Von Beste, Ralf und Niemann, Sonja
Der Arbeitsplatz liegt in Manhattan, Kollegen aus aller Welt verbreiten internationales Flair, und Dienstreisen in exotische Länder gehören zum Alltag. Sabine Warschburger, 30, hat ihren Traumberuf gefunden und sieht sogar einen "konkreten Sinn" in ihrer Aufgabe.
Seit Mai 2000 arbeitet die promovierte Volkswirtin in der Statistik-Abteilung der Vereinten Nationen - der Weltagentur für Frieden, Freiheit und Entwicklung. "Unheimlich flexible und mobile Leute" würden dort gebraucht, sagt Warschburger. Eine Rückkehr nach Deutschland kann sie sich kaum vorstellen: "Dieses Arbeiten in einem internationalen Umfeld macht ein bisschen süchtig."
Von Leuten wie Sabine Warschburger hätte der Kanzler gern mehr. Die Bundesregierung, die nach dem Willen Gerhard Schröders seit dem 11. September eine bedeutendere Rolle in der Welt anstrebt, möchte auch personell größeren Einfluss nehmen. Möglichst viele junge Deutsche sollen in internationalen Organisationen wie Uno, EU oder Weltbank einen Job ergattern, die Karriereleiter erklimmen - und immer daran denken, woher sie kommen.
Andere wichtige Staaten wie Frankreich oder Großbritannien verfolgen ihre Interessen schon lange mit Hilfe geschickter Kaderpolitik. Gezielt rekrutieren Briten und Franzosen ihre Leute und bringen sie auf strategischen Posten unter.
Wirtschaftsvertreter sehen den deutschen Rückstand mit Sorge. Die Experten im "Tönissteiner Kreis", einem Verbund international orientierter Führungskräfte mit Sitz im Berliner "Haus der Deutschen Wirtschaft", kommen zu dem Ergebnis, die Bundesbürger seien international "nicht adäquat repräsentiert".
So stellen die Deutschen in der Zentrale der Vereinten Nationen nur 5,1 Prozent des Spitzenpersonals, obwohl sie 9,5 Prozent des Uno-Etats zahlen. In der EU-Kommission haben von den rund 5600 höheren Beamten lediglich 12 Prozent einen deutschen Pass, aber gut 15 Prozent einen französischen. Dabei zählt Deutschland 23 Millionen Einwohner mehr als Frankreich.
In zahlreichen internationalen Behörden naht zudem die "deutsche Delle", warnen Experten wie Matei Hoffmann, Koordinator für internationale Personalpolitik im Auswärtigen Amt. Viele der rund 450 deutschen höheren Uno-Bürokraten zogen kurz nach dem Beitritt der Bundesrepublik 1973 nach Manhattan - und erreichen demnächst die Pensionsgrenze. Auch bei der EU-Kommission verabschiedet sich bis 2010 fast ein Viertel der rund 680 deutschen Spitzenbeamten in den Ruhestand.
Jetzt ist die Zeit der Bonner Republik mit ihrer außenpolitischen Zurückhaltung auch in Personalfragen vorbei. Kanzleramtschef Frank-Walter Steinmeier versammelt viermal im Jahr die Staatssekretäre der wichtigsten Ressorts, um internationale Posten gezielt besetzen zu können. Auf den Chefsessel beim Weltwährungsfonds hatten die Deutschen vor zwei Jahren bereits mit aller Macht den Ex-Staatssekretär Horst Köhler bugsiert, nachdem ihr erster Kandidat Caio Koch-Weser durchgefallen war. Künftig soll auch auf höherer Beamtenebene mehr Druck ausgeübt werden, um gute Jobs für Deutsche zu sichern. In Brüssel gebe es eben einen "knallharten Wettbewerb" um die besten Posten, so ein Teilnehmer der Steinmeier-Runde.
Gezielt analysieren die Staatssekretäre bei ihren Treffen, für welche Posten - etwa bei Weltbank, Uno oder EU - deutsche Kandidaten notfalls auch gegen Konkurrenten protegiert werden sollen.
Der Andrang qualifizierter Beamter für Auslandsposten ist bislang gering - und viele zögern aus guten Gründen. Zahlreiche Rückkehrer mussten bereits erleben, dass ihnen frühere Kollegen die spärlichen Beförderungen weggeschnappt hatten. Auf Druck der Steinmeier-Runde soll darum jetzt die Bundeslaufbahnverordnung geändert werden: Wer im Ausland war, kommt künftig schneller voran. Zehn Jahre habe das Bundesinnenministerium "systematischen Widerstand" gegen diese Novellierung geleistet, heißt es in der Bundesregierung - dahinter steckten offenbar die Personalchefs der einzelnen Ministerien, die um ihren Einfluss fürchteten.
Auch Nicht-Beamte sollen jetzt gezielt für die Behördenjobs im Ausland gewonnen werden. Die Stabsstelle im Auswärtigen Amt unter Leitung von Botschafter Hoffmann sammelt derzeit freie Stellen und interessierte Bewerber, um Jobs und Köpfe via Internet zusammenzubringen.
Beim Karriereeinstieg in die Mammutbehörden Uno und EU hilft das Ministerium sogar mit eigenen Repetitorien - gegen 120 Euro Gebühr. Bereits vor einem Jahr begannen die Vorbereitungskurse für die so genannten Concours, Auswahlwettbewerbe für die EU-Laufbahnen nach französischem Vorbild. 1500 junge Deutsche haben bereits das Nachhilfeangebot in Anspruch genommen. Erste Resultate in den langwierigen Auswahlverfahren können sich sehen lassen: Die zehn Kandidaten, die das Amt auf die letzte, mündliche Prüfung für Jobs in der EU-Finanzverwaltung vorbereitete, haben alle bestanden.
Seit Januar hilft das Auswärtige Amt auch bei der Vorbereitung auf das "National Competitive Recruitment Exam" (NCRE), einem Aufnahmetest der Vereinten Nationen. Diese Prüfung wird nur in Ländern angeboten, die in der Weltorganisation personell unterrepräsentiert sind - neben Deutschland etwa Portugal, Katar oder Tonga.
Die meisten Kandidaten bei den Repetitorien sind Mitte bis Ende 20, haben einen Hochschulabschluss, internationale Erfahrung - und Lust aufs Ausland. "Ich kann mir einfach nicht vorstellen, ein Leben lang in einem Büro in Deutschland zu bleiben", sagt Christine Lang, 27. Die studierte Historikerin bewirbt sich bei der Uno um einen Job in der Öffentlichkeitsarbeit. Ingo Pittele, 30, hat mal ein Jahr in Chile studiert. Der Volkswirtschaftler wollte "schon längst raus" und sucht draußen in der Welt eine Arbeit mit einem "sinnvollen Ziel".
Beim NCRE-Test müssen die Kandidaten vier Stunden auf Englisch oder Französisch analytisches Denken, Wissen über die Uno und das Weltgeschehen unter Beweis stellen ("Nennen Sie die drei am meisten von Trockenheit geplagten Regionen der Erde und erklären Sie ihre jeweiligen Probleme!"). Eine mündliche Prüfung kommt hinzu.
Die Amtshilfe der Regierung erfolgt natürlich nicht ohne Hintersinn. "Wir wollen Dolmetscher im deutschen Sinne", sagt AA-Koordinator Hoffmann. Es gehe um "subtile Kommunikation" deutscher Interessen.
Dahinter steht die Erfahrung: Wer an einer internationalen Schaltstelle sitzt, kann im Sinne seines Landes viel bewirken. Das Verständnis für deutsche Sonderwünsche, so die Erwartung der Berliner Ministerialen, ist bei Landsleuten besser ausgeprägt als bei Bürokraten mit spanischem oder schwedischem Pass. Ein Beamter deutscher Herkunft vergisst auch in Brüssel nicht, dass das EU-Mitglied Deutschland aus 16 Bundesländern besteht, die eigene Kompetenzen in Europafragen reklamieren.
An der Spitze angekommen, können Deutsche richtig Einfluss nehmen. So hat der Chef des Uno-Umweltprogramms, der frühere Bundesminister Klaus Töpfer, mit deutscher Gründlichkeit erst einmal die Verwaltung der Behörde in Nairobi reformiert.
Strippenzieherei im nationalen Interesse müssen die Deutschen oft noch üben. Erst neuerdings lädt das Kanzleramt gezielt die deutschen Mitglieder der mächtigen Leitungsbüros in der EU-Kommission nach Berlin ein. Dort werden sie, natürlich ganz zwanglos, über die Meinung der Bundesregierung zu Themen wie Osterweiterung oder Verbraucherschutz informiert.
Beim deutschen Nachwuchs ist der neue politische Schub noch nicht richtig angekommen. 500 Prüfungsplätze bieten die Vereinten Nationen in diesem Jahr deutschen Bewerbern an - doch für den zentralen NCRE-Test Anfang dieses Monats in Bonn haben sich gerade 136 geeignete Kandidaten gemeldet.
Dabei kann ein Job am East River weit nach oben führen. 1962 heuerte ein 24jähriger Betriebswirt aus Ghana als Verwaltungsbeamter bei den Vereinten Nationen an. Heute ist Kofi Annan Generalsekretär, und den Friedensnobelpreis hat er auch. RALF BESTE, SONJA NIEMANN
DER SPIEGEL 7/2002
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