Samstag, 20. März 2010

DER SPIEGEL


04.02.2002

STARS

Die Berlinerin

Von Jenny, Urs

Nicht nur Schauspielerin, Schriftstellerin, Entertainerin, sondern auch Vorbild an Lebensmut - so starb Hildegard Knef.

Es war nicht ihre Art, sich diskret in den Schatten zurückzuziehen, wie das die Garbo oder die Dietrich getan hatten. Sie drängte ins Licht, solange die Kraft noch dazu reichte; sie brauchte die Bestätigung im Gefühl, noch da zu sein, noch obenauf zu sein: jeder Tag ein Sieg.

So droht die etwas maskenhafte, etwas grelle, auch rechthaberisch schrille Erscheinung ihrer späten Auftritte - zu rot der Mund, zu schwarz die Wimpern - die beiden anderen Bilder zu überlagern, die von Hildegard Knef in Erinnerung bleiben sollten:

Zum einen das schmale, wunderbar klare Gesicht einer jungen Frau mit sehr hellen Augen und hellem Haar, die zum ersten Nachkriegsstar des deutschen Kinos wurde, weil nichts von patenter BdM-Blondheit an ihr war, sondern ein Hauch von Geheimnis und Melancholie; zum anderen das Bild einer reifen Frau auf einer Bühne, Rosen im Arm, von Beifall umrauscht, Deutschlands einziger Chanson-Schreiberin und -Sängerin von Format, die in dem Lebensmut, den sie ausstrahlte, endlich für einen Augenblick mit sich selbst einig zu sein schien.

Sie muss - in Berlin in sehr ärmlichen, engen Verhältnissen herangewachsen - ein auffallend schönes Kind gewesen sein, denn als sie 1942 zur Ufa kam, weil sie eine Lehre als Trickfilmzeichnerin machen wollte, erhielt sie stattdessen rasch ein Schauspielstipendium und erste kleine Rollen dazu (zum Beispiel als traurige Kindfrau in Käutners "Unter den Brücken").

Doch da, sie war noch nicht zwanzig Jahre alt, brach rundum schon alles zusammen, und die Alpträume von Flucht und russischer Gefangenschaft und Verhören hat sie ein Vierteljahrhundert später in ihrer romanhaften Autobiografie "Der geschenkte Gaul" zu einer düsteren Schicksalswende dramatisiert.

In den paar Nachkriegs-Hungerjahren, als der Schrecken dem Volk noch frisch in den Knochen saß und noch nicht mit Währungsreform und Wirtschaftswunder die allgemeine Amnesie eingesetzt hatte, entstanden die Filme, in denen die helle, herbe Erscheinung von Hildegard Knef den Anspruch auf Klarheit und die Entschlossenheit eines Neubeginns verkörperte - der Erste dieser Filme, geschrieben und inszeniert von Wolfgang Staudte, hieß programmatisch "Die Mörder sind unter uns".

Die frühe, tief gehende Erfahrung des Lebens als Krieg und Überlebenskampf hat in ihr für immer die Instinkte einer Kämpferin mobilisiert, die schon um sich schlägt, bevor sie überhaupt jemand angreift, und auch auf Phantomfeinde losgeht, um sich als Siegerin zu fühlen: Kaum ein Interview, das nicht die Schatten imaginärer Verfolger heraufbeschwört, kaum eines (außer den spätesten), das nicht darauf beharrt, dass sie in Deutschland nicht geliebt werde, aber auch darauf, dass alle Widerstände, denen sie im Ausland begegnete, daher rührten, dass sie aus Deutschland kam.

Beides stimmt und stimmt doch nicht, denn sie selbst hat, begreiflicherweise, damals fast um jeden Preis aus dem deutschen Elend weggewollt und 1947 die Chance genutzt: eine Ehe mit einem amerikanischen Offizier sowie ein eher bescheidenes Angebot aus Hollywood. Die US-Karriere wollte aber nicht in Gang kommen, und die erste kurze Rückkehr nach Deutschland führte vor gut fünfzig Jahren zu einem Eklat, der kaum noch nachvollziehbar erscheint.

In dem Film "Die Sünderin" von Willi Forst war Hildegard Knef 1951 als Malermodell mehrere Sekunden lang nackt zu sehen, wenn auch nicht besonders deutlich - doch deutlich genug für bigotte Tugendpolitiker, um eine Großkampagne gegen diesen Film als Exempel einer neuen Unmoral in Gang zu setzen, die ihn wohl erst zu einem Sensationserfolg gemacht hat. Knef tat "Die Sünderin" später, vielleicht zu Unrecht, als "hirnrissiges Melodram" ab, das nur seinen Produzenten zu Reichtum verhalf, stellte aber zu Recht fest: "Ich kriegte die Schande, die andern die Penunzen."

Der größte persönliche Erfolg und wohl

der Höhepunkt ihrer internationalen Karriere in den fünfziger Jahren hat kaum auf

Deutschland zurückgewirkt: die Greta-Garbo-Rolle der Ninotschka, die sie am Broadway mehr als zwei Jahre lang in dem Musical "Silk Stockings" von Cole Porter spielte. Was sie in den Jahren davor und danach an Filmen gedreht hat, in Hollywood, im europäischen Ausland und erst recht in Deutschland, war in Wahrheit nicht toll: keine einzige Rolle, mit der "die Knef" sich international als Star hätte durchsetzen können - nur eine Liste längst vergessener Filme, die in den sechziger Jahren mit Groschenheft-Titeln wie "Geheimagentin in Gibraltar", "Verdammt zur Sünde", "Blonde Fracht für Sansibar" oder "Bestien lauern vor Caracas" endet.

Sie war eine umschwärmte und viel begehrte Schönheit, doch auch eine Frau, die der Mann fürchtete, weil sie Liebesdramen, wenn sie vorbei waren, als "hormonbedingte Gefühlsduseleien" hinter sich zu lassen verstand (sie zitierte gern, dass Henri Nannen ihr "intellektuellen Sex" nachsagte), und weil sie bei weitem zu selbstbewusst war, um je einem Mann die Führung in ihrem Leben zu überlassen: Die drei, mit denen sie verheiratet war - dem amerikanischen Offizier Kurt Hirsch folgte der englische Schauspieler David Cameron, dann der ungarische Baron Paul von Schell -, verstanden es offenbar, aus einer subalternen Rolle das Beste zu machen.

Als Persönlichkeit wirkte Hildegard Knef immer größer und eindruckvoller als alles, was in Filmen von ihr zu sehen war, und ihre ganze Stärke trat nicht im Schauspielerischen hervor, sondern in der Kraft und Entschlossenheit, mit der sie sich aus schweren Abstürzen oder Lebenskrisen wieder hochzuarbeiten und als öffentliche Figur neu in Szene zu setzen verstand.

Die Dynamik der Eigenwerbungskampagne, mit der sie ihre Autobiografie "Der geschenkte Gaul" 1970 zum Weltbestseller hochpeitschte; die Selbstdarstellungslust, die aus dem überraschend entdeckten Chanson- und Showtalent mit ein paar Songs, die das Zeug zu Evergreens haben, eine reiche und langlebige Karriere entwickelte; die offensive Energie, mit der sie ihre Krebserkrankungen, Schönheitsoperationen und Altersbeschwerden als öffentliche Gesprächsthemen anging - all dies hat Hildegard Knef für mindestens zwei Generationen von Frauen zu einer bewunderten Mut-Figur gemacht.

Lange war sie "die Knef", doch als Berlin-Heimkehrerin im letzten Jahrzehnt wurde sie für die umarmende Boulevardpresse "unser Hildchen". Eine Nervensäge war sie natürlich auch, wie alle begnadeten Egozentriker; doch ihren Humor hatte sie noch nicht verloren, als sie vor einem Jahr sagte: "Ich sehe inzwischen aus, als sei ein Bulldozer über mein Gesicht gefahren." Sie hat geraucht wie ein Schlot, solange es ging, und sich zunehmend schwerer durch die Tage und Nächte geröchelt. An Lungenkomplikationen ist sie am 1. Februar, einen Monat nach ihrem 76. Geburtstag, in Berlin gestorben. URS JENNY

* Mit Gustav Fröhlich, Hans Albers, Mario Adorf, Gregory Peck (v. l. n. r.).


DER SPIEGEL 6/2002
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