04.02.2002

Das tausendmalige Sterben

Von Hage, Volker

In seiner neuen Novelle "Im Krebsgang" erzählt Günter Grass von der Tragödie der Versenkung des Flüchtlingsschiffs "Wilhelm Gustloff" 1945 - und schildert packend einen von der deutschen Literatur lange gemiedenen Stoff: die blutige Geschichte der Flucht aus dem Osten.

Siebzehn Jahre ist sie alt, schwanger, und sie hat sich mit Tausenden anderer Flüchtlinge in Gotenhafen, unweit von Danzig, auf dieses große Schiff gerettet. Nun ist es Nacht, die "Wilhelm Gustloff" endlich auf offener See, Kurs Westen - weg von den heranrückenden Truppen der Roten Armee.

Kurz nach 21 Uhr an diesem 30. Januar des Jahres 1945 wird Tulla Pokriefke von einer gewaltigen Erschütterung des Schiffes aus Schlaf und vermeintlicher Sicherheit gerissen, einer Detonation, der zwei weitere unmittelbar folgen. Sogleich setzen bei ihr die Wehen ein, können aber von einem Arzt per Spritze zunächst gestoppt werden.

So erreicht die junge Schwangere eines der wenigen Rettungsboote, die von der sinkenden "Gustloff" nach den drei sowjetischen Torpedotreffern ausgesetzt werden können, und sie wird bald darauf von zwei Matrosen glücklich an Bord des deutschen Geleitschiffes "Löwe" gezogen. Noch in dieser Nacht kommt ihr Sohn zur Welt; die Haare auf ihrem Kopf aber färben sich für immer weiß - angesichts der unzähligen kopfunter in ihren Rettungswesten auf den hohen eiskalten Wellen schaukelnden toten Kinder, die sie beobachtet hat.

Tulla, eigentlich Ursula Pokriefke, ist eine erfundene Figur. Treuen Lesern des Schriftstellers Günter Grass ist sie seit 1961 bekannt: aus der großen Novelle "Katz und Maus", die nach dem Skandalerfolg des Debütromans "Die Blechtrommel" (1959) den noch frischen Ruhm des jungen Autors festigen half.

Tulla, zunächst eine schlaksige Göre und Halbwüchsige, die gern bei den Jungs dabei ist und früh an allem Männlichen interessiert, spielt auch in dem Grass-Roman "Hundejahre" (1963) eine Nebenrolle: als Straßenbahnschaffnerin in Danzig, schwanger und in Furcht vor der näher kommenden Sowjetarmee, vom Westen "mit Teilen der Heeresgruppe Weichsel abgeschnitten". In der "Rättin" (1986) ist zu erfahren, sie sei wahrscheinlich auf der "Gustloff" geflohen und mit ihr untergegangen.

Keineswegs. Grass, 74, nimmt den Faden wieder auf und schildert in seiner neuen Novelle "Im Krebsgang", wie es weitergegangen ist mit Tulla, berichtet von ihrer Rettung, ihrer erneuten Flucht über Land bis nach Schwerin, mit Säugling Paul im Fuchspelz, von ihrem späteren Leben in der DDR, neuen Männergeschichten und einer Karriere als Tischlerin - vor allem aber erzählt er die schrecklich reale Geschichte der "Wilhelm Gustloff" und wagt sich damit an ein Tabuthema der deutschen Nachkriegsgeschichte und Literatur*.

Grass erzählt nicht nur von der wohl größten Schiffskatastrophe aller Zeiten, sondern beschreibt auf mitreißende Weise zugleich die Geschichte und Wirkung dieses gesamtdeutschen Tabus, nicht zuletzt auf die eigene Person. "Mochte doch kei-

ner was davon hören, hier im Westen nicht und im Osten schon gar nicht", lässt er seinen Ich-Erzähler sagen.

Als erster Schriftsteller aus seiner Generation reagiert Grass damit literarisch auf jene Diskussion, die Ende 1997 mit den Thesen des kürzlich tödlich verunglückten Schriftstellers W. G. Sebald zum Thema "Luftkrieg und Literatur" anhob (SPIEGEL 3/1998) und sich rasch zu einer Debatte über die Versäumnisse der deutschen Nachkriegsliteratur, auch und besonders der Gruppe 47 weitete. Die jungen Autoren dieser Gruppierung seien "von vielfältigen Tabus umstellt", Bombenkrieg und Vertreibung kein Thema gewesen, schrieb die "Frankfurter Allgemeine", die Beteiligten und Betroffenen würden wahrscheinlich "stumm abtreten".

Grass, der sich nun anschickt, diese Prognose zu widerlegen, stimmte das Thema zunächst in einer Rede über Erinnerung an, gehalten im Herbst 2000 in Vilnius. Als beunruhigend empfand er, "wie spät und immer noch zögerlich an die Leiden erinnert wird, die während des Krieges den Deutschen zugefügt wurden". In der Nachkriegsliteratur habe die "Erinnerung an die vielen Toten der Bombennächte und Massenflucht" nur wenig Raum gefunden.

In der neuen Novelle ist die Frage nach den Gründen dafür zentral, auch die nach den moralischen und erzählerischen Schwierigkeiten mit der heiklen Materie. Der Titel "Im Krebsgang" weist auf die tastende und umwegreiche Erzählform hin, auf die sehr bewusste, alles Anekdotische ausklammernde Schreibhaltung.

Grass selbst taucht, nicht zum ersten Mal, in seinem eigenen Werk auf, als der "Alte" und "Arbeitgeber" des Ich-Erzählers. So gibt er indirekt, in dritter Person Auskunft über sich:

Eigentlich, sagt er, wäre es Aufgabe seiner Generation gewesen, dem Elend der ostpreußischen Flüchtlinge Ausdruck zu geben: den winterlichen Trecks gen Westen, dem Tod in Schneewehen, dem Verrecken am Straßenrand und in Eislöchern, sobald das gefrorene Frische Haff nach Bombenabwürfen und unter der Last der Pferdewagen zu brechen begann, und trotzdem von Heiligenbeil aus immer mehr Menschen aus Furcht vor russischer Rache über endlose Schneeflächen ... Flucht ... Der weiße Tod ... Niemals, sagt er, hätte man über so viel Leid, nur weil die eigene Schuld übermächtig und bekennende Reue in all den Jahren vordringlich gewesen sei, schweigen, das gemiedene Thema den Rechtsgestrickten überlassen dürfen.

Grass lässt seinen Erzähler, der niemand anderes ist als Tullas einziger Sohn Paul, sogar von Versäumnis und Versagen sprechen. Eine subtile Art literarischer Selbstkritik: Zuzugeben sei, so der "Alte", "dass er gegen Mitte der sechziger Jahre die Vergangenheit satt gehabt, ihn die gefräßige, immerfort jetzjetzjetzt sagende Gegenwart gehindert habe, rechtzeitig auf zweihundert Seiten Blatt Papier ... Nun sei es zu spät für ihn."

Das ist von großem literarischen Raffinement, hier vibriert der doppelte Boden - denn diese 200 (genau 216) Seiten sind glänzend und packend geschrieben: Hier ist einer ganz bei sich, bei seinem Thema. Hier beweist einer das unbedingte Bedürfnis, eine Geschichte zu erzählen, sie knapp, gebändigt in eine Form zu bringen.

Seit langem hat Grass mit einem Prosawerk nicht mehr derart überzeugen können. Nach der Novelle "Katz und Maus" war ihm so recht nur noch ein als Nebenwerk gedachtes erzählerisches Spiel mit der Gruppe 47 gelungen: "Das Treffen in Telgte" (1979). Vor allem die größeren Werke, eigentlich schon die "Hundejahre", besonders aber die Romane "Örtlich betäubt" (1969), "Die Rättin" (1986) und "Ein weites Feld" (1995), nicht zuletzt die Prosasammlung "Mein Jahrhundert" (1999), zeigten einen bemühten, oft ausufernden Erzähler, der sein tagespolitisches Temperament schwer zügeln konnte und die von seinen Anfängen gewohnte Kraft vermissen ließ.

Als ihm im Herbst 1999 der Nobelpreis für Literatur verliehen wurde, wobei lobende Hinweise auf das Frühwerk nicht fehlten, war Grass vor allem als politischer Polemiker präsent. Seit er auf SPD-Wahlveranstaltungen aufge-

taucht war, seit er sein "Loblied auf Willy" (1965) gesungen und später die Ostpolitik des Kanzlers Brandt unterstützt hatte, schien er verlässlich linksliberale Positionen zu verteidigen - bis hin zur Diskussion um die Wiedervereinigung, als er nicht müde wurde, vor einem großen deutschen Staat zu warnen. "Wer gegenwärtig über Deutschland nachdenkt", sagte er Anfang 1990, "muss Auschwitz mitdenken."

Umso überraschender scheint nun die Hinwendung zu einem Thema zu sein, das das Tätervolk in der Opferrolle zeigt. Was bisher etwa bei Kempowski in dem großen kollektiven Tagebuch "Das Echolot" - und zwar in den Bänden mit dem Untertitel "Fuga furiosa" (1999) - zur Sprache kam, was in Romanen von Arno Surminski, Leonie Ossowski oder Heinz G. Konsalik, auch in der Jugendliteratur (so in Willi Fährmanns 1962 publiziertem Erfolgsroman "Das Jahr der Wölfe") dargestellt wurde, wird von Grass auf hohem literarischem Niveau präsentiert: die Massenflucht der Ostdeutschen gen Westen, vorgeführt am Beispiel der äußersten Katastrophe, des "Gustloff"-Untergangs.

Grass weicht dabei keinem Aspekt dieser Geschichte aus. Zunächst ist da die Unheimlichkeit des Datums: Am 30. Januar 1895 wurde jener Wilhelm Gustloff geboren, der 1936 in der Schweiz als nationalsozialistischer Landesgruppenleiter einem Attentat zum Opfer fiel und nach dem - auf Wunsch Hitlers - das bei Blohm & Voss vom Stapel gelaufene neue Passagierschiff der "Kraft durch Freude"-Flotte benannt wurde.

Und auf den Tag genau 50 Jahre nach Gustloffs Geburt, an jenem 30. Januar 1945, wurde diese "Wilhelm Gustloff" mit Tausenden von Flüchtlingen an Bord in der Ostsee durch ein sowjetisches U-Boot versenkt. Zudem ist der 30. Januar der Tag von Hitlers "Machtergreifung" 1933.

Eine derart magische Verschränkung der Zeitläufte kann sich keine Literatur ausdenken, Grass aber legt auch den Geburtstag seines Ich-Erzählers auf diesen Tag - und lässt darüber hinaus die Geburt exakt "im Augenblick der Untergangs" stattfinden: "Zweiundsechzig Minuten nach den Torpedotreffern kroch ... ich aus dem Loch."

Ein halbes Jahrhundert später sitzt Paul Pokriefke, inzwischen Journalist, an seinem Computer und stößt beim Surfen im Internet - ohne große Absicht gibt er das Suchwort "Gustloff" ein - auf befremdliche und überraschende Aktivitäten einer "Kameradschaft". Das ist der Rahmen der Novelle und die Gegenwartsebene.

Stets hat Mutter Tulla vom Journalistensohn erwartet, dass er ihre Geschichte und die des "Gustloff"-Untergangs aufschreibt, er solle "Zeugnis ablegen", so liegt sie ihm seit Jahren in den Ohren. Doch Paul hat bisher nie so recht gewollt, stattdessen bei einer Springer-Zeitung volontiert, dann für die linke "Tageszeitung" geschrieben und dabei auch gelegentlich

"Bekenntnishaftes zum Thema ,Nie wieder Auschwitz'' geliefert" - doch nie ein Wort über die Seekatastrophe.

Grass nutzt geschickt den Stoff für Legendenbildung, der in der Geschichte steckt: Er erfindet sich eine neonazistische Homepage ("www.blutzeuge.de"), auf der die Datumszufälligkeit um den 30. Januar als "Ausweis der Vorsehung" gedeutet und die ganze Geschichte aus rechtsextremen Blickwinkel ausgebreitet wird.

Der Schiffsuntergang in der eisigen Januarnacht 1945 war nur eine, wenn auch die größte der Katastrophen, die sich während der maritimen Evakuierung von mehr als zwei Millionen Deutschen vor der nachrückenden Roten Armee ereigneten. Lange Jahre wurde die Zahl der bei der Versenkung der "Gustloff" Getöteten und Ertrunkenen auf 5000 bis 6000 geschätzt, inzwischen wird von rund 9000 Toten ausgegangen, darunter mehr als 4000 Kinder und Jugendliche (siehe Seite 192).

"Im Krebsgang" schildert zwei Möglichkeiten, solches Grauen zu beschreiben. Grass, der "Alte", der nie namentlich auftaucht, ermuntert seinen fiktiven Ich-Erzähler, eine Novelle zu schreiben. Der aber will, als Journalist und Rechercheur im Internet, lieber nur berichten, die Zeugnisse anderer zitieren: "Was aber im Schiffsinneren geschah, ist mit Worten nicht zu fassen ... Also versuche ich nicht, mir Schreckliches vorzustellen und das Grauenvolle in ausgepinselte Bilder zu zwingen."

Diesen Dialog, der auch ein Dialog über die Fragwürdigkeit der Darstellbarkeit von massenhaftem Tod ist, weitet Grass in seinem Buch noch weiter aus, indem er drei Generationen der Pokriefkes zu Wort kommen lässt - jede dieser Generation hat eine ganz andere Art, mit der Katastrophe, die eine Art Gründungsmythos der Familie ist, umzugehen.

Tulla Pokriefke ist die nahezu sprachlose Augenzeugin, die nur bruchstückhaft in immer gleichen Szenen das Erlebte zu schildern vermag, dabei ständig jenen Satz bemüht, der oft aus dieser Generation zu hören ist: "Ech könnt euch Romane erzähln." Die Überlieferung hält sie für die Sache ihres Sohnes, des Journalisten ("Ech leb nur noch dafier, dass main Sohn aines Tages mecht Zeugnis ablegen").

Der aber, Paul Pokriefke, will von den alten Geschichten, von den dramatischen Umständen seiner Geburt nichts mehr hören - typisch für seine Generation. Jahrzehntelang hat er sich abgeschirmt gegen alle Informationen, die mit dem Untergang der "Wilhelm Gustloff" zu tun haben. Und als er sich, Mitte der neunziger Jahre, endlich an die Arbeit macht, erscheint es zweifelhaft, ob es ihm gelingen werde, "das tausendmalige Sterben im Schiffsbauch und in der eisigen See in Worte zu fassen".

An die Arbeit macht er sich im Grunde erst, als er erkennen muss, dass sich hinter der "Kameradschaft" im Internet ein Einzelner verbirgt, und zwar niemand anderes als sein eigener Sohn Konrad, genannt Konny, von dem er getrennt lebt.

Tullas geliebter Enkelsohn nämlich hat sich aus den Geschichten der Großmutter (die ihm auch den Computer geschenkt hat) etwas ganz Eigenes zusammengebraut: eine neonazistische Hassseite, auf der er die Besatzung des sowjetischen U-Boots "Frauen- und Kindermörder" nennt und als "Wilhelm" im Chat einen kenntnisreichen Dialog mit einem zunächst anonymen "David" führt, der sich nicht mit Gustloff, sondern im Gegenteil mit dem Attentäter David Frankfurter identifiziert.

Grass und sein Erzähl-Adlatus Paul scheuen sich nicht, gelegentlich den Volkshochschullehrer zu spielen und Informationen chronistenhaft darzubieten, so auch die Vor- und Nachgeschichten der "Gustloff"-Katastrophe und ihrer Beteiligten: Kurz und knapp wird zusammengetragen, was über die Lebensläufe des in Schwerin geborenen Nazis Gustloff und des aus der kroatischen Stadt Daruvar stammenden Attentäters und jüdischen Medizinstudenten Frankfurter (Jahrgang 1909), über das Attentat in Davos und den anschließenden Prozess in Chur zu sagen ist; auch die Vita des 1913 geborenen sowjetischen U-Boot-Kommandanten wird ausgeleuchtet - und das alles bis weit über den Krieg hinaus verfolgt.

Ebenso ist manches über Bau, Stapellauf und die glücklicheren Jahre der "Gustloff", von 1936 bis zum Kriegsbeginn, zu erfahren, über das Schiff, das rund 25 Millionen Reichsmark gekostet hat und 1463 Passagiere bequem an Bord nehmen konnte. Als KdF-Dampfer wurde die "Gustloff" schnell Legende, zum Wunschziel deutscher Urlauber.

Ein Glanzstück und Exempel für die Erzählstrategie des Autors ist das Gedankenspiel, das er seinen Ich-Erzähler anstellen lässt: Wenn der, Paul Pokriefke, 1938 als Journalist bei der Jungfernfahrt hätte dabei sein können - wäre er so mutig gewesen, danach zu fragen, mit welchen Geldern die Nazis das Schiff finanzierten, wo die Guthaben der verbotenen Gewerkschaften geblieben sind?

"Verspätete Mutproben!", sagt sich Paul und sieht sich mit der Masse der Kollegen bewundernd durch das Schiff gehen: "Ich sah und notierte beflissen." Das Promenadendeck, die Schwimmhalle, die modernsten Trinkwasserbehälter, Tellerwaschanlagen und sanitären Einrichtungen werden so dem Leser mit Pauls Augen vergegenwärtigt.

Auch zur Beschreibung der eigentlichen Katastrophe hat Grass einen dezenten Kniff gewählt: Er lässt seinen Paul etwa über Kinderfotos sprechen, die für immer verloren sind, denn mit den Kindern (nicht einmal hundert überlebten die Katastrophe) sind auch die Bildzeugnisse ihrer Geburt und ihrer kurzen Lebenszeit untergegangen, versunken mit dem Flüchtlingsgepäck.

Der vielstimmige Zugriff auf die Tragödie gibt Grass die Möglichkeit, auch Aspekte jenseits des politisch Korrekten anzusprechen. Das ist das eigentlich Brisante an diesem Werk - es trifft sich mit einer allgemeinen Tendenz, nun, mehr als ein halbes Jahrhundert nach dem Zweiten Weltkrieg, die bislang weitgehend tabuierten Themen wie Luftkrieg und Massenflucht einigermaßen unbefangen zur Sprache zu bringen.

Auch das Fernsehen nimmt sich ihrer an, wie vor kurzem Guido Knopps ZDF-Serie über "Die große Flucht". Archive öffnen sich, bisher unbekanntes Bildmaterial kommt ans Licht, die noch lebenden Zeitzeugen werden befragt - wie es zunächst und zuallererst mit den überlebenden Opfern der deutschen Aggression und des Massenmords geschah.

Grass kann von sich sagen - und hat es in Äußerungen im Vorfeld der Novelle auch getan ("Dieses Thema tickt bei mir schon sehr lange") -, dass es in seinem Werk vom Beginn an Hinweise auf die Schiffskatastrophe gab. In der "Blechtrommel" wird nicht nur die "Wilhelm Gustloff" am Rande erwähnt, auch vom Bombenkrieg, von Luftschutzkellern, der Massenflucht aus der Perspektive des Zwerges Oskar ist die Rede, sogar von der Vergewaltigung deutscher Frauen durch Soldaten der Roten Armee, ohne dass der Autor in die Nähe rechter Politik oder der Vertriebenenverbände zu rücken war.

So ist es nicht übertrieben, wenn in der Novelle "Im Krebsgang" der fiktive Erzähler über den "Alten", also Grass, sagt: Es sei dessen Sache gewesen, sich des Untergangs der "Gustloff" erzählerisch anzunehmen, ihm sei "diese Stoffmasse auferlegt worden".

Grass, der sich als Verfasser der "Danziger Trilogie" (zu der "Die Blechtrommel, "Katz und Maus" und "Hundejahre" zählen) für alles zuständig fühlen darf, was "mit der Stadt Danzig und deren Umgebung verknüpft oder locker verbunden" ist, hat nun die "Stoffmasse" tatsächlich (und überzeugend) in Angriff genommen.

Leider - das ist ein kleiner Einwand gegen diese an sich wunderbare Novelle - läuft alles auf eine Pointe hinaus, die der Autor dem SPIEGEL gegenüber "schlüssig" nannte, die aber allenfalls kurzschlüssig ist.

Am Ende scheint ihm das politisch korrekte Gewissen doch noch zu schlagen und in die Quere zu kommen. Hat er den jungen Neonazi, Tullas Enkelkind Konrad, mit der bizarren Verehrung für Wilhelm Gustloff, den Namensgeber des Schiffes, vielleicht zu sympathisch dargestellt? Muss nicht vielmehr streng auf die Gefahr solcher Aktivitäten hingewiesen werden?

Als würde er die Geister, die er rief, nicht mehr los, wird der Hexenmeister Grass plötzlich zum Zauberlehrling und sucht Zuflucht bei einem läuternden, lärmenden Finale - pädagogisch wertvoll gewissermaßen. Er lässt den Jungen zur Tat schreiten, um ihn danach auf die Anklagebank setzen zu können.

Konrad, der sich "Wilhelm" nennt, trifft sich ganz real mit dem jungen Mann, der sich im virtuellen Internet-Raum als "David" ausgibt: in Schwerin, dort, wo Gustloff bestattet wurde. Es kommt zur Katastrophe, zum neuen Attentat unter umgekehrten Vorzeichen: Wilhelm erschießt David, der Neonazi den Juden, der, wie sich vor Gericht herausstellt, gar keiner ist, sondern sich diese Identität angemaßt hatte.

Hier überdreht Grass seine Konstruktion - und unterschätzt wohl die Folgen, die eine solche Tat in Deutschland hätte, den weltweiten Aufruhr. Er beschädigt das feine Erzählgewebe aus Fiktion und Realität.

Alles endet bei ihm vor einem milden Jugendrichter und mit dem Zusammentreffen der beiden Elternpaare, die sich gegenseitig mit Hinweisen auf ihre Erziehungsfehler trösten. Offenbar glaubte der erfahrene Erzähler mit der fiktiven Mordtat die für die Novellenform obligatorische "unerhörte Begebenheit" nachliefern zu müssen. Dabei ist das, was sich am 30. Januar 1945 in der Realität begeben hat, doch wahrlich unerhört genug. VOLKER HAGE

* Szene aus "Nacht fiel über Gotenhafen" (1959). * Günter Grass: "Im Krebsgang". Steidl Verlag, Göttingen; 216 Seiten; 18 Euro. * US-Soldat im zerstörten Köln (März 1945). * Mit Lars Brandt und Claudia Bremer.

DER SPIEGEL 6/2002
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