigung vollziehen können, die wir in der Wirklichkeit erst erkämpfen müssen."

Dieser Film bewies, daß die DEFA nicht über ihren eigenen Schatten springen kann. Die Planung, vom Kulturausschuß des ZK der SED thematisch ferngelenkt, verlangt allen dramaturgischen Bedenken zum Trotz die filmische Gestaltung

* des Friedenskampfes,

* des allgegenwärtigen Aufbaues,

* der Soll-Erfüllungen, der Aktivistenbewegung, des innerbetrieblichen Wettbewerbs,

* des fortschrittlich-schönen Lebens in der DDR,

* des Wirkens der Vorkämpfer für den Fortschritt.

So muß im Produktionsjahr 1952 an einem Streifen um August Bebel der Anfang der Arbeiterbewegung in leninistischstalinistischer Interpretation gezeigt werden. Das Projekt eines zweiteiligen Films um Ernst Thälmann, um den herum die Zeit zwischen den beiden Weltkriegen durch die Brille der SED-Ideologie noch

einmal gedeutet werden soll, bereitet aber Kopfzerbrechen: Es fehlt ein geeigneter Thälmann-Darsteller.

Zwei Jahre lang doktert die DEFA schon an einem "Röntgen"-Film herum. Im März soll er unter der Regie von Wolfgang Schleif endlich ins Atelier gehen. Und an den Beispielen Tilman Riemenschneider oder Thomas Münzer soll gezeigt werden, wie notwendig Auflehnung gegen jede Unterdrückung ist, wobei kein Zweifel bleibt, daß das Leben in der Ostzone eines der freiheitlichsten überhaupt ist.

Auf dieser Linie der "Auflehnung gegen jede Unterdrückung" liegt besonders der DEFA-Film "Das verurteilte Dorf": Ein kleines westdeutsches Dorf soll auf Befehl der Amerikaner geräumt werden, damit ein Flugplatz gebaut werden kann. Alle revoltieren dagegen, nur "der dicke Vollmer" - ein früherer Berufsoffizier und Gutsbesitzer aus Mecklenburg - nicht. Hauptfriedenskämpfer ist der Rückkehrer Heinz, der endlich "in Frieden leben will". Dicke Proteste, die die Amerikaner - die wie veritable Gangster aussehen - schnöde verwerfen. Darum offener Widerstand. Und die Amis geben nach und lassen das Dorf ungeschoren.

Bei diesem linientreuen Konzentrat "ernster, politischer Problemfilme" kommen reine Unterhaltungsfilme im DEFA-Programm viel zu kurz: ob die geplante Filmversion der "Dollarprinzessin" Leo Falls, das "Pariser Leben" Offenbachs oder der Wolfgang Staudte-Vorschlag "Die Herzogin von Gerolstein" jemals ins Atelier gehen werden, ist ungewiß. Und wenn, dann nur mit einem Libretto, in dem "amerikanische Lebensweise" und monopolkapitalistische Dekadenz angeprangert werden.

Denn besonders in den "leichten" Unterhaltungsfilmen haben die DEFA-Leute Sorge, von der Problem-Linie herunterzurutschen. Auf keinen Fall wollen sie Gefahr laufen, einen Film zu drehen, in dem nicht die Kunst als "Mittel zur politischen Erziehung" angewandt wird. Erst kürzlich konnten die ostzonalen Filmleute in der sowjetamtlichen "Täglichen Rundschau" lesen, daß das Volk keine Unterhaltungsfilme zu sehen wünsche:

"In Halle liefen in einer Woche allein sieben Film-Traumprodukte, und zwar der 'Arlberg-Expreß', der englische Film 'Träumende Augen', bei dem man vor lauter Schmalz tränende Augen bekommen kann; ferner 'Der blaue Strohhut', ein Münchner Kunsthonigprodukt, dann der superkomische 'Mustergatte' und der neue Harry-Piel-Trickfilm "Der Tiger Akbar", bei dem man nicht feststellen kann, ob der Tiger oder der 'Sensationsheld' mehr Angst hat. Außerdem die 'Jenny und der Herr im Frack' und 'zufälligerweise' schon wieder der Kitschfilm 'Nichts als Zufälle'.

"Das ist ein bißchen zuviel des Guten, was den Werktätigen, trotz mehrfacher ablehnender Stellungnahme, zugemutet wird; denn alle diese Filme kapitalistischer Prägung haben die gleichen Eigenschaften, nämlich in mehr oder weniger sensationeller oder gefühlsduseliger Aufmachung die arbeitenden Menschen in ihrer Freizeit für einundeinehalbe Stunde der Wirklichkeit des Lebens zu entziehen und sie vom Nachdenken über die wahren politischen Hintergründe ihrer eigenen Not in der kapitalistischen Welt abzulenken. Kurz gesagt: zu verdummen und rückständig zu halten, um sie leichter ausbeuten und mißbrauchen zu können."

Diese Kritik wird verständlich, wenn man bedenkt, daß zur Uraufführung des "fortschrittlichen" DEFA-Films "Wilhelm Pieck - das Leben unseres Präsidenten" (SPIEGEL Nr. 2/1952) in der Dresdener Schauburg nur 57 Besucher erschienen, die Aufführungen des "rückständigen" Harry-Piel-Films "Der Tiger Akbar" im gleichen Kino aber ständig ausverkauft waren.


DER SPIEGEL 7/1952
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