04.02.2002

KRIEGSVERBRECHENPlanet der guten Menschen

Es ist eine Art Versuchslabor für eine bessere Welt: Fast 1200 Leute arbeiten beim Uno-Tribunal in Den Haag dafür, dass Tyrannen endlich ihren Richter finden. Nächste Woche beginnt der Prozess gegen Slobodan Milosevic, dann stellt sich heraus, was ihre Arbeit wirklich wert ist. Von Klaus Brinkbäumer
Das Furchtbarste? Das Furchtbarste war diese Notiz, in der kalten Zelle auf den Stein gekritzelt. Die Notiz eines Mannes, der noch Minuten zu leben hatte, sein letzter Gruß, ich liebe dich, Mutter.
In Bosnien war das, in einem Lager, in dem sie forensische Untersuchungen durchführen ließ. Die Notiz, sagt Hildegard Uertz-Retzlaff, "hat mich tagelang fertig gemacht". Die Oberstaatsanwältin hat geweint, geträumt, gezweifelt. Grau und beinahe kahl sei sie geworden, sagt Hildegard Uertz-Retzlaff, 50, "als ich hier anfing, war ich braun. Mir gehen hier wirklich die Haare aus".
Das Schönste?
Das Schönste ist der Stolz der Frauen, die ihre Kuh und die Überlebenden untergebracht, den Pass besorgt, das erste Flugzeug ihres Lebens bestiegen, das erste Hotelzimmer bestaunt, schließlich den ersten Gerichtssaal betreten und sich dort sehr geschämt haben. Die geschluchzt haben, geflüstert, geschwiegen, minutenlang.
Und die dann der Welt ihre Geschichte erzählt haben. Von den elf Soldaten, die immer nachts kamen und diskutierten, wen sie nehmen sollten. Von den Zigaretten, den Pistolen, dem Gelächter, dem Gedrängel, der Spucke danach. Und von den Blicken nach der Rückkehr in die Zelle.
Das Schönste ist der Stolz dieser Frauen, darauf, dass sie im Gerichtssaal das Lächeln der Mörder ihrer Kinder ausgehalten haben und das Gähnen ihrer Vergewaltiger, darauf, dass sie wichtig waren, anonym zwar, weil das Zeugenschutzprogramm sie "FWS-75" getauft hat oder "FWS-87", aber wichtig für einen Tag und so stark.
Das ist das Schönste, das sagen alle.
Und das Ergebnis, das nach dem Furchtbaren und dem Schönen am Ende bleibt? "Jeder Einzelne ist ein winziges Rad, aber alle zusammen schaffen wir etwas Besonderes", sagt Liam McDowell, 37, der Leiter des "Outreach Department", der wie die meisten hier seine Tribunal-Marke an einem silbernen Halsband trägt. "Zusammen leisten wir, das darf man wohl so nennen, etwas Historisches", sagt Hildegard Uertz-Retzlaff, und so leise sagt sie das, als wäre ihr ein so großes Wort peinlich.
Es geht um etwas Gewaltiges in Den Haag. Es geht in dem Bunker am Churchillplein um den Versuch, Gerechtigkeit zu globalisieren, darum, dass in Zukunft für jeden Präsidenten und jeden General ein Weltrecht gelten soll.
Das Internationale Kriegsverbrechertribunal für das ehemalige Jugoslawien, kurz ICTY, am 25. Mai 1993 ins Leben gerufen mit der Resolution 827 des Sicherheitsrates der Vereinten Nationen, soll Völkermord, Verbrechen gegen die Menschlichkeit, Kriegsrechtsverletzungen und schwere Verstöße gegen die Genfer Konvention von 1949 ahnden. "Es gab in dieser Welt ein Tabu. Tyrannen waren nicht zu greifen. Dieses Tabu haben wir durchbrochen", sagt der Richter Claude Jorda, 63, Präsident und Vaterfigur des Tribunals, das jene Menschen anklagen und verurteilen soll, die all die Morde in Bosnien, in Kroatien, im Kosovo befohlen haben.
Das Tribunal ist wie ein Planet; der hat zwei Türme und viele Antennen und Satellitenschüsseln; der hat fünf Etagen, sehr viele gepanzerte Türen und Kontrollpunkte und Gänge und Treppen. Fast 1200 Menschen aus 77 Ländern arbeiten für das Tribunal, und es gibt viele, die seit Jahren dabei sind und sich immer noch verlaufen.
Der Planet Den Haag, aus beigefarbenem Stein gebaut, hat die Form eines V, "V" wie "victory", sagt die Chefanklägerin Carla Del Ponte, wobei der rechte Arm des Vs um 50 Meter länger ist als der linke. Vorn, wo die beiden Arme sich treffen,
ist der erste Hochsicherheitsbereich, der Haupteingang, und darüber ist die Terrasse, auf der die Raucher die lausigen Wiener Würstchen verdauen.
Unten im Erdgeschoss ist die Lobby. Es gibt einen Marmorboden, zwei flache Bildschirme an der Wand, gegenüber die Büros der Agenturjournalisten, die täglich berichten.
Ein Stockwerk höher, im Gerichtssaal I, werden an diesem Tag die Urteile gegen die Kriegsverbrecher Zdravko Mucic, Hazim Delic und Esad Landzo verkündet: 9, 18 und 15 Jahre. In Lagern in Bosnien haben sie Häftlinge gefoltert, vergewaltigt, ermordet. Eine Mutter im Zuhörerraum weint, eine Freundin reckt den Daumen, Mucic grinst.
Weiter oben, im Saal III, muss sich gerade Mladen Naletilic, einst Kommandeur der Truppe Kaznjenicka Bojna in Bosnien, verteidigen, angeklagt als Mörder und Folterer wie die anderen.
Und nebenan, im kleineren Saal II, geht es gegen Mitar Vasiljevic, einst Mitglied einer paramilitärischen Einheit, die durch bosnische Dörfer gezogen und ziemlich wahllos gemordet haben soll. Alle hinter dem Panzerglas sehen erschöpft aus, und das Neonlicht macht sie noch blasser. Das Ganze wirkt wie ein Labor - wie das Experiment, aus dem eine schönere neue Welt hervorgehen soll.
Größer und edler könnte die Aufgabe des ICTY ja nicht sein, komplizierter und heikler auch nicht. Dass es am Anfang keine Angeklagten gab, weil die Regierungen auf dem Balkan von Siegerjustiz sprachen und Auslieferungen verweigerten; dass die Beweise von Nato-Truppen und Nato-Satelliten geliefert wurden; dass die Bürokraten der Uno das Tribunal so weit weg von den Tatorten beordert hatten; dass als Sprachen des Tribunals Englisch und Französisch und nicht Serbokroatisch oder Albanisch festgelegt wurden - all das führte zu trägen, tristen ersten Jahren.
Die Verfahren dauerten zu lange.
Dann kamen die Berufungsverfahren.
Und spätestens da hörte keiner mehr zu.
Ein paar Generäle wurden verknackt, aber die Präsidenten des Krieges, Präsident Milosevic allen voran, waren weit weg und lachten über Den Haag.
Doch dann reformierte der französische Präsident des Tribunals, Claude Jorda, seinen Gerichtshof, und aus New York kam mehr Geld, und Serbien kollabierte und lieferte frische Angeklagte. Und inzwischen ist das Gefängnis in Scheveningen voll von Männern, die auf ihre Prozesse warten. Und einer von ihnen ist Slobodan Milosevic, der Kriegstreiber, der mit seinen Träumen von Groß-Serbien letztlich für alles verantwortlich sein soll, was im vergangenen Jahrzehnt auf dem Balkan geschah.
Am 12. Februar beginnt der Prozess gegen Milosevic. Darum sind die Menschen des Tribunals ziemlich stolz und ziemlich verspannt.
Denn dass der Fall Milosevic darüber entscheiden wird, ob das Tribunal irgendwann tatsächlich etwas Historisches sein wird, das wissen sie alle. Milosevic war in Wahrheit ja von Anfang an das Ziel, und deshalb geht es von diesem 12. Februar an um Sinn oder Größenwahn, um Erfolg oder Scheitern des Projekts Den Haag.
Natürlich weiß das auch die Frau, die am 12. Februar antritt zum Kampf ihres Lebens. Die das Gesicht des Tribunals ist, die den Stolz und die Kraft des Tribunals verkörpert. "Wir müssen uns die ''chain of command'' hinaufarbeiten", sagt Carla Del Ponte. "Höher hinauf geht es nicht."
Eine ziemlich eckige Brille und goldene, schwere Ohrringe zieren das Gesicht von Carla Del Ponte, 55, darüber blondierte, rund geschnittene Haare, darunter noch einmal eine Menge Gold: goldene Kette, goldenes Armband, goldene Uhr.
Die Augen schmal, die Finger trommelnd, Del Ponte hat keine Zeit. "Alors, was wollen Sie?" Del Ponte springt zwischen Französisch, Deutsch und Englisch hin und her, und das klingt ziemlich niedlich; doch "niedlich" ist nicht wirklich das Wort, das diese Dame treffend beschreibt.
Von den Offizieren auf den Anklagebänken wird sie "Hure" genannt, weil die es nicht ertragen, von dieser kleinen, zarten Frau mit der niedlichen, lustigen Stimme seziert zu werden. Carla Del Ponte kämpft überall und immer, und auf dem Balkan kämpft sie zum Beispiel gegen die Nato. "Wissen Sie", sagt sie, "die Nato ist die mächtigste militärische Organisation der Welt. Sie ist in Bosnien, im Kosovo, seit Jahren kontrolliert sie die kleine Republik Srpska, und immer noch sagt sie mir, sie wisse nicht, wo der Angeklagte Karadzic ist."
Also fliegt Del Ponte im Wochentakt nach Belgrad, Sarajevo, Pristina und kämpft ihren Kampf. Und immer hat sie Jean-Jacques Joris dabei, ihren sehr smarten, sehr flinken politischen Berater, dessen Armbanduhr 35 Minuten vorgeht, damit sie nicht zu spät kommen. Niemals. Und immer telefoniert sie. Mit den Vereinten Nationen in New York, mit Politikern, mit ihren zehn Teams. Und deshalb ist Carla Del Ponte mit ihren Gedanken hier und zugleich woanders, denn sie hat einen dieser Jobs, die so viele Akten und so viele Windungen mit sich bringen, dass es nie ein Ende gibt.
"Wo war ich?"
Die Nato, Frau Del Ponte.
"Die Nato langweilt mich. Ich habe in New York ein Tracking Team beantragt. Ich brauche nicht viele Leute, sieben gute reichen, die die Angeklagten finden werden. Und dann müssen sie auch festgenommen werden." Im Jahr 2007 will Del Ponte ihre Ermittlungen beendet haben, und bis 2015 sollen alle Revisionen abgeschlossen sein. Bisher, nach acht Jahren, gibt es drei verbüßte Strafen, drei Verurteilte, die ihre Strafen angetreten haben und fünf Freisprüche; und es gibt noch 80 Angeklagte, von denen 31 flüchtig sind.
Niedlich.
"Wir müssen eben arbeiten", sagt die Chefanklägerin und rutscht vor Lässigkeit beinahe unter den Konferenztisch in ihrem mit Medaillen und Topfpflanzen geschmückten Büro. Und dann: "Je push."
Die Schweizerin Del Ponte wurde in Lugano im Tessin geboren und wuchs im Maggiatal auf. Lernen sollte sie nichts; "du heiratest sowieso", sagte ihr Vater. Sie wollte raus, schnell, wollte erst Rennfahrerin und Pilotin werden und studierte dann Jura. Sieben Jahre lang war sie Rechtsanwältin, eine schlechte. "Wenn ich all die Beweise gesehen hatte, bin ich zu meinen Klienten ins Gefängnis gegangen und habe gesagt: Ja, da muss man gestehen."
Also wechselte sie auf die andere, die gute Seite, und dort ging es schnell. Sie jagte Drogendealer, Geldwäscher, Waffenhändler, schloss sich mit dem italienischen Richter Giovanni Falcone zusammen, wurde berühmt und noch berühmter, nachdem Falcone von den gemeinsamen Feinden von der Mafia ermordet worden war.
Raucherin ist sie und Porschefahrerin mit Rennlizenz. Eine "unguided missile", wie ein anonymer Schweizer Bankier sagte, was viele hundert Mal zitiert wurde. "Es ist möglich, dass Männer so etwas über einen Mann nie sagen würden", sagt Del Ponte, "ich habe darüber nie nachgedacht."
Es war am 3. Juli des vergangenen Jahres, da kam es im Gerichtssaal I, hinter kugelsicherem Glas, zur ersten Anhörung, zum ersten Gefecht. Vier automatische Kameras, die auf Geräusche reagieren, hingen an der Decke; Glaskrüge mit Wasser standen auf den Tischen, die mit Monitoren und Kopfhörern für die Übersetzungen ausgerüstet waren; alles hier, die Stühle, die Vorhänge, die Fahnen, war Uno-blau. Um 10.02 Uhr wurde der "Fall Nummer IT-99-37-I", die Staatsanwaltschaft gegen Slobodan Milosevic, aufgerufen.
"Ja, guten Morgen, Euer Ehren", sagte Carla Del Ponte.
"Ich halte dieses Tribunal für ein falsches Tribunal und die Anklage für eine falsche Anklage", sagte Milosevic, bewacht von drei sehr kräftigen Männern in hellblauen Uno-Hemden, "das Ziel dieses Tribunals ist es, eine falsche Rechtfertigung für die Kriegsverbrechen der Nato zu produzieren."
Dann ließ Richard May, der ruhige britische Richter, dem Angeklagten das Mikrofon abdrehen, und um 10.13 Uhr wurde Slobodan Milosevic wieder in das Gefängnis gebracht, das die Zeugen der Anklage "Hotel Scheveningen" nennen.
Weil es Satellitenfernsehen hat. Und 68 Einzelzimmer. Und weil die Opfer in Bosnien und sonstwo frieren und hungern und Milosevic hier Seeluft atmet und drei Mahlzeiten pro Tag bekommt.
Um 7.30 Uhr werden die Gäste des "Hotels Scheveningen" geweckt. Um 8 Uhr werden die Zimmer geöffnet, und ab 9 Uhr kommen die Familien, all die Frauen mit Kopftüchern und kleinen Kindern an der Hand, denen die Mütter erklären müssen, was Vati damals im Krieg getan hat.
Wer keinen Besuch bekommt, geht zum Arzt, zum Englischunterricht, in die Bücherei, zum Hallenfußball. Und Slobodan Milosevic sieht sich die Nachrichten aus Belgrad an, spielt Schach, spielt Karten, geht im Innenhof spazieren. Zwei hohe Mauern halten den mutmaßlichen Völkermörder Milosevic vom Volk entfernt und das Volk von Milosevic; eine Fahne mit dem Schriftzug "Justititie" weht über ihm.
"Er ist ein extrem höflicher, respektvoller Häftling", sagt Timothy McFadden, 48, ein ehemaliger Offizier der irischen Armee mit rosiger Haut und Segelohren, einst für die Uno in Namibia, Syrien und im Libanon und heute Leiter des "Penitentiair Complex Scheveningen".
Hotel? McFadden lacht.
Abends um acht werden die Häftlinge wieder eingeschlossen, und "wer je eingeschlossen wurde, weiß, was der Unterschied zwischen Gefängnis und Hotel ist". Klar, es ist luxuriös, aber bis zum Urteil sei Milosevic wie alle hier nun mal unschuldig.
Und was wird aus Den Haag, wenn Milosevic freigesprochen wird? "Das ist natürlich hypothetisch", sagt Carla Del Ponte, "scheitern können wir nur, wenn plötzlich alle Zeugen nicht mehr kommen. Glauben Sie das?" Nein, denn wer hier arbeitet, braucht diesen Schuldspruch.
Wer für das Tribunal arbeitet, denkt groß. Mindestens an die ganze Welt und ihre Rettung. Die Menschen auf diesem Planeten haben so gar nichts Cooles, und sie sind nicht besonders sexy; sie sind überzeugt und wirken mit einem heiligen Ernst.
Wer für das Tribunal arbeitet, reist viel, spricht Fremdsprachen; das ist das, worauf die Leute daheim in Bochum und sonstwo neidisch sind. Der sieht Leichen, spricht mit Schlächtern, nimmt Gebrochene in den Arm; das ist das, was die Leute daheim selten begreifen können.
Natürlich gibt es auch im Tribunal Dinge, die es in allen Firmen und Behörden gibt: Es gibt Tribunal-Intrigen, Tribunal-Affären, Tribunal-Ehen, Tribunal-Klatsch. Alle, die nicht in der Verwaltung arbeiten, hassen die Verwaltung; jede Unterhose, die für eine Zeugin zu kaufen ist, muss abgerechnet werden, wenn sie denn abgerechnet werden darf - könnte Bestechung sein, muss im Einzelfall entschieden werden. 96 Millionen Dollar standen im vergangenen Jahr zur Verfügung, doch über die Prozedur der Verteilung klagen alle.
Und jene, die nicht bei der Staatsanwaltschaft sind, beneiden die Leute von der Staatsanwaltschaft, die große Einzelzimmer im zweiten, dritten und vierten Stock haben; purer Luxus für den Rest.
Aber niemand hier hat besonders viel Freizeit, und Florence Hartmann, Del Pontes Sprecherin, eine ziemlich elegante Pariserin mit einem ziemlich verwüsteten Büro, sagt, es gebe keine Partys mehr: "Was soll man auch reden? Wie viele Körperteile hast du vergangene Woche gefunden?"
Wer für das Tribunal arbeitet, lebt für das Tribunal.
Hildegard Uertz-Retzlaff, in Düsseldorf geboren, hat schon in Bochum groß gedacht. Sie war bei der Staatsanwaltschaft, die sich um Wirtschaftskriminalität kümmert, einer gefürchteten Truppe. Dann aber gab es ein Rundschreiben vom Justizministerium in Düsseldorf, und darin wurde von dem neuen Tribunal erzählt.
Ihr Ehemann ist Jugoslawe, und schon lange hatten die beiden über Kriegsverbrechen gesprochen - wie unfassbar das alles sei, dass man was tun müsse.
Nicht man. Ich.
Was sie in den ersten Jahren nach 1995 erleben sollte, wusste Hildegard Uertz-Retzlaff damals nicht, und wenn sie heute davon erzählt, schüttelt sie sich immer noch. Dann sitzt sie in ihrem violetten T-Shirt und dem weinroten Jackett in der Lobby des Tribunals, hinter sich die Fernseher mit den Übertragungen aus den Gerichtssälen, und presst ihre Hände gegeneinander und fährt sich durch die Haare. So etwas ist kaum auszuhalten, seelisch nicht, körperlich nicht.
Zeilen wie diese musste Hildegard Uertz-Retzlaff in die Anklagen hineinschreiben: "Am 8. Juli 1992 brachte Janko Janjic FWS-88 (,weibliche Zeugin Nummer 88'') zu einem Apartment im Brena-Block. Dort, während der ganzen Nacht, vergewaltigte er sie wiederholt (vaginale und anale Penetration und Fellatio). Da sie vor diesen Taten Jungfrau war, erlitt FWS-88 furchtbare Schmerzen während der Vergewaltigungen."
Die beiden "Foca"-Prozesse, ihre Foca-Prozesse, sind berühmt geworden. Foca steht heute nicht mehr nur für die Kleinstadt im Südosten Bosniens, Foca steht dafür, dass Soldaten, die Frauen und Kinder systematisch vergewaltigen, für Jahrzehnte ins Gefängnis geschickt werden können; die Richterin Florence Mumba aus Sambia hat die Urteile gefällt. Und die Anklägerin Hildegard Uertz-Retzlaff haben diese Prozesse den Schlaf und die Freunde in Bochum gekostet, denn mit diesen Prozessen hat das Tribunal sie verschluckt.
Natürlich lohnt es sich. Meistens. Manchmal. Dann ist da immer wieder die Ernüchterung. "Ich hatte gedacht, wenn dieses Gericht hier etabliert ist, wird es präventiv wirken, und dann war ich ein halbes Jahr lang hier, und dann geschah das Massaker von Srebrenica", sagt Uertz-Retzlaff, "und da habe ich gedacht: Was mache ich hier? Kann ich auch nach Hause fahren, wenn es nichts nutzt?"
Was Menschen wie Hildegard Uertz-Retzlaff in solchen Wochen in Den Haag hält, ist die höhere, die abstrakte, die fachliche Ebene des Tribunals. Es hat für Strafrechtler selten etwas derart Aufregendes wie diesen Gerichtshof gegeben.
All die verschiedenen Rechtsauffassungen, die Gewohnheiten von afrikanischen Richterinnen, kanadischen Verteidigern und beispielsweise einer Bochumer Oberstaatsanwältin müssen irgendwie koordiniert werden, und am Schluss muss ein Verfahren mit dem anderen zu vergleichen sein. Und darum ist für alle Experten so faszinierend, wie aus dem angloamerikanischen "Common law", bei dem die Richter moderieren und die Ankläger nur belastendes Material sammeln, und dem "Civil law" der meisten europäischen Staaten, bei dem auch die Richter die Zeugen befragen, ein internationales Recht entsteht. In Den Haag, sagt Uertz-Retzlaff, habe sich mit den Jahren gezeigt, dass es sehr viel schneller und effektiver zugehe, wenn Anklage und Verteidigung "ganz früh ihre Strategien offen legen, überflüssige Zeugen weglassen und wenn der Richter die Verhandlung nicht laufen lässt, sondern steuert".
Dies sind die Themen für Liebhaber, und diese Themen fesseln die Liebenden. Und Hildegard Uertz-Retzlaff fuhr zwei Jahre lang an den Wochenenden nicht mehr heim, weil sie an ihrem Schreibtisch in Zimmer 253 neben einer Schale mit Äpfeln saß und an der Anklage gegen Milosevic arbeiten musste.
Es war am 30. August, da kam es um 10.08 Uhr im Gerichtssaal I hinter Panzerglas zum zweiten Gefecht.
"Mr. Milosevic hat die Annahme der Kopie der ersten Anklage verweigert", sagte die Chefanklägerin Carla Del Ponte, "deshalb ist nicht klar, ob er die Vorwürfe kennt, und deshalb möge die Kammer überlegen, ob es nicht angebracht wäre, ihm die Vorwürfe vorlesen zu lassen."
"Wir werden das Problem bedenken", sagte der britische Richter May, "und nun zum Angeklagten. Mr. Milosevic, gibt es irgendwelche Themen, die Sie in Verbindung mit Ihrem Fall gerne ansprechen würden? Sie kennen die Regeln. Keine politischen Reden zu diesem Zeitpunkt."
"Nun, ich möchte eine Präsentation über die Illegalität dieses Tribunals machen." Undsoweiterundsoweiter und dann: "Sie sind ein Werkzeug."
"Sie haben all diese Punkte schon vorgebracht", sagte May.
"Sie sind ein politisches Werkzeug derer, die ..."
"Sehr gut, diese Anhörung wird ausgesetzt."
Und dann verschwanden Del Ponte und ihre Kollegen wieder in den Gängen dieses Planeten des Rechts, in dem all die Morde, Entführungen, Vergewaltigungen gesammelt, verarbeitet, bewiesen und dann, vielleicht, irgendwann gesühnt werden. Sechs Fälle verhandeln die 16 permanenten und die 27 bei Bedarf herbeigerufenen, so genannten Ad-litem-Richter, gleichzeitig, drei am Morgen, drei am Nachmittag.
Das Tribunal ist monströs.
Im Fall des einstigen Kommandeurs des Sarajevo Romanija Corps, Stanislav Galic, klagt der Staatsanwalt, dass er 380 000 Dokumente untersuchen musste, 2,5 Millionen Seiten, und "allein zwei Jahre dauerte es, um sie vom Englischen ins Französische zu übersetzen".
Es ist wohl so, dass sich Verfahren, die ein Jahrzehnt des Krieges aufarbeiten wollen, nicht zähmen und nicht beherrschen lassen; und deshalb machen sie alle still ihre Arbeit, und irgendwie geht es immer weiter.
Und unten im Erdgeschoss wirken die Leute vom "Office of the Registrar", einer Art Justizministerium des Uno-Tribunals, Leute wie Christian Rohde, 38, nach Uno-Diktion "Legal officer", die das Chaos zu verwalten versuchen. Rohde sitzt in Zimmer 014, gegenüber dem gewaltigen Safe mit den Anklageschriften und den Beweismitteln. Rohde sieht sehr kantig aus in seinem hellblauen Hemd, ein bisschen wie Kevin Costner, und er hat ein "Metropolis"-Poster an der Wand und ein Deutschland-Fähnchen auf dem Tisch. Rohde stammt aus Kiel und ist zuständig für die rund 80 Verteidiger; er regelt Besuchszeiten und Honorare, und das mit den Honoraren ist verdammt schwierig: Haben die Angeklagten irgendwo Geld versteckt? Können sie ihre Verteidiger nicht selbst bezahlen? Auch Rohde ertrinkt in Arbeit, und auch er findet, "dass dies hier eine faszinierende Geschichte ist und politisch sehr wichtig für die Zukunft der Welt".
Im ersten Stock sitzen die Richter und in den Etagen darüber die Ankläger; und überall, wo vor Jahren mal Platz war, haben sich die kleineren Abteilungen eingerichtet, die Propagandatruppe von Outreach etwa und die Leute von "Victims and Witnesses", die die Zeugen herbringen.
Lohnt sich der Aufwand?
Es war am 30. Oktober, da kam es im Gerichtssaal I, hinter kugelsicherem Glas, um 9.34 Uhr zum dritten Gefecht.
"Gehen Sie mir nicht auf die Nerven, und lassen Sie mich nicht stundenlang Texten zuhören, die auf dem intellektuellen Niveau eines zurückgebliebenen siebenjährigen Kindes sind", sagte der Angeklagte. Und dann versprach Milosevic, niemals Selbstmord zu begehen, weil er ja demnächst das Tribunal entzaubern müsse.
Und Carla Del Ponte rechnete: 500 Tage werde sie brauchen, um die Zeugen für die drei Milosevic-Verfahren zu befragen und alle Dokumente zu erläutern.
"500 Tage, nur für die Anklagen?", fragte der britische Richter Richard May; dann strich er die Liste der Zeugen zusammen.
Und in seinem Büro mit brauner Holzvertäfelung und einem Foto von Nelson Mandela sitzt Claude Jorda, feine, stille Vaterfigur des Tribunals, und lächelt milde. "Wenn ein Baby geboren wird, weiß man nicht, ob es jemals laufen wird", sagt er, "das Baby krabbelt, stolpert, es fällt. Und dann? Läuft es."
* Anfang Februar 1996 in der Nähe des Dorfes Kravica gefunden.
Von Klaus Brinkbäumer

DER SPIEGEL 6/2002
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